Gespräch mit Abdisalam Daud Hassan, Journalist aus Somalia PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Abdisalam Daud Hassan,

Journalist aus Somalia

Foto: Mohamed und Abdisalam im Studio, © Radiofabrik

TT: Wie ist es als Journalist in einem von Gewalt gebeutelten Land wie Somalia zu arbeiten?

Abdisalam: Somalia ist ein Land, das 25 Jahre lang vom Bürgerkrieg verwüstet wurde. Speziell für Journalisten ist es sehr gefährlich, denn wie Sie vielleicht wissen, gibt es bei uns eine von Al Qaida inspirierte Organisation, die sich Al Shabaab nennt und die Meinungsfreiheit mit allen Mitteln verhindern will. Sie sagen: Entweder gehörst du zu uns oder zu den anderen. Mit den anderen ist die somalische Regierung gemeint, die sie als Ungläubige bezeichnen, weil sie nicht das Sharia-Gesetz anwenden, und zwar so, wie sie es verstehen. Shabaab hat nur ein Ziel, nämlich alle zu töten, die gegen sie sind. Deshalb ist es sehr schwierig, als Journalist in so einem Umfeld zu überleben.

TT: Mit Elman Ahmed Ali, Starlin Abdi Arush und anderen wurden Vorbilder getötet, die für Frieden und Bildung gekämpft haben. Gibt es Nachfolger, die ihre Arbeit fortsetzen und Widerstand gegen Al Shabaab leisten?

Abdisalam: Ich kannte Elman Ahmed Ali persönlich. Er hat arme und benachteiligte Menschen unterstützt und ihnen den Zugang zu Bildung ermöglicht. Sie töten genau diese Menschen, weil sie gegen jede Entwicklung sind. Wir werden aber trotzdem niemals die Hoffnung aufgeben, dass es eines Tages Frieden geben wird. Al Shabaab möchte einen islamischen Staat schaffen, wobei die Lehren des Islam von ihnen in einer sehr engen Weise ausgelegt werden. Der Islam in Somalia war nie gewalttätig, die Gesellschaft war offen und hat andere Religionen nie als Feinde angesehen. Die gewalttätige und intolerante Ideologie von Al Shabaab wurde aus den Golfstaaten – vor allem aus Saudi-Arabien – importiert. Eine dem Volk fremde extremistische Ideologie kann in einer Gesellschaft aber nur überleben, wenn alle Gegner ausgeschaltet werden. Und das sind vor allem die Menschen, die etwas zum Fortschritt der Gesellschaft beitragen. Al Shabaab kann nur in einer Umgebung existieren, in der es keine Intellektuellen gibt, die ihre Ideologie entlarven können. Doch trotzdem sie versuchen, so viele wie möglich zu töten, gibt es eine neue Generation von Menschen, die mit ihrer Arbeit täglich Widerstand gegen den Terror von Al Shabaab leisten, indem sie versuchen, etwas zur positiven Entwicklung der Gesellschaft beizutragen.

TT: Wie lange hast du als Journalist gearbeitet?

Abdisalam: Als ich noch in die Schule ging, habe ich schon für eine Schülerzeitung gearbeitet. Ende 2004 habe ich dann begonnen, als Journalist zu arbeiten, noch bevor ich zur Universität ging. Ich habe an der Indian-Ocean-University studiert, konnte aber mein Studium nicht abschließen, weil die Universität geschlossen wurde, als 2006 ein großer Krieg begann und Mogadischu im Chaos lag. Ich habe für Online-Zeitungen wie Qaran Media und Dayniile.com geschrieben und außerdem als Kommentator für verschiedene Radiostationen gearbeitet. Fast immer haben wir in unseren Reportagen die somalische Sprache verwendet, damit uns alle gut verstehen.

Wir haben auch versucht, junge Journalisten auszubilden, weil Al Shabaab viele erfahrene Journalisten ermordet hat. Ich habe auch für eine UN-gesponserte Radiostation gearbeitet, die versucht, sowohl Fälle von Korruption in der Regierung als auch Kollaborateure mit Al Shabaab aufzudecken. Es wurde ein jährlicher Korruptionsbericht erstellt, und unser Team hat diesen Bericht auf Somalisch übersetzt. So eine Arbeit ist natürlich sehr gefährlich. Leute von Al Shabaab haben mich mehrmals angerufen und mich zu überreden versucht, für sie zu arbeiten – sie haben ja auch ihre eigenen Medien. Doch ich habe gesagt, dass ich das nicht könne, weil ich nicht an das glaube, wofür sie stehen. Schließlich haben sie mir mit dem Tod gedroht, das war der Zeitpunkt, an dem ich mein Land verlassen musste.

TT: Wie viele Journalisten wurden von Al Shabaab getötet?

