Angela Davis: Ein Leben im Kampf für die Freiheit PDF Drucken E-Mail

Angela Davis:

Ein Leben im Kampf für die Freiheit


Als Angela Davis 1944 in Birmingham, Alabama geboren wurde, herrschte dort noch Rassentrennung. Die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung waren von Unterdrückung und Unfreiheit geprägt, schwarzen Kindern und Jugendlichen war der Zugang zu höheren Schulen verwehrt. Aufgrund ihrer Begabung erhielt Angela Davis jedoch als 15-jährige ein Stipendium für eine fortschrittliche Privatschule in New York. Ab 1961 studierte sie an der Brandeis University französische Literatur und danach Philosophie bei Herbert Marcuse.

Während in den 1960er Jahren die schwarze Bürgerrechtsbewegung weltweit immer mehr Aufmerksamkeit erregte, häuften sich Anschläge auf Schwarze in den Südstaaten der USA, wobei die Polizei dem Ku-Klux-Klan bei seinen rassistischen Angriffen freie Hand ließ. Der Wohnbezirk von Angelas Eltern in Birmingham wurde regelmäßig Ziel von Bombenanschlägen. Angela war schon immer klar gewesen, dass der Kampf für menschliche Freiheit nicht nur auf den Universitäten geführt werden kann. Als dann 1963 bei einem Brandanschlag des Ku-Klux-Klan vier Mädchen getötet wurden, die sie gekannt hatte, wandte sie sich dem politischen Aktionismus zu.

Als sie 1963-64 ein Jahr in Frankreich an der Sorbonne verbrachte, erlebte sie den französischen Rassismus gegen Menschen aus Nordafrika und solidarisierte sich mit dem algerischen Freiheitskampf, in dem sie Parallelen mit dem Kampf der Schwarzen in den USA erkannte.

1969 erhielt sie eine Assistenzprofessur an der Universität von Kalifornien. Als jedoch bekannt wurde, dass sie Mitglied der Kommunistischen Partei war und sich in der Black Panther Party – einer afroamerikanischen revolutionären Bewegung – engagierte, wurde sie auf Betreiben des damaligen Gouverneurs Ronald Reagan aus dem Universitätsdienst entlassen. Zwar wurde diese Entscheidung durch ein Gerichtsurteil aufgehoben, was aber nichts daran änderte, dass ihr Vertrag nicht verlängert wurde.

George Jackson, einem Mitglied der Black Panthers, der bereits seit seinem 18. Lebensjahr im Gefängnis saß, schlug Angela Davis vor, ein Buch über seine Haftbedingungen zu schreiben. Das tat er, und seine Gefängnisbriefe wurden 1970 unter dem Titel Soledad Brother veröffentlicht. Als im August 1970 bei einer Befreiungsaktion durch Jacksons Bruder vier Menschen getötet wurden, wurde Angela Davis vorgeworfen, dass eine der Tatwaffen auf ihren Namen registriert gewesen sei. Sie wurde verhaftet und wegen „Unterstützung des Terrorismus“ angeklagt, was bedeutete, dass ihr bei einer Verurteilung die Todesstrafe drohte. Eine internationale Solidaritätsbewegung formierte sich, um ihre Freilassung zu fordern. Sie selbst schrieb während ihrer zweijährigen Haftzeit einige ihrer kritischen Texte zu Freiheit und Befreiung. 1972 wurde sie in allen Anklagepunkten freigesprochen. 1975 setzte sie ihre akademische Karriere fort. Zunächst lehrte sie African American Studies am Claremont College und später als Professorin für Women’s and Ethnic Studies an der San Francisco State University, wo sie bis zu ihrer Emiritierung blieb. Ihr politisches Engagement hat sie bis heute nicht aufgegeben. Mit ihren kritischen Aufsätzen und Büchern hat Angela Davis einen wertvollen Beitrag sowohl für die Schwarzen- als auch für die Frauenbewegung geleistet.

Women, Race and Class

In ihrem 1981 unter diesem Titel erschienenen Buch (deutscher Titel: Schwarze Frauen und Klassenkampf) beleuchtet Angela Davis die bedeutende Rolle, die Frauen in der Abolitionsbewegung – der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei – in den USA gespielt haben. In diesem Buch werden beeindruckende Persönlichkeiten vorgestellt: ehemalige Sklavinnen wie Harriet Tubman, die als Kundschafterin Hunderte Sklaven auf dem legendären Underground Rail in die Freiheit führte, und Sojourner Truth, die mit ihrer berühmten Rede „Bin ich etwa keine Frau?“ auf der Frauenversammlung in Akron, Ohio 1851 den Spott feindseliger Männer verstummen ließ, aber auch politische Vorkämpferinnen der schwarzen Mittelklasse wie die Schriftstellerin Ida B. Wells. Einen prominenten Platz nehmen auch weiße Frauen wie Prudence Crandall, Margaret Douglas und Myrtilla Miner ein, die sich trotz aller Angriffe und Bedrohungen für die Bildung schwarzer Kinder einsetzten. Es fehlt aber auch nicht Frederick Douglass, der führende schwarze Freiheitskämpfer des 19. Jahrhunderts, der in so enger Beziehung zur Frauenbewegung stand, dass er oft als „Frauenrechtsmann“ verspottet wurde. Frühfeministische bürgerliche Organisationen und die Suffragetten-Bewegung dagegen wurden von ihr als zumindest teilweise rassistisch entlarvt.

Die Gefängnisindustrie

Ein weiteres Thema, das Angela Davis ihr ganzes Leben lang beschäftigt hat, ist die Ausbeutung sozial benachteiligter Menschen in den Gefängnissen. Das Einsperren von Menschen, die von Armut bedroht sind, und ihre Assoziierung mit kriminellen Verhaltensweisen bezeichnet sie als getarnten Rassismus. Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen und mangelnde Bildung seien nur einige Probleme, so Davis, die aus der Öffentlichkeit verschwinden, wenn die Betroffenen in Käfige abgeschoben werden.

In ihren Werken zeigt Angela Davis auf, dass es unterschiedliche Trennlinien zwischen Macht und Unterdrückung gibt, die einander überschneiden. Rassistische Gesetze seien in den USA zwar abgeschafft worden, nicht aber der strukturelle Rassismus und rassistische Gewalt. Diskriminierung betreffe Menschen aber nicht nur aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung, Flüchtlinge und Muslime zum Beispiel seien ebenfalls betroffen, betonte die heute 71-jährige in ihrem Vortrag an der Universität Wien, wo sie im Oktober 2015 zu Gast war. Es gehe darum, die Verwobenheit vielfältiger Strukturen ausfindig zu machen, die Menschen unterdrücken.

 


 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 55/2016