Fleisch PDF Drucken E-Mail

F L E I S C H

von Herbert Hopfgartner

Gleich vorweg: Der Autor dieser Zeilen isst gar nicht so selten Fleisch, zugegebenerma√üen sogar mit Genuss. Und trotzdem fragt er sich in letzter Zeit immer √∂fter, ob er nicht sein Verhalten grundlegend √ľberdenken und √§ndern soll. An der Tatsache, dass die industrielle und global t√§tige Fleischproduktion weder dem Planeten noch der Gesundheit der Menschen zu dienen scheint, zweifelt au√üer den Tierz√ľchtern, den Fleisch verarbeitenden Konzernen und der Futtermittelindustrie ohnehin fast niemand mehr. Welche Faktoren lassen nun den Konsumenten seinen Fleischkonsum in Frage stellen?

Die Viehzucht zerstört noch immer riesige Waldflächen im brasilianischen Amazonas
© Ricardo Funari / Lineair / Greenpeace

Exzessive Tierzucht und das Klima: Sowohl durch die Abholzung der Regenw√§lder und die Futtermittelerzeugung als auch durch die Verdauungsprozesse der Tiere (haupts√§chlich der Rinder) entstehen Emissionen. Durch die intensive Tierzucht (insbesondere Massenbetriebe) werden unglaubliche Mengen sch√§dlicher Treibhausgase (Lachgas, Methan, Ammoniak) erzeugt. Der globale Handel mit Fleisch ‚Äď China beansprucht fast 30% der weltweiten Fleischproduktion (!) ‚Äď verursacht zus√§tzliche Schadstoffe durch den aufwendigen Transport.

Herstellung von Futtermittel: Seit dem Zweiten Weltkrieg sind gro√üe Teile der nat√ľrlichen Regenw√§lder gerodet worden und zu Weidefl√§che bzw. zur Produktion von Futtermitteln (Weizen, Soja, Mais) ‚Äěumgewidmet‚Äú worden. Da man Nahrungsmittel (verschiedene Getreidesorten) auch an den B√∂rsen handelt und internationale Konzerne den Handel dominieren, schwanken die Preise. Die √§rmsten L√§nder, die weder √ľber Geldreserven noch √ľber entsprechende Lagerkapazit√§ten verf√ľgen, geh√∂ren zu den Verlierern dieser Entwicklung. Hungersn√∂te durch B√∂rsenspekulationen geh√∂ren seit vielen Jahren zum zynischen Tagesgesch√§ft!

Gef√§hrdung der Artenvielfalt: In den Urw√§ldern existieren unz√§hlige Pflanzen- und Tierarten, die dem Raubbau um die Erschlie√üung von Bodensch√§tzen (√Ėlvorkommen, Erzabbau, Edelh√∂lzer, Schaffung von Weidefl√§chen) zum Opfer fallen. Die k√ľnstlich angelegten Monokulturen m√ľssen mit D√ľnger und Sch√§dlingsbek√§mpfungsmitteln (Pestiziden) behandelt werden, die vielfach ungeeigneten B√∂den vertragen die industriell betriebene und k√ľnstlich intensivierte Landwirtschaft kaum.

Verschwendung von Energie: Um Fleisch zu gewinnen, ist man gezwungen, gro√üe Mengen an Futtermitteln (ebenfalls energieaufw√§ndig) anzubauen, zu ernten, verarbeiten und zu verf√ľttern. F√ľr 1 kg Rindfleisch ben√∂tigt der Landwirt √ľber 15 kg Futtermittel. Weitere Kosten fallen beim Transport, der fabrikm√§√üigen Schlachtung und Verarbeitung des toten Tieres (K√ľhlung, Portionierung) an.

Vergeudung von Wasser: Die Gegen√ľberdarstellung hat es in sich: F√ľr 1 kg Rindfleisch sind √ľber 15.000 Liter Wasser notwendig. Die folgenden Zahlen verunsichern noch mehr: In Deutschland wurden im Jahr 2013 ungef√§hr 7.169.200.000 kg Fleisch verarbeitet, √ľber 600 Millionen H√ľhner, 37 Millionen Puten, fast 60 Millionen Schweine und 3 Millionen Rinder. Nachdem jeder Deutsche in seinem Leben etwa 1000 Tiere verzehrt ‚Äď andere L√§nder werden √§hnliche Zahlen aufweisen ‚Äď kann der gigantische Wasserverbrauch m√∂glicherweise nicht einmal mehr erahnt werden. Global betrachtet, bekommen viele Weiden und Felder zu wenig Regen, sie sind auf k√ľnstliche Bew√§sserung angewiesen, der Grundwasserspiegel sinkt vielerorts dramatisch. Die Tiere verbrauchen viel Wasser, die Reinigung der St√§lle, die Fleischverarbeitung ebenso.

