Die Freiheit – ein umkämpfter Begriff
Freiheit wird als höchstes Ziel der Menschheit angesehen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben viele für sie ihr Leben geopfert. Die Sklaven kämpften um ihre Freiheit, ebenso wie die vom Adel geknechteten Bauern. Die bürgerliche Revolution wurde vom Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ getragen. Der Begriff ist jedoch nicht erst seit der Corona-Pandemie und der Klimabewegung heftig umkämpft. Heute behaupten Parteien von Links bis Rechts, die Freiheit zu verteidigen. Grund genug, um sich mit dem Begriff näher auseinanderzusetzen.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Begriff der Freiheit von Philosophen höchst unterschiedlich definiert. Aristoteles bezeichnet den Menschen als ein politisches Lebewesen, das seine Natur nur in einer Gemeinschaft entfalten kann. Demnach könne der Mensch nur frei sein, wenn er in eine Gemeinschaft eingebunden ist. Die chinesische Lehre des Dao sagt, dass der Mensch Freiheit findet, wenn er die Polarität in seinem Innern überwindet und mit sich selbst in Einklang bringt.
Thomas Hobbes entwickelte im 16. Jahrhundert seinen Freiheitsbegriff aus der physikalischen Vorstellung heraus, dass ein Körper nur frei ist, wenn er nicht an seiner Bewegungsfreiheit gehindert werde, was sowohl für Lebewesen als auch für leblose Dinge gelte. Hegel dagegen war der Auffassung, dass Freiheit mit einem individuellen und kollektiven Selbsterkenntnisprozess einhergehe. Freiheit bedeute nicht, dass das Individuum tun und lassen kann, was es will, sondern sittliches Handeln in Übereinstimmung mit einem politischen Gemeinwesen. Er war zudem der Auffassung, dass Freiheit nicht auf die menschliche Sphäre reduziert werden könne. Der Mensch sei zwar durch die Vernunft und seinen Willen frei, gleichzeitig unterstehe er den Naturgesetzen, da er selbst Teil der Natur ist.
Negative und positive Freiheit
Isaiah Berlin stellt zwei Freiheitsbegriffe gegenüber, die negative und die positive Freiheit. Die negative Freiheit meint Freiheit VON: das Fehlen von äußeren Zwängen, die der Mensch nicht kontrollieren kann – also kein Sklave oder Gefangener zu sein. Positive Freiheit dagegen ist Freiheit ZU: Wirklich frei ist der Mensch erst, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, dass er sich frei und selbstbestimmt entfalten kann.
Freiheit ist auch ein moralischer Begriff. Nur wer Entscheidungsfreiheit hat, kann die Verantwortung für sein Tun übernehmen. Schließlich ist Freiheit ein politischer Begriff. Als liberal gilt ein politisches System, das möglichst wenig Zwänge auf die Individuen ausübt und ihnen erlaubt, ihren Überzeugungen zu folgen und diese auch öffentlich kundzutun.
Die erste bekannte Erklärung der menschlichen Grund- und Freiheitsrechte stellt der Eid von Mandén aus dem 13. Jahrhundert dar, in dem es heißt: „Kein Mensch soll ein Sklave sein.“ Die Erklärung des Gründers des Mali-Reichs definierte bereits grundlegende Rechte wie die Gleichheit der Menschen und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens. Ein Vergleich mit der zur selben Zeit entstandenen englischen Magna Charta zeigt, dass die afrikanischen Verfasser viel tiefer und radikaler über die menschliche Freiheit nachgedacht haben.
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren,“ lautet der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das bekannteste Menschenrechtsdokument wurde von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt verfasst und am 10. Dezember 1948 vor der UN-Generalversammlung verkündet. Die Erklärung der Menschenrechte ist jedoch kein juristisch verbindliches Dokument und somit nicht einklagbar.
Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!
Der radikalste unter den Philosophen der Aufklärung – Jean-Jacques Rousseau – hielt die individuelle Freiheit für das größte Gut. Gleich wichtig war für ihn aber auch die Gleichheit, „weil die Freiheit ohne sie nicht bestehen kann.“ Die Gleichheit vor dem Gesetz war seiner Meinung nach aber nicht ausreichend, um die Freiheit des Individuums zu gewährleisten. Wenn wirtschaftliche Ungleichheit bestehe, müsse ein Mensch sich dem anderen verkaufen, um zu überleben. Der bürgerliche Gesellschaftsvertrag war für ihn deshalb ein Konzept, das „für die Schwachen neue Fesseln, für die Reichen aber neue Macht“ erschaffen habe. Damit die Freiheit gedeihen kann, müsse der Staat die Menschen vor Armut schützen, aber nicht durch Armenhäuser, sondern indem er die Entstehung von Ungleichheit verhindere.
