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Meine zwei Ichs

Mein erstes Ich

Ich bin in einem Land geboren, in dem sich die Menschen ein Leben ohne Krieg und Gewalt nicht vorstellen konnten. In einem Land, in dem Traditionen wie Beschneidung und Zwangsverheiratung zu den Normen der Gesellschaft gehören. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der eine Frau nicht viel zu sagen hat, in der sie weniger als nicht ist, wenn sie keine Bildung und keinen Beruf oder nicht wenigstens einen Laden hat oder Gemüse auf dem Markt verkaufen kann. Ich musste ihnen meinen Körper zur Verfügung stellen, damit sie Teile davon herausschneiden, weil weder ich noch meine Eltern gewusst haben, dass ein Leben ohne Beschneidung möglich ist. Es war einfach normal, als Mädchen beschnitten zu werden. Beschnitten und wieder zugenäht wie ein Kleidungsstück. Keiner hat sich in meiner Familie die Frage gestellt, warum das so ist.

Meine Mutter sagte einfach zu mir: Morgen ist es so weit. In der Früh kommt Frau Geediyo und du wirst von ihr beschnitten, damit du eine reine und vollwertige Frau wirst. Es waren die schlimmsten, schmerzvollsten und grausamsten Minuten meines Lebens. Ich kann mich klar und deutlich an die Frau erinnern, an die Messerklingen, an den Ort, wo es stattfand. Ich kann mich sogar an ihre Handbewegungen und ihre Worte erinnern. Lege dich auf den Rücken und spreize die Beine auseinander. Es wird dir wehtun, aber dann ist wieder alles in Ordnung, hat sie mir ins Ohr geflüstert. Ich blickte ins Gesicht meiner Mutter und sah ihr Mitgefühl und ihre Machtlosigkeit. Aber das ist verständlich, denn es war bei ihr genauso. Ich wurde ohnmächtig. Das Schlimmste war, dass sie mir danach gratuliert haben. Warum und wofür? Danach musste ich sogar das Gehen neu lernen. Die richtigen Probleme beginnen mit dem Urinieren und später mit der Regel. Die Narben wachsen irgendwann zusammen, doch die Schmerzen und das psychische Trauma wachsen mit. Warum bin ich als Mädchen von Natur aus unrein? Heute bin ich dankbar, dass ich diese Prozedur überlebt habe, denn es gibt viele Mädchen, die sie nicht überlebt haben.

Der Schmerz wird jedoch doppelt so groß, wenn du danach einen Mann heiraten musst, den du nicht liebst und mit dem du nicht über deine Schmerzen sprechen kannst. Dieses Unglück erleben viele Frauen. Mein Glück war, dass ich selbst entscheiden durfte, wen ich heiraten möchte. Meine Eltern wünschten sich, dass ich auf das Lehrerkolleg gehe oder eine Ausbildung als Krankenschwester mache. Ich habe mich für die Krankenpflegeschule entschieden, und ich bin bis heute glücklich mit meiner Entscheidung. Der Beruf war für mich eine Befreiung und ein Schutz. Ich konnte ein selbstständiges Leben führen, ich durfte mir aussuchen, mit wem ich ausgehe, und meine Eltern haben mich dabei unterstützt, indem sie mir die Freiheit gewährten. Über meine Heirat möchte ich nichts erzählen, ich möchte nur sagen, dass ich ihn aus Liebe geheiratet habe. Das hat meinen Schmerz gemildert. Das war mein Leben in meinem Geburtsland, wo ich bis zu meinem 25. Lebensjahr zu Hause war. Nun möchte ich über mein zweites Ich sprechen.

Mein zweites Ich

Ich musste fliehen, weil ich keine andere Möglichkeit zu überleben gehabt habe. Vor dem Krieg haben mein Mann und ich gut verdient und etwas Geld gespart, um ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen. Als der Bürgerkrieg explodierte, hat mein Mann es abgelehnt, sich daran zu beteiligen. Es war die Hölle. Ich musste nach jedem Angriff die Patienten danach aussortieren, wen ich behandeln konnte und wen nicht. Wie sollte ich damit umgehen? Man sagte zu mir: Dieser Patientin darfst du keine Medikamente geben, sie gehört nicht zu unserer Gruppe, sondern zu der unserer Gegner! Als ich das ablehnte und die Frau behandelte wie allen anderen, feuerte mich der Stationsleiter, und man drohte mir, mich umzubringen.

Nun werde ich am 8. März 50 Jahre alt und vollende somit die zweite Hälfte meines Lebens, die ich in Österreich verbracht habe. Mein Ich aus Afrika und mein österreichisches Ich ergänzen sich perfekt. Mein Wissen, mit dem ich nach Österreich gekommen bin, und das, was ich in Österreich gelernt habe, haben mein Selbstbewusstsein als Frau und Afro-Österreicherin gestärkt. Ich bin glücklich, dass ich als Österreicherin Rechte und Pflichten habe, aber ich vergesse meine Herkunft nicht. Früher habe ich als Putzfrau bei verschiedenen Leihfirmen gearbeitet. Damit habe ich zwar auch Geld verdient, aber ich war unzufrieden, weil mir die Herausforderung fehlte und weil ich nichts planen konnte. Mein Leben hier hat sich verbessert, seitdem ich in meinem Beruf als Krankenschwester arbeite. Ich liebe meinen Mann und meinen Beruf und habe die besten Freunde gefunden, darum bin ich eine glückliche Frau.

Als ich nach Österreich kam, gab es hier wenige Landsleute aus meiner alten Heimat. Wir waren auf uns allein gestellt. Das war nicht einfach. Es war manchmal sehr hart, so allein zu sein, hatte aber den Vorteil, dass wir schnell lernen mussten, auf eigenen Beinen zu stehen. So ist es uns gelungen, unseren Weg zu finden und durch unsere eigene Kraft etwas zu erreichen. Wäre ich in ein Land mit einer großen Community unserer Landsleute gekommen, hätten wir es vielleicht nicht geschafft, so schnell unabhängig zu werden. Hier möchte ich betonen, dass unsere Bemühungen ohne die Hilfe unserer österreichischen Freunde nicht so viele Früchte hätten tragen können.

Mein Appell an die Männer: Übt keinen Zwang aus und verachtet die Frauen nicht. Wenn die Frau Nein sagt, sollt ihr ihre Entscheidung akzeptieren. Wenn sie ein Kopftuch tragen will, soll sie diese Freiheit bekommen, wenn nicht, ebenfalls. Ich habe in Afrika schlimme Dinge erlebt. Doch wer glaubt, dass der Umgang der Männer mit den Frauen hier besser sei, der täuscht sich. Auch hier gibt es Männer, die keine Freunde der Frauen sind und keine Achtung vor ihnen haben. Ein Unterschied zu Afrika ist, dass die meisten Frauen in Österreich eine gute Schulbildung bekommen und einen Beruf erlernt haben und dass es hier Frauenhäuser gibt, wo sie im Notfall Schutz finden. Deshalb haben sie bessere Möglichkeiten, ein unabhängiges Leben zu führen. Wer die Frauen schützen will, sollte nicht sie bestrafen, sondern diejenigen, die ihnen vorschreiben, wie sie sich kleiden und wie sie ihr Leben führen sollen. Einfacher gesagt, wer den Frauen helfen will, sollte lieber die Männer, die denken wie Trump oder die Taliban, vor Gericht bringen.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 59/2017