Gespräch mit einer Hebamme aus Somalia PDF Drucken E-Mail

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Gespräch mit einer

Hebamme aus Somalia

TT: Wann und wie ist FGM* nach Somalia gekommen?

Ich kann nicht sagen, wann genau FGM nach Somalia gekommen ist. Aber alle sind sich einig, dass die Praxis der weiblichen Beschneidung ursprünglich aus dem pharaonischen Ägypten stammt und über den Sudan und Äthiopien nach Somalia gekommen ist, weshalb auch die Bezeichnung gudniinka fircooniga ah (Pharaonische Beschneidung) verwendet wird.

TT: Warum lassen Eltern ihre Töchter beschneiden, obwohl alle wissen, welche Folgen dieser Eingriff für die Gesundheit der Mädchen und Frauen hat?

Das ist eine berechtigte Frage. Die Eltern, vor allem die Mütter, erleben ja selbst tagtäglich die Probleme, die eine Beschneidung mit sich bringt. Trotzdem haben die Eltern Angst davor, dass ihre Tochter diskriminiert und isoliert wird. Sie fürchten, dass ihre Tochter keine Freunde findet, weil sie ohne Beschneidung als unrein und schmutzig beschimpft wird. Die Leute leben zusammen, und wenn ein Mädchen beschnitten wird, werden auch die Nachbarn eingeladen, deshalb erfahren sie auch, ob ein Mädchen beschnitten wird oder nicht.

TT: Du bist selbst auch betroffen, und auch deine Tochter wurde beschnitten. Wie ist das passiert?

Den Begriff Beschneidung kann man bei Buben verwenden, weil bei ihnen nur eine Vorhaut geschnitten wird. Aber bei den Mädchen wird ein sehr empfindliches Gewebe mit einer Mes­serklinge herausgeschnitten und wieder zusammengenäht (früher mit den Dornen von einem Baum, heute mit einer Nadel). Daher ist das Wort Beschneidung viel zu schwach, um diese Folter zu beschreiben, die ich eher als Schlachtung bezeichnen würde. Ich selbst war fünf Jahre alt, als man mir sagte: Damit du in die Schule gehen darfst, musst du beschnitten werden. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es sein würde. So war es nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Freundinnen. Weder meine Mutter noch meine ältere Schwester haben mir etwas darüber erzählt, was sollte ich dagegen tun? Aber seit ich gelernt habe, dass ein Leben ohne diese Folter möglich ist, kämpfe ich dagegen. Weil ich mich selbst nicht wehren konnte, wollte ich verhindern, dass so etwas meiner Tochter angetan wird, aber es ist leider trotzdem passiert.

Bei meiner Tochter haben sie diese Folter durchgeführt, als ich gearbeitet habe und meine Mutter auf sie aufgepasst hat. Eines Tages war meine Mutter krank, da kam meine Schwiegermutter auf Besuch zu ihr und fragte sie, ob sie ihre Enkelin mitnehmen könne und ob sie ein paar Tage bei ihr bleiben dürfe. Meine Mutter dachte sich nichts dabei und willigte ein. Als sie meine Tochter jedoch nicht wie ausgemacht zurückbrachte, fuhr ich hin, um sie abzuholen. Dort fand ich meine Tochter im Bett liegend vor, sie war schon beschnitten. Meine Schwiegermutter hat gewusst, dass ich gegen die Beschneidung bin und es nie zugelassen hätte, dass ihr das angetan wird. Dass ich es trotzdem nicht verhindern konnte, habe ich jeden Tag meines Lebens bereut. Aber es kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, zu verhindern, dass auch anderen Mädchen so etwas passiert. Es hat mich getröstet, wenn ich anderen Frauen helfen konnte.

TT: Wie leben die Frauen mit den Folgen der Folter?

Es ist ein Schmerz, den eine Frau nie vergessen kann, der sie jeden Tag ihres Lebens begleitet, sowohl physisch als auch psychisch. Wenn sie auf die Toilette geht, wenn sie die Regel hat, beim Geschlechtsverkehr, wenn sie ein Kind auf die Welt bringt, wird sie immer wieder schmerzlich daran erinnert.

TT: Was müsste deiner Meinung nach getan werden, damit diese Praxis gestoppt werden kann?

Gesetze und Verbote allein sind nicht genug. Wichtig ist, dass die Mütter aufgeklärt und informiert werden. Sie sollten gefragt werden: Möchtest du, dass dein Kind solche Schmerzen erleiden muss wie du? Möchtest du, dass deinem Kind ein Teil seines Körpers einfach herausgeschnitten wird und es wieder zugenäht wird wie ein Kleidungsstück? Sie müssen erfahren, dass ein Leben ohne Folter möglich ist und dass ein Mädchen nicht unrein ist, so wie Gott es geschaffen hat. Außerdem sollten alle Mädchen die Möglichkeit bekommen, in die Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. Damit sie erfahren, dass sie auch alles machen können, was die Buben tun, und damit ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird. Und wenn sie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen können, sind sie nicht mehr so abhängig und erpressbar. Man sagt auch, wenn die Tochter etwas lernt, profitiert die ganze Familie davon. Ich habe einen Wunschtraum: Ich stelle mir vor, die Männer würden erstens sagen, eine beschnittene Frau heirate ich nicht. Und zweitens, ich will keine Frau heiraten, die mich nicht will. Aber das ist nur eine Utopie. Leider ist das Gegenteil der Fall, denn viele Männer wollen eine beschnittene Frau.

