Syrisch-Kurdistan: Gespräch mit Dilar Dirik PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Dilar Dirik

über die Frauenbewegung in Rojava, Syrisch-Kurdistan

TT: Die Bilder kämpfender Kurdinnen in den Medien erwecken bei vielen Erstaunen. Was sind die Hintergründe für die starke Beteiligung der Frauen am Kampf?

Dilar: In vielen Kriegssituationen, vor allem innerhalb antikolonialistischer Freiheitsbewegungen, fällt auf, dass Frauen oft Schlüsselrollen spielen. Es gibt verschiedene Theorien über die militante Mobilisierung kurdischer Frauen, doch nur wenige fragen diese Frauen selbst über ihre Motive und Ideale. Einige meinen, der Krieg habe den Griff zur Waffe notwendig gemacht, wieder andere wollen an diesem Phänomen etwas „typisch Kurdisches“ sehen. Doch Tatsache ist, dass weder die kurdische Gesellschaft an sich feministisch ist (Gewalt an Frauen ist wie überall auch hier eine Epidemie), noch hat es erst den IS gebraucht, um kurdische Frauen zu politisieren. Wenn man die Frauen in Rojava selbst fragt, erklären sie, dass die Philosophie der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), vor allem die Ideen des inhaftierten Abdullah Öcalan ihnen zu ihrer Emanzipation verholfen haben. Die Mobilisierung kurdischer Frauen gegen den IS heute ist ein Resultat von jahrzehntelangem Widerstand gegen Staaten wie die Türkei. Das möchte man hierzulande aber nicht gerne hören.

TT: Bewaffnete Frauen widersprechen dem herrschenden Frauenbild. Kannst du uns etwas über die unterschiedlichen Reaktionen der Medien erzählen?

Dilar: Der Militarismus von Frauen gilt fast überall als ein Tabu. Frauen im Nahen Osten leiden zudem noch an orientalistischen Bewertungen, die sie als traurige, passive Opfer essentialisieren. Man kann sich nicht vorstellen, dass Frauen in solch einer männerdominierten Gesellschaft zur Waffe greifen. Aus diesem Grund ist die Berichterstattung zu den Widerstand leistenden Kurdinnen heute ziemlich banal und sensationslüstern: „Diese Frauen jagen dem IS Angst ein“, „Die Dschihadisten glauben, sie kämen nicht in den Himmel, wenn sie von Frauen getötet werden“ und so weiter. Es fällt auf, dass es den Medien gefällt, dass es Frauen sind, die den IS erniedrigen. Das ist äußerst problematisch. Darüber hinaus werden die politischen Ansichten dieser Frauen systematisch ausgeblendet. Es wird oft bewusst nicht erwähnt, dass diese Frauen mit der PKK-Ideologie in den Kampf ziehen. Die Frauen werden als sympathische Feinde des IS porträtiert und von der Anti-IS Koalition sogar instrumentalisiert, während ihre politischen Ziele marginalisiert und sogar kriminalisiert werden.

TT: Du warst an einer Delegation beteiligt, die Rojava im Dezember 2014 besucht hat. Welche Ziele hatte diese Reise und welche Eindrücke hast du gewonnen?

Dilar: Ziel dieser akademischen Delegation war es, das System in Rojava besser zu erforschen und solidarische Perspektiven zu bieten. Trotz der Angriffe dschihadistischer Gruppen und des Regimes haben die Menschen in Rojava eine wahrhaftige Revolution angefangen. Der Wille und die Entschlossenheit der Bevölkerung sind wie ein Silberstreif am Horizont, der von der schwarzen Flagge und finsteren Ideologie des IS verhüllt ist. Dass solch eine kollektive Mobilisierung und politische Entschlossenheit trotz all der Schmerzen, die die Menschen dort erleiden mussten, zustande gekommen ist, ist bewundernswert und es ist klar, dass dieser Wille, Widerstand zu leisten, den Kampf in Kobane antreibt. Rojava hat mir Hoffnung, Lebenskraft und den Glauben an eine schönere Zukunft geschenkt.

