Schwarz-Österreich: Die Kinder der Befreiungssoldaten PDF Drucken E-Mail

Schwarz, aber Österreicher!

Das Schicksal der Kinder von Befreiungssoldaten

von Warsame A. Amalle


Kinder afro-amerikanischer Soldaten in St. Jakob (Ausstellung Schwarz-Österreich)

Besatzungskinder nennt man sie, aber in Wirklichkeit sind ihre Väter nicht nach Österreich und Deutschland gekommen, um diese Länder zu besetzen, sondern um sie von der Nazi-Herrschaft zu befreien. Soldaten aus Frankreich, der Sowjetunion, Großbritannien und den USA marschierten in Deutschland und Österreich ein und beendeten damit den Zweiten Weltkrieg. Die Kinder von schwarzen Amerikanern fielen wegen ihrer Hautfarbe mehr auf als franzosische, russische oder britische Kinder. Die österreichischen Frauen, die diese Soldaten kennen lernten und mit ihnen Kinder hatten, hatten nicht viel zum Lachen. Als die Väter zurückmussten, durften sie ihre Frauen und Kinder meist nicht mitnehmen, weil es ihnen die Militärgesetze nicht erlaubten. Wenn die Soldaten aus den Südstaaten stammten, unterlagen sie zudem den Rassetrennungsgesetzen, und es war ihnen verboten, eine weiße Frau zu heiraten. Die Republik Österreich war auch nicht in der Lage zu sagen, dass es in Österreich keine Rassentrennung gebe, und dass sie, wenn sie sich lieben, heiraten dürfen.

Auch wenn diese Beziehungen meistens nicht lange dauerten, waren sie schmerzhaft für alle Beteiligten. Die Männer mussten ihre Kinder und ihre Frauen oder Freundinnen unfreiwillig verlassen. Die Kinder und ihre Mütter blieben schutzlos zurück und müssen tagtäglich Beschimpfungen und Erniedrigungen erdulden. Sie mussten in einer Gesellschaft aufwachsen, die mehrheitlich gegen sie eingestellt war. Doch mit der Zeit lernten sie sich zu wehren und nach vorne zu schauen. „Wenn mich die Buben in meiner Klasse hin und wieder beschimpft haben, bekamen sie es am eigenen Leib zu spüren“, erzählt eine Salzburgerin. „Warte, ich hole dich in der Pause, warnte ich sie, und dann war wieder alles in Ordnung“.

Als diese Kinder ihre Väter brauchten, waren sie meist nicht mehr da. Sie mussten sich ohne ihre Väter oder sogar teilweise ohne Mütter durchschlagen. Die Mütter hatten auch keinen guten Ruf in ihrem Umfeld, und so wurden oft mit einem bösen Blick oder einer beleidigenden Aussage die Seelen von zwei Menschen gleichzeitig verletzt. Heute, nach so vielen Jahren, wo diese Menschen keine Kinder mehr sondern Pensionisten und Pensionistinnen sind, erzählen sie, wie sie aufgewachsen sind und welche Erfahrung sie gemacht haben.

Wo und wie diese Kinder aufgewachsen sind – ob sie in einem Heim waren oder mit der leiblichen Mutter aufgewachsen sind – unterscheidet ihre Erfahrungen, doch ihr Schicksal ist durch die gemeinsame Hautfarbe verbunden. Manche Mütter haben ihre Kinder zur Adoption freigegeben, so haben sie weder ihren leiblichen Vater noch ihre leibliche Mutter kennen gelernt. Andere haben in Heimen gewohnt und die Mutter hat sie hin und wieder besucht, einige von ihnen lebten bei ihren Großeltern. Manche von ihnen kannten ihre Väter nur aus dem Fotoalbum, von Briefen, aus kurzen Telefongesprächen oder nicht einmal das.

„Ich habe mich als Hausbesorgerin in einem Gemeindebau beworben, doch wegen meiner Hautfarbe hat man mich abgelehnt. Dann schrieb ich einen Brief an den ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Ich erhielt eine Antwort und kurz danach bekam ich die Stelle“, erzählt Christine aus Wien. „Genossen schlugen vor, dass ich Bezirksvorsteherin der SPÖ werde. Aber manche Genossen lehnten mich wegen meiner Hautfarbe ab. Aber einer setzte sich für mich ein und sagte: ‚Sie ist doch ein Kind unseres Bezirkes!‘ So bin ich Bezirksvorsteherin geworden“.

Einer von diesen Kindern war Helmut Köglberger, einer der besten Fußballspieler Österreichs. Die Zuschauer haben sich nicht für seine Hautfarbe interessiert, sondern sie wollten sein Dribbeln sehen, und wie der Ball durch seinen Schuss ins Netz ging. Er musste jedoch immer kämpfen und beweisen, dass er nicht schlechter war als die anderen. Durch seine Teamfähigkeit und Leistung hat er sich Respekt verdient. "Der Fußball war mein Rettungsring. Auf dem Platz spielte meine Hautfarbe keine Rolle - und kicken, das konnte ich", erinnert sich der heute 68-Jährige, der auf eine Karriere mit 28 Einsätzen in der österreichischen Nationalmannschaft zurückblicken kann und vom LASK als "Jahrhundertspieler" geehrt wurde.

