Magool, die Blüte der somalischen Musik PDF Drucken E-Mail

Somalische Dichtkunst und Musik

von Warsame Amalle und Barni Weheliye

Währende somalische Leute über politische Themen oft streiten, geraten sie meist ins Schwärmen, wenn es um die Musik geht. Die Musik stellt ein Bindeglied zwischen den Menschen dar, für die Älteren unter ihnen ist sie auch eine Erinnerung an eine vergangene Zeit, in der das kulturelle Leben in Somalia geblüht hat. Die somalische Musik ist stark mit der Dichtkunst verbunden, die in Somalia eine lange Tradition hat. In Ostafrika ist das somalische Volk aufgrund seiner leidenschaftlichen Liebe zur Poesie als „Nation der Poeten“ bekannt. Vor Einführung der Schriftsprache war die mündlich vorgetragene Poesie das wichtigste Kommunikationsmittel in Somalia. Im Land wimmelt es nur so von Poeten, hatte 1854 der Entdeckungsreisende Richard Burton festgestellt. Said Sheikh Samatar, Professor für Afrikanische Geschichte in den USA, sagte: “Während die Poesie im Westen immer mehr auf einen marginalen Platz in der Gesellschaft verbannt zu werden scheint, spielt sie im somalischen Leben eine zentrale Rolle.“

In der klassischen somalischen Dichtung gibt es vier Stile:
Gabay, Geeraar und Jifto werden von Männern vorgetragen, während Buraanbur von Frauen auf andere Weise rezitiert wird. Alle Formen der klassischen Dichtung folgen der strengen Regel des Stabreims, d.h. alle Wörter beginnen mit demselben Konsonanten oder Vokal und kein Ersatz durch einen ähnlichen Klang ist erlaubt. Zusätzlich zur klassischen Dichtung gibt es die Balwo Poesie, die durch kurze Zeilen und lebendige Rhythmen charakterisiert ist und mit Instrumentalmusik, Händeklatschen oder Chor begleitet wird. Diese Balwo Form bildete die Grundlage für die moderne somalische Musik.

In Form von Dichtung wurden oft auch politische Inhalte transportiert. Ein Beispiel dafür ist Sayid Mohammad Abdulle Hassan, genannt Mad Mullah, ein Sufi-Scheich in Nordsomalia, der mit seinen Gedichten die Bevölkerung zum Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft anspornen wollte. In den 1940er und 1950er Jahren wurden die Themen Nationalismus und Unabhängigkeit in Form von Gedichten und Liedern transportiert und über das Radio verbreitet.

Der Somali Jazz, eine Mischung aus traditioneller Folklore mit Blues und Soul sowie afrikanischen und arabischen Einflüssen wurde in den 1970er Jahren im ganzen Land populär. Als Siad Barre in Somalia den Sozialismus aufbauen wollte, wurden Kunst und Musik sehr stark gefördert und als Mittel zur Aufklärung und Mobilisierung der Bevölkerung eingesetzt. Doch als sich Barre immer mehr in die Clanpolitik verstrickte und das Regime immer diktatorischer wurde, gerieten die Künstler und Künstlerinnen immer öfter in Widerspruch mit der Regierung. In den Liedern, die meist von Sehnsucht, verschmähter Liebe oder der Beziehung zwischen den Geschlechtern handelt, wurden oft auch politische Botschaften versteckt, die aufgrund der Zensur nicht offen ausgesprochen werden konnten.

Die Lieder entstehen üblicherweise in Zusammenarbeit von Dichtern (erayo), Komponisten (lahan) und Interpreten (odka – die Stimme) und wurden von den beliebten Sängern und Sängerinnen auf der Bühne wie in einem Volkstheater mit einer zusammenhängenden Handlung vorgetragen, man könnte diese Art der Aufführung mit einer Oper oder einem Musical vergleichen. Viele Poeten erreichten durch die Vertonung ihrer Lieder durch die Komponisten und die Interpretationen der Sänger und Sängerinnen ein großes Publikum. Dazu muss gesagt werden, dass es in Somalia unzählige Dichter und Liedermacher gibt, aber nur wenige Komponisten. Der Vater der somalischen Komponisten hieß Abdullahi Qarshe.

