Religion und Revolution PDF Drucken E-Mail

 

Religion und Revolution

Gegenspieler oder VerbĂĽndete im Kampf fĂĽr soziale Gerechtigkeit?

Im September 2014 besuchte Alexis Tsipras, Chef der griechischen Linkspartei Syriza, Papst Franziskus in Rom. Im November erregte die öffentliche Diskussion zwischen dem Kommunisten Bob Avakian (RCP) und dem radikalen afroamerikanischen Theologen Prof. Cornel West in New York große Aufmerksamkeit. Ist die Linke auf der Suche nach neuen Anhängern? Oder sind diese Begegnungen Ausdruck der Sehnsucht vieler Menschen nach Gerechtigkeit und Frieden in einer Zeit, die von zunehmender sozialer Ungleichheit, Gewalt, Flüchtlingsströmen und Klimawandel geprägt ist?

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel komme“, sagt die christliche Lehre. „Wer da Gold und Silber hortet und es nicht spendet in Allahs Weg, ihnen verheiße schmerzliche Strafe“, heißt es auch im Koran. Das Gebot zu teilen und die Nächstenliebe spielen sowohl im Judentum, im Christentum und auch im Islam eine bedeutende Rolle. Brauchen wir aber eine Nächstenliebe, die nur die Folgen der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit lindert und damit dazu beiträgt, diese aufrecht zu halten, oder eine, die auch die Strukturen verändern will, die sie verursachen?

Die Religionen spielten und spielen in verschiedenen Epochen der Geschichte immer wieder eine sehr widersprüchliche Rolle. So haben viele Befreiungsbewegungen ihre Basis in religiösen Basisgemeinschaften – etwa die Abolitionsbewegung zur Abschaffung der Sklaverei, die schwarze Bürgerrechtsbewegung oder die Landlosenbewegung in Brasilien. Die Befreiungstheologie in Lateinamerika versteht sich als „Stimme der Armen“ und will zu ihrer Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung beitragen, und Papst Franziskus kritisiert den Kapitalismus als gewalttätig. Andrerseits wird und wurde die Religion im Laufe der Geschichte auch immer wieder dazu eingesetzt, die Herrschaft der Mächtigen zu stützen und das Volk ruhig zu halten.

Auch der Islam lieferte einerseits Inspiration und Mobilisierung zum Kampf gegen Kolonialismus und Sklaverei, wurde aber auch Jahrhunderte lang in schändlicher Weise dazu missbraucht, den arabischen Sklavenhandel in Afrika zu rechtfertigen, wie der senegalesische Anthropologe Tidiane N’Diaye in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“ enthüllt.

Diese widersprüchliche Rolle kommt sehr deutlich in der Auseinandersetzung zwischen Thomas Münzer und Martin Luther während der Deutschen Bauernkriege im späten Mittelalter zum Ausdruck. Der asketische Münzer – heute würden wir ihn als Fundamentalisten bezeichnen – stellte sich auf die Seite der rebellierenden Bauern. Er nahm die Bibel beim Wort und predigte, dass alle Menschen vor Gott gleich seien. Unter dem Reich Gottes verstand er einen Gesellschaftszustand, in dem es keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber fremde Staatsgewalt gibt. Jeder solle des andern Bruder sein und sein Brot mit seiner Hände Arbeit gewinnen. Martin Luther, der vom Bürgertum und Teilen des Adels unterstützt wurde, interpretierte die Bibel auf seine Weise, nämlich dass es eine Gleichheit der Menschen nur im Paradies gebe und die Geknechteten die Herrschaft auf Erden zu akzeptieren hätten, selbst wenn sie ungerecht sei.

Die Rolle von Besitz und sozialer Gerechtigkeit

„Niemand sagte von seinem Eigentum, er gehöre ihm, sondern alles bei ihnen gehörte allen gemeinsam. Gnade war deshalb bei ihnen, weil niemand Not litt.“, beschrieb der Patriarch von Konstantinopel Johannes Chriysostomos (347-407) die Gemeinschaft der Apostel in Jerusalems. Auch die Mitglieder der ersten christlichen Gemeinden Roms teilten ihre Häuser sowie ihren gesamten Besitz und aßen gemeinsam an einem Tisch. Jeder konnte sich der Güter seiner Brüder bedienen und keiner durfte ihnen den Nutzen und Gebrauch versagen.

Da es sich jedoch lediglich um ein Gemeinschaftseigentum an Verbrauchsgütern handelte, schrieb Rosa Luxemburg 1905 in ihrem Artikel „Kirche und Sozialismus“, war es unvermeidlich, dass sich die christliche Gesellschaft in Wohlhabende und Arme trennte, als die Zahl ihrer Mitglieder zunahm. Gemeinschaftsbesitz verwandelte sich allmählich zu Almosen für diejenigen, die nichts besaßen. Der heilige Basilius warnte im 4. Jahrhundert: „Wodurch bereichern sich die Reichen, wenn nicht dadurch, dass sie an sich raffen, was allen gehört?“ Und noch im 6. Jahrhundert predigte Papst Gregor: „Es genügt nicht, anderen ihr Eigentum nicht wegzunehmen, ihr seid nicht ohne Schuld, wenn ihr Güter für euch behaltet, die Gott für alle geschaffen hat. Wer anderen nicht das gibt, was er selbst besitzt, ist ein Räuber und Mörder, denn wenn er für sich behält, was zum Unterhalt der Armen dienen würde, kann man sagen, dass er Tag für Tag so viele ermordet, wie von seinem Überfluss leben könnten.“

