Der Kampf für die Frauenrechte: Unterschiede und Gemeinsamkeiten PDF Drucken E-Mail


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Der Kampf für die Frauenrechte -

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Am 19. März 1911 gingen in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA über eine Million Frauen auf die Straßen und brachten ihre Forderungen zum Ausdruck: Das Frauenwahlrecht, der Kampf gegen die Kriegsgefahr, die steigenden Lebensmittelpreise und vor allem das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit und gewerkschaftliche Organisierung. 1921 wurde der Internationale Frauentag auf den 8. März festgelegt, das Datum erinnert an die Streiks der Textilarbeiterinnen in den USA und in St. Petersburg.

Der internationale Frauentag wird als ein Tag der Frauenbewegung angesehen, auch wenn es nie eine einheitliche Frauenbewegung gegeben hat, sondern unterschiedliche Frauenbewegungen, die sich oft ergänzt haben, manchmal aber auch in Widerspruch zueinander gestanden sind. So stand etwa für die so genannten Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht kämpften, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Vordergrund, während für schwarze Frauen in den USA der Kampf gegen die Rassendiskriminierung eine übergeordnete Bedeutung einnahm. Auch die sozialistische Frauenbewegung, in deren Tradition der internationale Frauentag steht, hatte ein höheres Ziel, nämlich den Kampf für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Doch auch die Frauen in der sozialistischen Bewegung mussten oft hartnäckig darum kämpfen, ihre eigenen, frauenspezifischen Forderungen gegen die Männer durchzusetzen.

Im Zuge der politischen Aufbruchstimmung in den 1960er und 1970er Jahren entstand dann die so genannte Zweite Frauenbewegung, die mit dem Slogan „Das Private ist Politisch“ die Geschlechterfrage aus der Unsichtbarkeit der Privatsphäre herausholte und darauf hinwies, dass die Ungleichheit zwischen Mann und Frau der Ausdruck eines tief verwurzelten, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassenden Herrschaftssystems sind.

Die Frauenbewegungen haben viel erreicht. Man könnte sagen, dass das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Frauenrechte ist. Frauen sind heute ökonomisch unabhängiger, haben mehr Selbstbewusstsein und bessere berufliche Chancen, sie sind rechtlich den Männern gleichgestellt. Ein uneheliches Kind ist heute in Europa keine Schande mehr, und Scheidungen stürzen Frauen nicht mehr in Existenznot. Auf internationaler Ebene ist es gelungen, Frauenthemen und Frauenrechte auf die Agenda der Vereinten Nationen zu setzen. Das Recht auf Schutz vor Gewalt und Diskriminierung sowie das Recht auf individuelle Freiheit und Eigentum wurden in der Gesetzgebung der meisten Länder festgeschrieben. Selbst erzkonservative Länder wie Saudi-Arabien können die Frauenrechte nicht mehr ausblenden.

Rechte sind nicht für alle gleich

Doch was nützen all diese Rechte den Frauen, wenn sie ihnen nicht ermöglichen, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, weil sie in einem zutiefst ausbeuterischen System mit einer höchst ungerechten Arbeitsteilung leben? Wenn Armut, Krieg und Gewalt ihre Chancen aushöhlen, in den Genuss dieser Rechte zu kommen? Während Feministinnen aus dem Norden oft die gemeinsame Geschlechteridentität in den Vordergrund stellen, hat für Frauen aus dem Süden der Kampf gegen die soziale Ungleichheit, die ungerechte Weltwirtschaftsordnung und den Imperialismus größere Bedeutung. Dies brachte die bolivianische Arbeiterführerin Domitila Barrios de Chúngara auf der Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko zum Ausdruck, als sie eine Frau aus der Oberschicht ansprach: „Sagen Sie mir bitte, Señora, hat Ihre Lage Ähnlichkeit mit der meinen? Über welche Gleichheit werden wir reden?“


Die bolivianische Arbeiterführerin Domitila Barrios de Chúngara

Frauen als Wachstumsmotor?

2006 verkündete die Wirtschaftszeitung The Economist: „Das Wirtschaftswachstum wird von Frauen vorangetrieben“. Die institutionalisierte Gleichstellungspolitik und globale Umstrukturierungen haben traditionelle Geschlechterrollen aufgebrochen und Frauen in verschiedenen Ländern und Kulturen neue Handlungsmöglichkeiten ermöglicht. Während mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert wurden, gerieten aber gleichzeitig soziale und wirtschaftliche Rechte durch die global verschärfte Konkurrenz und das Spardiktat im öffentlichen Sektor unter Druck. Gewerkschaften ist es nicht gelungen, die Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse zu verhindern. Nach der globalen Wirtschaftskrise 2008/2009 wurde sogar behauptet, dass die Frauen die Gewinnerinnen seien, weil mehr Männer als Frauen ihre Jobs verloren haben. Was aber hat die Kassiererin im Supermarkt gewonnen, die auf Abruf einsatzbereit sein muss, oder die Arbeiterin in der Reinigungsfirma, die unter dem Druck steht, immer mehr Räume in immer kürzerer Zeit zu putzen? Zählt auch die illegalisierte Migrantin aus Moldawien, die ihre eigenen Kinder verlassen hat, um den Haushalt von Karrierefrauen in Italien oder Österreich zu führen, zu den Gewinnerinnen? Oder die Pflegerin aus Rumänien oder Polen, die alternde Menschen in Westeuropa rund um die Uhr versorgt, aber nicht weiß, wovon sie leben und ihre Medikamente bezahlen wird, wenn sie selbst einmal alt ist?

