Schwarz-Österreich: Gespräch mit Doris K. PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Doris K.


TT: Wie war es damals, als sog. Besatzungskind in Österreich aufzuwachsen?

Doris K.: An die Volksschulzeit kann ich mich eigentlich nicht mehr so gut erinnern, mir ist zumindest nichts Negatives im Gedächtnis geblieben. Ich glaube, die Lehrer haben mich nicht anders behandelt als die anderen Kinder. Erst später, in der Hauptschule, wurde ich mit spöttischen Aussagen konfrontiert. Da haben mich ein paar Buben manchmal „Negerin“ oder „Negerweibi“ genannt. Ich glaube aber, dass ich mich immer gut zur Wehr setzen habe können, wenn sie mich geärgert haben. Ich war schon immer eine Kämpferin, deshalb war es für mich nicht so schlimm wie vielleicht für manche andere, von denen ich gehört habe. Ich kann mich aber erinnern, dass ich immer so aussehen wollte wie die anderen, vor allem wollte ich glatte Haare haben. Mein Bruder Hari, der eine dunklere Hautfarbe hat als ich, hat es aber schwieriger gehabt.

TT: Wie hast du dich gewehrt?

Doris K.: Ich habe mich bei meiner Mutter beschwert oder ich bin wild geworden und habe gleich direkt zurückgeschimpft. Ich muss aber dazu sagen, dass ich immer Freundinnen gehabt habe, die zu mir gestanden sind und mich verteidigt haben. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich alleine war oder dass alle gegen mich waren. Ich war immer lustig und sehr direkt, das hat mir geholfen, glaube ich, und so bin ich heute noch.

TT: Wie ist es deiner Mutter ergangen?

Doris K.: Mit meiner Mutter habe ich darüber erst sehr spät geredet. Ihr ist es bestimmt nicht gut gegangen, als sie heimgekommen ist, nachdem mein Vater wieder zurück nach Amerika musste. Ich bin in Stuttgart geboren, wo meine Mutter in einem Krankenhaus als Pflegehelferin gearbeitet hat. Dort hat sie meinen Vater kennen gelernt. Ich glaube, dass es von der Army nicht gern gesehen wurde, wenn die Soldaten Beziehungen mit einheimischen Frauen hatten. Jedenfalls ist er versetzt worden, als ich ein Jahr alt war und meine Mutter mit meinem Bruder schwanger war. Er hat zu ihr gesagt, dass er für sie kein Visum bekommen konnte, hat ihr aber versprochen, sie nachzuholen. Ihr Bruder ist dann gekommen, um sie nach Hause zurückzuholen. Sie konnte im Haus ihrer Mutter leben, wo sie das Wohnrecht hatte. Das hat ihr geholfen. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn sie nichts gehabt hätte. Ich erinnere mich noch, dass wir zunächst alle in einem kleinen Zimmer gewohnt haben, erst als mein Onkel ausgezogen ist, hat meine Mutter die ganze Wohnung mit drei Zimmern bekommen.

Sie hat mir erzählt, dass sie es schon zu spüren bekommen hat und von manchen Männern Schlampe genannt worden ist, aber durch ihr Elternhaus war sie wohl ein bisschen geschützt. Ich muss aber sagen, dass ich nicht wirklich weiß, wie es ihr gegangen ist, leicht hat sie bestimmt nicht gehabt. Bis zur ersten oder zweiten Klasse haben wir als Familie zusammengelebt, doch dann hat sich die Fürsorge eingeschaltet – wir waren Fürsorgekinder, wie es damals geheißen hat. Wenn meine Mutter gearbeitet hat, haben die Großeltern auf mich aufgepasst, aber mein Bruder Hari musste in ein Heim. Er hat sehr darunter gelitten und meine Mutter auch. Sie hat ihn immer am Wochenende und in den Ferien abgeholt, trotzdem musste er bis zu seinem 14. Lebensjahr in verschiedenen Heimen bleiben. Mein Bruder ist heuer 60 Jahre alt geworden und leidet schon seit 40 Jahren unter Schizophrenie. Als mein Bruder krank geworden ist, hat meine Mutter sehr viele Schuldgefühle gehabt.

