Nachruf auf Mohammad Ali PDF Drucken E-Mail

Mohammad Ali – Der letzte Held?

von Warsame A. Amalle

Es gibt viele Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise auf uns Einfluss haben. Weil sie zum Beispiel gute Sportler, Politiker, KĂŒnstler oder Redner waren oder sind. Mohammad Ali war einer von diesen Menschen. Er war ein Vorbild fĂŒr viele Menschen, vor allen fĂŒr die Schwarzen, die glaubten, was ihnen die Kolonialherren und SklavenhĂ€ndler einredeten, nachdem sie ihnen die MenschenwĂŒrde geraubt hatten, nĂ€mlich, dass ihre Hautfarbe hĂ€sslich und schwarz zu sein etwas Schlechtes sei. Nein, eine schwarze Hautfarbe zu haben, bedeutet weder dumm noch hĂ€sslich zu sein! Weder ist die Hautfarbe ein Hindernis, noch sollte sie ein Vorteil oder Nachteil sein. Dass der Erfolg oder die Niederlage eines Menschen davon abhĂ€ngig ist, welche Chance er bekommt und unter welchen UmstĂ€nden er lebt, dafĂŒr gibt es genĂŒgend Beweise.

Als Mohammad Ali auf der WeltbĂŒhne erschien und sagte, dass er schön und großartig sei, half er den schwarzen Menschen, ihr Selbstbewusstsein zurĂŒckzubekommen, das sie wĂ€hrend der Zeit der Sklaverei verloren hatten. Bestimmt war Mohammad nicht der erste, aber er war einer der lautesten. Ich fahre nicht in ein weit entferntes Land, um Menschen zu töten, die weder mir, noch meinem Land etwas angetan haben, wĂ€hrend ihr mir hier meine Rechte verweigert, sagte er. Nein, zu eurem Krieg gehe ich nicht! Ein Nachkomme der Schwarzen, die einst nicht einmal die Plantagenarbeit ablehnen konnte, legte sich mit der mĂ€chtigen USA Armee an.

Mohammad Ali verlor deshalb seinen Weltmeistertitel, aber er gewann den Respekt vieler Menschen. Damals begannen fĂŒr die schwarze Bevölkerung eine neue Zeit, neue Überlegungen und ein neues Selbstbewusstsein. „Fast alle Schwarzen, die ich kenne, haben keine Ausbildung und keinen Beruf erlernt und bekommen Sozialhilfe, warum? Ja, man weiß, wenn wir etwas lernen, werden wir nicht mehr Sklaven, nicht mehr Neger sein. Doch damit unsere Lebenssituation sich nicht verĂ€ndert, verweigert uns der Staat, einen Beruf zu lernen oder eine weiterfĂŒhrende Ausbildung zu machen“, sagte er in einer Rede an einer UniversitĂ€t. Mohammad Alis Botschaft kam nicht bei allen Schwarzen gleich gut an, manche kritisierten ihn, aber so soll es auch sein.

“Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren ĂŒber die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen. (
) Der wirkliche Feind der Völker ist hier. Ich werde nicht meine Religion, mein Volk oder mich verraten und als Werkzeug dienen, um diejenigen zu versklaven, die fĂŒr ihre eigene Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit kĂ€mpfen. Wenn ich davon ĂŒberzeugt wĂ€re, dass der Krieg 22 Millionen meiner Leute Freiheit und Gleichheit bringen wĂŒrde, mĂŒssten sie mich nicht einziehen, ich wĂŒrde mich sofort freiwillig melden. Ich habe nichts zu verlieren, wenn ich fĂŒr meine Überzeugungen einstehe. Wenn ich ins GefĂ€ngnis gehe, na und? Wir leben schon seit 400 Jahren in einem GefĂ€ngnis“, sagte er, als er sich 1967 weigerte, in den Krieg nach Vietnam zu ziehen. Mit dieser denkwĂŒrdigen Stellungnahme erreichte Mohammad Ali viele Menschen, die sich nicht fĂŒr den Boxkampf interessierten, die aber gegen den Vietnamkrieg oder ĂŒberhaupt gegen den Krieg waren. Damit ĂŒberschritt er auch die Grenzen der Hautfarbe, weil er die Menschen in zwei Gruppen einteilte: in die Kriegs- und Sklaventreiber oder in Menschen, die Frieden und Gerechtigkeit suchen.

