Käthe Sasso: Eine Jugend im Gefängnis und im Konzentrationslager PDF Drucken E-Mail

Eine Jugend im Gefängnis und

im Konzentrationslager

Die Geschichte der österreichischen Widerstandskämpferin Käthe Sasso

„Jetzt bringt ihr uns schon Kinder“, hatte die Gefängnis-aufseherin zu den Gestapo-Männern gesagt, als diese die 16-Jährige einlieferten. Zwei Jahre verbrachte sie in Gefängnissen und Arbeitserziehungslagern, ehe sie ins KZ Ravensbrück deportiert wurde. Käthe Sasso, eine der letzten Überlebenden aus der Zeit des österreichischen Widerstandes, wird am 18. März 90 Jahre alt.

Den Einmarsch der deutschen Wehrmacht hat Käthe Sasso als 12-jährige Schülerin erlebt. Ihre Lehrerin, die sie sehr verehrte, hat sie immer als besorgte und liebevolle Mutter wahrgenommen. Auf ihrem blauen Arbeitsmantel trug sie die rot-weiß-rote Kokarde. Als Käthe zu Hause nachgefragt hat, was dieses Abzeichen bedeute, hat ihr der Vater erklärt: „Schau, die wird halt auch ihren Posten brauchen und muss deshalb bei der Vaterländischen Front sein, das solltest du nicht krumm nehmen“. Diese Erklärung konnte sie begreifen, denn Arbeitslose gab es damals zu Tausenden.

Nach dem Einmarsch Hitlers am 12. März 1938 war dann die Schule zwei Tage lang geschlossen. Als die Schülerinnen wieder in die Schule kamen, war die Lehrerin die gleiche geblieben. Auch ihr blauer Arbeitsmantel war der gleiche, nur war keine Kokarde mehr da, stattdessen war auf ihn ein großes Hakenkreuz mit einem goldenen Rand geheftet. Da hat Käthe aufgezeigt und gefragt: „Bitte Frau Klassenvorstand, Sie haben jetzt ein anderes Abzeichen.“ Da erklärte die Lehrerin: „Mein Mann und ich sind schon lange Nationalsozialisten und haben dafür gekämpft, dass Österreich dorthin kommt, wo es hingehört, angeschlossen an Deutschland, an den Führer“.

Käthe setzte sich wieder, doch ein paar Minuten später zeigte sie wieder auf und fragte: „Bitte Frau Klassenvorstand, wo ist die Fleißig Litzi? Wo ist die Fischer Trude? Wo ist die Spielberg Ingeborg?“ Das waren drei jüdische Mädchen, die Käthe seit der ersten Volksschulklasse kannte. Die Lehrerein hatte nie einen Unterschied zwischen den Mädchen gemacht, doch nun schrie die sonst so mitfühlende und fürsorgliche Frau: „Jüdische Fratzen haben in unserer Schule keinen Platz!“ Käthe fragte sich, ob sie auch so denken hätte können, wenn sie selbst eine Jüdin gewesen wäre oder einen Juden geheiratet hätte. „Ich wusste schon als Kind, was Unrecht ist“, sagt Käthe Sasso, die durch die Aussagen ihrer Lehrerin sofort begriffen hatte, dass es wahr war, was ihre Eltern und die Menschen in ihrer Umgebung über Hitler erzählten.

Geboren wurde Käthe Sasso als Käthe Smudits im Dritten Wiener Gemeindebezirk. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Nebersdorf, einem kleinen zweisprachigen Dorf im Burgenland, bei ihrer Großmutter Majka, mit der sie immer Kroatisch sprach. „Einer für den Anderen da sein“ habe sie von ihr gelernt, erzählt Käthe über diese schöne Zeit ihrer Kindheit. Als sie in die Schule kam, übersiedelte sie zu ihren Eltern nach Wien in den 10. Gemeindebezirk. Dort wurde sie bald mit politischer Widerstandstätigkeit konfrontiert, denn in der kleinen Wohnung der Eltern gingen Widerstandskämpfer ein und aus, auch während der Februarkämpfe. Käthe war mittendrin im Geschehen und half schon als Kind u.a. bei der Herstellung von Flugblättern mit Abziehapparaten mit.

