Gespräch mit Fatumata aus Sierra Leone PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Fatumata aus Sierra Leone

TT: Du warst eine der ersten Afrikanerinnen in Salzburg. Wie war es, als du nach Österreich gekommen bist?

Fatumata: Damals be­suchte ich die Tourismusschule Klessheim. Dort war es sehr international, es gab Menschen aus aller Welt. Vom Leben in Salzburg habe ich aber nicht viel mitbekommen. Doch das än­derte sich, als ich begonnen habe, Kontakte zu schließen und mich für Österreich zu interessieren. Diese andere Welt außerhalb Klessheims war viel schwieriger. Außer mir lebten damals nur noch zwei Afrikane­rinnen in Salzburg. Nachdem ich meinen Kurs absolviert hatte, habe ich meine Tochter von Afrika zu mir nach Salzburg geholt. Da begannen die echten Schwierigkeiten. Es gab damals außer meiner Tochter überhaupt keine anderen schwarzen Kinder in Salzburg. Unglücklicherweise hatte sie in der Volksschule eine Lehrerin, die Vorurteile gegenüber Men­schen aus anderen Ländern gehabt und diese auch offen gezeigt hat. Die Schulkameraden meiner Tochter haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie meine Tochter immer benachtei­ligt und ihr schlechtere Noten gegeben hat. Zuerst habe ich ver­sucht, höflich mit der Lehrerin zu reden. Doch sie hat meiner Tochter einfach unterstellt, dass sie ihre Noten nicht ehrlich verdient, sondern geschwindelt habe. Das hat sie mir offen ins Gesicht gesagt! Erst als ich ihr drohte, alles zu unternehmen, dass sie nicht mehr als Lehrerin arbeiten könne, hat es Wirkung gezeigt, und sie hat aufgehört, meine Tochter schlechter zu be­handeln als die anderen Kinder. Ein anderes Erlebnis: Einmal hatte ich mit einer Freundin aus­gemacht, sie in einer Boutique zu treffen. Als ich dort ankam, war meine Freundin noch nicht dort. Als ich das Geschäft betrat, kam eine große Frau – offenbar die Besitzerin – auf mich zu und sagte: „Was suchen Sie hier?“ Ich sagte, dass ich auf meine Freundin warte, doch sie antwortete nur: „Hier gibt es keine Freundin für Sie“ und wollte mich wegschicken. Als ich mich weigerte, das Geschäft zu verlassen, drohte sie mir sogar, die Polizei zu rufen. Ich erwiderte: „Bitte, holen Sie die Polizei! Oder Sie schreiben eine Tafel, dass keine schwarzen Menschen hier einkaufen dürfen!“ Aber die Polizei hat sie nicht angerufen. Als meine Freundin gekommen ist und erfahren hat, wie ich behandelt wurde, war sie sehr empört über das Verhalten dieser Frau. Doch meine Kinder, die zusammen mit ihr gekommen waren, wollten keinen Konflikt und baten mich, wegzugehen. Meine Freundin hat nie mehr dort eingekauft.

