Flüchtlinge in Griechenland. Gespräch mit Flo PDF Drucken E-Mail

Flüchtlinge zwischen

Solidarität und Ablehnung

Flo: „Während der Staat völlig überlastet ist, haben die Leute Erfahrungen gesammelt,
wie sie sich selbst helfen können. Man kann sagen, es hat sich ein zwar kleines
aber funktionierendes Parallelsystem zum Staat herausgebildet.“


TT: Die Flüchtlinge suchen den Weg von Griechenland nach West- und Nordeuropa, du bist den umgekehrten Weg gegangen. Was war dein Beweggrund?

Flo: Ich fahre seit 25 Jahren regelmäßig nach Griechenland, mein Freundeskreis ist teilweise dort und ich genieße das Leben dort sehr. Aber weil es sehr schwierig ist, dort Arbeit zu finden, arbeite ich in Salzburg und versuche, so oft wie möglich nach Griechenland zu fahren. Es gibt dort eine ganz andere politische Landschaft als in Österreich, die Kultur des Widerstands wird mehr gelebt. Das bedeutet, dass mehr Dinge in Bewegung sind und kapitalistische Strukturen aufgebrochen werden. Der Staat hat die Menschen noch nicht dermaßen unter Kontrolle wie hier in Österreich, so fühlt sich das Leben etwas freier an. Salzburg dagegen ist sehr konservativ und es ist sehr mühsam und langwierig, hier etwas zu verändern. Deshalb habe ich immer wieder das Bedürfnis auszubrechen.

TT: Wie bist du darauf gekommen, dich mit Flüchtlingen zu beschäftigen?

Flo: Schon vor 20 Jahren, als ich mit meiner Familie auf Urlaub gefahren bin, habe ich am Hafen in Patras beobachtet, wie Flüchtlinge versucht haben, unter Lastwagen zu klettern, um auf das Schiff zu kommen, auf dem wir – als die Privilegierten – schon oben waren. Da gab es heftige Szenen, zum Beispiel als ein deutscher Tourist eine volle Wasserflasche auf einen Flüchtling geschmissen hat, um das Schiff zu „verteidigen“. Ich war damals 14 Jahre alt. Das waren meine ersten Erfahrungen – der Flüchtlingsstrom ist in Griechenland ja nicht neu. Auch viele Flüchtlinge, denen ich in Österreich begegnet bin, haben eine Patras-Geschichte.

Zuletzt war ich mit Freunden auf Chios. Weil wir wussten, dass dort viele Flüchtlinge landen, haben wir vor unserer Abreise per eMail und SMS einen Spendenaufruf gestartet. In zwei Wochen haben wir fast 5000 Euro bekommen. Die Lage auf der Insel war extrem chaotisch. Das Lager, in dem sich die Flüchtlinge registrieren lassen mussten, war völlig überfüllt. Neben dem Lager haben Tausende in einem Friedhof campiert, ohne Dach und ohne Wasser. Einmal am Tag ist die Polizei mit einem Catering-Unternehmen gekommen und hat 100 Portionen Essen gebracht, was viel zu wenig und offenbar auch ungenießbar war. Wir sind jeden Tag hingefahren und haben die Leute mit Wasser, Bananen und Hygieneartikeln versorgt.

TT: Können Flüchtlinge mit Zäunen oder Plakaten, auf denen steht „Kommt nicht nach Österreich“ abgeschreckt werden?

Flo: Die Motivation nach Europa zu kommen ist nicht vorbei, trotzdem werden sie aufgehalten, und zwar durch Gewalt. Durch den EU-Türkei-Deal und weil die griechischen Küsten durch NATO-Schiffe bewacht werden, hat sich die Zahl der Ankommenden in Griechenland deutlich verringert. Da das Risiko, aufgehalten zu werden, so groß geworden ist, ist der Preis für die Überfahrt deutlich gesunken, dafür gibt es jetzt Leute, die eine Überfahrt fünf oder sechs Mal probieren. Die Boote landen meist an versteckten und auch gefährlicheren Plätzen. Ich fürchte, es wird dieses Jahr mehr Tote geben als letztes Jahr. Auf jeden Fall machen die Schlepper gute Geschäfte, weil die Menschen wegen der geschlossenen Grenzen auf der Balkanroute neue illegale Wege suchen.

TT: Wie ist die Haltung der griechischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen?

