Fleisch PDF Drucken E-Mail

F L E I S C H

von Herbert Hopfgartner

Gleich vorweg: Der Autor dieser Zeilen isst gar nicht so selten Fleisch, zugegebenerma√üen sogar mit Genuss. Und trotzdem fragt er sich in letzter Zeit immer √∂fter, ob er nicht sein Verhalten grundlegend √ľberdenken und √§ndern soll. An der Tatsache, dass die industrielle und global t√§tige Fleischproduktion weder dem Planeten noch der Gesundheit der Menschen zu dienen scheint, zweifelt au√üer den Tierz√ľchtern, den Fleisch verarbeitenden Konzernen und der Futtermittelindustrie ohnehin fast niemand mehr. Welche Faktoren lassen nun den Konsumenten seinen Fleischkonsum in Frage stellen?

Exzessive Tierzucht und das Klima: Sowohl durch die Abholzung der Regenw√§lder und die Futtermittelerzeugung als auch durch die Verdauungsprozesse der Tiere (haupts√§chlich der Rinder) entstehen Emissionen. Durch die intensive Tierzucht (insbesondere Massenbetriebe) werden unglaubliche Mengen sch√§dlicher Treibhausgase (Lachgas, Methan, Ammoniak) erzeugt. Der globale Handel mit Fleisch ‚Äď China beansprucht fast 30% der weltweiten Fleischproduktion (!) ‚Äď verursacht zus√§tzliche Schadstoffe durch den aufwendigen Transport.

Herstellung von Futtermittel: Seit dem Zweiten Weltkrieg sind gro√üe Teile der nat√ľrlichen Regenw√§lder gerodet worden und zu Weidefl√§che bzw. zur Produktion von Futtermitteln (Weizen, Soja, Mais) ‚Äěumgewidmet‚Äú worden. Da man Nahrungsmittel (verschiedene Getreidesorten) auch an den B√∂rsen handelt und internationale Konzerne den Handel dominieren, schwanken die Preise. Die √§rmsten L√§nder, die weder √ľber Geldreserven noch √ľber entsprechende Lagerkapazit√§ten verf√ľgen, geh√∂ren zu den Verlierern dieser Entwicklung. Hungersn√∂te durch B√∂rsenspekulationen geh√∂ren seit vielen Jahren zum zynischen Tagesgesch√§ft!

Gef√§hrdung der Artenvielfalt: In den Urw√§ldern existieren unz√§hlige Pflanzen- und Tierarten, die dem Raubbau um die Erschlie√üung von Bodensch√§tzen (√Ėlvorkommen, Erzabbau, Edelh√∂lzer, Schaffung von Weidefl√§chen) zum Opfer fallen. Die k√ľnstlich angelegten Monokulturen m√ľssen mit D√ľnger und Sch√§dlingsbek√§mpfungsmitteln (Pestiziden) behandelt werden, die vielfach ungeeigneten B√∂den vertragen die industriell betriebene und k√ľnstlich intensivierte Landwirtschaft kaum.

Verschwendung von Energie: Um Fleisch zu gewinnen, ist man gezwungen, gro√üe Mengen an Futtermitteln (ebenfalls energieaufw√§ndig) anzubauen, zu ernten, verarbeiten und zu verf√ľttern. F√ľr 1 kg Rindfleisch ben√∂tigt der Landwirt √ľber 15 kg Futtermittel. Weitere Kosten fallen beim Transport, der fabrikm√§√üigen Schlachtung und Verarbeitung des toten Tieres (K√ľhlung, Portionierung) an.

Vergeudung von Wasser: Die Gegen√ľberdarstellung hat es in sich: F√ľr 1 kg Rindfleisch sind √ľber 15.000 Liter Wasser notwendig. Die folgenden Zahlen verunsichern noch mehr: In Deutschland wurden im Jahr 2013 ungef√§hr 7.169.200.000 kg Fleisch verarbeitet, √ľber 600 Millionen H√ľhner, 37 Millionen Puten, fast 60 Millionen Schweine und 3 Millionen Rinder. Nachdem jeder Deutsche in seinem Leben etwa 1000 Tiere verzehrt ‚Äď andere L√§nder werden √§hnliche Zahlen aufweisen ‚Äď kann der gigantische Wasserverbrauch m√∂glicherweise nicht einmal mehr erahnt werden. Global betrachtet, bekommen viele Weiden und Felder zu wenig Regen, sie sind auf k√ľnstliche Bew√§sserung angewiesen, der Grundwasserspiegel sinkt vielerorts dramatisch. Die Tiere verbrauchen viel Wasser, die Reinigung der St√§lle, die Fleischverarbeitung ebenso.