Abdisalam: Es gibt eine internationale Organisation „Reporter ohne Grenzen“, die alle Fälle von getöteten Journalisten dokumentiert hat. Der letzte Bericht, den ich angesehen habe, sagt, dass zwischen 2008-2013 123 Journalisten von Al Shabaab getötet worden sind, entweder durch Ermordung oder Bombenanschläge, darunter auch ein paar ausländische Journalisten. 2009 wurde im Mogadischu eine schwedische Reporterin, die für BBC gearbeitet hatte, von zwei Angreifern vor ihrem Hotel getötet. 2012 haben sie fünf Journalisten gleichzeitig getötet.

TT: Auch Dichter – zum Beispiel Warsame Cilmi Cawaale – oder der Moderator und Kabarettist Marshale wurden getötet. Warum?

Abdisalam: Al Shabaab ist gegen jede Art von Unterhaltung – gegen Musik, gegen Fußball, sie mögen es auch nicht, wenn sich Menschen an einem Platz versammeln, wo sie ihren Meinungen Ausdruck verleihen können. Kabarettisten bringen die Leute zum Lachen. Wenn sie sich über Al Shabaab lustig machen, sehen diese das als Attacke gegen sie an. Und die einzige Antwort darauf, die sie kennen, ist Töten. Al Shabaab ist gegen jede Form von Freiheit. Al Shabaab schreibt sogar vor, wie sich Männer die Haare schneiden sollen und dass sie Bart tragen müssen. Ein junger Mann wurde von ihnen gefangen genommen, nur weil er diese Anordnungen nicht befolgt hat.

TT: Wie ist die Einstellung der Bevölkerung gegenüber ihrer Ideologie? Wie hat sich die somalische Gesellschaft durch den Einfluss von Al Shabaab verändert?

Abdisalam: Die meisten Menschen in Somalia sehen Al Shabaab als Feind der Gesellschaft an, haben aber nicht die Macht, diesen Feind zu bekämpfen, weil er so hinterhältig ist. Und die Regierungen ermächtigt die Menschen nicht dazu, weil sie so korrupt ist. Somit hat das somalische Volk zwei Feinde. Vor dem Bürgerkrieg hat es eine Regierung gegeben, die den Menschen den kostenlosen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ermöglicht hat. In dieser Zeit war die somalische Bevölkerung gebildet und gesund. Doch 25 Jahre Krieg, Gewalt und Hunger haben ihre Spuren hinterlassen. Heute haben wir eine Situation, in der nur 38 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben können. Al Shabaab ist zwar nicht mehr so mächtig wie vor zehn Jahren, aber die Terroristen sind immer noch da und setzen Social Media ein, um vor allem junge Menschen mit wenig Bildung anzusprechen. Um sie zu besiegen braucht es viel Zeit und große kollektive Anstrengungen.

TT: Warum wird Al Shabaab nicht müde? Woher finanziert sich die Terrororganisation?

Abdisalam: In den Gebieten, über die sie Kontrolle haben, treiben sie Steuern ein. Außerdem erhalten sie viel Geld von Sheikhs vor allem aus Saudi-Arabien und Qatar. Sie sprechen meist gezielt Leute an, deren Leben ein Chaos ist und die jegliche Hoffnung verloren haben. Denen versprechen sie dann, dass sie aus ihrem Elend gerettet werden und ins Paradies kommen, wenn sie einen Selbstmordanschlag ausführen.

TT: Ist es nicht ein großer Verlust für Länder wie Somalia, wenn so viele junge und gebildete Menschen wie du fliehen?

Abdisalam: Ich liebe mein Land und wollte es nie verlassen. Ich bin während der ganzen Jahre des Bürgerkriegs im Land geblieben und habe versucht, zu überleben und etwas für mich und mein Land zu tun. Es war sehr hart für mich, meine Kinder, meine Mutter, meine Geschwister zu verlassen. Es ist sehr schwer, sein ganzes Leben, das man sich viele Jahre lang aufgebaut hat, zurückzulassen. Doch wenn ich weder Schutz von meiner Regierung noch von sonst jemanden bekomme, bleibt mir nur die Entscheidung zwischen Leben und Tod.

Es macht mich traurig zu sehen, wenn junge und gut ausgebildete Menschen aus ihren Ländern fliehen müssen. Aber die Menschen, die von Ländern weglaufen, in denen Krieg und Gewalt herrschen, tun das, weil ihnen keine andere Möglichkeit bleibt. Mir ist klar, dass Europa und andere Länder ein Problem damit haben, so viele Menschen aufzunehmen. Doch welche Alternative zur Aufnahme der Flüchtlinge gibt es? Sollen die Menschen in ihren Ländern sterben – durch Gewalt oder Hunger – oder im Mittelmeer ertrinken? Die einzige Lösung für dieses Problem wäre, die Ursachen für die Flucht zu beseitigen. Die Gewalt wird aber solange nicht beendet werden, bis die mächtigen Staaten sich dazu entschließen, alles in ihrer Kraft Stehende zu tun, um diese Kriege zu stoppen.

