Mexiko/Österreich: Gespräch mit Ricardo Loewe PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Ricardo Loewe

Arzt und Menschenrechtsaktivist, Mexiko / Österreich

TT: Du bist in Mexiko geboren und aufgewachsen. Wie ist es dazu gekommen?

Ricardo: Mein Vater war Frankfurter und meine Mutter Wienerin. Meine Mutter ist mit ihrer ganzen Familie 1938 nach Mexiko geflohen, ein paar Wochen nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Weil sie Juden waren, mussten sie sofort das Land verlassen. Mein Vater hat sich zwar nie als Jude gefühlt, aber weil sein Großvater Jude war, hat er als Halbjude gegolten. Er ist schon 1934 nach Mexiko geschickt worden, er sollte dort Vorbereitungen treffen, damit der Rest der Familie nachkommen kann. Diese wollte aber Deutschland nicht verlassen. Mein Großvater war Chefarzt in einem großen Frankfurter Krankenhaus und hat sich vorgestellt, dass die Phase vorübergehen und schon nichts passieren würde. Zum Schluss ist er beim Judenpogrom im November 1938 ermordet worden. Meine Eltern haben sich in Mexiko kennen gelernt und ich bin als Mexikaner geboren, denn meine Eltern haben das Glück gehabt, schnell einen mexikanischen Pass zu bekommen.

TT: Wie war deine Jugend- und Schulzeit in Mexiko?

Ricardo: Zu Hause haben wir Deutsch gesprochen, deshalb ist meine Muttersprache Deutsch. Ich war aber nie in einer deutschen Schule. Als ich 1947 in die Volksschule gekommen bin, hat sich die Frage gestellt, in welche Schule ich gehen sollte. Meine Eltern haben sich noch nicht gut genug im Lande integriert gefühlt, um mich in eine staatliche mexikanische Schule zu stecken, und in der deutschen Schule waren die Lehrer alle Nazis. In Mexiko lebten einige Unternehmer, Kaffeebarone zum Beispiel, die Nazis waren, und die Schule war sozusagen nazifiziert. In eine jüdische Schule wollten mich meine Eltern auch nicht schicken, weil die Familie ja total assimiliert war und viele von ihnen überhaupt erst durch die Verfolgung darauf gekommen waren, dass sie Juden waren. Meine Urgroßmutter, eine Böhmin, die ich noch kennen gelernt habe, ist als einzige in die Synagoge gegangen. Ich selbst bin in Mexiko katholisch getauft worden und habe erst mit 15 oder 16 Jahren erfahren, dass ich jüdischer Herkunft bin, als ich das erste Mal nach Europa geschickt wurde. So blieb als Alternative nur die spanische Schule übrig. Diese wurde von Leuten geleitet, die vor dem Franco-Regime nach Mexiko geflohen waren. Ich bin stolz darauf, von spanischen Republikanern erzogen worden zu sein. Dass sie in Mexiko Zuflucht gefunden hatten, war dem mexikanischen Konsul Gilberto Bosques in Marseille zu verdanken, der Tausenden Flüchtlingen die Flucht nach Mexiko ermöglicht hat. In Wien ist eine Promenade nach ihm benannt.

Ich bin also mit einer sehr gemischten Identität aufgewachsen, was für mich nicht einfach war. Mein Vater hat mich, wie es in Deutschland der Brauch war, mit einer kurzen Hose in die Schule geschickt. Er war der Meinung, die lange Hose müsse ich mir erst verdienen. Wegen der kurzen Hosen bin ich von den anderen Schülern ausgespottet worden und ich habe mich dafür sehr geschämt. Dieses Gefühl, nicht dazu zu gehören, hat mich bis heute begleitet, deshalb fühle ich mich so verbrüdert mit den Flüchtlingen. Hier in Wien gibt es manche, die sagen, ihr Auslandsösterreicher habt ja den Krieg nicht mitgemacht, als ob wir auf Ferien gewesen wären. Wäre meine Familie damals nicht ins Ausland gegangen, wäre ich nie zur Welt gekommen.

Ich bin dann Arzt geworden. Das hat eine lange Familientradition, väterlicherseits bereits seit fünf Generationen. Auch meine Mutter hatte gerade in Wien drei Semester Medizin studiert, als alle jüdischen Studenten von der Universität verwiesen wurden. Mein Großonkel Leo Deutsch war HNO-Arzt und Universitätsprofessor, der seine Spezialität nach Mexiko gebracht hat. Heute steht sein Name auf dem Wappen des HNO-Instituts.

