Gespräch mit Omar Khalifa PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Omar Khalifa


TT: Das Attentat in Paris hat bei vielen Menschen Empörung und Angst ausgelöst. Die Reaktion der PolitikerInnen wie Hollande oder Merkel darauf war: Wir müssen unsere Werte verteidigen. Handelt es sich um einen Kampf „Wir gegen die Anderen“?

O.K.: Genau so kommt das bei mir an. Ich zweifle, ob diesen PolitikerInnen bewusst ist, wie ihre Aussagen bei anderen Menschen ankommen. Wir, die herrschende Klasse, heißt es für mich, müssen unsere Demokratie und unsere Machtposition schützen. Damit schließen sie die „Anderen“ aus. Mit „wir“ meinen sie nicht alle Völker dieser Erde, sondern sie spalten die Menschen in ihre Verbündeten und ihre Gegner.

TT: Rechte Bewegungen wie Pegida nützen die Situation aus, sie fühlen sich in ihren Vorurteilen gegenüber Muslimen bestätigt ...

O.K.: Das sehe ich genauso. Für mich sind Pegida, ISIS und Al-Qaida vergleichbare Phänomene dieses Jahrhunderts, die sich gegenseitig brauchen. Aber niemand kommt als Rechtsradikaler oder Terrorist auf die Welt. Es handelt sich um unzufriedene und frustrierte Menschen, ob sie nun im Irak oder in Berlin auf die Welt gekommen sind. Sie sehen sich als Opfer der Politik und haben das Gefühl, man ignoriert uns, man will unsere Probleme nicht sehen. Wenn Bomben explodieren, Nazifahnen auf den Straßen getragen und Menschen getötet werden, ist die Antwort der Herrschenden wiederum nur Gewalt. Noch mehr Waffen werden in die Kriegsgebiete geschickt und noch mehr Polizisten auf die Straßen. Oder Helikopter und militärische Spezialeinheiten wie in Paris. Es wird aber nicht auf die Ursachen geschaut oder nach Lösungen gesucht.

Die USA wollten Assad loswerden, sich aber nicht selbst die Hände schmutzig machen. Deshalb haben sie unberechenbare Milizen mit schweren Waffen aufgerüstet, die diese jetzt gegen unschuldige Menschen einsetzen. So hat man ein Feuer angezündet, das sich rasant ausgebreitet hat, so dass jetzt die ganze Region brennt. Die Reporter zeigen uns einen Krieg zwischen Arabern und Kurden, zwischen Muslimen, Jesiden und Christen, ohne zu erwähnen wer dahinter steckt.

TT: Was bringt in Europa geborene Menschen dazu, sich gewalttätigen Ideologien zuzuwenden? Sind die Gewalttaten ein importiertes Phänomen?

O.K.: Ich denke, es handelt sich um ein hausgemachtes Pro-blem. Wie nachzulesen ist, sind die Attentäter von Paris weder in einem religiösen Umfeld aufgewachsen, sie hatten keine Verbindnung zur algerischen Kultur noch waren sie praktizierende Muslime. Ich glaube nicht, dass ihr Motiv Religion war, sondern vielmehr Hass. Sie haben keine Perspektive in der Gesellschaft gesehen, sie hatten nichts zu verlieren. Nun sind sie tot, aber sie haben viele Menschen mit in den Tod gerissen. Es gibt viele, die in Paris oder anderen europäischen Städten leben und in einer ähnlichen Situation sind. Soll man warten, bis auch sie andere Menschen töten? Was hilft es, mit Hubschraubern oder Drohnen gegen sie vorzugehen? Wäre es nicht besser, die Ursachen zu bekämpfen und Maßnahmen zu ergreifen, um sie aus dieser Ecke heraus zu holen, ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben?

Ein Muslim, der in Österreich lebt, sich etabliert und sein Zuhause gefunden hat, denkt nicht daran, in den Krieg nach Syrien oder in den Irak zu ziehen, weil ihm sein Leben kostbar ist. Aber ein junger Mensch, der frustriert und mit Ausgrenzung konfrontiert ist, hat nicht viel zu verlieren. Wenn ihm dann von einer Gruppe gesagt wird, bei uns bist du willkommen, bei uns bist du wichtig, hofft er dort die Anerkennung zu finden, die ihm von der Gesellschaft hier verweigert wird. Das ist vermutlich nicht viel anders als bei jungen ÖsterreicherInnen, die in der rechten Szene landen.

TT: Mit diesen Attentaten wurde die Islamphobie in Europa verstärkt, so dass sich viele Muslime verunsichert fühlen. Wie können wir mit dieser Situation umgehen?

O.K.: Als Muslim stehe ich dazu, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, mit den gleichen Rechten und Pflichten, egal, wie es manche anderen sehen. Mit dem Terror habe ich nichts zu tun und ich lehne ihn unter allen Umständen ab. Ich erwarte aber auch von der Politik, dass sie mich auch als Teil der Gesellschaft akzeptiert und mir das Gefühl gibt, dazu zu gehören.

TT: Können Maßnahmen wie die Kontrolle muslimischer Vereine, wie jetzt im neuen Islamgesetz vorgesehen, etwas dazu beitragen, die Terrorgefahr zu reduzieren?