Ihr Vater, der als sozialdemokratischer „Schutzbündler“ nach den Februarkämpfen 1934 inhaftiert worden war, wandte sich danach aus Enttäuschung über die Parteiführung dem kommunistischen Widerstand zu. Dass aber arbeitslose und Not leidende Arbeiter auch in Scharen zu Hitler gelaufen sind, nimmt ihnen Käthe nicht übel. „Dass der Kapitalismus die Schuld hat, haben sie nicht begriffen oder nicht begreifen wollen. Hitler hat ihnen Arbeit und Brot versprochen. Das hat er gehalten, denn er hat ja Straßen bauen müssen für den Krieg und die Industrie aufbauen, leider“. Deshalb sei der Widerstand gegen die Nazis so schwach gewesen, die Gruppe der Ermordeten dafür aber sehr groß. 2700 österreichische Männer und Frauen sind aufgrund ihrer politischen Tätigkeit zum Tode verurteilt und hingerichtet worden, 1200 davon allein im Wiener Landesgericht.


Käthe Sasso bei der Präsentation des Dokumentarfilms „Erschlagt mich, ich verrate nichts!“ mit der verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer am 4.11.2013. © Parlamentsdirektion/Zolles KG/Leo Hagen

Die Widerstandsgruppe „Gustaf Adolf Neustadl“, der Käthes Eltern angehörten, engagierte sich in der Roten Hilfe und unterstützte die Familien hingerichteter und inhaftierter Widerstandskämpfer: „Hauptsächlich haben wir Geld gesammelt, Gewand und Lebensmittelmarken für Frauen, wo die Männer eingesperrt waren, damit die Kinder ein bisschen Trost kriegen, denn es war damals schon alles rationiert.“ Daneben beschäftigte sich die Gruppe vor allem mit dem Verteilen von Flugblättern gegen den Faschismus. „Wir wollten aufmerksam machen, dass es noch Menschen gibt, die sehen, was in Österreich, was in unserem schönen Wien passiert ist – besonders mit der armen jüdischen Bevölkerung. Wir wollten zeigen, dass es noch Leute gibt, die dagegen sind!“

Nachdem Käthes Vater 1940 in den Krieg einrücken musste, hat die Mutter die ganze Arbeit weiter geführt, obwohl sie damals schon sehr krank war. Ein Jahr darauf ist die Mutter gestorben, und Käthe blieb allein in Widerstandsgruppe. „Dann habe ich die politische Arbeit weiter gemacht, denn ich habe die Leute gekannt und die Kontakte gehabt“, erzählt Käthe.

Verhaftung, Verurteilung und Konzentrationslager

Doch dann hat die Gestapo einen Spitzel in die Gruppe eingeschleust, der alle verraten hat. Dieser hatte sich auch in den Kommunistischen Jugendverband eingeschlichen, deren Mitglieder – einige junge Frauen – Käthe im Gefängnis kennen lernte. „Niemand kann sich vorstellen, was für anständige und gute Menschen das waren! Stellen Sie sich vor, sie sind mit jungen Mädchen in einer Zelle, mit denen sie so ein Gefühl verbindet – wir haben nicht politisiert, ein menschliches Gefühl, wie Geschwister – und dann haben die Mädchen die Verhandlung gehabt, im Oktober die Gräf Anni, am 28. März wäre sie 19 geworden, am 11. Jänner ist sie mit ihrer Schul- und Lebensfreundin hingerichtet worden. Alle die Menschen, es waren mehr als 50, die ich gekannt habe, von denen die hingerichtet wurden.“

