Augen auf! Stoppt die Gewalt gegen Frauen! PDF Drucken E-Mail

Augen auf! Stoppt die Gewalt!

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

von Beate Wernegger

Was haben eine gut bezahlte Managerin, eine Richterin oder eine Professorin mit einer Fabrikarbeiterin gemeinsam, die mit ihren Kindern in einer SlumhĂŒtte lebt? Was verbindet diese Frauen mit der Migrantin, die ihre eigenen Kinder zurĂŒcklassen muss, um sich um deren Haushalt, deren Kinder oder deren pflegebedĂŒrftige Eltern zu kĂŒmmern?

Laut Statistiken der UNO werden weltweit bis zu 70 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt. Und diese Gewalt beschrĂ€nkt sich nicht auf spezielle Kulturen, Regionen, LĂ€nder oder bestimmte Gruppen von Frauen. Soziale Schicht und Bildungsstand spielen aber dennoch eine Rolle, nĂ€mlich im Hinblick auf die Frage, welche Möglichkeiten eine Frau hat, sich dagegen zu wehren. Bedrohung und BelĂ€stigung, Freiheitsberaubung, Abtreibung weiblicher Föten, Zwangsheirat, sexualisierte Gewalt, GenitalverstĂŒmmelung, Vergewaltigung und Mord 
 die Liste der Grausamkeiten, die gegen Frauen und MĂ€dchen nur aufgrund ihres Geschlechts begangen werden, ist lang. Die Opfer sind jedoch nicht nur in so genannten „unterentwickelten“ LĂ€ndern zu finden, sondern auch bei uns in Europa sind die FrauenhĂ€user voll. TagtĂ€glich werden in unserer Nachbarschaft Frauen krankenhausreif geschlagen, bedroht, kontrolliert und erniedrigt. Und sehr oft wird ihnen diese Gewalt nicht von Fremden zugefĂŒgt, sondern sie findet in den eigenen vier WĂ€nden statt.

URSACHEN FÜR DIE GEWALT

Ist es ein Gesetz der Natur, dass MĂ€nner ĂŒber Frauen herfallen wie wilde Tiere? Nun haben aber Vergewaltigungen weniger mit Natur und SexualitĂ€t zu tun als mit Aggression und Machtdemonstration. Die Bedrohung durch Angriffe zwingt die Frauen in enge Schranken. Vergewaltigungen werden aber auch als Kriegswaffe eingesetzt mit dem Ziel, den (mĂ€nnlichen) Gegner zu demĂŒtigen – wie im Zweiten Weltkrieg, im Bosnienkrieg, im Kongo oder jĂŒngst durch die Terrormiliz IS. Peggy Reeves Sanday hat in ihren Forschungen herausgefunden, dass die Ungleichheit der Boden ist, auf dem die Gewalt gedeiht. Die Anthropologieprofessorin hat 95 ursprĂŒngliche Stammesgesellschaften untersucht und miteinander verglichen. Dabei ist sie zu der Erkenntnis gelangt, dass Vergewaltigungen in egalitĂ€ren Gesellschaften, in denen Frauen gleichberechtigt an öffentlichen Ent­scheidungsfindungen teilhaben, quasi nicht existent sind. Im Gegensatz dazu haben Frauen in Gesellschaften, in denen Vergewaltigungen hĂ€ufig passieren, wenig Macht und erfahren wenig Respekt.


