Diana, SalzBürgerin PDF Drucken E-Mail

Diana, SalzBÜRGERIN

von Martin Borger

Als ich Diana nach den zwei intensiven Tagen im November letzten Jahres, in denen ich sie durch das Theaterprojekt „Wir sind SalzBürger.“ als Fotograf begleitete, wiedersehe, starrt sie mit ausdruckslosen Augen ins Leere. Ihre beiden kleinen Töchter, vier und sechs, die ich das erste Mal sehe, tollen derweil unbekümmert um sie herum. Die Tschetschenin Diana kann in diesem Moment nicht mehr auf ihre Kinder eingehen, sie ist mit den Gedanken woanders: Sie, ihre beiden kleinen Töchter und ihr Mann sollen nach Tschetschenien abgeschoben werden, sie haben bereits negative Abschiebebescheide, die Polizei kann sie möglicherweise jeden Moment abholen. Diese Fakten hat mir Kathrin Herm, die Regisseurin des Theaterprojekts, über ein Facebook-Posting vermittelt; ich wähnte Dianas Asylverfahren auf gutem Weg.

Was eine Abschiebung nach Tschetschenien bedeutet, weiß die Frau, die durch die beiden Tschetschenien-Kriege und den Kampf ums Überleben nur ganze drei Jahre Schulbildung erhielt, aus eigener brutaler Erfahrung nur zu gut: blanke Willkür der Geheimpolizei, Hausdurchsuchungen, Schikanen gegen sie und die Kinder. Immer droht die Abholung ihres Mannes und die Verschleppung ins Foltergefängnis, wie schon einmal. Dieser Terror, den die Russland-Expertin und Tschetschenien-Kennerin Susanne Scholl in ihrer Kolumne „Was abgeschobenen Tschetschenen zu Hause droht“ beschreibt, in der sie den Fall der Familie aufgreift, passiert vielfach auch heute noch, hat System und ist Folge einer perfiden, grausamen Strategie. Wer einen Abwehrkämpfer gegen Diktator Kadyrov oder Russland in der Familie hat, muss mit Verfolgung rechnen, über Jahrzehnte, mit Sippenhaftung, bis in den Tod. Nicht einmal im Ausland sind Geflüchtete vor dem Geheimdienst sicher. Die Liste der getöteten oder vermissten Familienmitglieder ist ein einziges, langes Totenbuch des Schreckens.


Wir sind SalzBürger. Aufführung in der Kollegienkirche am 18.11.2014

Schon bei unserer ersten Begegnung war Diana die stillste, die ruhigste unter den Geflüchteten, die im Projekt „Wir sind SalzBürger.“ über ihre Verfolgung im Herkunftsland, ihre Fluchtentscheidung, ihren Weg nach Österreich und ihre Träume für ein Leben in ihrer neuen Heimat berichteten. Der Fotograf, der mit Bildern, nicht mit Worten arbeitet, sieht und erkennt eine sanfte, geduldige Erklärerin, die nicht ohne Stolz und mit viel Geduld den Menschen in der Kirche beschreibt, wie die von ihr gebackene Süßspeise – ein Nationalgericht – hergestellt wird. Die Menschen hören aufmerksam zu, wie sie ruhig und sachlich aus erster Hand in ihrem gebrochenen Deutsch erklärt, welche Hölle Tschetschenien für Menschen ist, die verfolgt sind und nichts anderes wollen, als mit ihrer kleinen jungen Familie in Frieden zu leben. Diana hat in Tschetschenien als Verkäuferin gearbeitet, ihr Mann als Bauarbeiter. Die jüngste Tochter war erst ein Jahr, als sie nach fast neun Jahren Verfolgung, Angst und Psychoterror flohen.

All die Hoffnung bei der Flucht, der Kampf, sich vom Erlebten traumatisiert hier zurechtzufinden, das Leben in einer ihr fremden Umgebung in einem einzigen Zimmer für Vier zu organisieren. Dann der große Mut, den es jedenfalls braucht, als ausgegrenzte Asylwerberin in einem so großen Theaterprojekt mitzumachen, als Muslima im Scheinwerferlicht in einer riesigen christlichen Kirche vor über 100 Menschen zu stehen. Ihr Einsatz neben dem Alltag Deutsch zu lernen – sie hat Deutsch- Level A2 erreicht –, ihr unbezahlter Dienst im Seniorenheim, alles ist also umsonst. Dass die Ältere in die Vorschule, die Kleine in den Kindergarten geht, interessiert die Behörden nicht. Dass beide Mädchen ihre angebliche „Heimat“ Tschetschenien den Großteil ihres jungen Lebens nie betreten und gesehen haben, all ihre FreundInnen und Freunde hier haben und besser Deutsch als Tschetschenisch sprechen – egal.

BürokratInnen und Asyl-Gerichte verschanzen sich hinter Paragraphen, einer vermutlich veralteten Länderanalyse, vagen Rechtsauskünften bei den Verfolgern selbst vor Ort, Gutachten sowie dem Asylrecht selbst, das so komplex geworden ist, dass es auch Top-JuristInnen nicht mehr verstehen, und haben nach dem Prinzip „Vorschrift ist Vorschrift“ geurteilt. Damit haben sie diesen vier Menschen jede Perspektive auf ein sicheres und angstfreies Leben genommen. Die Eltern, die hier gerade nach langem Kämpfen Fuß fassen konnten, müssen ihre noch sorglosen Mädchen nun schutz- und rechtlos Fremdenpolizisten, und später, wenn Geheimdienst-Schergen sie selbst abholen, Fremden oder entfernten Verwandten überlassen. Ein Alptraum für jeden Vater und jede Mutter.

Wenn an der Schuld von Angeklagten auch bei schwersten Kapitalverbrechen auch nur ein Funken Zweifel besteht, kommen sie nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ frei. Die Entsprechung dieses Irrtum-Schutzes gibt es im Asylwesen nicht. Das ist in meinen Augen pervers, unmenschlich und absurd. Es gibt gerade für diese Region Asylrichter, die seit Jahren und in über hundert Fällen kein Asyl gewährten, überforderte, wie der bekannte Asylwesen-Kenner Georg Bürstmayr bestätigte, oft ausgebrannte BeamtInnen, die gnadenlos urteilen. Meine Gefühle in dieser Situation schwanken zwischen grenzenloser Ohnmacht und blinder Wut über dieses perverse, unmenschliche System des „Rechtsstaats Österreich“, mit dem Ziel, Abschiebequoten zu erfüllen, und dem Ergebnis, Leben von offensichtlich Verfolgten zu zerstören. Wie muss es da erst Diana und ihrem Mann gehen, die die Ausgelieferten, Abgeschobenen, grenzenlos Ohnmächtigen sind?

Irgendwie schaffen wir es dann doch, alle gemeinsam mit den ausgelassen tollenden Mädchen auf den nahen Spielplatz zu gehen, und als sie ihre Kinder so glücklich sieht, da kann auch Diana für ein paar kurze Minuten fast lächeln, glücklich, bevor es weitergeht ins ABZ, zum Treffen und dem Versuch, alles Menschenmögliche zu tun, um die Abschiebung doch noch abzuwenden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und die UnterstützerInnen werden bis zuletzt für die Familie kämpfen. Die beiden kleinen tschetschenischen Österreichinnen, werden, so hoffen wir, ihren #Girlsday 2016 in Freiheit und Frieden mitten unter uns verbringen.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 52/2015