Die Courage und der Mut von Mohammad Ali erinnern mich an Erich Fried, der 1927 als SechsjĂ€hriger in Wien aufgrund des „Blutigen Freitags“, an dem die Polizei 86 demonstrierende Arbeiter getötet hatte, den PolizeiprĂ€sidenten von einer SchulauffĂŒhrung vertrieb, indem er sagte; „Meine Damen und Herren! Ich kann leider mein Weihnachtsgedicht nicht aufsagen. Ich habe gerade gehört, Herr PolizeiprĂ€sident Doktor Schober ist unter den FestgĂ€sten. Ich war am Blutigen Freitag in der Inneren Stadt und habe die Bahren mit Toten und Verletzten gesehen, und ich kann vor Herrn Doktor Schober kein Gedicht aufsagen“. Erich Fried verlor damals keine Medaille, aber seinen Mut kann man einfach nicht vergessen.

Vorbildlich war Mohammad fĂŒr mich nicht nur, weil er fĂŒr seine Überzeugung das Risiko einging, ins GefĂ€ngnis zu kommen und seinen Weltmeistertitel zu verlieren, sondern auch weil er die Menschen als Menschen, aber nicht wegen ihrer Hautfarbe oder seiner Religion respektiert hat. Ja, es stimmt, Mohammad Ali hat mitunter die Weißen auch als Feinde bezeichnet, aber da hat er sich immer auf die Geschichte von Sklaverei und Rassentrennung bezogen. In seinem Buch betonte er: „Es ist das Herz, das einen Menschen groß macht – seine Absichten, seine Gedanken und seine Überzeugungen.“ Und es waren auch weiße Menschen, die ihn zu ihm gestanden sind, als ihm alles weggenommen wurde, was er mit seiner Faust im Ring gewonnen hatte. Wer sein Buch liest, wird erfahren, was fĂŒr ein großer und gleichzeitig einfacher Mensch Mohammad war.

Die Sklaverei als Wurzel fĂŒr den Rassismus

Als Malcolm X, Mohammad Ali, Martin Luther King und Rosa Parks sich nicht mehr Diskriminierung und Erniedrigung beugten, waren viele Afro-Amerikaner*innen ĂŒberrascht und begannen sich viele Fragen zu stellen: Warum darf ich im Bus nicht sitzen wo ich will? Warum, warum
? Mohammad, Martin und Malcolm war klar, dass die Afroamerikaner*innen ihre geraubte WĂŒrde nicht mit PassivitĂ€t und Bitten zurĂŒckbekommen wĂŒrden. Darum haben sie dem mĂ€chtigsten Staat der Welt auf unterschiedliche Weise die Stirn geboten. Malcolm X. und Martin Luther King sind nur 39 Jahre alt geworden, sie mussten fĂŒr ihr Engagement mit dem Leben zahlen. Mohammad hat GlĂŒck gehabt, 74 Jahre alt werden zu dĂŒrfen.

Warum wird bis heute der Blick auf schwarze Menschen gerichtet, wenn ĂŒber Sklaverei geredet wird? Sklaverei hat es ja auch in der Antike, im alten Griechenland und im Römischen Reich gegeben. WĂ€hrend ehemalige europĂ€ische, arabische, oder persische Sklaven mit ihren Besitzern verschmolzen und nicht mehr erkennbar sind, sind die Nachkommen der afrikanischen Sklaven bis heute sichtbar. Auch sie wollen nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden, doch ihre Hautfarbe ist ein Synonym fĂŒr Sklaverei geworden.

