Gespräch mit Dr. Asma Ismaelzada, Frauenärztin aus Afghanistan PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Dr. Asma Ismaelzada,

Frauenärztin aus Afghanistan


TT: Du bist in Afghanistan Ärztin gewesen. Wie war deine Ausbildung?

Asma: Nach neun Jahren Grundschule habe ich drei Jahre lang eine Höhere Schule besucht. Die habe ich mit der Matura abgeschlossen und gute Noten bekommen. Dann habe ich mein Studium auf der Medizinischen Universität begonnen. Das Studium dauert normalerweise sieben Jahre, doch bei mir waren es zehn, weil ich wegen des Krieges mein Studium unterbrechen musste. Wir durften zwar im Krankenhaus arbeiten, es gab aber keinen Unterricht. Erst nach drei Jahren konnte ich mein Studium fortsetzen.

TT: Warum hast du dich für den Beruf Ärztin entschieden?

Asma: Schon als Kind ist es mein Wunsch gewesen, Ärztin zu werden. Ich habe immer Ärztin gespielt und meine Puppen untersucht. Wir haben in einem großen Haus zusammen mit der ganzen Familie – meinen Onkeln und Tanten und ihren Kindern – gewohnt. Wenn meine Cousins und Cousinen zum Spielen gekommen sind, mussten sie meine Patienten spielen und sich von mir untersuchen und behandeln lassen.

TT: Wie ist die Bildungssituation in Afghanistan? Haben alle Kinder die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen?

Asma: Nein, leider nicht. Vor allem in den abgelegenen Dörfern ist es sehr schwierig. Dort gibt es keine Schulen und die Kinder müssen einen sehr langen Weg zurücklegen, um Lesen und Schreiben lernen zu können. Nur Burschen wird das erlaubt, die Mädchen müssen zu Hause bleiben und ihrem Müttern bei der Hausarbeit helfen. Aber auch nicht einmal alle Buben haben die Möglichkeit, zur Schule gehen.

TT: War das schon immer so oder war es früher besser? Wie war die Situation in den 1970er Jahren?

Asma: Aus den Erzählungen meiner Eltern weiß ich, dass junge Menschen damals mehr Chancen auf Bildung hatten. Höhere Schulen gab es zwar auch nur in den größeren Städten, deshalb sind viele Menschen vom Land in die Städte gezogen, um ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Wenn sie gute Noten hatten, konnten sie ein Stipendium für ein Studium bekommen, viele haben auch im Ausland studiert, in Europa, in Indien, in der Türkei, in Russland oder in anderen Ländern der damaligen Sowjetunion.

Zum Glück gibt es jetzt auch wieder Auslandstipendien, vor allem für die USA. Ich kenne viele junge Leute, die in Amerika oder Großbritannien studieren. Viele gehen nach wie vor nach Indien, weil das Leben dort billiger ist. Es gibt jetzt auch viele private Bildungseinrichtungen in Afghanistan. Dort muss man zwar Gebühren bezahlen, doch die Familien müssen nur einen Teil der Studiengebühren aufbringen, der Rest wird von NGOs finanziert, die es jetzt in großer Zahl in Afghanistan gibt.

TT: Warum war es dir wichtig, Frauenärztin zu werden?

Asma: Leider sind die Frauen in Afghanistan sehr benachteiligt. Sie können ihre eigenen Wünsche nicht verwirklichen, sie müssen sich immer unterordnen und tun, was ihr Mann oder ihre Eltern von ihnen verlangen. Das hat mich immer sehr berührt. Schon in der Schule habe ich Gedichte über das Leben der afghanischen Frauen geschrieben. Ich war jedoch immer überzeugt davon, dass Frauen es schaffen können, ein selbständiges Leben zu führen, wenn sie Unterstützung bekommen. Aber vor allem in den Dörfern gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, Hilfe zu finden. Ich habe mich entschieden, Frauenärztin zu werden, weil ich wusste, dass die Frauen mich brauchen. Zuerst habe ich ein paar Jahre als Gynäkologin in einem Krankenhaus gearbeitet, danach in einem Projekt der US-amerika-nischen Botschaft, das zum Ziel hatte, die Position der Frauen auf dem Land zu stärken.

TT: Wie hat diese Arbeit ausgesehen?

Asma: Wir sind in die Dörfer gefahren und haben dort Informationsveranstaltungen für Frauen organisiert. Die Frauen wurden vor der Geburt, bei der Geburt und danach beraten und betreut. Wenn wir in ein Dorf gekommen sind, haben wir einen Raum gesucht, entweder bei einer wohlhabenden Familie, die ein großes Haus hatte, in einer Schule oder einer Moschee. Dann haben wir zuerst mit den Männern gesprochen und versucht, sie zu überzeugen, ihren Frauen zu erlauben, für zwei oder drei Stunden zu uns zu kommen. Manchmal ist es uns gelungen, oft aber auch nicht. Deshalb haben wir auch junge Frauen ausgebildet, die jene Frauen zu Hause besucht haben, die nicht aus dem Haus gehen durften. Viele Männer in Afghanistan haben ja selbst keine Bildung und sind unwissend. Wenn eine Frau krank ist oder Schmerzen hat und ihn bittet, sie ins Krankenhaus zu bringen, kauft er die Medikamente einfach auf dem Markt und bringt sie am Abend nach Hause. In Afghanistan kann man Medikamente auch ohne Rezept kaufen, was aber ohne ärztliche Untersuchung natürlich sehr problematisch sein kann.