TT: Der Kampf der KurdInnen gegen die IS-Terroristen erfährt von vielen Anerkennung. Trotzdem wird die PKK immer noch als Terrororganisationen eingestuft …

Dilar: An der Nahostpolitik derer, die nun dem IS den Kampf angesagt haben, ist ganz klar, dass es ihnen nicht wirklich um Demokratie, Frieden und Entwicklung in der Region geht. Dieselben Staaten, die zuvor Dschihadisten in Syrien unterstützt haben, haben nun die Koalition gegen ihn gegründet. Obwohl die Kurd*innen in Rojava seit fast drei Jahren gegen den IS kämpfen, hat man weggesehen. Die Akteure und Parteien in Rojava haben die Welt lange vor dem IS gewarnt. Doch erst als die Interessen der USA im Irak gefährdet wurden, hat man über Nacht den IS zum Thema gemacht. Man hat kein Problem damit, der Autonomen Region Kurdistan Waffen zu liefern, diese ist nämlich stets zu Diensten der Türkei und der USA gewesen, und das obwohl sie die Eziden im August im Stich gelassen hat. Man hat die Rojava-Akteure bewusst marginalisiert, weil sie der PKK nahestehen und man den NATO-Partner Türkei nicht verärgern wollte. Diese selektive Unterstützung ist total realitätsfern und ein immenses Hindernis im Kampf gegen den IS.

TT: Die politische und wirtschaftliche Isolierung hat dazu geführt, dass die sich die Menschen in Rojava sich auf die eigenen Kräfte verlassen und eigene Ressourcen mobilisieren mussten. Kannst du uns Beispiele nennen?

Dilar: Es wurden verschiedene Kooperativen im Bereich Textilien, Molkereien, Mehlproduktion, Landwirtschaft etc. gegründet. Brot wird in Rationen verteilt, Medikamente werden sehr vorsichtig vergeben, fast alle – Ärzte, Lehrer, etc. – arbeiten auf freiwilliger Basis. Die Wirtschaft ist auf die Versorgung der Bevölkerung und auf den Krieg ausgerichtet. Die Isolierung hat dazu geführt, dass die Menschen sich durch Solidarität und gegenseitige Unterstützung am Leben erhalten. Das Embargo auf die Region wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Aus diesem Grund braucht Rojava unbedingt Unterstützung, um sich aufrecht zu halten.

TT: Welche Rolle spielt die kurdische Identität in der Bewegung?

Dilar: Unter dem syrischen Regime wurde die kurdische Identität massiv unterdrückt. Die Sprache wurde verboten, kulturelle und politische Aktivität kriminalisiert. Vielen Kurd*innen wurde die Staatsbürgerschaft genommen, sodass ihnen Eigentumsrechte, das Wahlrecht etc. verweigert wurden. Es galt die „Eine Sprache, eine Nation, eine Flagge“-Politik, unter der die Kurd*innen als Bürger*innen zweiter Klasse leben mussten. Die Revolution in Rojava war eine kurdische Initiative, doch das Ziel ist keineswegs ein von Kurd*innen dominiertes System. Entgegen der monopolistischen Regimepolitik haben die Akteure der Revolution von Anfang an beschlossen, dass alle religiösen und ethnischen Gemeinden in der Region in das neue System eingebunden werden sollen. Quoten sollen für die gleichberechtigte Beteiligung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen sorgen. Jedes Ministerium hat einen Minister und zwei Stellvertretende, jeweils ein Kurde, ein Araber, ein Assyrer. Hierbei muss mindestens jeweils eine von den dreien eine Frau sein. Man bemüht sich, dass alle Bevölkerungsgruppen sich am neuen System beteiligen. Die Assyrer, Tschetschenen und Araber mit denen wir gesprochen haben, fühlen sich als wichtige Teile der Revolution und werden ermutigt, sich zudem autonom zu organisieren. Die Assyrer haben beispielsweise beschlossen, ihre Dörfer und Städte selbst zu verteidigen und dabei mit der YPG und YPJ zu kooperieren.