Den Kampf gegen die Sklaverei gab es von Anfang an, und die Menschen versuchten, zu fliehen und ihre Freiheit wieder zu erlangen. Es hat aber lange gedauert, bis er siegreich war, weil die SklavenhĂ€ndler damit viel Geld verdienten. Die Plantagenbesitzer wollten nicht auf die Arbeitskraft dieser Menschen verzichten, aber sie als Menschen behandeln wollten sie sie auch nicht. Wir dĂŒrfen aber nicht vergessen, dass Menschen aus Afrika nicht nur nach Amerika oder Europa kamen, sondern auch ĂŒber die WĂŒste in Arabien gebracht wurden. Deren Nachfahren haben aber das Selbstbewusstsein ihrer BrĂŒder und Schwestern in Amerika noch nicht erlangt. Dort scheint es, als ob die Sklaverei erst gestern begonnen hĂ€tte. Bis jetzt haben wir in diesen LĂ€ndern noch nie von einer Rosa Parks oder einer Black Panther Party gehört. Jene Afrikaner, die auf die arabische Halbinsel gebracht worden sind, konnten nicht einmal daran denken geschweige denn es sich leisten, zu sagen, wir sind Afro-Araber. Oder Abdalla ist nicht mein Name, das ist der Name, den der Sklavenhalter mir gegeben hat. Wenn einer der ehemaligen Sklaven in Arabien so etwas gesagt hĂ€tte, wĂ€re er nicht sicherlich 74 alt geworden.

Die drei Ms des Widerstands

Wenn heute ĂŒber die Vorbilder der Afro-Amerikaner geredet wird, dann kommen fĂŒr mich drei Ms hintereinander Martin Luther King, Malcolm X und Mohammad Ali. Jeder von ihnen hat auf seine Art und Weise gegen Rassentrennung, Diskriminierung und den ewigen Rassismus gekĂ€mpft. Ihre Kampftaktik war unterschiedlich, aber ihre Ziele und ihre Vergangenheit waren gleich. Heute sind alle drei MĂ€nner unter der Erde, doch der Rassismus ist immer noch so lebendig wie damals. Trotzdem war es wichtig und mutig von ihnen, ihrem Volk zu zeigen und zu sagen, dass Gott keinen Menschen erschaffen hat, um Sklave eines anderen zu sein. Wir sind keine Amerikaner, wir sind von Afrika gegen unseren Willen hergeschleppt worden, deshalb sind wir Afro-Amerikaner, betonte Malcom X. Malcolm suchte sich das X. als Nachnamen aus, weil er seinen Sklavennamen nicht tragen wollte und seinen richtigen Familienname nicht kannte.

Dazu schreibt Muhammad Ali in seinem Buch: In den 1960er Jahren gab es viele Möglichkeiten, sich in der BĂŒrgerrechtsbewegung zu engagieren. Martin Luther King Jr. bevorzugte friedliche, gewaltlose Methoden wie FriedensmĂ€rsche, Sit-ins und politische Organisation. Andere griffen an der Seite von Bobby Seale, Huey Newton, Eldridge Cleaver und der Black Panther Party zu den Waffen, um – wenn nötig mit Gewalt – die Rechte der Schwarzen gegen Übergriffe zu verteidigen. Manche, wie zum Beispiel Medgar Evers, wirkten lieber durch Organisationen wie die NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), die mit legalen, politischen Mitteln die BĂŒrgerrechtsbewegung unterstĂŒtzten. Damals entschied ich mich dafĂŒr, der Nation of Islam beizutreten, die sich fĂŒr schwarzen Stolz und schwarze UnabhĂ€ngigkeit stark machte. Als Mitglied dieser Organisation kĂ€mpfte ich gleichzeitig fĂŒr Gleichberechtigung und ein neues schwarzes Selbstbewusstsein. Es gab zwar die unterschiedlichsten Herangehensweisen, aber alle hatten ein gemeinsames Ziel: Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung fĂŒr die Schwarzen in Amerika.“