Luftverschmutzung: Die Haltung von Schlachtvieh verursacht gro√üe Mengen an Feinstaub und anderen gef√§hrlichen Substanzen. Das im Urin der Tiere enthaltene Ammoniak verpestet die Luft in den St√§llen, sch√§digt die Lungen der Tiere, dringt in die Mauern der Geb√§ude ein und gelangt sogar in den Boden, wo es das Grundwasser verunreinigt. In vielen Gebieten ist die Reinheit des Grundwassers auf Jahrzehnte beeintr√§chtigt. Zudem ist auch der saure Regen (allerdings zu einem geringen Teil) auf die Viehzucht zur√ľckzuf√ľhren.

Bodenerosion: Durch die Ausscheidung der Tiere gelangt nicht nur Ammoniak in den Boden, sondern auch diverse Nitrate und Phosphor. Die in der G√ľlle enthaltenen N√§hrstoffe kann der Boden allerdings selten gleichm√§√üig und in unsch√§dlicher Dosis aufnehmen. In den Savannen Afrikas und S√ľdamerikas hat intensive Viehzucht irreparable Sch√§den angerichtet. Die gro√üen Herden, die mit ihren Hufen die Bodenoberfl√§che abtragen und die Pflanzen abgrasen, aber auch lang anhaltende Trockenperioden sowie intensive Sonnenbestrahlung haben die d√ľnne Humusschicht zerst√∂rt und somit gro√üe Gebiete ver√∂den lassen

Soziale Aspekte: Fleisch ist in manchen Kulturen ein Statussymbol: Wer sich Fleisch ‚Äěleisten‚Äú kann, klettert auf der sozialen Leiter nach oben. In den Industriestaaten wirbt jede Supermarktkette zudem mit unglaublichen Sonderangeboten: Ein Schnitzel und der ehemalige Sonntagsbraten sind jederzeit und √ľberall zu haben. Dem Landwirt bleibt nach Abzug der Investitionen fast gar nichts (mehr), er lebt von staatlichen Subventionen. Lediglich Gro√übetriebe k√∂nnen mit zweifelhaften Praktiken (Einsatz von Chemie, Hormonen‚Ķ) noch re√ľssieren. Da ein Gro√üteil des weltweiten Getreideanbaus (70% der Agrarfl√§chen!) f√ľr Futtermittel verwendet wird ‚Äď auch der ‚ÄěBiotreibstoff‚Äú ist hier zu hinterfragen ‚Äď bleibt f√ľr die √Ąrmsten der Armen ‚Äď nichts. Sie verhungern, weil wir auf unser t√§gliches Fleisch nicht verzichten wollen.

Die eigene Gesundheit: Nahezu alle √Ąrzte warnen heute vor der H√∂he des Fleischkonsums in den westlichen L√§ndern. Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, aber auch Beschwerden im Magen- und Darmbereich werden direkt mit dem exzessiven Fleischkonsum in Beziehung gebracht. Es gibt inzwischen wohl keine wissenschaftlichen Studien mehr, die nicht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen schweren gesundheitlichen Sch√§den und dem √ľberm√§√üigen Genuss von Fleischprodukten bzw. tierischem Eiwei√ü herstellen. Noch dazu sind Antibiotika und Hormone, Pestizide und andere Gifte im Fleisch nachweisbar, resistente Bakterien gef√§hrden, weil nicht mehr behandelbar, im Krankheitsfall den menschlichen Organismus. Trotzdem scheint der Appetit auf Fleisch ungebrochen: Amerikaner essen durchschnittlich 120 kg Fleisch pro Jahr, √Ėsterreicher ca. 102 kg, w√§hrend Deutsche ‚Äěnur‚Äú 88 kg Fleisch pro Jahr verbrauchen. Desgleichen werden in der Fleischverarbeitung Farb- und Konservierungsstoffe, k√ľnstliche Aromen und viel zu viel Salz verwendet. Obwohl diese Zusatzstoffe nachweislich und eindeutig den K√∂rper sch√§digen, werden sie nicht verboten. Anscheinend wei√ü sich die Fleischindustrie durch Lobbying zu helfen.

Fazit: Auf der Erde m√ľsste kein Mensch hungern ‚Äď auch wenn man die Fleischproduktion drosseln w√ľrde. Ganz im Gegenteil: Statt in den Futtertrog w√ľrde das Getreide (oder auch mehr Gem√ľse) auf den Teller kommen. Kleine Betriebe k√∂nnten auch wenige Tiere artgerecht halten ‚Äď einzig der Preis f√ľr das Fleisch w√ľrde erheblich steigen. In der Folge w√ľrden wir wohl weniger tierisches Eiwei√ü essen. Der vorhin erw√§hnte Sonntagsbraten w√ľrde wohl schon gen√ľgen. Und genau diese Reduktion des Fleischkonsums w√§re f√ľr uns alle besser: F√ľr unsere Gesundheit, f√ľr die Tiere, den Boden, das Wasser, die Luft, das Klima, ja f√ľr die ganze Welt.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 62/2017