TT: Warum musste dein Bruder ins Heim?

Doris K.: Meine Mutter hat ja immer arbeiten müssen, und die Großeltern haben eine kleine Wirtschaft gehabt und konnten deshalb wahrscheinlich nicht auf uns beide aufpassen. Ich kann mich erinnern, dass wir uns immer gefürchtet haben, wenn die Fürsorge gekommen ist, und dass sie immer mit dem Heim gedroht haben, auch mir. Als ich mit 14 Jahren einmal gesehen wurde, wie ich mich mit paar Burschen unterhalten habe, haben sie es innerhalb einer Stunde erfahren, ich weiß nicht, wer es ihnen erzählt hat. Ich habe immer vor ihnen Angst gehabt.

TT: Wie ist es deinem Vater gegangen?

Doris K.: Ich habe gehört, dass er eine Frau gefunden hat, die schon drei Kinder gehabt hat. Die hat er dann geheiratet und mit ihr noch einmal drei Kinder bekommen. Mit zwei von meinen Halbbrüdern habe ich heute über Facebook Kontakt. Ich habe immer gewusst, dass es sie gibt, denn mein Vater hat der Mutti unregelmäßig Briefe geschrieben. Er hat mir auch manchmal zum Geburtstag gratuliert und ein bisschen Geld geschickt. Viel hat er selber nicht gehabt, er war Berufssoldat und Musiker – er hat in einer Army-Band Trompete gespielt. Ich war immer informiert, wo er war und habe auch Fotos von ihm gehabt, persönlich getroffen habe ich ihn aber nie. Ich habe eine Zeit gehabt, da wollte ich ihn unbedingt kennen lernen, aber es hat auch Zeiten gegeben, da habe ich Zorn verspürt, dass er uns im Stich gelassen hat. Die Mutti hat aber nie über ihn geschimpft. 1991 ist er gestorben. Nach Österreich ist er nie gekommen.

TT: Gab es auch positive Erfahrungen?

Doris K.: Ja, es gab auch viele positive Erfahrungen. Mein Bruder und ich, wir haben beide Musik gemacht und sind sogar einmal gemeinsam aufgetreten. Die Band, in der ich gespielt habe, hat ihn als Showeinlage eingebaut, und er hat Jimi-Hendrix Stücke gespielt. Alle sind aufgestanden, es gab Standing Ovations, darüber habe ich mich sehr gefreut.

TT: Kanntest du damals andere „Besatzungskinder“, mit denen du Erfahrungen austauschen konntest?

Doris K: Nein. Ich weiß nur, dass die Mutti ein Foto gehabt hat, das ihr die Großmutter von zwei „gemischten“ Enkeln einmal geschickt hat. Ich glaube, sie haben in der Nähe von Salzburg gewohnt. In Salzburg war ja – wie auch in Stuttgart – ein US-Stützpunkt, doch das habe ich erst später erfahren. Aber leider haben wir die Adresse verloren und ich habe diese Kinder nie getroffen, obwohl ich schon ein starkes Bedürfnis gehabt hätte, Kontakt mit anderen Kindern in meiner Situation zu haben. Damals – ohne Internet – war es nicht so einfach, etwas herauszufinden. Doch später habe ich begonnen, im Internet zu recherchieren und habe nach „Brown Babies“ gesucht, wie man Kinder wie uns damals nannte, aber leider ohne Erfolg.

TT: Wenn du die Zeit damals mit heute vergleichst, gibt es Ähnlichkeiten? Was hat sich verändert?