Martin Luther King war ein bedeutender Mann in der Bewegung fĂŒr die Gleichberechtigung der Schwarzen. Er hat auf seine Art und Weise gegen Rassismus und UnterdrĂŒckung gekĂ€mpft, Malcolm X. und Mohammad Ali taten es auf die ihre. Gemeinsam hatten sie, dass Martins, Malcolms und Mohammads Vorfahren nicht von ihren Eltern in die USA zum Studieren geschickt worden waren, sondern dass man ihnen die Menschlichkeit geraubt, sie als Sklaven nach Amerika gebracht und dort gezwungen hatte, auf den Plantagen zu arbeiten. Diese drei MĂ€nner spielen eine wichtige Rolle in der Bewegung fĂŒr die Rechte der schwarzen Menschen, und ungeachtet, zu welcher Religion sie sich bekannten, gehören sie zu den letzten Legenden der Schwarzen in den USA. Viele finden die Nation of Islam rassistisch oder sehen sie als Feinde der Weißen an. Aber welche Möglichkeiten hatten die Schwarzen, ihre WĂŒrde und ihr Selbstbewusstsein wieder zu erlangen? In den Kirchen waren sie getrennt von den Weißen, in der Moschee waren sie unter sich. Was wĂŒrdest du tun, wenn man dich erniedrigt und versklavt hĂ€tte, oder wenn der Ku-Klux-Klan deinen Vater getötet hĂ€tte?

Auf der Beerdigung von Mohammad Ali waren viele Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Hautfarbe anwesend. Dass dort ein jĂŒdischer Rabbi eine Rede hielt, beweist, dass Muhammad Ali ein offener Mensch war, der alle Menschen liebte. Rabbi Michael Lerner, ein Freund und MitkĂ€mpfer gegen den Vietnamkrieg, fand meiner Meinung nach die passenden Worte: „Er nutzte seinen Ruhm, um sich dafĂŒr einzusetzen, woran er glaubte, und er ist fĂŒr seine moralische Aufrichtigkeit Risiken eingegangen. Ehren wir ihn, indem wir versuchen, heute Muhammad Ali zu sein.“ Mit diesen Worten forderte er die Menschen auf, es Mohammad Ali gleichzutun und auf der Seite von Frieden und Gerechtigkeit zu stehen. Heute Muhammad Ali zu sein, bedeutet fĂŒr mich, Gewalt, Terrorismus und Hass abzulehnen, genau wie Muhammad den Vietnamkrieg abgelehnt hat. Heute Muhammad Ali zu sein, heißt fĂŒr mich: Glaube an dich, lehne den Rassismus ab und stehe fĂŒr deine Überzeugungen ein. Rabbi Lerner meinte auch, dass fĂŒr die USA die Zeit der Dominanz vorbei sei, und rief die politisch Verantwortlichen dazu auf, auf Gewalt zu verzichten. Denn, wie einst Mahatma Gandhi gesagt hat: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.

George Foreman ĂŒber Muhammad Ali: „Ich liebe ihn heute, er ist Teil meines Lebens. Ich bin so froh, dass mir das damals passiert ist und niemand anderem. Wann immer der Name von Muhammad Ali genannt wird, auch noch in 100 Jahren, wird auch von George Foreman gesprochen. Ich bin froh, dass Ali damals den entscheidenden Schlag landete. Er hat mich fair und anstĂ€ndig geschlagen. Alles, was ich danach erreicht habe, was ich jetzt bin, was ich besitze, verdanke ich dieser Niederlage. Sie machte aus mir einen anderen Menschen. Ali gewann den Fight und ich einen Freund fĂŒrs Leben.“

Quelle: Muhammad Ali/Hana Yasmeen Ali, 2004: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Meine Gedanken zum Leben.