TT: Du engagierst dich sehr für Menschenrechte, insbesondere für politische Gefangene. Kannst du uns darüber etwas erzählen?

Ricardo: Seitdem ich in Mexiko eine Praxis eröffnet habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die ärmsten Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Von Anfang an war es deshalb für mich ethisch nicht vertretbar, nur in meiner Praxis zu sitzen und auf Patienten zu warten. Ich war ja ein Sohn aus der oberen Mittelklasse, dem alle Möglichkeiten offen standen. Mit der Zeit habe ich im Landhaus meiner Familie ein Ambulatorium eingerichtet, das von der einheimischen Dorfbevölkerung verwaltet wurde. In dieser Zeit habe ich angefangen, die Gesundheit als Menschenrecht zu betrachten. Wenn Tausende sterben müssen, weil sie keinen Zugang zum Arzt oder weil sie tödliche Arbeitsbedingungen haben, ist das eine soziale und politische Frage.

Das Andere war, dass es für mich sehr schwer zu bewältigen war, dass mein Großvater in Frankfurt von der SA zu Tode getreten worden ist. Ich habe einen fünfzehnjährigen indigenen Jungen adoptiert, der von Polizisten angeschossen und gefoltert worden war und seitdem querschnittsgelähmt ist. Dieser Junge hat mir sehr viel beigebracht, unter anderem auch, dass es in Mexiko einen grausamen Rassismus gibt. Diese beiden Ereignisse haben mich vom allgemeinen Thema Gesundheit zum Thema Folterbekämpfung gebracht, eine Tätigkeit, der ich mich viele Jahre lang gewidmet habe und die ich immer noch ausübe. Ich habe mit einigen Basisorganisationen zusammengearbeitet, vor allem mit Anhängern der christlichen Befreiungstheologie, obwohl ich selbst nicht gläubig bin. Aber diese Bewegung war in Mexiko in den 1970er Jahren sehr stark und ihre Mitglieder waren durchwegs ehrliche und aufrichtige Leute.

TT: Wie ist die Menschenrechtssituation in Mexiko? Wie war sie damals und wie ist sie heute?

Ricardo: In den 1970er Jahren war ich im Gesundheitsministerium angestellt. Dort hatte ich große Schwierigkeiten, etwas auszurichten, weil ja der Staat der Menschenrechtsverletzer ist. Deshalb habe ich mich unabhängig gemacht. Das Problem ist jedoch seit damals stark gewachsen. Heutzutage kann man sagen – und das habe ich dem mexikanischen Botschafter auch offen ins Gesicht gesagt –, dass sich Mexiko zu einer Militärdiktatur entwickelt hat. Auch wenn es nicht ausgesprochen wird, in dem Land herrscht heute Krieg. Acht bis zehn Milliardärsfamilien beherrschen das Land. Einer von ihnen ist übrigens Carlos Slim, der jetzt Anteilseigentümer der österreichischen Telekom ist. Es handelt sich hierbei um eine internationale Oligarchie, Kapital hat ja keine Grenzen. Diese Familien haben die Macht und verfügen über Polizei und Militär.

Seit einer Staatsreform ist die Privatisierung der Ölvorkommen in vollem Gange. Das Öl hat dem Staat bisher ein Viertel seiner Steuergelder eingebracht. Wer soll jetzt dieses Geld bezahlen? Die Ärmsten. Es ist kein Geheimnis, dass die US-Regierung hinter dieser Entwicklung steckt. Dann wurde die Verfassung geändert, so dass es kaum noch Rechte für die Arbeiter gibt, sich zu organisieren, öffentliche Schulen und Universitäten werden privatisiert und die Lehrpläne umgestellt auf Technik und die Optimierung der Arbeitskraft – so wie es ja überall auf der Welt geschieht. Auch die Dienstleistungen des Staates, darunter das Gesundheitswesen werden ebenfalls privatisiert. Das alles kann man nur mit höchster Gewalt durchsetzen. Die Bevölkerung ist wütend und deshalb wird Staatsterror eingesetzt. Wenn ich heute die Geschichten über Syrien höre, finde ich viele Ähnlichkeiten mit der Situation in Mexiko. Man darf auch nicht vergessen, dass Mexiko über 3000 km Grenze mit den Vereinigten Staaten hat – eine Grenze zwischen der Ersten und der Dritten Welt.

