Geschichten von Nina Vasiltshenko PDF Drucken E-Mail


Meine Geschichten


von Nina Vasiltshenko


Wind kommt auf. Die Sekunden fallen, sie zerstören die Minuten, die Minuten untergraben die Wurzeln der Stunden und neun Monate sind vergangen…

Stöhnen und seufzen…

Sie wollte schreien in die taube Stille der Nacht… Schmerz… Neues Leben… Weinen… Stille

Treppe – eins, zwei… die Straßenlaterne durchschneidet die Schatten der Bäume.

Wieder Schritte – drei, vier – wieder weinen… Tränen…

erschöpfte Mutter… der Morgen bricht an…

Telefon klingelt…

„Hallo!“
„Wo ist das Kind?“ (fragt er streng)

„Es existiert nicht mehr!“

Damit war er zufrieden…


Sie steigt die Treppe hinauf. Öffnet die Tür. Sie ist mit Blut befleckt, nimmt eine Dusche, es geht ihr besser. Sie verkriecht  sich in einen Stuhl.

Sie sieht auf die Uhr, es wird neun. Jetzt kommen die Nachrichten, denkt sie laut, schnell schaltet sie den Fernseher ein. Sie schließt die Augen und sie hört die Stimme eines Babys. Kommt das aus dem Fernseher?

Die Nachrichtensprecherin sagt: „Ein neugeborenes Baby wurde neben Mülltonnen gefunden…" Ein Arzt sagt: „Das Kind wird überleben…"



Palette

Ich malte die Sonne bis zum frühen Morgen. Ich versuchte sie sehr hell und groß auf der Leinwand abzubilden. In die Sonne strickte ich alle meine Liebe und Gefühle hinein. Aber irgendwie wurden die Sonnenstrahlen nach ein paar Stunden blass. Die Sonne mit ihren Strahlen erwärmte mich nicht mehr so stark wie zu Beginn.

Weiß-Drogenfarbe bleichte und schmolz mein Bild. Ich nahm den Traum-Pinsel in meine Hand und ich kämpfte mit heftiger Leidenschaft gegen die Scharlach-Farbe. Ich werde nie die hellen Farben verlieren. Die Sonne wünschte den Traum auf die schwarze Leinwand.

Hellblau-Traumfarbe mit einem silbernen Schimmer von Melancholie. In diesem Moment erschien die graue Farbe, die unheimliche Farbe der Sünde. Ich wollte nicht, dass sich das Grau in Rot verwandelt, und ich warf den weinenden Pinsel weg. Ich saß alleine und meine Gedanken kamen und gingen, und nach und nach verbanden sie sich harmonisch und ich dichtete mein „Lebensrequiem.“

Sein Ende muss unbedingt in Dur erklingen.

Es wurde mir gesagt, dass es auch eine Paradies-Farbe gibt, weit weg, irgendwo. Ich muss diese Farbe finden, dann wird mein Bild wärmer und gemütlicher.

Genies brauchten lange Zeit für ihre Meisterwerke, aber ich kann nicht mehr warten. Verdammte Zeit – für mich hat sie immer eine rostige Farbe. Manchmal ist es schwer für mich, dass ich an ihrem tragischen und gleichzeitig komischen Reigen nicht teilnehmen kann. Zu meiner Erleichterung gibt das Leben aus Barmherzigkeit kleine silberne Glassplitter in meine ausgestreckte Hand.

Lügen-Farbe: verfaulter Apfel (er steckt die anderen Äpfel im großen Korb an). Ich will diese düsteren Farbtöne nicht mehr auf meiner Palette sehen. Ich will sie loswerden. Weit weg will ich sie in der finsteren Nacht vergraben.

Ich werde weggehen und nur die frische grĂĽne Farbe mitnehmen, die nach Tau duftet ...

 

Nina stammt aus Georgien und lebt seit April 2014 als Asylwerberin in Salzburg. Sie war als KĂĽnstlerin bereits an mehreren Ausstellungen und Performances in Salzburg beteiligt und nahm im August 2014 an der Internationalen Sommerakademie Salzburg teil. Diese Geschichten entstanden in der Schreibwerkstatt Elisabeth Fereberger im ABZ.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 51/2015