TT: Was sagt die Familie der Frau dazu, wenn sie von ihrem Mann schlecht behandelt wird? Kommt sie ihr nicht zu Hilfe?

Asma: Wenn ein Mann seiner Frau verbietet, aus dem Haus zu gehen und ihre Eltern zu besuchen, wissen diese ja gar nicht, wie es ihr geht und ob sie Probleme hat. In der Stadt können sie sie vielleicht besuchen kommen und nachschauen, aber in den Dörfern ist das oft nicht der Fall.

TT: Du hast auch erzählt, dass Geburtenkontrolle ein wichtiges Thema deiner Arbeit war ...

Asma: In Afghanistan werden die Frauen oft sehr früh verheiratet. Sie bekommen dann ein Kind nach dem anderen. Ich erinnere mich an eine junge Frau, die mit 13 Jahren verheiratet wurde und mit 21 Jahren bereits sieben Kinder hatte. Wenn die Frauen dann geschwächt und körperlich erschöpft sind, nimmt der Mann sich einfach eine Jüngere! Deshalb waren wir in den Dörfern unterwegs, um die Männer aufzuklären, dass es auch für sie Vorteile bringt, wenn ihre Frauen nicht so viele Kinder bekommen. Erst wenn wir sie davon überzeugen konnten, haben sie uns erlaubt, mit ihren Frauen zu sprechen.

Familienplanung war aber nur ein Teil des Projekts. Wir haben die Frauen auch dabei unterstützt, durch ein eigenes Einkommen unabhängiger zu werden. Die afghanischen Frauen sind handwerklich sehr geschickt. Sie können beispielsweise Teppiche weben oder Schmuck anfertigen. Wir haben den Frauen Material zur Verfügung gestellt, und sie haben ihre Nachbarinnen gefragt, ob sie Lust haben, mitzuarbeiten. Dann haben sie in Gruppen von 10-20 Frauen zusammengearbeitet und sich gegenseitig unterstützt und ausgebildet. Die Produkte wurden in den von der ISAF betriebenen und anderen Geschäften zum Verkauf angeboten. Wir haben die Frauen aber auch dabei unterstützt, Gärten anzulegen und Gemüse anzubauen.

Ein weiteres Thema war die Bildung. In den zentraler gelegenen Regionen haben wir Englisch- und Computer- und andere Kurse angeboten, in den Dörfern waren es Alphabetisierungskurse. Die Frauen haben sich sehr darüber gefreut und waren total motiviert. Sie haben ihre Kinder auf dem Arm gehalten und gesagt: Bitte bleib ruhig, ich möchte lesen! Sie haben so viel Lust zum Lernen gehabt! Die Frauen haben viele Wünsche. So wie ich mir als Kind gewünscht habe, Ärztin zu werden, haben viele von ihnen den Wunsch, den Koran selbst lesen zu können. Die Männer berufen sich ja immer auf den Koran und sagen: Im Koran steht, die Frauen müssen zu Hause bleiben, sie dürfen ihrem Mann nicht in die Augen schauen oder ihm widersprechen. Die Frauen sagten zu mir: „Wir wollen selber lesen, wo es geschrieben steht, dass mein Mann mich immer schlagen darf!“ Sie haben auch den Wunsch gehabt, dass ihre Töchter in die Schule gehen und sie ihnen beim Lernen helfen können. Frauen denken ja immer an ihre Kinder!

TT: Diese Arbeit war aber auch der Grund, warum du dein Land verlassen musstest. Was ist passiert?

Asma: Vielen Männern hat es überhaupt nicht gefallen, dass ich den Frauen erzählt habe, dass sie nicht jedes Jahr ein Kind bekommen müssen und dass sie ihr eigenes Geld verdienen können. Sie dachten, unser Projekt sei gegen Männer gerichtet. Viele Dörfer sind außerdem von den Taliban kontrolliert. Eines Tages habe ich von denen einen Brief erhalten, in dem sie mich mit dem Tod bedrohten, wenn ich meine Arbeit nicht sofort beenden würde. Sie haben den Brief einfach unter der Wohnungstüre durchgeschoben, zuerst dachte ich, es sei die Stromrechnung. Nachdem ich ihn zusammen mit meinem Mann gelesen hatte, bin ich gleich zur Regierung gegangen. Die Beamten dort haben aber nur gemeint, wenn ich von den Amerikanern so viele Dollars bekäme, könne ich mir ja einen Leibwächter nehmen. Ich habe dann auch mit meinem Chef geredet, der mir daraufhin einen Chauffeur zur Verfügung gestellt hat. Doch meine Arbeit wollte nicht ich aufgeben, weil ich wusste, dass die Frauen in den Dörfern auf mich warteten.