TT: Wie sind diese Familien an die Macht gekommen?

Ricardo: Zum einen sind es alte Familien, die schon vor der Mexikanischen Revolution (1910-1920) an der Macht waren. Dann gibt es Familien, die Reichtum geerbt haben. Weil sie privilegierte Informationen von der Regierung bekommen haben, konnten sie ihren Reichtum vervielfachen. Ein großer Teil der reichsten Leute der Welt stammt ja heute aus Ländern der sog. Dritten Welt, wo sie durch Plünderungen und Raub reich geworden sind.

TT: In Europa erfährt man ja nicht viel über Mexiko. Man hört über Drogenbanden …

Ricardo: Das ist die offizielle Geschichte. Doch der ganze Drogenhandel liefert nur einen Vorwand, um die Soldaten auf der Straße zu halten. Natürlich gibt es eine Drogenmafia, die aber steckt unter derselben Decke wie die Polizei, die Grenzpolizei, das Heer und die Paramilitärs. Sie koordinieren sich gegen das Volk, deshalb spreche ich von einer Kriegssituation. Die Opfer sind meistens Zivilisten, die nichts angestellt haben, außer arm zu sein – aber das ist natürlich ein schweres Verbrechen in Mexiko. Wenn in den Medien über die verschwundenen Studenten berichtet wird, wird nie erwähnt, woher sie gekommen waren. Bei den Entführten handelt es sich um Studenten einer linksgerichteten Lehrerausbildungsakademie, die ausgebildet wurden, um die Schüler in den ärmsten Gemeinden zu unterrichten.

Diese Ausbildungszentren wurden 1926 gegründet und waren seit damals immer wieder der Verfolgung ausgesetzt. Die herrschende Klasse versucht, sie zu schließen, was ihr auch teilweise gelungen ist, denn von den 72 Schulen die es am Anfang gab, existieren heute nur noch 17. Viele haben geschlossen, weil sie kein Budget mehr bekommen haben, aber es gab auch immer wieder die härteste Repression gegen die StudentInnen. Doch die überlebenden Schulen lassen sich nicht unterkriegen, weil sie von ihren ehemaligen Studenten und ihren Familien unterstützt werden. Um ein Erziehungssystem zu zerstören, das so tief in der Gesellschaft verwurzelt ist, braucht es radikale Maßnahmen, deshalb hat man im September letzten Jahres 43 Studenten verschwinden lassen und vier hingerichtet. Das Verschwindenlassen ist eine Methode, die von den Nazis erfunden und von den Diktaturen in Südamerika eingesetzt worden ist. Letzte Woche hat man offiziell erklärt, dass es in Mexiko über 25.000 Verschwundene und 150.000 Ermordete gibt.

TT: Du redest sehr offen, hast du keine Angst?

Ricardo: Ja, ich habe Angst, aber ich bin schon ein alter Mann. Ich weiß, dass ich auf der schwarzen Liste bin und bin auch einmal bedroht worden. Als ich zu meiner Frau gesagt habe, dass ich hier in eine gefährliche Arbeit einsteige, hat sie mich angeschaut und gesagt: „Irgendjemand muss es doch machen.“

TT: Welche Erinnerungen über die Flucht haben dir deine Eltern und Großeltern mitgegeben?

Ricardo: Sehr viele. Mit diesen Erinnerungen bin ich sehr belastet. Meine Mutter hat immer über Wien erzählt, über die Maiglöckchen, die Berge, sie hat immer Sehnsucht nach Österreich gehabt. Doch seit sie mit 20 Jahren nach Mexiko gekommen ist, ist sie nur insgesamt vier Tage in Wien gewesen und das auf der Durchreise. Es waren die schmerzhaften Erinnerungen an die Nachbarn, die sie angespuckt haben, als sie den Judenstern tragen musste. Eine Tante von mir weigerte sich sogar, Deutsch zu sprechen. Mein Vater ist in Mexiko mit Leib und Seele Pfadfinder geworden. Das erinnerte ihn an den Thüringer Wald, wo ein Teil der Familie hergekommen war. Lagerfeuer – das hat nach Europa gerochen. Meine Eltern haben sich auch einen Wohnort ausgesucht, der sie an die Heimat erinnerte.

In Mexiko gab es die Bewegung Freies Deutschland und den Heinrich-Heine-Klub, wo sich die deutschsprachigen Vertriebenen – Österreicher, Deutsche, Schweizer, Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten – trafen, um die deutsche Sprache und Kultur zu pflegen. Auch wenn es untereinander Feindschaften gab, fühlten sie sich dadurch verbunden. Mein Großonkel Leo Deutsch war Vizepräsident, die bekannte Schriftstellerin Anna Seghers war die Präsidentin.