Doris K: Wenn ich in meiner Jugendzeit irgendwo eine Ansammlung von Burschen bemerkt habe, habe ich Panik bekommen und die Straße gewechselt. Denn, wenn einer einmal angefangen hat mit: „Schau, eine Negerin!“ haben die anderen mitgemacht. Ich habe lange gebraucht, diese Angst zu überwinden. Doch so etwas kenne ich heute nicht mehr. Im Gegenteil. Wenn jemand sagt, ich sehe gar nicht so aus wie die Tochter eines Schwarzen, dann ärgere ich mich darüber. Ich bin selbstbewusster und stolz auf mich und mein Aussehen.

Die Ängste haben sich gelegt, als ich geheiratet habe. Ich war noch sehr jung – ich habe meine Tochter mit 17 gekriegt. Dann habe ich auch eine Band gegründet und durch das Singen habe ich Selbstbewusstsein gewonnen. Bis auf einen Lehrer, der mich an den Haaren gerissen und mich beschimpft hat, habe ich aber keinen extremen Rassismus erlebt. Dieser Lehrer hat mich sehr beleidigt und traurig gemacht, wegen ihm ist meine Mutter sogar in die Schule gekommen. Ich weiß bis heute nicht, ob er sich jemals entschuldigt hat – er lebt heute noch.

Ich denke, dass es in vielen Dingen heute besser geworden ist. Heute gibt es viel mehr Menschen aus allen Teilen der Welt hier und keiner dreht sich mehr wegen eines dunkelhäutigen Menschen um. Damals waren Hari und ich ja die einzigen weit und breit.

TT: Wie war es damals bei der Arbeitssuche?

Doris K: Ich muss leider sagen, dass ich keinen Beruf erlernt habe. Ich wollte gerne Friseurin werden, doch eine Freundin hat dann in einer Fabrik zu arbeiten begonnen und davon geschwärmt, wie viel sie verdient hat. Bei uns war das Geld damals immer sehr knapp, deshalb bin ich auch in die Fabrik gegangen. Doch dort war ich nicht lange, weil ich dann meinen Mann kennen gelernt habe und bald schwanger geworden bin. Bei der Arbeit in der Fabrik habe ich keine Probleme gehabt. Ich bin immer auf die Leute zugegangen und habe mit ihnen geredet, deshalb haben sie mich akzeptiert.

TT: Kannst du dich in die Lage von Migranten und Migrantinnen hineinversetzen, die heute mit Ausgrenzung und Rassismus konfrontiert sind?

Doris K: Ja, sicher. Ich habe 17 Jahre lang in einem Kindergarten als Betreuerin gearbeitet, und da haben wir auch Kinder von Migrantenfamilien gehabt, auch farbige Kinder. Die sind immer gern zu mir gekommen. Aber ich lebe in einer sehr ländlichen Gegend, da gibt es wenig solche Probleme. Es war dort immer recht friedlich und ist es immer noch.

TT: Wie hast du das Ausstellungsprojekt „Schwarz Österreich“ gefunden? Was hat es bei dir bewirkt?

Doris K: Ich bin zufällig bei einer Geburtstagsfeier vom Bekannten einer Freundin angesprochen worden. Die Freundin hat mich danach angerufen und mir erzählt, dass es eine Studie über Besatzungskinder gibt, und mich gefragt, ob ich interessiert sei. Ich habe sofort zugesagt. Dann sind ein Mann und eine Frau gekommen und haben mich interviewt. Als sie mir mitgeteilt haben, dass sie ein Treffen geplant haben, war ich ziemlich aufgeregt. Ich war dann bei der Ausstellungseröffnung dabei, da waren 600 Leute anwesend. Dort war aber so ein Gedränge, dass ich nur mit einer Frau, die neben mir gestanden ist, ins Gespräch gekommen bin. Helmut Köglberger habe ich nur von weitem gesehen. Aber beim Treffen habe ich das erste Mal die Möglichkeit gehabt, andere Besatzungskinder näher kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, und Telefonnummern auszutauschen. Das habe ich als sehr schön empfunden.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 57/2016