Auch die Wohnungs-und Arbeitssuche gestaltete sich sehr schwierig. Weil ich unbedingt Geld brauchte, habe ich in einer Schokoladefabrik in Grödig angefangen. Dort musste ich an einer Waffelmaschine arbeiten, wo große Hitze herrschte. Doch jedes Mal, wenn ich mich hinsetzte und eine Pause machen wollte, kam eine Kollegin und schimpfte mit mir. Ich habe nie etwas gesagt. Wir haben immer gemeinsam gefrühstückt und jeder hat auf einen Zettel geschrieben, was er zum Frühstück wollte. Ich habe meinen Namen dazu geschrieben. Eines Tages fand ich nicht, was ich bestellt habe, und stattdessen wurde mir ein Kamm vorgelegt und die Frau sagte: „Das ist Ihr Frühstück! Sie haben das bestellt!“ Das war mir dann zu viel. Ich habe mich gewehrt und ihr meine Meinung gesagt. Die Firmenleitung meinte, dass ich ohnehin nur vorübergehend hier arbeiten würde, und wollte keinen Streit in der Belegschaft haben. Sie haben mich gewarnt, dass ich die anderen Mitarbeiter*innen, auf die sie angewiesen seien, nicht stören dürfe, was wirklich vorgefal­len war, hat sie nicht interessiert. Eine Freundin hatte jedoch in der Zwischenzeit in einer Zeitung ein Inserat publiziert, in dem sie schrieb, dass ich eine Ausbildung in Klessheim gemacht habe, gut Deutsch spreche, aber keine Arbeit finde. Auf diese Anzeige hin bekam ich eine Zuschrift vom Arbeitsamt, ich solle mich bei einem Hotel melden. Ich habe dann auch in mehreren guten Hotels gearbeitet. Auch eine Wohnung habe ich dadurch bekommen. Ein Professor und seine Frau aus Wien haben das Zeitungsinserat gelesen und waren davon so beeindruckt, dass sie mir ihre Wohnung angeboten haben. Ich hatte aber damals aber vor, nach Afrika zurückzukehren und wollte entweder Geld oder eine Ausbildung mitbringen. Da ich von meinem Verdienst aber nicht viel sparen konnte, habe ich begonnen, an der Universität zuerst Tourismus zu studieren, dann habe ich mich für Studium Publizistik und Kommunikationswissenschaft eingeschrieben, das ich mit einem Magistertitel abgeschlossen habe. Ich muss dazu sagen, dass ich auch sehr viele nette Leute in Salzburg kennengelernt habe. Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass es für meine Kinder schwieriger war. Sie hatten außer mir keine aus Afrika stammende Bezugsperson, und konn­ten sich nur mit den österreichischen Kindern vergleichen.

TT: Du warst im Verein Ebony and Ivory engagiert. Wie ist diese Initiative entstanden und was waren ihre Ziele?

Fatumata: Die Idee ist bei meiner Hochzeit entstanden. Wir haben fast niemanden informiert, dass wir heiraten und waren nur mit meinen Kindern und ein paar guten Freunden beim Standesamt. Als unsere Freunde das jedoch mitbekommen ha­ben, haben sie spontan ein Fest für uns organisiert. Es sind so viele Menschen gekommen und alle waren so glücklich. Da dachte ich, wenn meine Freunde so etwas für mich tun, möchte ich, dass alle von uns, die aus Afrika und anderen Ländern hier­hergekommen sind, so etwas erleben dürfen. Da bin ich auf die Idee gekommen, einen Verein zu gründen. Ich habe Frankie, einen aus Ghana stammenden Freund, meinen Vorschlag präsen­tiert. Er hatte bereits selbst eine ähnliche Idee gehabt, also haben wir uns zusammengetan und einige in Salzburg lebende Afrika­ner*innen und ihren Freund*innen über unser Vorhaben infor­miert. Alle waren gleich davon begeistert. So wir haben die Gründung des Vereins beschlossen. Laura aus Barbados hat den Namen „Ebony and Ivory“ vorgeschlagen, und dieser Name hat allen gefallen. So wurde der Verein gegründet und man hat mich als Präsidentin vorgeschlagen. Die Arbeit mit dem Verein war sehr schön, aber leider gab es auch viele Konflikte und Intrigen. Während dieser Zeit habe ich oft gedacht: Wie schwierig muss es erst sein, einen Staat zu regieren, wenn es schon so viel Mühe macht, in einem Verein die unterschiedlichen Meinungen und Wünsche unter einen Hut zu bringen! Als dann auch noch meine Tochter sehr krank wur­de, habe ich beschlossen, als Präsidentin zurückzutreten. Ich weiß nicht, was danach aus dem Verein geworden ist.

TT: Was waren die Aktivitäten des Vereins?