TT: Ist es eher die ältere Generation, die die Beschneidung befürwortet? Wie denken die jungen Leute heute darüber?

Ja. Die meisten jungen Männer heute denken zum Glück nicht mehr so. Aber es ist schlimm genug, wenn es nur hundert Männer gibt, die so etwas wollen, und wenn dafür unschuldige Mädchen gefoltert werden. Es sind oft die Mütter, die Angst davor haben, dass ihre Tochter keinen Mann findet, wenn sie nicht beschnitten ist. Das muss aufhören, und zwar nicht morgen oder nächsten Monat, sondern jetzt und sofort.

TT: Warum wollen Männer eine beschnittene Frau heiraten?

Sie denken, wenn eine Frau nicht beschnitten ist, wird sie untreu sein und sich mit anderen Männern herumtreiben. Damit er später angeben und sagen kann, ich bin ein richtiger Mann und meine Frau ist Jungfrau. Aber in Wirklichkeit ist er ein gewalttätiger und unmenschlicher Mann.

TT: Du hast in Somalia als Hebamme gearbeitet und eine eigene Hebammenstation gehabt. Du hast die Frauen auch beraten. Um welche Punkte ging es dabei?

Ich habe mit einer Kollegin eine Geburtenstation zuerst in Mogadischu und später in einem Vorort der Stadt geleitet: Dort sind viele Frauen zu uns gekommen, die nie Zugang zu Bildung gehabt hatten und nichts über Geburtenplanung wussten. Manchmal waren es 13-jährige Mädchen, die kurz vor der Entbindung standen. Deshalb war unsere Aufklärungsarbeit sehr wichtig. Wir haben mit den Frauen über vier wichtige Punkte gesprochen. Erstens haben wir sie darüber informiert, wie sie sich und ihre Kinder gesund ernähren können. Die Menschen haben zwar nicht viel, aber sie können Gemüse und Obst kaufen und müssen nicht jeden Tag Fleisch essen. Zweitens, wenn eine Frau ein Mädchen zur Welt gebracht hat, haben wir ihr geraten, darauf aufzupassen, dass sie nicht beschnitten wird, damit sie nicht dieselben Probleme bekommt wie sie selbst. Drittens, dass sie, wenn sie ins heiratsfähige Alter kommt, nicht mit Zwang verheiratet wird, und schon gar nicht in einem Alter, in dem sie körperlich noch gar nicht reif dafür ist. Und dass sie ihre Tochter in die Schule schicken soll. Viertens haben wir die Frauen über Geburtenplanung informiert, damit sie nicht zu knapp hintereinander schwanger werden, und ihnen erklärt, dass das besser für ihre eigene Gesundheit und für die ihrer Kinder ist.

TT: Wie haben die Frauen die Beratung angenommen?

Es gab meistens zwei Gruppen. Die eine hat gesagt: Ich möchte nicht, dass meine Tochter erleiden muss, was ich durchgemacht habe! Ich werde nie erlauben, dass meine Tochter beschnitten wird! Auch wenn der Vater des Kindes oder die Familie dafür ist, werde ich alles unternehmen, um das zu verhindern. Die andere Gruppe hat gesagt: Das ist mit meiner Großmutter passiert, das ist mit meiner Mutter passiert, das ist mit mir passiert, und wir leben noch. Es ist unsere Kultur, unsere Tradition. Sie haben mir vorgeworfen, dass mir jemand aus dem Ausland Geld gebe, um unsere Kultur zu zerstören. Wenn du eine neue Idee bringst, bist du mit diesem Vorwurf konfrontiert, dass sie sagen, du gehört nicht zu uns! Doch die erste Gruppe ist weitaus größer, und es werden immer mehr. Trotzdem ist der Druck der Familie und der Umgebung manchmal so stark, dass die Frauen sich nicht durchsetzen können und die Beschneidung stattfindet. Um einen Fortschritt zu erreichen, braucht es eine intensive und kontinuierliche Arbeit.

TT: Wie haben die Männer reagiert?