Magool – die Blüte der somalischen Musik

Der Name Magool bedeutet die Reife – wie eine duftende Blüte oder eine süße Frucht. So wurde Xalimo Khalif Omar von einem berühmten Liederschreiber genannt, und mit diesem Namen wurde sie in ganz Somalia und über die Grenzen hinweg bekannt. Sie war nicht die erste somalische Sängerin, vor ihr gab es Gaduudo Carwo, davor aber waren Lieder schreiben und Singen Männersache gewesen. Wenn sie eine weibliche Rolle brauchten, sang ein Mann mit hoher Stimme.

In der somalischen Kultur war es nicht üblich, dass eine Frau in der Liebe eine aktive Rolle einnimmt. Es waren die Männer, die sagten, ich will dich oder ich will dich nicht. Magool war die Erste, die Lieder sang, in denen die Frau nicht die passive Opferrolle spielte, sondern ihre Gefühle offen aussprach. Mit ihr hat es begonnen, dass die Frauen sich das Recht nahmen, die Angebote der Männer entweder anzunehmen oder abzulehnen. In einem Lied sang sie: „Liebe Frauen, zu dem, was im Herzen nicht wollt, sagt doch im Leben nicht ja!“ Magool ist noch weiter gegangen und hat sich offen geäußert, dass sie einen Mann liebte und begehrte. So sang sie zum Beispiel: „Ich habe mich auf den Weg zu dir gemacht, aber du warst nicht zu Hause und ich war wie ein Gast. Wo warst du?“ Solche Worte waren bisher nur von Männern in den Mund genommen worden, dass sie von einer Frau ausgesprochen wurden, war in Somalia unerhört. Deshalb nimmt sie für mich die Rolle eines Vorbildes und einer Heldin für die somalischen Frauen ein.

Magool arbeitete mit der berühmtesten Liedermachern und Komponisten in Somalia zusammen – u.a. mit den Dichtern Mohamed Ibrahim Warsame „Hadraawi“, Mohamed Ali Kaariye, den man „den Analytiker der Liebe“ genannt hat, und mit Komponisten wie Abdikarim Faarax „Qaarey“ und Hassan Sabriye Afrah „Great“ – und trat gemeinsam mit den besten somalischen Sängern auf. Jedes Lied von Magool war ein Ereignis und hinter fast jedem stand eine wahre Geschichte. Durch die Interpretation von Magool erlangte das Lied „Jacayl Dhiig ma Lagu Qoraa?“ („Wird die Liebe mit Blut geschrieben?“) von Hadraawi und Abdikarim große Berühmtheit Man erzählt, dass der Text auf einem Liebesbrief basiert, den Magool von einem sudanesischen Musiker erhalten hatte.

Magool wurde in 1988 einer Umfrage zur besten Sängerin Somalias gewählt. Aufgrund ihrer einzigartigen Vortragsweise sowie ihrer emotionalen Stimme wurde ihr der Titel „Königin der Stimme“ verliehen. Es gab Liederschreiber, die, wenn sie ein neues Lied geschrieben hatten, nur mit ihr arbeiten wollten, weil sie die einzige war, die die Poesie des Liedes sofort verstand und richtig wiedergeben konnte.

Magool war aber auch ein unabhängiger Geist. Weil sie sich weigerte, ein Loblied auf den Diktator Siad Barre zu singen, wurde sie aus dem Lang verbannt und musste viele Jahre lang im Exil im Sudan leben. Magool ist aber nicht unumstritten. Manche werfen ihr vor, im Bürgerkrieg eine der Kriegsparteien unterstützt zu haben. Sie rechtfertigte sich jedoch damit, dass sie immer nur gegen Diktatur und Unterdrückung auftreten wollte. “Ich habe gegen den Diktator gekämpft, und wenn wieder einer kommt, werde ich es auch wieder tun, aber ich werde nie für oder gegen einen Clan kämpfen“, sagte sie in einem Interview. Als Xalimo Khalif Omar 2004 in Amsterdam starb, hat sie eine große Lücke hinterlassen, die nicht gefüllt werden kann.


erschienen in Talktogether Nr. 54/2015