Flo: Auf der einen Seite gibt es die Kultur des Helfens und viel Solidarität vor allem durch linke und anarchistische Gruppen. In Athen sind über 1200 Flüchtlinge in besetzten Häusern untergebracht. So wurde zum Beispiel ein Hotel besetzt, das seit sechs Jahren leergestanden ist. Zahlreiche Menschen beteiligten sich aktiv an der Gestaltung dieser neuen Unterkunft, auch die Flüchtlinge wurden von Anfang an eingebunden. Sogar das ehemalige Hotelpersonal zeigte sich solidarisch, was bemerkenswert ist, da das Inventar den Angestellten als Pfand für den ausstehenden Lohn zugesprochen worden war. Solche Maßnahmen halte ich für legitim und notwendig, weil in der ganzen Stadt Geflüchtete auf den Straßen schlafen müssen. Viele versuchen zu vermeiden, in ein staatliches Lager zu gehen, weil es höchst ungewiss ist, ob sie von dort wieder rauskommen oder ob sie vielleicht abgeschoben werden. Außerdem ist die Versorgung in den meisten Lagern sehr schlecht. Flüchtlinge werden aber immer wieder von Neo-Nazis überfallen, weshalb es für sie sehr gefährlich ist, im Freien zu schlafen.

Auf der Insel Chios war der Rassismus extrem. Als der Hafen eine Woche lang von etwa 500 Flüchtlingen besetzt wurde, die aus dem „Hotspot“ ausgebrochen sind, weil die Bedingungen dort unerträglich waren, sind faschistische Gruppen gekommen, um sie zu vertreiben. Schließlich hat der Bürgermeister die Leute vor die Wahl gestellt, entweder mit der Polizei zu kommen oder bei den Faschisten zu bleiben, woraufhin die Flüchtlinge Unterstützung durch griechische und internationale Aktivist*innen bekommen haben. Diese sind wiederum von der Polizei vom Hafen entfernt und von den faschistischen Gruppen verprügelt worden, sogar eine Benzinbombe ist explodiert. Wegen dieser Bedrohung haben die Flüchtlinge den Hafen verlassen. So einen Terror habe ich auch selbst erlebt, als ich in einem Solidaritätsprojekt mitgearbeitet habe. Im Februar haben wir in einem leerstehenden Haus – mit Einwilligung der Besitzerin – ein Soli-Cafe eingerichtet, in dem jeden Tag Essen für 1000 Flüchtlinge gekocht wurde. Im Keller gab es eine „Free Boutique“ mit Kleidern. Das Projekt war jedoch ein Dorn im Auge der Rechten, weil es eine Willkommenskultur signalisiert hat, die sie ablehnen. Weil es so viele Attacken gegeben hat, mussten wir das Cafe nach drei Monaten zumachen.

TT: Wie ist die Situation in den Flüchtlingslagern?

Flo: In Chios befindet sich ein so genannter „Hotspot“ der EU. Die Menschen waren darin eingesperrt, das Lager wurde von der Polizei bewacht und rundherum war ein Zaun mit Nato-Draht. Es gab viel zu wenig Essen und die medizinische Versorgung war sehr schlecht. Wir haben Essen durch den Zaun durchgereicht, bis wir beschlossen, dass wir ein Lager, in dem die Leute so unmenschlich behandelt werden, nicht mehr unterstützen wollen. Das ist eine extrem schwierige Entscheidung, wenn die Leute dort nichts zu essen haben! Dieselbe Diskussion gab es auch beim UNHCR und bei „Ärzte ohne Grenzen“, welche sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zurückgezogen haben, inzwischen aber wieder aktiv sind.

Weil die Gewalt zunahm und die Situation eskalierte, wurde das Lager für all jene geöffnet, die länger als 25 Tage dort sind. Diese Leute gehen dann zu Fuß in die ungefähr 6 km entfernte Stadt. Um zu verhindern, dass die Flüchtlinge die ganze Zeit hin und her gehen, haben daraufhin lokale Bauern mit ihren Traktoren die Straße blockiert. Die Stadt hat ungefähr 30.000 Einwohner und die Flüchtlinge sitzen überall herum, weil sie weder von der Insel weg können noch Beschäftigung haben. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass es fast jeden Tag zu Schlägereien kommt. Dass die Lage jeden Tag eskaliert, ist aber kein Wunder. Ich glaube, dass so ein Ort ideal für die Rekrutierung von Dschihadisten sein muss, denn die Leute sind verzweifelt und enttäuscht über die unmenschliche Behandlung, die ihnen in Europa widerfährt. Aber auch die Faschisten profitieren davon, dass die Lage völlig außer Kontrolle ist.