Fatumata: Wir haben uns einmal im Monat bei einem der Ver­einsmitglieder getroffen,  gemeinsam gegessen und gefeiert und unsere nächsten Aktivitäten geplant. Wir habenzum Beispiel Le­sungen mit afrikanischer Literatur und die Aufführung von The­aterstücken organisiert. Zur Eröffnung haben wir ein großes Fest veranstaltet, das sehr erfolgreich war: Die in Salzburg beliebte Gruppe Kakilambe ist aufgetreten, und es waren auch einige bekann­te Persönlichkeiten und sogar Politiker*innen dabei.

TT: Was hat sich seit dieser Zeit in Österreich verändert?

Fatumata: Früher konnte man als Afrikanerin nur als Stuben­mädchen arbeiten. Heute arbeiten Menschen aus Afrika in ver­schiedenen Berufen, zum Beispiel als Busfahrer, was damals unvorstellbar gewesen wäre. Meine Kinder sind als Teenager in Salzburg sehr beliebt gewesen, und es ging ihnen viel besser als im Volks­schulalter. Die Menschen sind generell freundlicher und höfli­cher geworden. Es gibt jetzt auch viele schwarze Kinder in Salz­burg, und die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass Men­schen aus verschiedenen Teilen der Welt hier leben.

TT: Wie ist die Situation in Sierra Leone heute?

Fatumata: Ich weiß nicht, ob man das, was in Sierra Leone stattgefunden hat, als Bürgerkrieg bezeichnen kann. Es war ja nicht so, dass eine Gruppe gegen eine andere gekämpft hat, sondern es waren Räuber und Diebe, denen es nur um das Ge­schäft mit den Diamanten ging. Begonnen hat der Krieg in Libe­ria, viele Flüchtlinge sind von dort nach Sierra Leone gekom­men. Es kamen auch bewaffnete Banden ins Land, denen sich manche angeschlossen haben. Sie haben gemordet, geraubt, geplündert und unvorstellbare Dinge getan. Über zehn Jahre hat dieser Krieg gedauert, bei dem ganze Welt nur zugeschaut hat. Fast jede Familie hat Opfer zu beklagen, auch einer meiner Brü­der wurde erschossen. Der größte Teil meiner Familie ist nach Guinea Conakry geflüchtet, viele sind dort geblieben, weil das unser ursprüngliches Land ist. Ich war während des Krieges und auch kurz nach dessen Ende dort. Ich habe es bewundert, mit wie viel Mut und Zuversicht die Menschen versucht haben, das Zer­störte schnell wieder aufzubauen. Doch sie hatten das Trauma des Krieges noch nicht überwunden, als schon die nächste Kata­strophe – die Ebola-Tragödie – über das Land hereinbrach.

TT: Wie war das Leben in Sierra Leone, bevor du nach Ös­terreich gekommen bist?

Fatumata: Sierra Leone ist ein armes Land, obwohl es dort so viele Bodenschätze gibt. Doch der Reichtum kommt nicht bei den Menschen an. Ich bin in der Ostprovinz aufgewachsen, die für ihren Diamantenreichtum bekannt ist. Ich kann mich erin­nern, dass wir als Kinder, wenn wir nach einem Regen draußen gespielt oder den Koran gelesen haben, oft auf dem Boden Dia­manten gefunden haben. Ich habe sie verkauft und für das Geld, das ich dafür bekam, Kondensmilch gekauft, die ich so gerne mit Weißbrot gegessen habe. Auch meine Mutter ist oft auf die Su­che nach Gold und Diamanten gegangen. Wenn ich mich an diese Zeit zurück erinnere, war es eine sehr schöne Zeit, auch wenn das Leben im Vergleich zu Österreich hart war. Um in die Schule zu gehen, musste ich einen langen Weg zurücklegen. In dem Teil von Sierra Leone, in der ich auf­gewachsen bin, lebte eine sehr bunte Gesellschaft. Der Handel mit Diamanten hat Menschen aus aller Welt angezogen, die dort ihr Glück versucht haben. Einige haben Minen gekauft, andere haben illegal gesucht. Die Hauptaufkäufer der Diamanten stammten aus dem Libanon. Im Film „Blutdiamanten“ kam in einer Szene ein Wasserfall vor, den ich aus meiner Kindheit kannte. Ich habe ich mich daran erinnert, wie ich früher meine Mutter dorthin auf die Diamantensuche begleitet hatte. Dieser wunderschöne Ort ist durch den Krieg und den illegalen Bergbau total zerstört worden. Das zu sehen hat mich so erschüttert, dass ich den Film nicht weiter anschauen konnte.