O.K.: Nein, ganz im Gegenteil. Wenn ich als Muslim in Österreich lebe, wünsche ich mir, als ganz normaler Bürger angesehen zu werden. Ich will kein Gesetz, das nur mich betrifft, weil ich Muslim bin. Es gibt in Österreich Gesetze, und alle, die hier leben, müssen diese Gesetze befolgen. Wenn nicht, habe ich die Polizei am Hals und bekomme ein Problem, egal ob ich Man-fred oder Omar heiße. Das muss reichen. Aber eine ganze Gruppe unter Generalverdacht zu stellen und für sie ein neues Gesetz zu erlassen, ist diskriminierend. Womit haben wir das verdient? Warum sollte man zu einem Menschen, der hier lebt, arbeitet und sich nichts zu Schulden kommen lassen hat, sagen: Du bist Muslim, deshalb kontrollieren wir dich? Dass damit eine Radikalisierung verhindert werden könnte, glaube ich nicht, es könnte im Gegenteil sogar ein Grund sein, in eine gewaltbereite Gruppe hinein zu rutschen. Ich kann mir vorstellen, dass jemand dann sagt: Sie grenzen uns hier aus, ich suche mir eine Gruppe, die mich akzeptiert.

TT: Nach dem Attentat haben viele die Parole „Wir sind Charlie“ aufgegriffen, ohne zu hinterfragen, was damit ausgesagt werde soll. Was hältst du von dieser demonstrativ zur Schau gestellten Identifikation?

O.K.: Charlie Hebdo steht für mich für Respektlosigkeit und Provokation, die Brüder Kouachi für unmenschliche Gewalt und Zerstörung. Natürlich sind diese Verbrechen nicht vergleichbar. Als Kind bin ich in die Koranschule gegangen und dort hat man uns gelehrt: Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist einen anderen Menschen zu töten. Diese Gewalt ist für mich unverzeihlich und durch nichts zu rechtfertigen. Vor diesem Attentat habe ich Charlie Hebdo nur als respektloses und provokantes Magazin gesehen. Das Attentat hat das alles in den Schatten gestellt. Trotzdem lehne ich eine solche Art von Provokation ab, wie sie in diesem Magazin verbreitet wird. Deshalb will ich mich weder mit den einen noch mit den anderen identifizieren und sage: Ich bin weder Charlie noch Kouachi.

TT: Wie weit darf die Meinungsfreiheit gehen? Fällt es auch unter Meinungsfreiheit, beispielsweise eine aus Guayana stammende Ministerin als Affe zu zeichnen?

O.K.: Meinungsfreiheit muss geschützt und verteidigt werden, doch gleichzeitig sollte man wissen, wo die Grenze ist. Man sagt, deine Freiheit endet dort, wo die Freiheit eines anderen Menschen überschritten wird. Dann bist du an deine Grenze gestoßen. Wenn eine muslimische Frau aufgrund ihres Kopftuchs auf der Straße beschimpft wird, ist es Aufgabe der Polizei, sie vor dieser Art von „Meinungsfreiheit“ zu schützen. Ein Journalist sollte sensibel genug sein, um diese Grenzen zu erkennen. Wenn nicht, sollte es eine gesetzliche Handhabe dagegen geben.

Dazu sollte man aber auch wissen, dass die ersten, die den Menschen verboten haben, ihre Meinung zu sagen, die Kolonialmächte waren. In Afrika haben sie gesagt: Ihr dürft nicht in Gruppen auf der Straße stehen, ihr dürft nicht eure Sprache sprechen. Sie haben den afrikanischen Völkern ihre Kultur, ihre Sprache und Identität geraubt. Existierte die Meinungsfreiheit für die kolonialisierten Völker? Die gleichen Mächte, die damals den Afrikanerinnen verboten haben, ihre Meinung auszudrücken, präsentieren sich heute als die Verfechter von Demokratie und Meinungsfreiheit. Hier stellt sich die Frage: Ist Demokratie nur ein Deckmantel für die Mächtigen? Ist Demokratie ein Instrument, das der herrschenden Klasse dient? Oder gibt es eine Demokratie, die für alle gilt? Versöhnung ist wichtig, aber wenn es nur eine Art von Recht und Demokratie gibt, ist mit Gewalt zu rechnen, wie Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“ vorausgesagt hat, nämlich, dass die Gewalt, mit der die „weißen“ Werte durchgesetzt worden sind, Gegengewalt hervorruft und „der Kolonisierte grinst, wenn man diese Werte vor ihm heraufbeschwört“.

TT: Ist die Meinungsfreiheit in Europa für alle gleich? Werden auch die Stimmen jener gehört, die am Rand der Gesellschaft leben?

O.K.: Siebzehn Menschen sind bei diesem Attentat ums Leben gekommen. Tausende sind auf die Straße gegangen. Aber in Paris wurden Dokumente unterschrieben, die zur Folge hatten, dass Tausende Menschen getötet wurden, in Nordafrika, in Westafrika, in Madagaskar… Das will ich nicht vergessen. Diese Länder wurden geplündert, ausgebeutet und kolonialisiert, die Menschen wurden versklavt, man hat Regierungen geputscht und ihre politischen Führer getötet. Was ist der Unterschied zwischen einem Afrikaner oder einer Afrikanerin, die durch französische Waffen ihr Leben verlieren, und den in Paris getöteten Journalisten?