Bild von Nina Vasiltshenko

GEWALT ALS MACHTINSTRUMENT

In einer hierarchischen Gesellschaftsordnung sind es die SchwĂ€cheren und Machtlosen, die sich anpassen, verfĂŒgbar sein und gehorchen mĂŒssen. Gewalt oder die Androhung von Gewalt sind Instrumente, andere in die Schranken zu weisen und sie dazu zu zwingen, sich zu unterwerfen. Gewalt wird nicht nur von Individuen, sondern auch von staatlichen Organen und im Namen von Gesetzen ausgeĂŒbt. Wenn eine Asylwerberin nach der Gewalt, die sie durchlitten hat, mit Abschiebung und Auslieferung an ihre Peiniger bedroht wird, wenn eine illegalisierte Einwanderin aus Angst vor einer Ausweisung es nicht wagt, sich gegen anhaltende sexualisierte Gewalt zu wehren oder wenn eine schwangere Roma-Frau, die, nachdem sie in einem Park in Bologna von sechs MĂ€nnern vergewaltigt worden war, aus Italien ausgewiesen wird, so sind das Beispiele fĂŒr die himmelschreiende Ungerechtigkeit, mit der die Staatsgewalt mitunter Menschen behandelt, die sich aufgrund ihrer Machtlosigkeit nicht wehren können.

SEXISMUS UND GEWALT

Die Gewalt hat aber unterschiedliche Erscheinungsformen. Nicht immer tritt sie offen und unvermittelt auf, oft bleibt sie im Verborgenen, und dennoch ist unser Alltag von ihr durchdrungen. Rollenbilder sind hĂ€ufig so tief im Bewusstsein verankert, dass Frauen scheinbar bereitwillig bei diesem Spiel mitmachen, ohne die Gewalt dahinter zu erkennen. Eine der Ursachen fĂŒr den Anstieg der Gewalt gegen Frauen in der heutigen Gesellschaft ortet die britische Journalistin Natasha Walter in der zunehmenden Warenförmigkeit der SexualitĂ€t. Der erleichterte Zugang zu Pornographie durch das Internet, schreibt Walter in ihrem 2010 veröffentlichten Buch „Living Dolls“, ermutige die MĂ€nner, Frauen als Objekte anzusehen. Die pornographische Ästhetik, wie sie durch Medien, Werbung und Pop-Kultur vermittelt wird, so Walter, setze viele Frauen unter Druck, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen und immer fĂŒr Sex verfĂŒgbar zu sein. In einer Befragung, die Natasha Walter durchgefĂŒhrt hat, haben einige junge MĂ€dchen angegeben, sich eine Schönheitsoperation zu wĂŒnschen. Wo bleibt hier die Selbstbestimmung europĂ€ischer Frauen ĂŒber ihren Körper und ihre SexualitĂ€t?

WAS TUN GEGEN DIE GEWALT?

Manche plĂ€dieren fĂŒr strengere Gesetze gegen GewalttĂ€ter und mehr Schutzeinrichtungen, um die Gewalt gegen Frauen einzudĂ€mmen. Gesetzliche Reformen zeigen jedoch leider oft nicht die erwĂŒnschte Wirkung. Aus Scham oder um einer nahe stehenden Person nicht zu schaden, scheuen sich viele Frauen, ĂŒber die erfahrene Gewalt zu sprechen, die TĂ€ter anzuzeigen und Hilfe zu suchen. FĂŒr Frauen, deren Aufenthaltsrecht und/oder finanzielles Überleben vom Ehemann abhĂ€ngig sind, ist der Ausstieg aus einer Gewaltbeziehung besonders schwierig. Schließlich kommt es nur in einem Bruchteil der angezeigten FĂ€lle zu einer Verurteilung. Oder ist es die Angelegenheit jeder Frau, sich selbst darum zu kĂŒmmern, nicht zum Opfer zu werden? Sollte sie abends nicht allein aus dem Haus gehen oder sich Produkte wie vergewaltigungsresistente UnterwĂ€sche kaufen, mit denen manche Firmen werben? Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man den Ratgeber liest, den das spanische Innenministerium als Reaktion auf den Anstieg von gewalttĂ€tigen Angriffen gegen Frauen herausgegeben hat. Darin heißt es, Frauen sollten nicht regelmĂ€ĂŸig durch verlassene und dunkle Straßen gehen. Nicht erwĂ€hnt wird, wie eine Frau das anstellen sollte, die in der Nacht arbeiten muss. Die Angst vor Vergewaltigungen scheint zudem dafĂŒr eingesetzt zu werden, Frauen vom Protest gegen das neoliberale Sparprogramm abzuhalten: Laut Ratgeber seien Demonstrationen ein Anziehungspunkt fĂŒr Vergewaltiger.