Dieser radikal-demokratische Individualismus wurde von Karl Marx weiterverfolgt. Seine Kritik am Kapitalismus betraf nämlich nicht die bürgerlichen Ideale von Freiheit, Demokratie und Individualität, sondern seine nach Klassen geteilte soziale Ordnung. Diese sah er als Haupthindernis für die Verwirklichung dieser Ideale an. Der Lohnarbeiter in der bürgerlichen Gesellschaft ist laut Marx „doppelt frei“: Erstens ist er im Gegensatz zum Sklaven oder Leibeigenen frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will. Gleichzeitig ist er „frei“ von Eigentum. Da er keine Produktionsmittel besitzt, muss er die eigene Haut zu Markte tragen und seine Arbeitskraft verkaufen.
Die Vision des Marxismus ist, dass die organisierte Arbeiterklasse die Ressourcen einer Gesellschaft demokratisch verwaltet. Kommunismus in diesem Sinne bedeutet, dass sich jedes menschliche Individuum, und nicht nur eine kleine Elite, selbstverwirklichen kann. Die marxistische Ausbeutungstheorie ist also ebenso wie der Kampf für Gleichberechtigung und Minderheitenrechte – die sogenannte „Identitätspolitik“ – vom Wunsch nach individueller Freiheit beseelt sind.
Mit der Entwicklung der Sowjetunion zur staatskapitalistischen Bürokratie, die jeden Widerspruch unterdrückte, bildete sich jedoch die Vorstellung heraus, dass im Sozialismus der Staat das Monopol habe, auf paternalistische Weise für das Wohlergehen seiner Untertanen zu sorgen. Diese Auffassung bot den Verfechtern des Marktliberalismus die Möglichkeit, sich als Verteidiger von Freiheit und Individualismus zu präsentieren.
Freiheit im Neoliberalismus
Gegenwärtig gehört der Individualismus der politischen Rechten. Die neoliberale Wirtschaftstheorie konstruiert den Menschen als homo oeconomicus, als vereinzeltes Individuum, das nur seinen persönlichen Nutzen verfolgt. Die Gesellschaft sei ein unzusammenhängender Körper, in dem jeder für sich und in Konkurrenz zu anderen für sein eigenes Wohl kämpft. Passend dazu wurde die postmoderne Kulturtheorie erfunden, die das Individuum von Klassenzugehörigkeit, Nationalität und anderen gesellschaftlichen Identitäten befreien will. Auf dieser Grundlage versuchen Neoliberale, ihre Angriffe auf Sozialstaat und Gewerkschaften als „Fortschritt“ und „Befreiung“ darzustellen. Gleichzeitig suggeriert die Werbe- und Unterhaltungsindustrie den Menschen, dass sie ihr Glück und den Sinn ihres Lebens durch den Erwerb von Waren, Dienstleistungen und Unterhaltung auf dem kapitalistischen Markt finden.
1944 beklagte Friedrich von Hayek in seinem Buch „Der Weg zur Knechtschaft“, dass mit dem Aufbau eines Wohlfahrtsstaates die Freiheit der Wirtschaft aufgegeben werde, ohne die es persönliche und politische Freiheit nicht geben könne. Noch heute behaupten seine Anhänger, dass „die Freiheit“ von Gleichheitsfanatikern bedroht sei. Der Staat wird als totalitär dargestellt, wohingegen der Markt offen, flexibel und demokratisch sei. Nur wenn wir ohne staatliche Einmischung auf dem Arbeitsmarkt kaufen und verkaufen können, heißt es, haben wir Demokratie und sind frei, unser Leben zu gestalten. Nach dieser Ideologie ist es sinnlos, zu denken, dass wir die Welt verändern können, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam kämpfen. Vergessen ist der radikale Individualismus von Jean-Jacques Rousseau und Karl Marx. Vergessen ist auch, dass individuelle Freiheit von den unterdrückten Klassen immer nur durch gemeinsamen Kampf erreicht worden ist. Schließlich ist zu bedenken, was für eine gewaltige Macht dem Staat übertragen wird, wenn er den Auftrag hat, das Privateigentum zu schützen.
Individualismus versus Kollektivismus?
Im 1. Dezember 1955 stieg die 43-jährige Näherin Rosa Parks in den Bus, um nach der Arbeit nach Hause zu fahren. Damals mussten schwarze Menschen in den Südstaaten der USA ihren Sitzplatz freigeben und in den hinteren Teil des Busses gehen, sobald ein weißer Fahrgast einstieg. Doch Rosa Parks weigerte sich aufzustehen, weil sie die Demütigung nicht länger ertragen konnte. Sie wurde verhaftet und vor Gericht gestellt. Am nächsten Tag wurden jedoch in ganz Montgomery Flugblätter verteilt, die zum Boykott der Busgesellschaft aufriefen. Obwohl sie kilometerlang zu Fuß zur Arbeit gehen mussten, trotz zahlreicher Repressionen, Angriffe und sogar Bombenanschlägen des Ku-Klux-Klans wurde der Boykott von den schwarzen Menschen ein Jahr lang durchgehalten, bis die Rassentrennung in den Bussen Alabamas aufgehoben wurde. Mit diesem Sieg hatte der Kampf jedoch erst begonnen. Die gewaltige Bürgerrechtsbewegung war nicht mehr zu stoppen und erkämpfte schließlich die Abschaffung der Rassendiskriminierung in den USA. An diesem Beispiel sehen wir, dass unterdrückte Menschen ihre Situation immer nur dann verbessern konnten, wenn sie sich zusammengeschlossen haben und gemeinsam für ihre Interessen eingetreten sind. Diese Form des Eigeninteresses nennt man Solidarität.