Foto: Benjamin Julian

TT: Wer arbeitet in den Solidaritätsprojekten zur Unterstützung der Geflüchteten?

Flo: Nicht nur in Griechenland, sondern entlang der ganzen Balkanroute ist eine große Solidaritätsbewegung entstanden, an der sich Tausende Menschen aus Europa und auch aus außereuropäischen Ländern beteiligen. Ich habe sogar Leute aus Palästina getroffen, die nicht als Flüchtlinge, sondern als solidarische Helfer gekommen sind. Der überwiegende Teil der Bewegung kommt jedoch aus Griechenland selbst.

TT: Wie verhält sich die griechische Polizei?

Flo: Mein Eindruck ist, dass die Polizei sehr schlecht organisiert ist. Es gibt Schikanen, aber als Aktivist hat man nicht allzu viel zu befürchten. Inhaftierte Aktivist*innen kommen meist schnell wieder frei. Im Gegensatz dazu kommt es häufig zu Übergriffen und Brutalität gegen Flüchtlinge. Viele Polizisten sind Anhänger der rechtsradikalen Goldenen Morgenröte, und die sind auch von der Regierung nicht kontrollierbar.

TT: Wie ist die allgemeine wirtschaftliche und politische Situation in Griechenland?

Flo: Es gibt zwar Widerstandsaktionen und Streiks, doch die Menschen sind frustriert, weil ihre Proteste nichts bewirken. Immer mehr machen sich Resignation, Aussichtslosigkeit und Passivität breit. Andererseits gibt es einen großen Grad der Selbstorganisation, was auch den Flüchtlingen zugutekommt. Während der Staat völlig überlastet ist und nichts funktioniert, haben die Leute schon Erfahrungen gesammelt, wie sie sich selbst helfen können. Es gibt solidarische Netzwerke mit Strukturen, die funktionieren. Leerstehende Häuser werden besetzt, es gibt Küchen, die zwei Mal am Tag warmes Essen liefern, sowie Kliniken, in denen Menschen kostenlos behandelt werden. Man kann sagen, es hat sich ein zwar kleines aber funktionierendes Parallelsystem zum Staat herausgebildet. Prinzipiell finde ich es sehr spannend, wenn vom Staat geregelte Strukturen umgeworfen werden, weil ich dadurch zu reflektieren beginne: Wie lebe ich? Was brauche ich? Was ist wichtig für eine Gesellschaft, damit sie funktioniert? Wie kommunizieren wir? Wie organisieren wir unseren Alltag? Natürlich ist das aus meiner Perspektive ein reiner Luxus, weil ich mich eben nicht in einer Notsituation befinde, aber man kann daraus viel lernen und wertvolle Erfahrungen gewinnen.

TT: Was waren deine schönsten und was deine schlimmsten Erlebnisse?

Flo: Die schönsten Momente für mich waren, wenn wir mit den Flüchtlingen Fußball gespielt haben. Fußball ist eine Sprache, die fast alle verstehen. Wenn wir Fußbälle mitgebracht haben, haben sich die Leute immer sehr gefreut und manchmal sogar auf das Essen vergessen. Miteinander Spaß zu haben, ist ein gutes Mittel, einander kennenzulernen und Barrieren zu überwinden. Die schlimmsten Momente habe ich bei der Essensausgabe erlebt. Manchmal gab es so ein Gedränge, dass wir Leute wegschubsen mussten, damit auch Kinder und Frauen etwas bekommen. Als Privilegierter die Macht zu haben, darüber zu bestimmen, wer Essen bekommt und wer nicht, war für mich eine ganz absurde Situation.

TT: Wie du uns eindrücklich geschildert hast, können Notsituationen die besten aber auch die schlechtesten Eigenschaften von Menschen zu Tage befördern. Was können wir der Propaganda der Rechten entgegensetzen?

Flo: Kennenlernen ist, glaube ich, der einzige Mechanismus, um Ängste abzubauen. Leider gibt es zu wenige Möglichkeiten, wo Leute zusammenkommen und einander begegnen können. Deshalb beteilige ich mich an der Organisation des Fußballturniers „Kick against Racism“ in Salzburg. Ziel der Initiative ist es, Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten zusammenzubringen und ihnen die Gelegenheit zu geben, einen Tag oder zwei Tage gemeinsam zu verbringen, sich auszutauschen und Berührungsängste abzubauen.

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veröffentlicht in Talktogether Nr. 57/2016