Frankreich hat viele Länder von sich abhängig gemacht, deshalb sind viele Menschen aus den ehemaligen Kolonien nach Frankreich gekommen, um dort Arbeit zu finden. Was ist mit den Jugendlichen der zweiten und dritten Generation, die ohne jegliche Perspektive in den Vororten von Paris sich selbst überlassen werden? Wer hört ihre Stimme, außer wenn sich ihre Wut in Gewalt entlädt wie bei den Jugendunruhen 2005 und 2007? Wenn sie dann als Abschaum bezeichnet werden, wie können sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen?

TT: Kürzlich hat sich auch Obama zum Thema Meinungsfreiheit zu Wort gemeldet, und zwar ging es um einen Film, in dem der nordkoreanische Staatsführer Kim Jong-Un umgebracht wird. Was sagst du dazu?

O.K.: Zwei Menschen wurden auf der Straße getötet und er redet über einen Film? Hier hat man deutlich die zwei Gesichter von Obama gesehen. Zwei Männer wurden Opfer von rassistischer Polizeigewalt und die dafür Verantwortlichen wurden nicht vor Gericht gestellt. Ob sie verurteilt werden oder nicht, muss natürlich den Richtern und Richterinnen überlassen werden, aber zumindest sollten die Fälle untersucht werden. Hier sah man Obamas Machtlosigkeit, etwas in den herrschenden Verhältnissen seines Landes zu verändern. Nach außen dagegen, gegenüber einem kleinen Land wie Nordkorea, trat er auf wie ein Löwe und demonstrierte Macht und Stärke.

TT: Was sagst du über den gewalttätigen Islamismus, der jetzt auch in Afrika verstärkt auftritt und versucht, kulturelle Traditionen mit Gewalt zu vernichten?

O.K.: Diese Art von Gewalt im Namen des Islam wie wir ihn bei Boko Haram in Nigeria, bei Al-Shabaab in Somalia oder bei ISIS sehen, erinnert mich daran, wie afrikanische Menschen von den arabischen Muslimen im Namen Gottes versklavt und getötet wurden. Wenn heute gesagt wird, du darfst jemanden töten, versklaven und verkaufen, weil er kein Muslim ist, hat das nichts mit dem Islam, sondern mit der arabischen Tradition des Sklavenhandels in Afrika zu tun, wie wir im Buch „Der verschleierte Völkermord“ von Tidiane N’Diaye nachlesen können. Diese neuen Gruppierungen, wie auch immer sie heißen, übernehmen diese Denkweise, ohne sich ihrer Ursprünge bewusst zu sein. Sie überfallen Menschen, die sich nicht gegen sie wehren können. Wenn Boko Haram Schülerinnen entführt oder ISIS jesidische Frauen verschleppt und als Sklavinnen verkauft, ist das vergleichbar mit dem, was Tippu-Tip gemacht hat. Es ist eine Wiederholung davon, was arabische Sklavenhändler vom 7. bis ins 20. Jahrhundert angerichtet haben, als sie die Dörfer überfallen, die Menschen durch die Wüste geschleppt und auf dem Markt verkauft haben.

TT: Was könnte man tun, um die Gewalt zu stoppen?

O.K.: Die westlichen Staaten über ihre Vorgangsweise überdenken. Denn durch die Globalisierung ist die Welt kleiner geworden. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, spüren wir die Auswirkungen überall, im kleinsten Dorf in Afrika wie in den Metropolen des Westens. Je mehr die Konzerne den Süden ausplündern, desto höher ist die Zahl der Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Das Verbrechen beginnt nicht erst, wenn ein Einwanderer eine Semmel stiehlt oder eine Bombe legt, sondern wenn sein Öl oder sein Kakao geraubt wird. Um die Gewalt zu verhindern, muss man die Ursachen dieser Ungerechtigkeit bekämpfen und diesen Ländern die Chance geben, sich eigenständig und aus eigener Kraft zu entwickeln und von ihren Ressourcen zu profitieren.

Wir haben auch gesehen, dass die ganze Überwachungsmaschinerie das Attentat nicht verhindern konnte. Heute gibt es kein Waffenmonopol mehr, jeder kann sehr leicht zu Waffen kommen. Die Mächtigen müssen erkennen, dass sie nicht unantastbar sind, und dass sie ihre Macht nicht auf Dauer mit Gewalt aufrecht erhalten können. Sie müssen realisieren, dass nicht ein Teil der Welt in Frieden leben kann, während andere Teile der Welt brennen. Sie müssen auch wahrhaben, dass es nicht nur eine Art von Freiheit und Demokratie gibt. Oder sollen alle, die Freiheit und Demokratie erleben und einen vollen Bauch haben wollen, nach Europa kommen? Mit Gewalt kann jedenfalls kein Frieden erreicht werden.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 51/2015