Frauen an der Front gestern und heute PDF Drucken E-Mail

Bewundert, verteufelt, vergessen
Frauen an der Front gestern und heute

Heute begegnen uns in vielen Medien die Bilder der mutigen Frauen in Kurdistan, die die IS-Terroristen in Angst und Schrecken versetzen. Die Reaktionen schwanken zwischen Bewunderung und Diffamierung. Das Bild von bewaffneten Frauen ist f√ľr viele verst√∂rend, passt es doch nicht in die Vorstellung der von Natur aus friedliebenden Frauen. Popul√§rwissenschaftliche Darstellungen behaupten ja, dass es das Testosteron sei, das die M√§nner kriegerisch mache. Die Hintergr√ľnde, warum und wof√ľr Menschen k√§mpfen, werden bei so einer Sichtweise jedoch v√∂llig ausgeblendet.


Kurdische YPJ-Kämpferinnen beim Tanz (Foto: Erin Trieb) http://imgur.com/gallery/8NMUV

Wir f√ľhren dieses harte Leben nicht ohne Grund

‚ÄěDie ganze Welt redet √ľber uns, die kurdischen Frauen, warum haben sie uns erst so sp√§t entdeckt‚Äú, fragen kurdische K√§mpferinnen zu Recht. Denn obwohl Frauen bereits seit drei Generationen in den kurdischen Freiheitskampf involviert sind, wurden Mainstream-Medien erst vor einigen Monaten auf sie aufmerksam. Die Darstellungen sind unterschiedlich. W√§hrend staatsnahe Medien in der T√ľrkei und im Iran die Frauen als familienhassende oder irregeleitete Sexspielzeuge der m√§nnlichen K√§mpfer diffamieren, werden sie von westlichen Medien h√§ufig als unterdr√ľckte Opfer dargestellt, die einer r√ľckst√§ndigen Kultur entfliehen wollen. ‚ÄěDiese Frauen k√§mpfen aktiv gegen das Patriarchat, wie kann man das als Flucht bezeichnen?‚Äú kritisiert die Soziologin Dilar Dirik. Andere wiederum vermarkten die Frauen als exotische Amazonen und w√§hlen die attraktivsten K√§mpferinnen f√ľr ihre Interviews aus, so Dirik. ‚ÄěSogar Modezeitschriften eignen sich den √úberlebenskampf kurdischer Frauen f√ľr ihre Zwecke an und banalisieren und entpolitisieren dabei die Hintergr√ľnde dieses Widerstandes.‚Äú (1)

W√§hrend der Kampf der kurdischen Frauen gegen die IS-Terroristen von vielen bewundert und sogar idealisiert wird, finden die K√§mpfer und K√§mpferinnen in den W√§ldern Indiens hierzulande wenig Beachtung. Heute zieht sich ein sog. Roter Korridor von Nordosten bis S√ľdwesten durch den Subkontinent, wo sie einen erbitterten Krieg gegen Enteignung, Vertreibung von ihrem Land und die Zerst√∂rung ihrer Lebensgrundlagen f√ľhren, der sich durch den vermehrten Rohstoffabbau sowie den Bau von Megastaud√§mmen und Industriekomplexen in den vergangenen drei Jahrzehnten weiter zugespitzt hat. Diesen maoistischen Rebellengruppen haben sich auch viele Frauen, vor allem Angeh√∂rige der indigenen Bev√∂lkerung, angeschlossen. Als Frauen sind auch sie mit medialer Diffamierung konfrontiert. Dem in den Medien verbreitetem Bild von den unterdr√ľckten und ausgebeuteten Sexsklavinnen widerspricht jedoch die Tatsache, dass der Frauenanteil nicht nur in den Kampfeinheiten, sondern auch in den Parteikadern bei √ľber 40 Prozent liegt. Oft haben diese Frauen miterlebt, wie paramilit√§rische Gruppen ihr Dorf verw√ľstet und die Frauen vergewaltigt haben. ‚ÄěWir f√ľhren dieses harte Leben nicht ohne Grund. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich der Revolution anzuschlie√üen‚Äú, sagt eine junge K√§mpferin.

Lieber tot als in den H√§nden der Unterdr√ľcker

In den Lobges√§ngen der Griots, den Chronisten der westafrikanischen Geschichte, wird der mutige Widerstand der Frauen des Dorfs Ndar gegen die Sklavenh√§ndler besungen. Diese Frauen k√§mpften mit Lanzen, Gewehren und Messern gegen die maurischen Sklavenh√§ndler und sollen mehr als 300 von ihnen get√∂tet haben. Als sie jedoch erkannten, dass sie gegen die √úbermacht keine Chance hatten, beschlossen sie, lieber gemeinsam zu sterben, als sich der Sklaverei zu ergeben. Sie zogen sich in eine H√ľtte zur√ľck und steckten sie in Brand.

Auch in den Reihen der slowenischen Partisanen, die w√§hrend des Zweiten Weltkriegs in S√ľdk√§rnten und Teilen der Steiermark Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, waren Frauen nicht nur als Botinnen, sondern auch als ebenb√ľrtige Mitk√§mpferinnen aktiv. ‚ÄúDas Ziel war halt, den Faschismus von unserer Heimat auszutreiben‚Äú, erz√§hlt die ehemalige Partisanin Johanna Sadolschek-Zala, die immer eine letzte Kugel f√ľr sich selbst mit sich trug, da die Bef√ľrchtung, unter unmenschlicher Folter jemanden verraten zu k√∂nnen, schwerer wog als die Angst vor dem eigenen Tod. Von ihren Gegnern jedoch wurden die Partisaninnen durch sexualisierende und entmenschlichende Stereotypen entw√ľrdigt, die sich oft in ritualisierten Gewaltakten von auffallender Brutalit√§t manifestierten. Auch nach dem Krieg erhielten die Frauen wenig Anerkennung: Sie wurden kriminalisiert, bei der Vergabe von Opferrenten benachteiligt und mussten ihre Aktivit√§ten aus Angst vor Diskriminierung verschweigen. (2)

Diese Beispiele zeigen, dass es in unterschiedlichen Zeiten und Regionen Frauen gegeben hat, die mit der Waffe in der Hand in den Kampf gezogen sind. Manchmal haben sie f√ľr die M√§chtigen gek√§mpft, viel √∂fter jedoch gegen sie und gegen ein System, dass ihnen nur Unterdr√ľckung und Fesseln bot. PazifistInnen meinen, dass man Gewalt nicht mit Gewalt begegnen solle. Ist es aber Gewalt, sich gegen einen Gegner zu wehren, der den Menschen keinen √úberlebensraum l√§sst? Meist standen diese Frauen vor der Wahl, sich entweder wehrlos ihrem Schicksal zu ergeben, oder sich mit den Mitteln zur Wehr zu setzen, die sie als geeignet erachteten. Es hilft den Frauen nicht, ihren Widerstand zu romantizieren. Genauso sollten wir uns h√ľten, √ľber ihren Kampf mit √úberheblichkeit zu urteilen, denn diese mutigen Frauen verdienen unsere Achtung und unsere Solidarit√§t.

(1) vgl. http://civaka-azad.org/zwei-gegensaetzliche-systeme-kobane
(2) vgl. Christian Konrad, 2010: Im Kampf, da warst du gleichberechtigt. Der bewaffnete Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kärnten und der Steiermark aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive

veröffentlicht in Talktogether Nr. 51/2015