Die Furcht vor der Freiheit
Laut Erich Fromm geht die Erlangung von negativer Freiheit nicht zwangsläufig mit der Fähigkeit zur positiven Freiheit einher. In seinem Buch „Furcht vor der Freiheit“ attestierte er dem modernen Menschen sogar eine regelrechte Furcht vor der Freiheit. Er schreibt, dass der moderne Mensch sich zwar von den Fesseln der vor-individualistischen Gesellschaft, die ihm Sicherheit bot, ihm aber auch Grenzen setzte, befreien konnte. Er habe es aber noch nicht gelernt habe, seine intellektuellen, emotionalen und sinnlichen Möglichkeiten voll zum Ausdruck zu bringen. Deshalb empfinde der moderne Mensch die Freiheit oft als Last. Sie hat ihm zwar Unabhängigkeit gegeben, ihn aber gleichzeitig isoliert und verunsichert. In seinem Leben fehlen Sinn, Richtung, Identität und Zugehörigkeit. Um dem Gefühl der Isolation und Ohnmacht zu entkommen, sieht er oft keinen anderen Ausweg, als die Freiheit aufzugeben und sich einer Macht oder Ideologie zu unterwerfen. Tatsächlich hat sich die Unsicherheit im modernen Kapitalismus seit dem Entstehen von Fromms Werk zugespitzt. Der sichere Beruf, den man ein Leben lang ausübt, oder die Familie, die Sinn und Rückhalt bietet, zerbröckeln im Zuge des globalisierten Neoliberalismus immer schneller.
Die Freiheit zurückerobern
Wie der Revolution 1848, der Arbeiterbewegung, der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der 1968er-Bewegung und der sozialdemokratische Demokratisierungsbewegung ging es allen fortschrittlichen Bewegungen immer um die Sicherung der Würde und Freiheit des Individuums, damit es die Möglichkeit erhält, seine Stimme zu erheben und seine Lebensziele zu verwirklichen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass nichts mehr zur Verbesserung der Lebenssituation im 20. Jahrhundert beigetragen hat als die Entwicklung des Sozialstaats, der den Menschen ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Sicherheit und damit mehr Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstentfaltungsmöglichkeiten geboten hat. Die Institutionen des Wohlfahrtsstaats schützen arbeitende Menschen vor der „Tyrannei der Reichen“ und stärken ihre Position als Individuen.
Tatsächlich ist der Sozialismus kein Gegenentwurf zum Individualismus, sondern eng mit dem Liberalismus verbunden, aus dessen Denkweise heraus er sich entwickelt hat. Die Befreiung des Individuums von den Fesseln der Feudalgesellschaft und der Wunsch nach Gleichheit verbinden somit beide Weltanschauungen. Beiden geht es um die Befreiung des Individuums von der Last, die ihm von der Gesellschaft auferlegt wird. Der Unterschied zwischen beiden Denkrichtungen besteht nur darin, dass der Liberalismus bei der Sicherung des Privateigentums stehenbleibt, während der Sozialismus dieses auflösen möchte, um Freiheit für alle möglich zu machen.
Doch heute scheint es, dass Konservative und Rechte den Begriff der Freiheit gekapert haben. Sogar Parteien, die demokratische Freiheitsrechte einschränken, Grenzen schließen und härtere Gesetze und Strafen einführen wollen, heften sich die Freiheit auf die Fahnen. Sie behaupten, es sei eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, wenn sie dazu aufgerufen werden, sich rücksichtsvoll, respektvoll und verantwortungsvoll zu verhalten. Wenn jedoch jemand auf alle Regeln pfeift und sein Eigeninteresse über das Wohl der Gemeinschaft erhebt, hat das weniger mit Freiheit zu tun als mit Egozentrismus, und darauf lässt sich schwer ein Gemeinwesen errichten.
Wir sollten uns fragen, wie viel individuelle Freiheit ein Mensch hat, der durch unser Wirtschaftssystem in Armut gestürzt wird. Wie viel Freiheit hat ein Arbeiter oder eine Arbeiterin, der oder die einem immer höheren Arbeitsdruck ausgesetzt wird? Welche Freiheit hat ein Mensch, dem die Ressourcen versagt werden, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, seine Talente zu entfalten und sich selbst zu verwirklichen?
Die Antworten auf die großen Umbrüche und Krisen unserer Zeit können wir nur gemeinsam finden. Deshalb ist es wichtig, den sozialen Zusammenhalt stärken. Heute, wo Freiheit und Demokratie in Europa so bedroht sind wie schon lange nicht mehr, ist es zudem notwendig, unsere politischen Anstrengungen darauf zu konzentrieren, all jene Institutionen zu schützen, die unsere Freiheit und unsere Rechte als Individuen absichern.
veröffentlicht in Talktogether Nr. 90 / 2024
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