Einige, die der Revolution nicht unbedingt freundlich gesinnt sind, wollen in ihr ein nationalistisches Bestreben der Kurd*innen sehen. Doch die von Öcalan geprägte Idee, die sie dort verwirklichen wollen, ist die der „Demokratischen Nation“, bei der der Begriff Nation von ethnischen Implikationen losgelöst wird und auf Prinzipien wie der Befreiung der Frau und der Kooperation aller Gemeinden beruht. Insofern werden die verschiedenen Identitäten als eine Bereicherung für die Demokratie betrachtet. Das ist ein radikaler Kontrast zur monopolistischen Regimepolitik. Die kurdische Symbolik sollte nicht als Nationalismus verstanden werden – denn Nationalismus muss immer im Kontext existierender Machtbeziehungen bewertet werden. Dass nun, nach jahrzehntelanger Assimilation und Diskriminierung kurdische Farben die Straßen schmücken, ist ein Ausdruck von „Wir existieren. Es gibt uns“. Der Islamische Staat und verschiedene Kriege in der Region, sowie die konfessionelle Politik, (die teilweise auch von westlichen Staaten aktiv ausgebeutet wurde), haben dazu geführt, dass sehr viel Misstrauen zwischen den Völkern entstanden ist. Dass in solch einem Kontext, umzingelt von einem sogenannten Kalifat, das systematisch ganze Kulturen und Religionen auslöschen möchte, solch eine Solidarität zwischen verschiedenen Gruppen zustande gekommen ist, ist wahrhaftig eine Revolution. In diesem Sinne kann Rojava ein Modell für die gesamte Region darstellen.

TT: Welche Rolle spielen die Frauen in Rojava heute in der Politik und der Gesellschaft?

Dilar: Die Revolution in Rojava wird als eine Revolution der Frau bezeichnet. Und das ist sie wahrhaftig. Die Befreiung der Frau wird als ein Maßstab für die Freiheit und Ethik der Gesellschaft betrachtet. In vielen Regionen wurden Frauen, obwohl sie aktiv an der Revolution teilgenommen haben, oft im Nachhinein vergessen. Ein Beispiel dafür ist die Verschlechterung der Lage der Frauen in den Ländern des sogenannten Arabischen Frühlings. Die Frauen in Rojava haben von Anfang an darauf bestanden, keine Kompromisse einzugehen, wenn es um die Befreiung der Frau geht. Sie sagen, dass eine Revolution, die die Frau nicht befreit, einfach keine Revolution sein kann. Man darf die Befreiung der Frau nicht auf später verschieben. Aus diesem Grund haben sie sich in allen Bereichen der Gesellschaft autonom organisiert. Es gibt autonome Frauenräte, -akademien, -organisationen, -kooperativen und -kommunen. Überall gibt es Ko-Präsidenten, das heißt eine Frau und ein Mann teilen die Position des Vorsitzenden. Das gilt für die Kantonpräsidenten als auch für Nachbarschaftsräte. Natürlich sind die Frauen auch militärisch autonom organisiert. Schon jetzt fühlen sie, dass sich ihre Rolle als Frauen in der Gesellschaft radikal geändert hat. In einer Region, wo teilweise Ehrenmorde und Zwangsheirat als normal betrachtet werden, bauen nun Frauen die Grundsteine einer freien Gesellschaft auf. Sie kämpfen nicht nur militärisch gegen den IS, sondern auch gegen das Patriarchat in der eigenen Gesellschaft. Denn wahre Veränderung, echter Widerstand kann sich nicht nur auf einen offensichtlichen Feind wie das Regime oder die Dschihadisten konzentrieren, sondern muss die Mentalität der Gesellschaft verändern. Für die Frauen in Rojava ist eines sicher: Die Zeiten haben sich radikal geändert. Ein Banner in Qamishlo sagt: „Wir werden den IS besiegen, indem wir die Freiheit der Frauen im Nahen Osten aufbauen“. Gleichberechtigung ist keine Nebenwirkung, sondern ein aktives Ziel, sowie die Methode der Revolution.