Wenn aber die Gewalt nur ein Spiegel der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse ist, mĂŒssen wir uns fragen, warum die Rechte, die von den Frauenbewegungen errungen wurden, uns davon nicht befreien konnten. Frauen sind heute ökonomisch unabhĂ€ngiger als je zuvor. Noch nie in der Geschichte waren so viele Frauen in hoch qualifizierten und gut bezahlten Berufen zu finden, und das trifft nicht nur auf Europa und Nordamerika zu, sondern auch auf Frauen aus der Mittel- und Oberschicht in den LĂ€ndern des SĂŒdens. Sexismus, frauenfeindliche Ideologien und Gewalt gegen Frauen sind jedoch lĂ€ngst nicht ausgerottet, sondern erscheinen nur in immer neuen GewĂ€ndern. Sie können durch Gesetze und Reformen vielleicht etwas abgemildert werden, aber abschaffen können wir diese Übel wohl nur dann, wenn sich Strukturen und Werte der Gesellschaft grundlegend verĂ€ndern.


Gulabi Gang (Foto: Aljazeera)

DIE FRAUEN WEHREN SICH

Als Fortschritt kann aber die Tatsache gewertet werden, dass viele Frauen auf der ganzen Welt nicht mehr bereit sind, Sexismus und Gewalt hinzunehmen. Das bekam auch der konservative BĂŒrgermeister von Valladolid, Francisco Javier LeĂłn de la Riva, zu spĂŒren. Seine Warnung an alle MĂ€nner: „Wer alleine mit einer Frau in einen Aufzug steigt, muss damit rechnen, dass sie sich den BH und den Rock herunterreißt, schreiend herauslĂ€uft und behauptet, Opfer eines Übergriffs geworden zu sein“, rief in Spanien große Proteste hervor. Aber auch in extrem konservativen LĂ€ndern wie Saudi-Arabien wehren sich Frauen zunehmend gegen Gewalt und BeschrĂ€nkungen im Alltag und fordern ihre Rechte immer vehementer ein, zum Beispiel das Recht zu wĂ€hlen und mit dem Auto oder dem Rad zu fahren.

Ein radikales Beispiel dafĂŒr, dass Frauen es satt haben, noch lĂ€nger Opfer zu sein, liefert die indische Gulabi Gang. Diese in Eigeninitiative entstandene weibliche Garde im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh hat die Verteidigung der Frauen in die eigenen HĂ€nde genommen. In dieser vom Feudalismus geprĂ€gten Region leben 40 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze, 47 Prozent der Frauen können weder lesen noch schreiben. Vor allem fĂŒr Frauen aus den unteren Kasten gehören sexuelle Übergriffe zum Alltag. Mit Stöcken bewaffnet und in grelle, pinkfarbene Saris gekleidet patrouillieren die Mitglieder der Gulabi Gang durch die Dörfer, stellen gewalttĂ€tige EhemĂ€nner zur Rede, verhindern Kinderhochzeiten, gehen gegen tyrannische Schwiegereltern vor und zwingen korrupte Polizeibeamte, Vergewaltiger zu verhaften. Trainiert in der traditionellen Stockkampfkunst Lathi scheuen sie auch nicht davor zurĂŒck, unbelehrbare EhemĂ€nner zu verprĂŒgeln. GefĂŒrchtet sind die Frauen der Gulabi Gang aber nicht nur wegen ihrer KnĂŒppel und der Bereitschaft, GewalttĂ€ter hartnĂ€ckig zu verfolgen, sondern vor allem wegen der Medienwirksamkeit ihrer Aktionen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 50/2014