Erinnerung an die Widerstandskämpferin Irma Schwager PDF Drucken E-Mail

Nicht aufgeben, auch wenn es

aussichtslos scheint!

Erinnerung an die Widerstandskämpferin Irma Schwager

„Ich hatte die Möglichkeit und das Bewusstsein, gegen die Nazis anzukämpfen. Ich bin mir gar nicht wie ein Opfer vorgekommen, ich hab ja gegen dieses Regime gekämpft, und das war eine ganz wichtige Sache. (…) Der Widerstand hat uns auch Kraft gegeben. Sich zu verstecken und nur Angst zu haben, das schwächt!“


Am 22. Juni 2015 ist Irma Schwager im Alter von 95 Jahren in Wien gestorben. Als junge Frau war sie in Frankreich im antifaschistischen Widerstandskampf aktiv und hat dort versucht, deutsche Soldaten von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen und sie über den wahren Charakter der Naziherrschaft aufzuklären. Auch nach dem Krieg engagierte sie sich unermüdlich in der antifaschistischen Aufklärungsarbeit, war in der Frauen- und Friedensbewegung aktiv. Noch dieses Jahr hielt sie bei der Gedenkfeier an die Befreiung des KZ Auschwitz am Wiener Heldenplatz eine Rede.

Angefangen hat es am 12. Februar 1934. Sie war in der vierten Hauptschulklasse, als die Lehrerin die Kinder wegen einer Stromstörung nach Hause schickte. Es war aber keine Stromstörung, sondern der Februaraufstand. Mit diesem Ereignis hat sich alles verändert. Vorher waren sie im Geschichtsunterricht aufgefordert worden, Zeitungsartikel zu lesen und darüber zu diskutieren. Danach war alles anders. Das Parlament wurde aufgelöst, politische Parteien und kritische Meinungsäußerungen verboten.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurden in Wien SA, Gestapo und Nazi-Parolen wie „Deutschland erwache, Juda verrecke“ und „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“ plötzlich Teil des täglichen Lebens. Damals war Irma Wieselberg, wie sie damals hieß, 18 Jahre alt. Während die einen Hitler am Heldenplatz zujubelten, wurde schon der erste Transport von Regimegegnern nach Dachau zusammengestellt. Die Juden wurden zuerst zum demütigenden Straßenwaschen geholt und später in die Vernichtungslager abtransportiert.

Irma, die selbst jüdischer Abstammung war, wollte nach England flüchten. Doch weil viele Länder ihre Grenzen geschlossen hatten und es schwierig war, eine Einreisebewilligung zu bekommen, blieb sie mit ihrem Freund in Belgien. Als 1940 die Deutschen auch dort einmarschierten, floh sie mit dem Flüchtlingsstrom nach Südfrankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde.

Im Lager herrschten entsetzliche hygienische Zustände und es gab nichts zu essen. Sie musste mitansehen, wie Häftlinge in Verzweiflung versanken und sich gehen ließen. Im Lager hat Irma aber auch Kontakt zu Kommunist*innen bekommen, denen sie sich anschloss, weil sie ihre gegenseitige solidarische Hilfe beeindruckte. Ihr wurde klar, dass Widerstand auch unter solchen Verhältnissen möglich war, wenn er gut organisiert war und man sich aufeinander verlassen konnte. Es gelang ihr, zusammen mit Genoss*innen aus dem Lager zu entkommen. „Wir sind dann mit Hilfe eines französischen Geistlichen aus dem Lager fort“, schilderte Irma ihre Flucht, „und über die Demarkationslinie in den besetzten Teil Frankreichs – weil wir ja unbedingt mitwirken wollten, um diesen Krieg zu beenden. (2)

Die „Mädelarbeit“ in Frankreich

Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und weil es für junge Frauen einfacher und unverdächtiger war, bekamen Österreicherinnen in der französischen Widerstandsbewegung die Spezialaufgabe, Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit unter deutschen Soldaten zu leisten. Mit falschen Papieren zog Irma als Elsässerin namens „Susanne Berger“ aus, um Soldaten kennenzulernen. Zu zweit, damit es sicherer war, haben sie sich in Warenhäusern, auf dem „marché aux puces“ (Flohmarkt) oder in der Metro in Gespräche eingemischt oder beim Übersetzen geholfen. Nach kurzer Zeit haben sich die beiden auf Sichtweite voneinander getrennt, weil sie wussten, dass keiner in Anwesenheit eines Anderen etwas Kritisches sagen würde.

Die Soldaten waren oft froh, über das Soldatenleben oder ihre Familie daheim erzählen zu können. Für die jungen Frauen war es dabei jedoch überlebenswichtig, sich nicht provozieren zu lassen. „Zwei so jungen Burschen, die haben uns Bilder gezeigt, Fotos von aufgehängten Partisanen“, erzählte Irma. „Damit haben sie angegeben und wollten zeigen, was für Kerle sie sind. Da muss man schon schlucken, um noch freundlich zu bleiben. Wenn wir so fanatische Typen getroffen haben, da haben wir geschaut, dass wir die ganz rasch wieder loswerden“, so Irma.“ (2)

War es aber gelungen, Vertrauen – und zwar ohne Vertraulichkeiten – aufzubauen, konnte man mit der Kritik anfangen. „Wenn man gespürt hat, das ist ein Mensch, mit dem man reden kann, dann hat man zuerst einmal ein Flugblatt hergezeigt und beobachtet, wie er reagiert. Schließlich ist es auch bei manchen gelungen, dass sie Flugblätter in die Kaserne mitgenommen haben.“ Die Überzeugungsarbeit war mühevoll, denn viele Soldaten waren von der Nazipropaganda indoktriniert und um die Armee rankte sich ein Mythos der Unbesiegbarkeit. Erst nach Stalingrad, als die rote Armee auf dem Vormarsch war und viele Soldaten mit negativen Erlebnissen konfrontiert worden waren, wurde es leichter, Nachdenklichkeit zu erzeugen.