 

 

von Warsame A. Amalle

Es gibt viele Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise auf uns Einfluss haben. Weil sie zum Beispiel gute Sportler, Politiker, KĂŒnstler oder Redner waren oder sind. Mohammad Ali war einer von diesen Menschen. Er war ein Vorbild fĂŒr viele Menschen, vor allen fĂŒr die Schwarzen, die glaubten, was ihnen die Kolonialherren und SklavenhĂ€ndler einredeten, nachdem sie ihnen die MenschenwĂŒrde geraubt hatten, nĂ€mlich, dass ihre Hautfarbe hĂ€sslich und schwarz zu sein etwas Schlechtes sei. Nein, eine schwarze Hautfarbe zu haben, bedeutet weder dumm noch hĂ€sslich zu sein! Weder ist die Hautfarbe ein Hindernis, noch sollte sie ein Vorteil oder Nachteil sein. Dass der Erfolg oder die Niederlage eines Menschen davon abhĂ€ngig ist, welche Chance er bekommt und unter welchen UmstĂ€nden er lebt, dafĂŒr gibt es genĂŒgend Beweise.

Als Mohammad Ali auf der WeltbĂŒhne erschien und sagte, dass er schön und großartig sei, half er den schwarzen Menschen, ihr Selbstbewusstsein zurĂŒckzubekommen, das sie wĂ€hrend der Zeit der Sklaverei verloren hatten. Bestimmt war Mohammad nicht der erste, aber er war einer der lautesten. Ich fahre nicht in ein weit entferntes Land, um Menschen zu töten, die weder mir, noch meinem Land etwas angetan haben, wĂ€hrend ihr mir hier meine Rechte verweigert, sagte er. Nein, zu eurem Krieg gehe ich nicht! Ein Nachkomme der Schwarzen, die einst nicht einmal die Plantagenarbeit ablehnen konnte, legte sich mit der mĂ€chtigen USA Armee an.

Mohammad Ali verlor deshalb seinen Weltmeistertitel, aber er gewann den Respekt vieler Menschen. Damals begannen fĂŒr die schwarze Bevölkerung eine neue Zeit, neue Überlegungen und ein neues Selbstbewusstsein. „Fast alle Schwarzen, die ich kenne, haben keine Ausbildung und keinen Beruf erlernt und bekommen Sozialhilfe, warum? Ja, man weiß, wenn wir etwas lernen, werden wir nicht mehr Sklaven, nicht mehr Neger sein. Doch damit unsere Lebenssituation sich nicht verĂ€ndert, verweigert uns der Staat, einen Beruf zu lernen oder eine weiterfĂŒhrende Ausbildung zu machen“, sagte er in einer Rede an einer UniversitĂ€t. Mohammad Alis Botschaft kam nicht bei allen Schwarzen gleich gut an, manche kritisierten ihn, aber so soll es auch sein.

“Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren ĂŒber die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen. (
) Der wirkliche Feind der Völker ist hier. Ich werde nicht meine Religion, mein Volk oder mich verraten und als Werkzeug dienen, um diejenigen zu versklaven, die fĂŒr ihre eigene Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit kĂ€mpfen. Wenn ich davon ĂŒberzeugt wĂ€re, dass der Krieg 22 Millionen meiner Leute Freiheit und Gleichheit bringen wĂŒrde, mĂŒssten sie mich nicht einziehen, ich wĂŒrde mich sofort freiwillig melden. Ich habe nichts zu verlieren, wenn ich fĂŒr meine Überzeugungen einstehe. Wenn ich ins GefĂ€ngnis gehe, na und? Wir leben schon seit 400 Jahren in einem GefĂ€ngnis“, sagte er, als er sich 1967 weigerte, in den Krieg nach Vietnam zu ziehen. Mit dieser denkwĂŒrdigen Stellungnahme erreichte Mohammad Ali viele Menschen, die sich nicht fĂŒr den Boxkampf interessierten, die aber gegen den Vietnamkrieg oder ĂŒberhaupt gegen den Krieg waren. Damit ĂŒberschritt er auch die Grenzen der Hautfarbe, weil er die Menschen in zwei Gruppen einteilte: in die Kriegs- und Sklaventreiber oder in Menschen, die Frieden und Gerechtigkeit suchen.

