Gespräch mit Javed aus Afghanistan PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Javed

aus Afghanistan


Afghanistan hat eine wunderbare Landschaft und viele Kulturschätze. Wenn es eines Tages in Afghanistan wieder Frieden und Sicherheit gibt, kommen bestimmt auch wieder Touristen ins Land. Dann könnte ich die Kenntnisse und Erfahrungen, die ich hier in Österreich erworben habe, einsetzen und beispielsweise ein Restaurant eröffnen, in dem neben afghanischen Gerichten auch Wiener Schnitzel und Apfelstrudel auf der Speisekarte stehen“.

Talktogether: Du bist aus Afghanistan geflohen, weil du von den Taliban verfolgt worden bist. Was empfindest du, wenn Landsleute von dir abgeschoben werden und Politiker behaupten, Afghanistan sei ein sicheres Land?

Javed: Das verunsichert mich sehr, denn Afghanistan ist leider überhaupt nicht sicher. Man kann ja fast jeden Tag in den Nachrichten über Anschläge hören. Flüchtlinge, die aus Europa nach Afghanistan zurückgeschickt werden, werden besonders von Terrorgruppen wie den Taliban und seit ein paar Jahren auch dem IS bedroht. Es gibt Beispiele von Flüchtlingen, die nach ihrer Abschiebung ermordet worden sind. Viele haben nach der Rückkehr große Angst und flüchten erneut, wie ein Freund von mir, der 2014 nach Afghanistan zurück geschickt wurde. Ich habe ihn am Arbeitsplatz kennen gelernt, als wir beide drei Monate lang für die Stadt Salzburg gemeinnützige Arbeit geleistet haben. Über Facebook bin ich in Kontakt mit ihm geblieben, und er hat mir nach seiner Rückkehr geschrieben: „Mein Leben ist in Gefahr, ich kann hier nicht bleiben.“ Er befindet sich zurzeit in Pakistan und möchte noch einmal versuchen, Europa oder ein anderes sicheres Land zu erreichen, wo er bleiben kann. Er ist nun das zweite Mal auf der Flucht, denn nach Afghanistan zurück kann er nicht.

Talktogether: Du wartest nun schon seit einigen Jahren auf deinen Asylbescheid. Wie geht es dir in dieser Situation?

Javed: Die Unsicherheit ist kaum zu ertragen und wird jeden Tag noch schlimmer. In der Nacht kann ich nicht gut schlafen, weil immer wieder Bilder von damals in meinem Kopf erscheinen, als mich die Taliban entführt hatten. Während der Arbeit bin ich abgelenkt, aber in der Nacht denke ich ständig über meinen Asylantrag nach und darüber, was passieren würde, wenn er abgelehnt würde. Die Vorstellung, nach Afghanistan zurück zu müssen, bereitet mir große Angst. Meine Mutter lebt in einem kleinen Dorf, ich konnte schon seit Monaten nicht mehr mit ihr telefonieren. Als ich vor sieben Monaten das letzte Mal mit ihr sprechen konnte, hat sich mich angefleht: „Bitte komme nicht mehr zurück“. Sie hat Angst, dass es mir wie meinem Vater ergehen könnte, der von den Taliban ermordet wurde.

Talktogether: Manche Leute meinen, dass Flüchtlinge eine Gefahr für Österreich seien, dass sie sich nicht integrieren und nur das österreichische Sozialsystem ausnützen wollen. Was geht in dir vor, wenn du so etwas hörst?

Javed: Leider werden in den Medien vor allem negative Informationen über die Flüchtlinge verbreitet. Das finde ich unfair, weil sich die meisten Flüchtlinge sehr anstrengen, die Sprache zu lernen, Arbeit zu finden und ein Teil der Gesellschaft zu werden. Sie brauchen nur eine Chance. Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge gleich und es gibt darunter auch ein paar, die sich nicht integrieren wollen. Leider stehen den Flüchtlingen aber nicht sehr viele Möglichkeiten offen. Die meisten Stellenangebote gibt es in der Gastronomie, doch das ist eine sehr anstrengende Arbeit, die nicht jeder aushalten kann. Ich selbst habe mich immer bemüht, meine Stärken zu präsentieren. Ich bin jung und möchte aus meinem Leben etwas machen. Deshalb habe immer versucht, die Chancen zu ergreifen, die sich mir geboten haben.

Talktogether: Du bist seit drei Jahren in Österreich. Was hast du bis heute gemacht?

Javed: Als ich im August 2014 in Salzburg angekommen bin, habe ich mich sehr einsam und isoliert gefühlt, weil ich die Sprache nicht verstanden habe und niemanden hatte, mit dem ich mich unterhalten konnte. Dann ist ein junger Mann aus Afghanistan zu uns ins Flüchtlingsheim gekommen. Ich habe mich sehr gefreut, endlich jemanden zum Reden zu haben. Er hat mir erzählt, dass es in Itzling ein Zentrum gibt, das ABZ heißt, wo kostenloser Deutschunterricht angeboten wird und man viele Leute kennen lernen kann. Dort habe ich an einem Deutschkurs teilgenommen, den Dr. Baktash, ein Kinderarzt aus Afghanistan, geleitet hat. Er war damals ein Asylwerber wie ich, er hat aber die deutsche Sprache schon so gut beherrscht, dass er sie anderen Flüchtlingen beibringen konnte. Ich habe bei ihm die lateinischen Buchstaben und Grundkenntnisse der deutschen Sprache erlernt. Um meine Sprachkenntnisse zu verbessern und Kontakte zu knüpfen, habe ich an verschiedenen Projekten teilgenommen und mich für freiwillige Arbeiten gemeldet, zum Beispiel in der Notschlafstelle der Caritas.

