Stoppt die Abschiebungen nach Afghanistan! PDF Drucken E-Mail

HĂĽter der Menschenrechte und BeschĂĽtzer

der UnterdrĂĽckten und Armen auf der ganzen Welt!

von Belal Izmaelzada

Wie können wir Euch allen klar machen, dass wir unter den aktuellen Bedingungen in Afghanistan nicht mehr leben können, da wir dort überhaupt keine Luft mehr zum Atmen haben? Wir wissen schon, dass Sie über die aktuellen Ereignisse in Afghanistan gut informiert sind. Vor allem weil eure Soldaten dort im Einsatz sind. Sie wissen mit Sicherheit ganz genau, wie viele Soldaten täglich in Afghanistan Opfer der Gewalt und des Fundamentalismus werden und dort jeden Tag ihren Leben verlieren.

Wenn Sie aber über alles bereits Bescheid wissen, warum muss ich trotz meiner sprachlichen Barrieren und meines schlechten psychologischen Zustandes versuchen, Ihnen zu erklären, wieso ich auf der Flucht und heimatlos bin? Wie kann ich Sie überzeugen, dass auch ich ein Recht zu leben habe?

Ich wollte überhaupt nie auf der Flucht sein. Ich bin nicht wegen des Essens oder wegen der Arbeit geflüchtet. Mein Schicksal hat mich dazu gezwungen, einigen Unmenschen oder Menschenschmugglern zu vertrauen, und jetzt habe ich bereits eine Odyssee hinter mir. Eigentlich ist für mich – wie für alle anderen Menschen auf der Welt – meine Heimat besser und schöner als die schönsten Plätze des Universums.

Bedauerlicherweise musste ich aber – so wie viele andere Junge und Alte aus meiner Heimat – aus Angst vor den islamischen Fundamentalisten fliehen. Sehr viele haben das überhaupt nicht geschafft und sind bereits auf der Flucht ertrunken oder auf andere Weise gestorben. Wenn wir bereit sind, unser Leben zu riskieren, beweist das nicht, dass wir im Recht sind und gar keine andere Wahl außer Flucht haben?

Ich weiß genau, dass Sie über das Schicksal afghanischer Frauen wie zum Beispiel über das von „Farkhonda“ Bescheid wissen. Sie wissen, wie diese Frau gesteinigt wurde, und dass weitere Frauen dort jeden Tag erneut gesteinigt werden, und niemand fragt, warum. Unsere Provinzen und Distrikte werden immer wieder von gegnerischen Truppen eingenommen und später wieder von den Regierungssoldaten zurückerobert. Währenddessen werden die einfachen und hilflosen Leute obdachlos, von beiden Seiten angegriffen und getötet.

Wie lange soll das noch weitergehen?

Erst vor einigen Tagen ist ein Mann mit einem gefälschten Befehlsschreiben des UN-Sicherheitsrates zur Sicherheitsbehörde der Provinz Balkh gegangen und hat dort zwei Hubschrauber erhalten. Er flog mehrere Stunden mit den Hubschraubern herum und wurde sogar bejubelt. Erst einige Tage später haben die Sicherheitsbehörden festgestellt, wie peinlich sie ausgetrickst und manipuliert worden sind. Können solche Behörden und eine solche Regierung für die Sicherheit des Volkes sorgen? Ich weiß auch, dass Sie etwas mit den Namen „Gulbuddin Hekmatyar“ anfangen können. Ein Mörder. Mehr als 60,000 Bewohner der Stadt Kabul wurden innerhalb von 24 Stunden aufgrund des Abfeuerns von blinden Raketen durch seine Männer geopfert. Jetzt kehrt er als „Held“ nach Kabul zurück …

Was ist mit unserer Zukunft, mit unserem Leben und unserer Ruhe oder Sicherheit?

Die Antwort kennen Sie besser als ich. Obwohl ich jetzt hier in Sicherheit bin, sind meine ganzen Gedanken bei meiner Familie, wenn ich jeden Tag erneut schlechte Nachrichten über Selbstmordattentate und andere Anschläge höre. Dann bekomme ich Angst und frage mich, ob meine Verwandten auch unter den Opfern sind, oder vielleicht diesmal nicht.

Bevor es zu spät ist und bevor wir unseren Verstand vollkommen verlieren, gewähren Sie uns bitte im Namen der Menschlichkeit hier Schutz. Damit wir zumindest vorläufig hier bleiben dürfen und wieder einigermaßen zu uns finden können. Erst dann können wir endlich verstehen und verinnerlichen, dass wir auch Menschen sind und ein Recht auf Leben haben.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 59/2017