Luftverschmutzung: Die Haltung von Schlachtvieh verursacht gro√üe Mengen an Feinstaub und anderen gef√§hrlichen Substanzen. Das im Urin der Tiere enthaltene Ammoniak verpestet die Luft in den St√§llen, sch√§digt die Lungen der Tiere, dringt in die Mauern der Geb√§ude ein und gelangt sogar in den Boden, wo es das Grundwasser verunreinigt. In vielen Gebieten ist die Reinheit des Grundwassers auf Jahrzehnte beeintr√§chtigt. Zudem ist auch der saure Regen (allerdings zu einem geringen Teil) auf die Viehzucht zur√ľckzuf√ľhren.

Bodenerosion: Durch die Ausscheidung der Tiere gelangt nicht nur Ammoniak in den Boden, sondern auch diverse Nitrate und Phosphor. Die in der G√ľlle enthaltenen N√§hrstoffe kann der Boden allerdings selten gleichm√§√üig und in unsch√§dlicher Dosis aufnehmen. In den Savannen Afrikas und S√ľdamerikas hat intensive Viehzucht irreparable Sch√§den angerichtet. Die gro√üen Herden, die mit ihren Hufen die Bodenoberfl√§che abtragen und die Pflanzen abgrasen, aber auch lang anhaltende Trockenperioden sowie intensive Sonnenbestrahlung haben die d√ľnne Humusschicht zerst√∂rt und somit gro√üe Gebiete ver√∂den lassen

Soziale Aspekte: Fleisch ist in manchen Kulturen ein Statussymbol: Wer sich Fleisch ‚Äěleisten‚Äú kann, klettert auf der sozialen Leiter nach oben. In den Industriestaaten wirbt jede Supermarktkette zudem mit unglaublichen Sonderangeboten: Ein Schnitzel und der ehemalige Sonntagsbraten sind jederzeit und √ľberall zu haben. Dem Landwirt bleibt nach Abzug der Investitionen fast gar nichts (mehr), er lebt von staatlichen Subventionen. Lediglich Gro√übetriebe k√∂nnen mit zweifelhaften Praktiken (Einsatz von Chemie, Hormonen‚Ķ) noch re√ľssieren. Da ein Gro√üteil des weltweiten Getreideanbaus (70% der Agrarfl√§chen!) f√ľr Futtermittel verwendet wird ‚Äď auch der ‚ÄěBiotreibstoff‚Äú ist hier zu hinterfragen ‚Äď bleibt f√ľr die √Ąrmsten der Armen ‚Äď nichts. Sie verhungern, weil wir auf unser t√§gliches Fleisch nicht verzichten wollen.

Die eigene Gesundheit: Nahezu alle √Ąrzte warnen heute vor der H√∂he des Fleischkonsums in den westlichen L√§ndern. Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, aber auch Beschwerden im Magen- und Darmbereich werden direkt mit dem exzessiven Fleischkonsum in Beziehung gebracht. Es gibt inzwischen wohl keine wissenschaftlichen Studien mehr, die nicht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen schweren gesundheitlichen Sch√§den und dem √ľberm√§√üigen Genuss von Fleischprodukten bzw. tierischem Eiwei√ü herstellen. Noch dazu sind Antibiotika und Hormone, Pestizide und andere Gifte im Fleisch nachweisbar, resistente Bakterien gef√§hrden, weil nicht mehr behandelbar, im Krankheitsfall den menschlichen Organismus. Trotzdem scheint der Appetit auf Fleisch ungebrochen: Amerikaner essen durchschnittlich 120 kg Fleisch pro Jahr, √Ėsterreicher ca. 102 kg, w√§hrend Deutsche ‚Äěnur‚Äú 88 kg Fleisch pro Jahr verbrauchen. Desgleichen werden in der Fleischverarbeitung Farb- und Konservierungsstoffe, k√ľnstliche Aromen und viel zu viel Salz verwendet. Obwohl diese Zusatzstoffe nachweislich und eindeutig den K√∂rper sch√§digen, werden sie nicht verboten. Anscheinend wei√ü sich die Fleischindustrie durch Lobbying zu helfen.

Fazit: Auf der Erde m√ľsste kein Mensch hungern ‚Äď auch wenn man die Fleischproduktion drosseln w√ľrde. Ganz im Gegenteil: Statt in den Futtertrog w√ľrde das Getreide (oder auch mehr Gem√ľse) auf den Teller kommen. Kleine Betriebe k√∂nnten auch wenige Tiere artgerecht halten ‚Äď einzig der Preis f√ľr das Fleisch w√ľrde erheblich steigen. In der Folge w√ľrden wir wohl weniger tierisches Eiwei√ü essen. Der vorhin erw√§hnte Sonntagsbraten w√ľrde wohl schon gen√ľgen. Und genau diese Reduktion des Fleischkonsums w√§re f√ľr uns alle besser: F√ľr unsere Gesundheit, f√ľr die Tiere, den Boden, das Wasser, die Luft, das Klima, ja f√ľr die ganze Welt.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 62/2017