TT: Was kann man hier in Europa tun, um die Menschen in Rojava zu unterstützen?

Dilar: Das Embargo auf Rojava erstickt die Region langsam aber sicher. Es ist unabdingbar, dass es aufgehoben wird. Den Menschen fehlt es an lebenswichtigen Dingen wie Essen, Medizin, Decken, usw. Sehr viele Flüchtlinge, unter ihnen auch Tausende Eziden aus Sinjar werden dort versorgt. Es muss Druck auf die Autonome Region Kurdistan und vor allem auf die Türkei ausgeübt werden, um das Embargo zu beenden. Weiterhin muss sich die internationale Gemeinschaft mit den Verbindungen der Türkei zu terroristischen Gruppen wie dem IS oder der Al-Nusra Front auseinandersetzen. Selbst US-Vertreter haben zugegeben, dass Staaten wie Saudi Arabien, Katar und die Türkei Islamisten in Syrien unterstützt haben, doch Konsequenzen folgten kaum. Diese Unterstützung muss offengelegt werden, und die betroffenen Staaten müssen die Konsequenzen dafür tragen. Das führt uns gleich zum Thema Waffenhandel – viele der Waffen mit denen im Nahen Osten gekämpft wird, stammen aus Europa. Obwohl den Regierungen bewusst war, dass beispielsweise Saudi Arabien Waffen an Dschihadisten liefert, haben Staaten wie Deutschland ganz offen Waffen an diese Staaten verkauft. Diese Kriegswirtschaft muss endlich kritisiert und gestoppt werden. Weshalb liefert man sorglos Waffen an solche Regime, scheut sich aber davor, die Menschen in Kobane bei ihrer Selbstverteidigung zu unterstützen?

Außerdem ist es wichtig, die PKK als eine wichtige Akteurin in der Region wahrzunehmen. Die Eziden in den Flüchtlingslagern wollen, dass die Welt weiß, dass es im August die YPG/YPJ und die PKK waren, die sie gerettet haben. Die PKK ist einer der stärksten Feinde des IS, führt seit fast zwei Jahren einen Friedensprozess mit der Türkei und hat einen radikalen programmatischen Wandel hinter sich. Dennoch besteht die EU darauf, sich beim Thema PKK an der Politik der Türkei zu orientieren, einem Staat, der, wie mittlerweile alle wissen, selbst Terrorgruppen unterstützt hat. Dass eine Terroreinstufung komplett von der Außenpolitik abhängt, finde ich unmöglich. Ganze Gemeinden, die aus gewöhnlichen Bürger*innen bestehen, werden durch das Verbot in Europa kriminalisiert. Es ist Zeit, diese Einstufung zu überdenken. Die Philosophie der kurdischen Frauen, die zu Symbolen des Widerstands geworden sind, steht auf der gleichen Terrorliste wie der IS. Wer sich mit ihnen solidarisieren will, muss das hinterfragen. Und zu guter Letzt muss man sich dafür einsetzen, dass die drei Kantone in Rojava anerkannt werden. Inmitten der Finsternis im Nahen Osten, trotz der schwarzen Flagge des IS, bauen die Menschen dort ein neues Leben auf, durch die Befreiung der Frau und mit all den Sprachen, Farben und Kulturen der Region. Wer aufrichtig Frieden für den Nahen Osten möchte, muss nach Rojava blicken.

Dilar Dirik ist Soziologin, Journalistin und Frauenrechtsaktivistin

veröffentlicht in Talktogether Nr. 51/2015