Die weltweite Überproduktion und der damit verschärfte Konkurrenzdruck haben auch dazu geführt, dass arbeitsintensive Produktionen an Standorte mit niedrigen Löhnen und niedrigen Steuern ausgelagert wurden. In den Ländern des Südens wurden Frauen als billige Arbeitskräfte in der Bekleidungs-, Elektronik- und Spielzeugindustrie eingesetzt. Wenn junge Frauen in Bangladesch aus ihren Dörfern zur Fabrikarbeit in den Städten abwandern, wenn Call Centre-Agentinnen in Indien mit der Nachtschicht die Norm brechen, dass eine Frau nur tagsüber das Haus verlassen darf, wenn Frauen aus Familien, aus denen noch nie ein Mann ausgewandert ist, ins Ausland gehen, mögen traditionelle Rollenbilder und Geschlechternormen aufgebrochen worden sein.[1] Aber inwiefern ist die Arbeiterin in China, Indien, Thailand oder Bangladesch eine Gewinnerin, wenn sie ein Produkt herstellt, das sie sich selbst nicht leisten kann?

Der Kampf der Frauen um Land, Ernährungssicherheit und Biodiversität

Frauen gelten als Garanten der Ernährungssicherheit. Während die Männer oft in den Städten Lohnarbeit suchen oder auf den Feldern Exportprodukte anbauen, produzieren sie in ihren Gärten und auf ihren Feldern, was die Familie für das tägliche
Überleben braucht. Doch der internationale Konkurrenzdruck, einseitige Handelsabkommen zugunsten der reichen Industrieländer und der Raub von fruchtbarem Ackerland durch internationale Investmentfirmen gefährden heute die Existenz von Millionen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika, deren Überleben von der Landwirtschaft abhängig ist. Zudem haben Biotechnologiekonzerne die Kontrolle über das Saatgut an sich gerissen. Die Abhängigkeit von sterilem, gentechnisch verändertem Saatgut, Pestiziden und Düngemittel hat viele Bauern in die Schuldenfalle getrieben. Wenn nun eine Kleinbäuerin durch ein Entwicklungshilfeprojekt eine Nähmaschine oder einen Mikrokredit erhält, während ihr gleichzeitig das Land, der Wald, die Fische und sogar die Heilpflanzen weggenommen werden, stellt sich die Frage, ob diese Art von Hilfe wirklich Empowerment bedeutet, oder ob Frauen nur dazu benutzt werden, die durch die globale Jagd nach Profiten angerichtete Verwüstung wieder aufzuräumen.1

Viele Frauen in den Ländern des Südens haben sich zusammengeschlossen, um Widerstand zu leisten. Als Fabrikarbeiterinnen kämpfen sie für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Als Bäuerinnen kämpfen sie gegen die Vertreibung von ihrem Land, die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen und den Diebstahl traditionellen Wissens. So haben Kleinbäuerinnen in Tansania Bananenstauden und Gemüse zwischen die Kaffeepflanzen gepflanzt, obwohl die Regierung den Mischanbau verboten hatte. In Bangladesch, Indien, Zimbabwe und andern Ländern haben Frauen alternative Banken und Börsen für Saatgut aufgebaut.


Kinder in Kambodscha demonstrieren für die Freilassung ihrer Mütter, die eingesperrt wurden, weil sie sich gegen den Raub ihres Landes gewehrt hatten

Perspektiven

Die Frauenbewegung scheint an Schwung verloren haben. Frauenpolitik wird immer mehr durch Gender Mainstreaming ersetzt, als ob Gleichheit von oben herab verordnet werden kann, und nicht das Ergebnis von sozialen Kämpfen ist! Viele Frauenorganisationen sind heute damit beschäftigt, Projektförderanträge zu schreiben, und sind damit dem Zwang zur Effizienz und zur Konkurrenz auf den nationalen und internationalen Projektmärkten unterworfen. Gerade in Ländern mit guter sozialer Absicherung ist zu beobachten, dass viele Frauen auf die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs verzichten, weil er mit zu vielen Opfern verbunden ist.

Sind diese Widersprüche im Rahmen eines Systems zu lösen, in dem allein der Markt entscheidet, wer in welchem Land welche Produkte und zu welchen Löhnen herstellt? Ist Gleichheit denkbar, solange die menschliche Arbeitskraft eine Ware ist? Wollen wir die Entscheidung über unsere Lebensbedingungen dem Diktat des Kapitals überlassen oder die Kontrolle über unser Leben zurückgewinnen? Wir könnten doch ein ganz anderes Leben führen, denn wir haben eine Welt zu gewinnen!



[1] vgl. Christa Wichterich, 2009: Gleich, gleicher, ungleich: Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 55/2016