TT: Wie kann man damit leben, verfolgt zu sein, nur weil man Jude ist?

Ricardo: Man kann nicht damit leben. Meine Mutter hat sich in den Alkohol geflüchtet, wenn die Erinnerungen gekommen sind. Solche Erinnerungen bringen eine chronische Stresssituation. Aber jeder geht mit dem Problem anders um. Mein Vater, der sich nie als Jude gesehen hat, hat eine Jüdin geheiratet und ist einem jüdischen Ärzteverein und einem jüdischen Hilfswerk beigetreten. Warum? Eine Tante von mir war über 70 Jahre alt, als sie am 11. September 2001 im Fernsehen gesehen hat, wie die Hochhäuser in New York zerstört wurden. Sie hat gesagt: „Das kann ich nicht noch einmal erleben!“ Zwei Wochen später ist sie gestorben.

Der Schmerz wird aber auch an die nächsten Generationen weitergegeben. Mein Bruder, der acht Jahre lang in Deutschland gewohnt und eine Deutsche geheiratet hat, hatte sich sein Leben lang geweigert, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Als vor dem Haus meiner Großeltern ein Stolperstein gelegt wurde, war ich gerade in Mexiko und habe seinen Sohn, meinen Neffen, damals schon 38 Jahre alt, beauftragt, mich zu vertreten. Er hat mir dann gebeichtet, dass dieses Erlebnis ihm ermöglicht hat, sich mit seinem Vater zu versöhnen, der immer sehr aggressiv gewesen war, was er ihm bis zu seinem Tod nie verzeihen konnte. Später hat er mir auch erzählt, dass er erfahren hatte, dass sein anderer Großvater in Sibirien von den Russen ermordet worden war. Der eine Großvater war ein verfolgter Jude, der andere ein Nazi, wie soll man mit so einem Erbe umgehen? Es ist die Geschichte Europas verkörpert in meinem Neffen.

TT: Deine Eltern mussten aus Europa flüchten, heute fliehen die Menschen nach Europa. Ist die Situation vergleichbar?

Ricardo: Vergleiche sind immer schwierig, denn es handelt sich um historisch andere Situationen. Ja natürlich, die Ursachen von Flucht – die Kriege, der Überlebenstrieb, die Hoffnung auf ein besseres Leben – sind gleich geblieben. Nach Mexiko sind damals 30.000 deutschsprachige Flüchtlinge gekommen, die Dimensionen sind also nicht vergleichbar. Allerdings wandern Millionen Mexikaner und Mexikanerinnen in die Vereinigten Staaten aus, wo sie als billige Arbeitskräfte eingesetzt und dann wieder aus dem Land geschmissen werden. Die Migrant_innen sind illegal, aber die Produkte, die sie mit ihrer Arbeit erzeugen, sind legal. Das ist die Schweinerei des Systems.

Diese Angst, die die Menschen spüren, die jetzt auf der Landstraße nach Österreich unterwegs sind, die kann ich spüren, denn die habe ich auch von meiner Familie mitbekommen. Meine Eltern haben immer Angst gehabt und zu mir gesagt: Mische dich nicht in die Politik ein, mach dich nicht angreifbar! Ich habe das Gegenteil gemacht. Als mein erster Artikel in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, ist meine Mutter fast in Ohnmacht gefallen. Sie ist bis zu ihrem Tod in Panik verfallen, wenn sie Stiefelschritte gehört hat – noch über 50 Jahre später!

TT: Was denkst du über den Umgang mit den Flüchtlingen in Europa?

Ricardo: Es widerspricht der Menschlichkeit, die Flüchtlinge zu bestrafen, indem man sie in Lager steckt und nicht arbeiten lässt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte immer wieder. Die Österreicher, die damals geflohen sind, wurden nämlich in der „Dritten Welt“ viel besser aufgenommen, als es das so genannte demokratische Europa macht. Noch dazu, wo doch die europäischen Mächte mitverantwortlich sind für die Kriege in Afghanistan, in Syrien oder sonst wo. Dazu kommt die Ausbeutung von Afrika, Osteuropa und Asien durch die kapitalistischen Mächte. Jetzt sind sie mit einer selbst erzeugten Erscheinung konfrontiert, denn natürlich laufen die Leute dem Frieden und dem Reichtum nach, die ihnen geraubt wurden. Wenn jetzt die Flüchtlinge zum Wahlgegenstand gemacht werden, wenn ich höre, was der Strache (zum Beispiel: „Sicherheit für unsere Bürger statt offene Grenzen für Kriminelle“) von sich gibt, kriege ich Gänsehaut. Ich kann nicht verstehen, warum so eine Hetze überhaupt erlaubt ist.