Ich kann mich aber sogar noch an die Zeit vor der Unabhängig­keit erinnern, als Sierra Leone britische Kolonie war. Es gab überall Kontrollpunkte, an denen die Menschen nach Diamanten durchsucht wurden, sogar den Mund musste man aufmachen. Es war ja sehr leicht, Diamanten zu finden. Ich war damals noch ein kleines Kind und konnte die Situation nicht beurteilen. Jetzt im Nachhinein erkenne ich aber, wie entwürdigend es für die Men­schen gewesen sein muss, im eigenen Land ständig kontrolliert zu werden. Nachdem Sierra Leone 1961 seine Unabhängigkeit erlangte, gab es das nicht mehr. Als ich vor zehn Jahren das letzte Mal mit meinem Mann das Land besucht habe, benötigte man aber immer noch eine Sondergenehmigung, um in die Ost­provinz zu reisen, wo die Diamantenvorkommen sind.

TT: Was empfindest du, wenn du siehst, wie viele Menschen aus Afrika ihr Leben riskieren, um die Grenzen nach Euro­pa zu überwinden?

Fatumata: Die Leute wissen nicht, wie hart das Leben in Euro­pa ist. Doch wenn die Menschen überhaupt keine Möglichkeit haben, irgendwie Geld zu verdienen, hilft auch keine Abschre­ckung. Sie klammern sich an jede Hoffnung und gehen jedes Risiko ein. Auch Leute, die eine Schulausbildung oder einen Universitätsabschluss haben, finden in vielen Ländern Afrikas keine Arbeit, weil es wenig Industrie gibt, auch Tourismus gibt es nur an wenigen Orten.

TT: Wer verdient an den Diamanten in Sierra Leone?

Fatumata: Die Regierung verkauft das Land an internationale Konzerne. Ich habe gehört, dass das Gebiet, in dem ich aufge­wachsen bin, von Israelis gekauft worden ist. Überall, wo es Diamantenvorkommen gibt, wird die Bevölkerung umgesiedelt. Früher haben die Menschen Kakao, Kaffee und alles, was sie zum Leben brauchten, angebaut. Was können die Menschen aber tun, wenn ihnen das Land weggenommen wird, sie nichts mehr anbauen können und keine Arbeitsplätze geschaffen werden? Wenn ein Kind so aufwächst, hat es keine Hoffnung.

TT: Was sollte deiner Meinung nach getan werden, um die Situation in Afrika zu verbessern?

Fatumata: Wenn es genug Beschäftigung und keinen Krieg gibt, denken die Menschen nicht daran, nach Europa zu fliehen. Das kann aber nur durch eine Zusammenarbeit zwischen Afrika, Europa und Amerika erreicht werden. Mit Investitionen sollten Arbeitsplätze geschaffen und nicht der Reichtum aus Afrika abgezogen werden. Außerdem müsste in Bildung und in das Gesundheitssystem investiert und die Waffenverkäufe gestoppt werden. Doch um etwas zu verändern, sollte man nicht auf die Politiker warten. Heute haben die Menschen viele Möglichkei­ten, sich zu vernetzen und Ideen zu sammeln, z.B. über Social Media. Auch ein Diktator kann allein nichts ausrichten, er braucht Menschen, die ihn unterstützen. Wenn sich die Men­schen nicht kaufen lassen und nicht immer nur an ihren eigenen Vorteil denken, haben sie die Macht, etwas zu verändern.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 53/2015