Nach ein paar Monaten habe ich an der Volkshochschule den A1-Kurs absolviert. Dann hat das BFI Salzburg einen Lehrgang angeboten, in dem man den externen Pflichtschulabschluss nachholen konnte. Ich habe an diesem Lehrgang teilgenommen und nach einem Jahr die Abschlussprüfung bestanden. Danach wollte ich unbedingt so schnell wie möglich eine Lehrausbildung beginnen. Es war aber nicht leicht, eine Stelle zu finden, weil Leute, die noch keinen positiven Asylbescheid haben, vom AMS überhaupt keine Hilfe erhalten. Da habe ich erfahren, dass es für Asylwerber unter 25 Jahren die Möglichkeit gibt, eine Lehrausbildung in bestimmten Berufen – darunter in der Gastronomie – zu machen. Ich dachte, diese Chance muss ich ergreifen, und habe mich entschlossen, eine Lehrstelle als Kellner zu suchen. Ich habe mich zunächst erfolglos bei verschiedenen Betrieben beworben. Doch dann haben mir Freundinnen, vor allem Ulli Götzinger, beim Schreiben der Bewerbungen geholfen und mich bei der Lehrstellensuche unterstützt.

Talktogether: Und dann hat es geklappt?

Javed: Ja, dann hat es plötzlich sehr gut geklappt. Ich habe mich bei verschiedenen Restaurant- und Hotelbetrieben beworben und wurde daraufhin gleich zu 15 Vorstellungsgesprächsgesprächen eingeladen. Ich habe mehrere Zusagen bekommen und musste mich entscheiden. Ich habe dann einen Tag zur Probe im Hotel „Blaue Gans“ gearbeitet, wo es mir sehr gut gefallen hat. Ich dachte, dass ich in einem so guten Hotel bestimmt viel lernen kann und dadurch später gute berufliche Chancen haben werde. Außerdem waren der Chef, die Vorgesetzten und die Kollegen sehr nett zu mir. So habe ich mich entschieden, meine Lehre dort zu beginnen. Die Entscheidung habe ich nicht bereut, denn die Arbeit dort ist abwechslungsreich und man begegnet interessanten Menschen – drei Mal bin ich beispielsweise dem Bundespräsidenten Dr. Alexander van der Bellen begegnet und habe mich sogar kurz mit ihm unterhalten.

Talktogether: Wie geht es dir bei der Arbeit in der Gastronomie?

Javed: In der Gastronomie zu arbeiten ist nicht immer einfach. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und es kann manchmal auch ziemlich stressig sein, vor allem in der Festspielzeit. Man kann sich nicht immer aussuchen, wann man frei bekommt, und muss oft am Abend und am Wochenende arbeiten. Vor allem im Sommer sind die Dienstzeiten sehr lang und es dauert oft bis um ein oder zwei Uhr in der Früh. Aber die Arbeit macht mir große Freude, und mit der Zeit lernt man, mit dem Stress umzugehen.

Talktogether: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Javed: Wenn ich in Österreich bleiben kann, möchte ich meine Lehre abschließen und mich beruflich weiterentwickeln, damit ich mir ein Leben aufbauen kann.

Talktogether: Ist es nicht ein Verlust für Afghanistan, wenn so viele junge Menschen das Land verlassen?

Javed: Ja, das stimmt schon, und das macht mich auch traurig. Aber wenn man jeden Tag Angst haben muss, getötet zu werden, kann man einfach nicht dort bleiben. In Afghanistan herrscht nun seit fast vierzig Jahren Krieg, und leider hat sich die Situation nicht verbessert, sondern wird im Gegenteil jeden Tag schlimmer. Mir ist es wirklich nicht leicht gefallen, mein Land zu verlassen, weil es sehr schwierig ist, ohne Familie und Freunde in der Fremde zu leben. Mit der Zeit habe ich mich aber in Österreich eingelebt und viele Freunde gefunden.

Talktogether: Was müsste passieren, damit du wieder nach Afghanistan zurückkehren kannst?

Javed: Ich wünsche mir nichts mehr, als dass in Afghanistan Frieden und Sicherheit zurückkehren. Afghanistan hat eine wunderbare Landschaft und viele Kulturschätze. Ich habe im Hotel ein paar Leute kennen gelernt, die vor vierzig Jahren nach Afghanistan gereist sind. Sie haben mir erzählt, was sie dort erlebt haben und wie schön es war. Sie waren sehr traurig, als ich ihnen die heutige Situation geschildert habe. Wenn es eines Tages wieder möglich ist, in Afghanistan in Frieden zu leben, kann ich mir gut vorstellen, zurückzukehren und einen Beitrag zu leisten, um das Land wieder aufzubauen. Wenn es Frieden und Sicherheit gibt, kommen bestimmt auch wieder Touristen ins Land. Dann könnte ich die Kenntnisse und Erfahrungen, die ich hier in Österreich erworben habe, einsetzen und beispielsweise ein Restaurant eröffnen, in dem neben typisch afghanischen Gerichten wie „Kabuli Pulao“ auch Wiener Schnitzel und Apfelstrudel auf der Speisekarte stehen.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 62/2017