Die Courage und der Mut von Mohammad Ali erinnern mich an Erich Fried, der 1927 als SechsjĂ€hriger in Wien aufgrund des „Blutigen Freitags“, an dem die Polizei 86 demonstrierende Arbeiter getötet hatte, den PolizeiprĂ€sidenten von einer SchulauffĂŒhrung vertrieb, indem er sagte; „Meine Damen und Herren! Ich kann leider mein Weihnachtsgedicht nicht aufsagen. Ich habe gerade gehört, Herr PolizeiprĂ€sident Doktor Schober ist unter den FestgĂ€sten. Ich war am Blutigen Freitag in der Inneren Stadt und habe die Bahren mit Toten und Verletzten gesehen, und ich kann vor Herrn Doktor Schober kein Gedicht aufsagen“. Erich Fried verlor damals keine Medaille, aber seinen Mut kann man einfach nicht vergessen.

Vorbildlich war Mohammad fĂŒr mich nicht nur, weil er fĂŒr seine Überzeugung das Risiko einging, ins GefĂ€ngnis zu kommen und seinen Weltmeistertitel zu verlieren, sondern auch weil er die Menschen als Menschen, aber nicht wegen ihrer Hautfarbe oder seiner Religion respektiert hat. Ja, es stimmt, Mohammad Ali hat mitunter die Weißen auch als Feinde bezeichnet, aber da hat er sich immer auf die Geschichte von Sklaverei und Rassentrennung bezogen. In seinem Buch betonte er: „Es ist das Herz, das einen Menschen groß macht – seine Absichten, seine Gedanken und seine Überzeugungen.“ Und es waren auch weiße Menschen, die ihn zu ihm gestanden sind, als ihm alles weggenommen wurde, was er mit seiner Faust im Ring gewonnen hatte. Wer sein Buch liest, wird erfahren, was fĂŒr ein großer und gleichzeitig einfacher Mensch Mohammad war.

Die Sklaverei als Wurzel fĂŒr den Rassismus

Als Malcolm X, Mohammad Ali, Martin Luther King und Rosa Parks sich nicht mehr Diskriminierung und Erniedrigung beugten, waren viele Afro-Amerikaner*innen ĂŒberrascht und begannen sich viele Fragen zu stellen: Warum darf ich im Bus nicht sitzen wo ich will? Warum, warum
? Mohammad, Martin und Malcolm war klar, dass die Afroamerikaner*innen ihre geraubte WĂŒrde nicht mit PassivitĂ€t und Bitten zurĂŒckbekommen wĂŒrden. Darum haben sie dem mĂ€chtigsten Staat der Welt auf unterschiedliche Weise die Stirn geboten. Malcolm X. und Martin Luther King sind nur 39 Jahre alt geworden, sie mussten fĂŒr ihr Engagement mit dem Leben zahlen. Mohammad hat GlĂŒck gehabt, 74 Jahre alt werden zu dĂŒrfen.

Warum wird bis heute der Blick auf schwarze Menschen gerichtet, wenn ĂŒber Sklaverei geredet wird? Sklaverei hat es ja auch in der Antike, im alten Griechenland und im Römischen Reich gegeben. WĂ€hrend ehemalige europĂ€ische, arabische, oder persische Sklaven mit ihren Besitzern verschmolzen und nicht mehr erkennbar sind, sind die Nachkommen der afrikanischen Sklaven bis heute sichtbar. Auch sie wollen nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden, doch ihre Hautfarbe ist ein Synonym fĂŒr Sklaverei geworden.