TT: Es gibt auch Leute, die aus Ländern fliehen, in denen kein Krieg tobt. Gibt es auch andere Fluchtgründe?

Abdisalam: Es gibt auch Menschen, die wegen der Armut fliehen. Sie fliehen nicht vor Krieg oder vor politischer Verfolgung aufgrund ihrer Überzeugung, sondern weil sie keine Perspektiven, keinen Zugang zu Arbeit, Bildung oder Gesundheitsversorgung haben. Verfolgung und Armut sind zwar zwei unterschiedliche Symptome, aber sie haben ähnliche Ursachen. Aber in einer Situation, in der Europa sich schwer tut, zwei Millionen Menschen aus Syrien aufzunehmen, ist es eine Tatsache, dass Flüchtlinge aus Ländern, in denen kein Krieg herrscht, nur sehr geringe Chancen haben, Asyl zu bekommen.

TT: Afrika ist ein Kontinent, der über alle Ressourcen verfügt, die die Menschheit braucht. Wie kann es sein, dass die Menschen dort arm sind?

Abdisalam: Meiner Meinung nach ist die Korruption das größte Problem in Afrika. Wenn all das Geld, das durch Korruption versickert, aufgeteilt würde, um die Länder zu entwickeln, Arbeitsplätze zu schaffen und das Bildungssystem aufzubauen, würden die Menschen nicht auf die Idee kommen, nach Europa zu flüchten. Die Regierungen aber plündern die Ressourcen ihrer Länder aus, um sich selbst zu bereichern. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass westliche Konzerne von dieser Korruption profitieren. So gehen 75 Prozent der Profite aus der Ölförderung in Angola ins Ausland, zum Beispiel an Firmen wie Total nach Frankreich. Diese Ungerechtigkeit und diese Ausbeutung müssen gestoppt werden, doch die einzigen, die das tun können, sind die Afrikaner und Afrikanerinnen. Doch solange die Menschen in Unwissenheit verharren, erkennen sie nicht, wie wertvoll ihre Ressourcen sind.

TT: Heute investieren viele chinesische Unternehmen in Afrika. Was denkst du über Chinas Engagement in Afrika?

Abdisalam: China investiert in vielen Ländern Afrikas, stellt dafür jedoch keine politischen Bedingungen, wie es der Westen tut. Während der Westen immer nur daran interessiert war, die Ressourcen Afrikas auszuplündern, bauen die Chinesen Straßen, Eisenbahnen, Fabriken und Krankenhäuser und schaffen Arbeitsplätze, so dass den Menschen am Ende des Tages etwas bleibt. Deshalb haben viele Menschen in Afrika den Chinesen gegenüber eine positive Einstellung. Ich verleugne nicht, dass auch China seine eigenen Interessen verfolgt. China muss seine riesige Bevölkerung ernähren, China braucht Energie. Die Regierung in Kenia hat China riesige Flächen fruchtbaren Landes zur Verfügung gestellt, um Weizen für den Export nach China anzubauen. Im Gegenzug bauen die Chinesen den Hafen in Mombasa aus, planen einen großen neuen Hafen in Lamu, errichten Straßen und eine Ölpipeline von Südsudan nach Lamu sowie eine Eisenbahnlinie nach Uganda, Burundi und Ruanda.

TT: Du machst auch hier in Salzburg eine Radiosendung in somalischer Sprache. Was sind eure Themen?

Abdisalam: Wir haben eine Sendung in der Radiofabrik, die sich Somali Prime Time Radio nennt und jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat ab 19:06 Uhr ausgestrahlt wird. In den letzten zwei Jahren sind sehr viele somalische Leute nach Österreich gekommen, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Sie brauchen Informationen von Leuten, die ihre Sprache sprechen und die ihre Situation verstehen. Ich war auf der Suche nach Medien in Österreich und bin zufällig in Nonntal bei der Radiofabrik vorbeigekommen. Ich habe Eva Schmidhuber angesprochen und war sehr erfreut und überrascht darüber, dass sie mir die Möglichkeit angeboten hat, eine Sendung in somalischer Sprache zu machen. In einem Workshop lernten wir mit den Geräten umzugehen, die viel komplizierter sind als die, die ich von Somalia kannte. In unserer Sendung informieren wir die Leute über das Leben in Österreich: über die österreichische Wirtschaft, über das Gesundheitswesen, über neue Bestimmungen in der Flüchtlingspolitik. Wir haben viele Zuhörer*innen, und ich werde oft von Leuten auf der Straße auf meine Sendung angesprochen. Nun planen wir ein weiteres Programm, das auch auf Deutsch übersetzt werden soll, damit die somalischen Flüchtlinge und Einheimische die Möglichkeit bekommen, mehr voneinander zu erfahren.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 57/2016