Nur Käthe bekam aufgrund ihrer Minderjährigkeit zum Zeitpunkt der Verhaftung die Chance, dem Todesurteil zu entkommen. Gerettet haben sie aber auch ihre Schlauheit und Geistesgegenwärtigkeit bei den Einvernahmen durch die Gestapo: „Der Mama konnte ich alles in die Schuhe schieben, die war ja tot, doch den Papa musste ich raushalten. Doch was sollte ich mit dem Jahr danach machen? Die Mama ist 1941 gestorben und ich bin erst 1942 verhaftet worden …“ Also hat sie den Herbert erfunden. Als sie dann von ihr wissen wollten, wo dieser Herbert zu finden sei, gab sie einfach an, er arbeite bei Gräf & Stift. „Ich habe keine Ahnung gehabt, ich habe nur gewusst, dass es eine Firma gibt, die so heißt. Da sind sie dann mit mir in einem schwarzen Gestapo-Auto hingefahren, doch dort ist er weder hinein- noch hinausgegangen. In meiner Anklageschrift stand dann drinnen – einer hat ein bisschen ein Einsehen gehabt, weil ich eine schwere Kindheit gehabt habe – dass ich in ihn so verliebt und ihm hörig war.“

Von August bis Oktober 1942 wurde sie in der ‚Liesl[1]’ eingesperrt, wurde von dort in verschiedene Gefängnisse und Arbeitslager überführt und musste ganze 14 Wochen in Einzelhaft verbringen. Am schlimmsten war es für sie, als sie im Landesgericht von ihrer Zelle im vierten Stock aus die Hinrichtungen ihrer ehemaligen Mitkämpfer*innen miterleben musste. Dort wurde sie am 30. März 1943 auch unfreiwillig Zeugin der Hinrichtung der bekannten katholischen Schwester Maria Restituta Kafka, die im Wiener Krankenhaus Mödling den gefangenen Widerstandskämpfer*innen ohne Rücksicht auf Nationalität oder Weltanschauung geholfen hatte. Schließlich wurde Käthe ins Konzentrationslager Ravensbrück geschickt; sie war damals 18 Jahre alt.

Widerstand im KZ Ravensbrück

Die unbeschreibliche Zeit im Konzentrationslager war nur durch Zusammenhalt und organisierte Solidarität zu überleben. Im Lager gab es eine Baracke, in der vor allem ältere Frauen Strümpfe für die SS-Frauen stricken mussten, eine vergleichsweise leichte Arbeit. Den österreichischen Widerstandskämpferinnen gelang es, einige Frauen aus Österreich in dieser Baracke unterzubringen. Oft halfen ihnen die jüngeren am Abend beim Stricken, damit sie ihr Soll erfüllen konnten.

Ab 1945 kam es regelmäßig zu Selektionen, in denen ältere und arbeitsunfähige Frauen ausgewählt wurden, diese wurden dann ins Vernichtungslager Uckermark gebracht und dort vergast. Um diese Frauen zu retten, versuchten die Widerstandskämpferinnen ihr Alter zu vertuschen. „In der Waldkolonne, da gab es Österreicherinnen“, erinnert sich Käthe Sasso, „die haben Ravensbrück mit aufbauen müssen. Und die haben uns geholfen, harte Rinde von alten, kaputten Eichen ins Lager zu schmuggeln, keine Unmengen, aber doch genug.“ Die Rinde wurde mit einem Stein zerrieben und mit Margarine, die sie nur selten bekamen und immer aufbewahrten, vermischt. Durch ein gut organisiertes Netzwerk unter den politischen Häftlingen erfuhren die Frauen rechtzeitig, wann es zur nächsten Selektion kam, und konnten so den Frauen rechtzeitig mit dieser Mixtur die Haare färben. Durch diesen Trick gelang es, einige Mitkämpferinnen zu retten, darunter Leopoldine Sasso, die mit ihren 50 Jahren schon schlohweiße Haare hatte, die Mutter ihres späteren Mannes. Trotzdem war das für die Frauen kein Grund zur Freude, denn wenn sie bei den Strickerinnen nicht genug Alte und Kranke gefunden hatten, haben sie diese woanders gesucht, die Zahl hat eben stimmen müssen.