Bei den Männern gibt es auch zwei Gruppen. Allerdings ist hier das Verhältnis umgekehrt. Unter den Männern gibt es mehr Befürworter von Beschneidung und Zwangsheirat als unter den Frauen. Es gibt auch umgekehrte Fälle, wo der Mann gegen die Beschneidung ist und die Frau dafür. Einmal hat uns einer angerufen und uns gebeten, seine Frau über die negativen Folgen der Beschneidung aufzuklären und sie zu fragen, warum sie ihre Tochter beschneiden lassen will, auch wenn sie selbst darunter leidet.

TT: Du bist durch deine Aufklärungsarbeiten in Schwierigkeiten mit der Terrororganisation Al Shabaab gekommen. Was ist passiert?

Der Ehemann einer Frau, die bei uns behandelt worden ist, hat sich bei Al-Shabaab über die Ratschläge, die wir seiner Frau erteilt hatten, beschwert. Unsere Beratungstätigkeit, insbesondere die Aufklärung über Geburtenplanung und Verhütung, war Al-Shabaab ein Dorn im Auge. In ihren Augen waren wir Agentinnen der Gegner des Islams. Sie fragen uns: Du bist eine Frau, wer hat dir erlaubt, den Frauen solche Ratschläge zu erteilen? Für sie ist eine Frau da, um Kinder zu gebären, zum Kochen und Putzen und nicht mehr. Dass Frauen zu uns kommen, weil wir eine bessere Ausbildung und mehr Erfahrung haben als viele Männer, können sie nicht akzeptieren.

Sie haben uns vor ihr Gericht gebracht, uns dort als Verräterinnen des Islams zum Tode verurteilt und uns gedroht, dass sie uns sofort umbringen würden, wenn wir unsere Arbeit weiterführen und es noch einmal wagen sollten, mit den Frauen über diese Themen zu reden. Sie haben uns vorgeworfen, dass wir verhindern wollen, dass die Bevölkerung Somalias zahlenmäßig anwächst und die Muslime damit stärker werden. Gleichzeitig haben sie unsere Instrumente zerstört und unsere Station zugesperrt. Der Mann mit dem Turban, der zwischen zwei bewaffneten Männern saß, schaute meine Kollegin und mich an und sagte: Das zweite Mal gibt es keine Verhandlung, ihr werdet auf der Stelle erschossen, wenn wir erfahren, dass ihr weitermacht. Wir sehen alles.

Zum Tode verurteilt zu werden ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Das hat mich am Anfang in eine Phase gebracht, in der ich gedacht habe, ich werde nie wieder darüber sprechen, nie wieder werde ich als Hebamme arbeiten oder eine Frau beraten. Doch gleichzeitig fühlte ich mich verpflichtet weiterzumachen, weil ich gesehen habe, wie nützlich und notwendig unsere Arbeit war und wie viele Menschen davon profitiert haben. Dadurch hat sich das Leben der Frauen verbessert, und ihr Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Wir hatten sogar ein Alphabetisierungsprojekt geplant, aber unter Al-Shabaab kann man leider nichts planen. Ich habe mich dennoch entschlossen, das Risiko einzugehen und meine Arbeit heimlich weiterzuführen, und das hat dazu geführt, dass ich jeden Tag um mein Leben zittern musste. Die einzige Chance war zu fliehen, und das habe ich getan.

TT: Wie hat sich die Situation in Somalia seit deiner Jugendzeit geändert?

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mit Hose, Bluse und ohne Kopftuch zu Fuß in die Schule gegangen bin, und das war damals ganz normal. Ich ging mit den Buben zusammen in eine Klasse und saß neben ihnen, was heute nicht mehr erlaubt ist. Heute müssen die Mädchen, die im gleichen Alter sind, wie ich damals war, Berge von Kleidern und Tüchern mit sich herumschleppen. Es sieht so aus, als ob man die Mädchen als ein Stück Schokolade betrachtet, das sich jeder schnappen und in den Mund stecken kann. Diese Veränderung hat Verachtung für die Frauen und einen Rückschritt für die somalische Gesellschaft mit sich gebracht.

TT: Was sagst du dazu, dass es sogar in Österreich Leute gibt, die ihre Töchter beschneiden lassen?

Das verstehe ich nicht und das würde ich nie akzeptieren. Denn hier sagt keiner, deine Tochter ist nicht beschnitten, sie ist schmutzig oder unrein. Keiner fragt: Wann wirst du deine Tochter beschneiden lassen? Keiner sagt, deine Tochter wird nicht geheiratet. Warum muss eine Mutter ihrer Tochter das antun? Die Menschen sind vor der Unterdrückung hierher geflohen. Sie sind hierhergekommen, weil es hier Freiheit und Menschenrechte gibt. Ich hoffe, dass diese Eltern zuerst Aufklärung bekommen. Wenn das nicht hilft, bin ich sicher, dass es in Österreich Gesetze gibt, die Folter und Körperverletzung bestrafen. Ich finde, diese Eltern sollten angezeigt werden und die Strafe bekommen, die sie verdient haben.


* Female Genital Mutilation

veröffentlicht in Talktogether Nr. 59/2017