Auch im Islam spielt Gerechtigkeit in der Gesellschaft eine große Rolle. Als Ideal wird die Gesellschaft von Mekka und Medina zu Lebzeiten des Propheten angesehen. Im Zentrum dieses Konzepts stehen das Zinsverbot sowie die Zakât, eine Steuer für Bedürftige, wobei letztere als Anspruch der Gläubigen und als gegenseitiger Beistand der Gemeinde angesehen wird. Außerdem waren alle für die Gemeinschaft überlebenswichtigen Güter wie Wasser, Weideland öffentliches Eigentum. Von Verfechtern der Notwendigkeit für eine sozialrevolutionäre Umwälzung wird auch gerne der Gefährte Mohammads Abū Dharr zitiert. Dieser hatte die Versuche der Statthalter des jungen islamischen Reiches, öffentliches Vermögen an sich zu reißen, heftig kritisiert und dafür plädiert, die öffentlichen Güter als „Vermögen des Volkes“ zu achten.

Für den türkischen Theologen İhsan Eliaçık, der bei den Protesten um den Gezi-Park 2013 in Istanbul in den vordersten Reihen stand, stellen Islam und Kapitalismus einen unüberwindbaren Gegensatz dar. Die Politik der AKP beschränke sich jedoch darauf, dem zügellosen Kapitalismus eine religiöse Weihe zu verleihen. In einem Interview sagt Eliaçık: „Karl Marx hat wohl die beste Definition von Religion geliefert, als er sagte: mit Protest gegen die herrschenden Zustände, mit Verstand gegen geistlose Lebensverhältnisse und mit Herz gegen eine herzlose Welt. Das ist eine sehr poetische Definition von Religion. Gleichzeitig sagt Marx, Religion kann in den Händen der herrschenden Klasse zum Opium für das Volk werden.“ [1]

Religion und Patriarchat

Reaktionäre religiöse Strömungen benützen Zitate aus den heiligen Büchern, um ihre Gewalttaten und die grausame Unterdrückung von Frauen, Kindern, Homosexuellen oder Angehörigen anderer religiöser Gemeinschaften zu rechtfertigen. Nun entstammen die dominierenden Eingottreligionen Judentum, Christentum und Islam einer patriarchalischen Gesellschaft, in der Sklaverei existierte und Praktiken üblich waren, die heute nur von wenigen Menschen akzeptiert werden können. Ist es legitim, nur die Aspekte einer Religion herauszunehmen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, und jene, die ihm widersprechen, zu ignorieren?

„Der Koran wurde zwar in einer Zeit geschaffen, weist aber über die geschichtliche Zeit hinaus“, sagt dazu die US-amerikanische Islamgelehrte Amina Wadud, die auf Grundlage des Korans für eine Gleichstellung der Frau sowohl innerhalb der Familie als auch bei der Ausübung religiöser Funktionen argumentiert. Für die Tochter eines methodistischen Pfarrers war die Schöpfungsgeschichte einer der Beweggründe, sich dem muslimischen Glauben zuzuwenden. Im Koran heißt es, so Wadud, dass der Mensch von Anfang an als Paar erschaffen wurde[2]. Auch die im Christentum verbreitete Auffassung, dass Adam von Eva verführt wurde und sie deshalb das Paradies verlassen mussten, wird Islam abgelehnt. Als sie 2005 das Freitagsgebet in New York leitete, ließ sie sich vom Beispiel Aishas, der jüngsten Frau Mohammeds, leiten, die für ihre Beredsamkeit, die Schärfe ihres Verstandes und ihre geistige Beweglichkeit bekannt war und auch nicht gezögert hatte, dem Propheten zu widersprechen. „Von ihr könnt ihr die Hälfte des Glaubens lernen“, hatte dieser zu anderen Männern gesagt. [3]


Amina Wadud leitet das Freitagsgebet in New York

Zwei Wege – ein Ziel?

Auch viele andere Religionen der Welt dienten den Menschen oftmals als geistige Kraftquelle des Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Ideen haben die Macht, die Geschichte und das Leben der Menschen zu beeinflussen. Aber können ethische Ideale auch eine Antwort auf den globalen Kapitalismus bieten? Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen und der sozialistischen Bewegung können nicht über einen grundsätzlichen Widerspruch hinwegtäuschen.

Religion geht – wie auch andere idealistische Weltvorstellungen – davon aus, dass die Welt zum Guten verändert werden kann, wenn die Menschen einem Ideal folgen und dementsprechend handeln. Die materialistische Geschichtsauffassung hingegen sieht in den Vorstellungen der Individuen über sich selbst und die Welt einen Spiegel real existierender gesellschaftlicher Verhältnisse, insbesondere der Produktions- und Verteilungsverhältnisse. Diese Vorstellungen bilden den ideologischen Überbau einer Gesellschaft, der jedoch ein relatives Eigenleben entwickelt und wiederum Einfluss auf die politische, juristische und kulturelle Organisation einer Gesellschaft ausübt.

Sollte ein philosophischer Widerspruch ein Hindernis für eine Zusammenarbeit sein, wenn es darum geht, die Welt zu verändern? Cornel West plädiert für eine Zusammenarbeit über ideologische Grenzen hinweg zwischen allen, die Widerstand gegen soziale Härte, Gewalt, Neo-Faschismus und Nihilismus leisten: „Man findet Hoffnung immer dort, wo Menschen zu Zeugen von Integrität, Ehrlichkeit und Anstand werden und die Lüge ablehnen.“ [4]



[1] Qantara.de, 15.01.2014

[2] Amina Wadud: Aisha’s Legacy, http://newint.org, 1.5.2002

[3] vgl. Nawal El Saadawi 1980, Tschador

[4] www.deutschlandfunk.de