Den Kampf gegen die Sklaverei gab es von Anfang an, und die Menschen versuchten, zu fliehen und ihre Freiheit wieder zu erlangen. Es hat aber lange gedauert, bis er siegreich war, weil die SklavenhĂ€ndler damit viel Geld verdienten. Die Plantagenbesitzer wollten nicht auf die Arbeitskraft dieser Menschen verzichten, aber sie als Menschen behandeln wollten sie sie auch nicht. Wir dĂŒrfen aber nicht vergessen, dass Menschen aus Afrika nicht nur nach Amerika oder Europa kamen, sondern auch ĂŒber die WĂŒste in Arabien gebracht wurden. Deren Nachfahren haben aber das Selbstbewusstsein ihrer BrĂŒder und Schwestern in Amerika noch nicht erlangt. Dort scheint es, als ob die Sklaverei erst gestern begonnen hĂ€tte. Bis jetzt haben wir in diesen LĂ€ndern noch nie von einer Rosa Parks oder einer Black Panther Party gehört. Jene Afrikaner, die auf die arabische Halbinsel gebracht worden sind, konnten nicht einmal daran denken geschweige denn es sich leisten, zu sagen, wir sind Afro-Araber. Oder Abdalla ist nicht mein Name, das ist der Name, den der Sklavenhalter mir gegeben hat. Wenn einer der ehemaligen Sklaven in Arabien so etwas gesagt hĂ€tte, wĂ€re er nicht sicherlich 74 alt geworden.

Die drei Ms des Widerstands

Wenn heute ĂŒber die Vorbilder der Afro-Amerikaner geredet wird, dann kommen fĂŒr mich drei Ms hintereinander Martin Luther King, Malcolm X und Mohammad Ali. Jeder von ihnen hat auf seine Art und Weise gegen Rassentrennung, Diskriminierung und den ewigen Rassismus gekĂ€mpft. Ihre Kampftaktik war unterschiedlich, aber ihre Ziele und ihre Vergangenheit waren gleich. Heute sind alle drei MĂ€nner unter der Erde, doch der Rassismus ist immer noch so lebendig wie damals. Trotzdem war es wichtig und mutig von ihnen, ihrem Volk zu zeigen und zu sagen, dass Gott keinen Menschen erschaffen hat, um Sklave eines anderen zu sein. Wir sind keine Amerikaner, wir sind von Afrika gegen unseren Willen hergeschleppt worden, deshalb sind wir Afro-Amerikaner, betonte Malcom X. Malcolm suchte sich das X. als Nachnamen aus, weil er seinen Sklavennamen nicht tragen wollte und seinen richtigen Familienname nicht kannte.

Dazu schreibt Muhammad Ali in seinem Buch: In den 1960er Jahren gab es viele Möglichkeiten, sich in der BĂŒrgerrechtsbewegung zu engagieren. Martin Luther King Jr. bevorzugte friedliche, gewaltlose Methoden wie FriedensmĂ€rsche, Sit-ins und politische Organisation. Andere griffen an der Seite von Bobby Seale, Huey Newton, Eldridge Cleaver und der Black Panther Party zu den Waffen, um – wenn nötig mit Gewalt – die Rechte der Schwarzen gegen Übergriffe zu verteidigen. Manche, wie zum Beispiel Medgar Evers, wirkten lieber durch Organisationen wie die NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), die mit legalen, politischen Mitteln die BĂŒrgerrechtsbewegung unterstĂŒtzten. Damals entschied ich mich dafĂŒr, der Nation of Islam beizutreten, die sich fĂŒr schwarzen Stolz und schwarze UnabhĂ€ngigkeit stark machte. Als Mitglied dieser Organisation kĂ€mpfte ich gleichzeitig fĂŒr Gleichberechtigung und ein neues schwarzes Selbstbewusstsein. Es gab zwar die unterschiedlichsten Herangehensweisen, aber alle hatten ein gemeinsames Ziel: Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung fĂŒr die Schwarzen in Amerika.“