Diese spezielle „Mädelarbeit“, die es nicht nur in Paris, sondern auch in Belgien und nach der Besetzung in ganz Frankreich gab, gehörte zu den gefährlichsten Widerstandsarbeiten, denn es konnte passieren, dass der Soldat nur zum Schein auf ein Gespräch einging und zum vereinbarten Treffpunkt die Gestapo erschien. Im Jahr 1943 fuhren einige österreichische Genoss*innen als „Fremdarbeiter“ getarnt nach Wien, um dort den kommunistischen Widerstand zu stärken. Auch Irma hatte schon einen Abfahrtstermin. Als jedoch bekannt wurde, dass fast alle in Wien eingetroffenen „Fremdarbeiter“ – u.a. Gerti Schindel und Lisa Gavritsch – verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht worden waren, ließ die Parteileitung sie nicht fahren.

Irma war die Einzige in ihrer Familie, die aktiv gegen das Regime gekämpft hat. Sie überlebte, ohne aufdeckt zu werden, während ihre Eltern und zwei ihrer drei Brüder deportiert und im Konzentrationslager ermordet wurden. Sie bezeichnete es als Glück, den Kommunist*innen begegnet und durch sie zur Widerstandsbewegung gekommen zu sein. Der Wirkungsgrad der Widerstandstätigkeit ist zwar kaum quantifizierbar, zweifellos hat sie aber dazu beigetragen, antifaschistisches Bewusstsein zu bilden. Der kommunistische Widerstand gehörte auch zu den Grundlagen für das Wiedererstehen Österreichs als unabhängiger Staat – eine Tatsache, die heute oft verschwiegen wird.

Nach dem Krieg

So wie Irma Schwager schon vor dem Krieg klar gewesen war, dass ihre Antwort auf den Nazi-Terror nur aktiver Widerstand sein konnte, so setzte ihr Engagement auch nach dem Krieg fort. Obwohl die Situation in Wien sehr schwierig war – es gab kaum zu essen, viele Gebäude und Brücken waren zerstört – herrschte Aufbruchsstimmung. Die Menschen waren optimistisch, dass nun etwas Neues kommen würde, eine Demokratie, in der alle mitreden können. Der Ruf „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ drückte die ehrliche Überzeugung vieler aus.

Irma war in der Frauen- und der Friedensbewegung aktiv, engagierte sich in der Kommunistischen Partei und im Bund Demokratischer Frauen. Als im August 1945 Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima geworfen worden waren, setzte sie für das Verbot von Massenvernichtungswaffen ein. Doch als dann der Kalte Krieg und die Polarisierung begonnen hatten, wurden Kommunist*innen verteufelt.

Ihr ganzes Leben lang ist Irma für antifaschistische Aufklärung und gegen das Vergessen eingetreten, denn nach dem Krieg habe es ja weiterhin SS-Treffen gegeben, auf denen der Krieg, der Charakter des Krieges und die Kameradschaft, die man im Krieg gepflegt hatte, verherrlicht wurden.

Der Bund Demokratischer Frauen gründete in der Wiener Urania ein antifaschistisches Frauenkomitee. Dreißig Jahre lang wurde jeden Monat ein Antikriegsfilm oder ein antirassistischer Film gezeigt worden, zu dem Schulen eingeladen. „Die Tatsache, dass heute mehr über Faschismus und Krieg gesprochen wird, ist schon eine positive Sache, und das ist auch, möchte ich sagen, mit ein Ergebnis unserer Bemühungen“, sagte Irma nicht ohne Stolz.

Die Erinnerungen an die Repression und die Zeit des Widerstands blieben bei Irma ihr ganzes Leben lang präsent. Vor allem der rassistische Wahlkampf der FPÖ weckte bei ihr schmerzliche Erinnerungen: „Wenn man sich anhört, was der Strache da alles von sich gegeben hat bei dieser Kundgebung am Viktor Adler-Markt, wenn man sich die Plakate der FPÖ im Wiener Wahlkampf anschaut, da ist so eine Fremdenfeindlichkeit drinnen, da wird so unterschwellig Hass propagiert. Das ist eine Katastrophe! Und das Schlimme ist, dass man mit so was noch Stimmen gewinnen kann.“

„Man darf sich nicht abfinden mit den Verhältnissen. Das hab ich gelernt. Man darf nicht aufgeben, wenn es auch noch so aussichtslos erscheint, und man darf sich nicht abfinden mit den gegebenen Zuständen, weil, wenn man selber nichts dagegen tut, dann wird sich auch nichts ändern.“

Irma war überzeugt, dass man Fortschritte nur durch Widerstand erkämpfen kann und man auch heute Widerstand leisten muss, weil die Angriffe auf die erkämpften Rechte wieder zunehmen: „Wenn man keinen Widerstand leistet, gibt man den anderen die Bahn frei. Das ist eine ganz wichtige Sache, besonders für Frauen, weil wir zum Beispiel immer noch die Verlierer dieser ganzen prekären Arbeitsverhältnisse sind.“

Quellen:

veröffentlicht in Talktogether Nr. 53/2015