Die Hürden, die ihm im Weg standen, waren hoch, aber seine Wille war stärker, uns so erreichte er durch sein Talent, seine Schnelligkeit, seine Fairness und seinen Teamgeist den Erfolg. Heli, der als „Schwarze Perle“ bekannt war, erzählte: „Wenn ich da war, traute sich keiner etwas zu sagen, und wenn ich nicht da war, gab es ein paar, die das Maul aufmachten, doch das war mir dann egal.“ Mit dreizehn Toren für den LASK und neun Treffern für die Wiener Austria wurde Helmut Köglberger 1975 vor Krankl Schützenkönig.

Rassismus damals und heute

Wer die Ausstellung Schwarz-Österreich besucht, wird erfahren, welche Erfahrung diese Kinder und deren Mütter durchmachen mussten und es leider oft heute noch müssen. Eine Großmutter erzählt: „Ich bin mit meiner Enkeln mit der Straßenbahn gefahren. Doch dann stieg ein Idiot ein, der meine Enkelin anstarrte und sagte: „Schau, ein Negerkind!“ Ich forderte ihn auf, den Mund zu halten, weil er keine Ahnung habe, was er da sagt. Darauf erwiderte er: ‚Ich habe ja gemeint, wie schön das Negerkind ist, ist das denn schlimm’? Da blieb uns nicht anders übrig außer bei der nächsten Haltstelle auszusteigen. Sollen wir immer wieder die Straßenbahnen wechseln?“

Als „Schwarzösterreicher“ der neuen Generation frage ich mich manchmal, ob es für mich besser gewesen wäre, wenn ich bereits als Kind nach Österreich gekommen wäre, denn dann hätte ich die deutsche Sprache besser und schneller gelernt. Aber wenn ich etwas über den Rassismus erfahre, dem Kinder mit dunkler Hautfarbe in der Schule oder in der Straßenbahn ausgesetzt waren, dann beneide ich sie nicht. Ich bewundere es, wie sie in der damaligen Zeit überlebten und manche von ihnen sogar Karriere machten.

In der heutigen Zeit, in der die Welt zwar durch die Globalisierung kleiner ist, ist die verbale und manchmal sogar tätliche Gewalt des Rassismus noch immer deutlich spürbar, wie die nachfolgende Erzählung von Idris beweist:

„Ich habe gerade mit meiner Freundin das Tanzlokal verlassen. Wir wollten die letzte U-Bahn nicht verpassen und rannten nebeneinander zur U-Bahn-Station, als uns zwei Männer entgegenkamen. Ich bemerkte an ihrem Gang, dass sie betrunken waren. Als sie mich sahen und bemerkten, dass ich schwarz bin, schrie einer: ‚Du, schau dir den Neger mit einer Österreicherin an!‘ Der andere schaute uns an und sagte darauf: ‚Rassenschande, die Schlampe, Negerhure …“ und so weiter. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles verstanden habe, daher wollte ich es ignorieren und weitergehen.

Aber meine Freundin, die Löwin aus Wien, ließ sich das nicht gefallen. Sie warf den beiden ihre Handtasche nach und traf den einen, der uns beschimpft hatte, auf der Brust. Dieser bückte sich und schrie, dann drehte er sich um und lief weg. Auch der zweite flüchtete, aber schon bekam auch er von ihr einen Schuh auf dem Rücken verpasst. Da lief er noch schneller, aber weil sie betrunken waren, war sie schneller. Sie packte einen von ihnen am T-Shirt vom Rücken, so dass er auf den Boden fiel. Der zweite versuchte, seinem Freund zu Hilfe zu kommen, aber als er mich mit der Tasche und dem Schuh in der Hand sah, drehte er sich um und floh.

Sie schlug ihn nicht, aber sie stand über ihm und wiederholte immer wieder: ‚Sag noch einmal, was du gesagt hast, sag doch was du, Nazi…‘ Wütend forderte sie mich auf: ‚Sag doch du auch einmal was!‘ Der machtlose Mann sah mich bittend an. Dann sagte ich zu ihr: ‚Lass ihn bitte gehen. Du hast ihm seine Grenze gezeigt’. ‚Hast du nicht gehört, was er uns gesagt hat? Du hast es nicht verstanden oder?‘ ‚Doch, er hat uns beschimpft, das weiß ich, aber sollten wir ihn schlagen oder warten, bis die Polizei kommt?‘ Während wir diskutierten, wollte er sich wegschleichen, aber sie bemerkte es und rief mit wütender und lauter Stimme: ‚Beweg dich nicht, sonst breche ich dir alle Knochen.“ Da war er ruhig. Ich gab ihr die Tasche und ihren Schuh zurück und bat sie noch einmal: ‚Lass uns gehen!‘ Sie spuckte ihn an und wir gingen.“

Ich glaube, dass viele Mütter vor 60 oder 70 Jahren solche Erfahrung gemacht haben, ob sie sich und ihre Kinder wehren konnten, hing wahrscheinlich von ihren Persönlichkeien ab. Aber bei dieser Begegnung war meine Anwesenheit der Grund für den Streit, gleichzeitig konnte ich meiner Begleiterin beistehen, und das war auch sehr wichtig. Wie wäre es ihr ergangen, wenn sie allein mit einem Kind gewesen wäre?


veröffentlicht in Talktogether Nr. 57/2016