TT: Ruft das bei dir Erinnerungen an die Erzählungen deiner Eltern hervor?

Ricardo: Ja natürlich, ganz direkt. In einer Wahlwerbung hat sich die FPÖ die „soziale Heimatspartei“ genannt. Das ist doch nichts anderes als der Nationalsozialismus – in anderen Worten ausgedrückt. Dass solche Menschen die Macht haben zu bestimmen, was mit Flüchtlingen passiert, hat keinen Namen. Die ganzen Jahre seitdem ich in Österreich lebe, stört es mich aber am meisten, dass die Linke keine Antwort darauf hat. In den Organisationen sind viel zu wenige Flüchtlinge vertreten. Die Flüchtlinge werden leider noch viel zu oft nur als hilfsbedürftige Objekte angesehen, aber nicht als Menschen, die sich selbst organisieren und ihren eigenen Kampf führen müssen. Wirkliche Solidarität muss aber in beide Richtungen gehen!

TT: Wie gefährlich beurteilst du die rechten und faschistischen Tendenzen in Europa?

Ricardo: Sie machen mir Angst. Ein Wiener Jude in Mexiko, dessen Großvater sehr aktiv im Roten Wien gewesen war, hat mich gewarnt, dass ich in Österreich nicht sagen solle, dass ich Jude bin. Der Antisemitismus ist noch da, auch wenn sich die Ausländerfeindlichkeit heute eher gegen den Islam richtet, und man findet ihn nicht nur in Österreich sondern auch in Mexiko, und nicht nur bei den Rechten sondern auch bei den Linken. Weniger gebildete Menschen setzen Juden oft mit dem Kapitalismus gleich. Sie verstehen nicht, dass der Fremdenhass ganz direkt mit dem Kapitalismus zu tun hat. Er liefert nämlich einen Vorwand um zu erklären, warum der eine Mensch mehr wert sei als der andere, und das ist das Grundübel.

TT: Was denkst du über Assimilation?

Ricardo: Ich komme aus einer Familie, die sich nie ganz angepasst hat. Dass ich jetzt Deutsch spreche und eine Österreicherin geheiratet habe, zeugt doch von dieser Zerrissenheit. Von Menschen, die geflüchtet sind, zu verlangen, dass sie ihre Kultur, die oft ihr einziges Eigentum ist, aufgeben, ist eine Gemeinheit. Auch in Mexiko haben die Einwanderer ihre eigene Kultur und Sprache gepflegt, ihre eigenen Schulen und Klubs gegründet. Warum sollte man die eigenen Wurzeln vergessen? In Mexiko spricht man 62 Sprachen, doch man will die indigenen Sprachen abschaffen. Ich möchte mir aber keine Gesellschaft vorstellen, in der alle gleich sind und eine einheitliche Kultur haben, es sollte so große Vielfalt wie möglich geben.

TT: Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen Juden, Schwarzen, Sinti und Roma und Kommunisten?

Ricardo: In der Nazizeit wurden Menschen aus unterschiedlichen Gründen ins Konzentrationslager gebracht. Man darf aber nicht vergessen, dass die Konzentrationslager Wirtschaftseinheiten waren, wo die Gefangenen in Zwangsarbeit Waffen für den Krieg erzeugt haben. Wenn man sie nicht mehr gebraucht hat, hat man sie beseitigt. Es war Sklavenarbeit ähnlich wie auf den Plantagen in den USA.

Leider sieht die eine verfolgte Gruppe oft nur die eigenen Probleme, und es gibt zu wenig Solidarität mit anderen, die in einer ähnlichen Lage sind. Wichtig sind Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Verfolgten und Unterdrückten, nicht nur um die eigene Emanzipation zu suchen, sondern die Emanzipation aller vom Kapitalismus. Es geht darum, den anderen zu verstehen und zu akzeptieren, dass er anders ist. Aber das gibt es leider noch nicht, das muss erst allmählich erkämpft werden.


erschienen in Talktogether Nr. 54/2015