Einmal, als 200 jüdische Kinder aus Ungarn vergast worden waren, die zuvor drei bis vier Wochen in ihrem Block verbracht hatten, war auch Käthe, die immer so viel Widerstandswillen aufgebracht hatte, kurz davor, aufzugeben: „Ich hab nicht mehr können und wollt am Draht gehen – am Draht, das heißt am Stacheldraht, der elektrisch geladen war mit Starkstrom. Und jeder, der dort hingegangen ist, ist schwarz geworden wie eine Kohle. Ich war so verzweifelt, ich wollt mir das Leben nehmen“. Doch bevor sie ihr Vorhaben ausführen konnte, begegnete ihr eine Österreicherin, die sie fragte, was mit mir los sei. „Ich sagte ihr, ich kann nicht mehr, ich geh am Draht! Die hat mir rechts eine Watschen gegeben und links eine Watschen, die waren von keinen schlechten Eltern. Ich war empört – das Luder! (…) Das war aber das einzige was geholfen hat. Und dann hat sie noch gesagt: ‚Glaubst, wir wollen wieder alle Appell stehen?’ Weil, wenn eine am Draht gegangen ist, mussten alle Strafappell stehen. Aber das war nicht die Triebfeder, sondern sie wollte mich einfach zurückhalten. Daraufhin bin ich wieder zurück in meinen Block und habe es nicht getan.“

Nach der Räumung des Konzentrationslagers 1945 gelang es Käthe gemeinsam mit ihrer Freundin Mizzi von einem der Todesmärsche nach Bergen-Belsen, zu dem die SS die Gefangenen gezwungen hatte, zu fliehen und sich in einer Kirche zu verstecken. Als dann kurz danach der Krieg beendet war, machten sich die beiden Frauen zu Fuß auf den Weg nach Österreich. Doch der Empfang in Wien war alles andere als freundlich. „Wir stiegen erschöpft in eine Straßenbahn. Die Schaffnerin warf uns hinaus, weil wir kein Geld für eine Fahrkarte hatten.“ Käthes Freundin Mizzi verstarb schon ein Jahr später an den Folgen der Haft im Konzentrationslager.

Käthe Sasso fand ihren Vater wieder und heiratete 1946 den Widerstandskämpfer Josef Sasso. Seit der Befreiung engagiert sich Käthe für die „Gruppe 40“ des Wiener Zentralfriedhofs, wo die vom Volksgerichtshof verurteilten und im Wiener Landesgericht hingerichteten Widerstandskämpfer*innen beigesetzt wurden. Es darf nicht vergessen werden, dass Österreich den Menschen, die für ein freies, unabhängiges Österreich ihr Leben gelassen hatten, in hohem Maße den Staatsvertrag und seine Neutralität verdankt. Unermüdlich ist Käthe Sasso auch in Schulen unterwegs, um Kinder und Jugendliche über die NS-Zeit aufzuklären und mit ihnen über ihre eigene Widerstandsarbeit zu sprechen. Sehr spät, erst am 12. Oktober 2011, wurde Käthe Sasso im Bundeskanzleramt Wien mit dem „goldenen Verdienstzeichen“ geehrt.

Quellen:

  • Cornelia Domaschke: Antifaschistischer Widerstand und Überleben im KZ Ravensbrück. Rosa-Luxemburg-Stiftung, 8.3.2012
  • Käthe Sasso im Gespräch. Interview mit Andi Wahl am 6.4.2014, http://cba.fro.at/258038
  • Die letzten Zeugen. http://www.lettertothestars.at
  • Nicht nur in Worten, auch in der Tat: Käthe Sasso erzählt über ihre Jugend im Widerstand. Audiobook 1.7. 2012

[1] Polizeigefängnis an der Rossauer Lände


veröffentlicht in Talktogether Nr. 55/2016