Martin Luther King war ein bedeutender Mann in der Bewegung fĂŒr die Gleichberechtigung der Schwarzen. Er hat auf seine Art und Weise gegen Rassismus und UnterdrĂŒckung gekĂ€mpft, Malcolm X. und Mohammad Ali taten es auf die ihre. Gemeinsam hatten sie, dass Martins, Malcolms und Mohammads Vorfahren nicht von ihren Eltern in die USA zum Studieren geschickt worden waren, sondern dass man ihnen die Menschlichkeit geraubt, sie als Sklaven nach Amerika gebracht und dort gezwungen hatte, auf den Plantagen zu arbeiten. Diese drei MĂ€nner spielen eine wichtige Rolle in der Bewegung fĂŒr die Rechte der schwarzen Menschen, und ungeachtet, zu welcher Religion sie sich bekannten, gehören sie zu den letzten Legenden der Schwarzen in den USA. Viele finden die Nation of Islam rassistisch oder sehen sie als Feinde der Weißen an. Aber welche Möglichkeiten hatten die Schwarzen, ihre WĂŒrde und ihr Selbstbewusstsein wieder zu erlangen? In den Kirchen waren sie getrennt von den Weißen, in der Moschee waren sie unter sich. Was wĂŒrdest du tun, wenn man dich erniedrigt und versklavt hĂ€tte, oder wenn der Ku-Klux-Klan deinen Vater getötet hĂ€tte?

Auf der Beerdigung von Mohammad Ali waren viele Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Hautfarbe anwesend. Dass dort ein jĂŒdischer Rabbi eine Rede hielt, beweist, dass Muhammad Ali ein offener Mensch war, der alle Menschen liebte. Rabbi Michael Lerner, ein Freund und MitkĂ€mpfer gegen den Vietnamkrieg, fand meiner Meinung nach die passenden Worte: „Er nutzte seinen Ruhm, um sich dafĂŒr einzusetzen, woran er glaubte, und er ist fĂŒr seine moralische Aufrichtigkeit Risiken eingegangen. Ehren wir ihn, indem wir versuchen, heute Muhammad Ali zu sein.“ Mit diesen Worten forderte er die Menschen auf, es Mohammad Ali gleichzutun und auf der Seite von Frieden und Gerechtigkeit zu stehen. Heute Muhammad Ali zu sein, bedeutet fĂŒr mich, Gewalt, Terrorismus und Hass abzulehnen, genau wie Muhammad den Vietnamkrieg abgelehnt hat. Heute Muhammad Ali zu sein, heißt fĂŒr mich: Glaube an dich, lehne den Rassismus ab und stehe fĂŒr deine Überzeugungen ein. Rabbi Lerner meinte auch, dass fĂŒr die USA die Zeit der Dominanz vorbei sei, und rief die politisch Verantwortlichen dazu auf, auf Gewalt zu verzichten. Denn, wie einst Mahatma Gandhi gesagt hat: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.

George Foreman ĂŒber Muhammad Ali: „Ich liebe ihn heute, er ist Teil meines Lebens. Ich bin so froh, dass mir das damals passiert ist und niemand anderem. Wann immer der Name von Muhammad Ali genannt wird, auch noch in 100 Jahren, wird auch von George Foreman gesprochen. Ich bin froh, dass Ali damals den entscheidenden Schlag landete. Er hat mich fair und anstĂ€ndig geschlagen. Alles, was ich danach erreicht habe, was ich jetzt bin, was ich besitze, verdanke ich dieser Niederlage. Sie machte aus mir einen anderen Menschen. Ali gewann den Fight und ich einen Freund fĂŒrs Leben.“

Quelle: Muhammad Ali/Hana Yasmeen Ali, 2004: Mit dem Herzen eines Schmetterlings. Meine Gedanken zum Leben.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 57/2016