Zwei Monate später ist dann wieder ein Brief eingetroffen mit der unmissverständlichen Botschaft: „Weil du nicht auf uns gehört hast, werden wir dich und deine Kinder umbringen.“ Kurz davor war eine Bombe in einem Regierungsgebäude explodiert. Ich dachte: Wenn sie nicht einmal dort sicher sind, wer kann mich und meine Kinder schützen? Mein Schwager, der als Armeechef an der Grenze stationiert war und dort ein paar Schmuggler verhaftet hatte, die Waffen aus Pakistan über die Grenze transportierten, hatte auch so einen Drohbrief bekommen. Weil er sich davon nicht einschüchtern ließ, sind sie in seine Wohnung geschlichen und haben ihn im Schlaf erschossen. Darum hat mich dieser Brief in Panik versetzt.

Weil mein Mann gerade auf einer Geschäftsreise war, war ich mit den Kindern allein. Ich habe sie aufgeweckt, hastig alle Dokumente sowie alles Geld und Gold, das ich im Haus gefunden habe, zusammengesucht und ein Auto gerufen. Ich wusste aber nicht, wohin ich fahren sollte. Zu meinen Eltern wollte ich nicht, weil ich fürchtete, dass sie mich auch dort finden würden. So entschloss ich mich, zu einer Freundin, einer Kollegin aus dem Krankenhaus, zu fahren. Die hat sofort einen Schlepper kontaktiert. Ohne vorher meinen Mann informieren zu können, wurde ich zusammen mit meinen Kindern und einer anderen Familie in einem Auto nach Tadschikistan gebracht. Von dort aus bin ich mit dem Bus und zu Fuß weiter, bis ich nach einigen Wochen und vielen Schwierigkeiten in Europa ankam.

TT: Du hast in Afghanistan als Ärztin gearbeitet, jetzt arbeitest du mit jugendlichen Asylwerbern. Welche Arbeit liegt die mehr am Herzen?

Asma: Die Frauen in meiner Heimat haben meine Hilfe benötigt. Ich möchte auch in Österreich gern als Ärztin arbeiten, und bereite mich auf die Zulassungsprüfung vor. Momentan benötigen aber die Flüchtlinge meine Hilfe mehr. Für mich ist es nicht wichtig, woher die Burschen kommen, sie sind alle Flüchtlinge. Ich weiß, warum sie ihre Heimat verlassen mussten, weil ich es selbst erfahren habe. Wegen der traumatischen Erlebnisse, der langen Flucht und der Unsicherheit leiden viele unter Stress und Depressionen. Weil sie schon so lange auf den Asylbescheid warten, sind sie ungeduldig. Ich rede ihnen immer gut zu und erkläre ihnen, dass sie Geduld haben müssen.

Viele Menschen hier sind der Meinung, dass die Leute nur wegen Geld oder Arbeit nach Europa kommen. Ich habe einen guten Beruf in Afghanistan gehabt und gut verdient. Wenn ich Sicherheit gehabt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mein Land zu verlassen. Doch seit 40 Jahren herrscht dort Krieg, und immer wieder taucht ein neues Problem auf. Zusätzlich zu den Taliban ist jetzt auch Daesh (IS) in Afghanistan. Welche Zukunft haben meine Kinder dort? Afghanistan ist reich an Bodenschätzen, es gibt Edelsteine, Gold und Kupfer. Das Land hätte viel Potenzial, doch die Politiker sind nur daran interessiert, möglichst viel Geld in die eigene Tasche zu stecken. Sie arbeiten mit ausländischen Unternehmen zusammen, um die Reichtümer des Landes ins Ausland transferieren, tun aber nichts, um das Land aufzubauen, sondern warten einfach nur darauf, dass die Hilfsorganisationen und NGOs diese Aufgaben erledigen.

TT: Die jungen Männer kommen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Marokko, Somalia oder Pakistan … Manche meinen, dass sie keinen Respekt vor Frauen haben. Wie erlebst du das?

Asma: Nein, das ist ganz falsch. Die Burschen begegnen mir immer sehr respektvoll und hören auf mich. Sie nennen mich Tante, das ist in unserer Kultur gegenüber älteren Personen so üblich. Sie sind aber lange weg von ihren Eltern, und manche denken vielleicht auch, hier ist Europa, hier kann ich tun, was ich will. Ich denke, dass es deshalb sehr wichtig wäre, dass die Jugendlichen hier Bezugspersonen haben, die ihre Kultur kennen und ihnen in ihrer Muttersprache erklären können, was hier anders ist, und ihnen Orientierung geben können.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 56/2016