Gespräch mit Mohammed Sadeqi PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Mohammed Sadeqi

Dichter, Fotograf und Performancekünstler aus Afghanistan

TT: Dein Asylantrag wurde in Erster Instanz abgelehnt. Wie lautete die Begründung?

Mohammed: So weit ich den Text des Schreibens verstanden habe, war die Begründung für die Ablehnung meines Antrags einfach: Wir glauben dir nicht.

TT: Wie ist es dir ergangen, nachdem zu erfahren hast, dass dein Asylantrag zurückgewiesen wurde?

Mohammed: Ich habe eine sehr schlimme Zeit in Afghanistan erlebt und ich hatte große Hoffnung, hier in Sicherheit ein neues Leben anfangen zu können. Ich hatte viele Pläne. Doch als ich nach vier Monaten den Negativ-Bescheid bekommen habe, ist alles plötzlich zusammengebrochen und ich habe all meine Kraft und Energie verloren. Ich konnte nichts essen und mich auf nichts konzentrieren. Das war ein schreckliches Gefühl. Trotzdem wollte ich weiter kämpfen.

Nach einer Woche habe ich mit Unterstützung durch den Verein Menschenrechte eine Beschwerde geschrieben. Ich warte schon zwei Jahre auf eine Antwort. Durch das lange Warten bekam ich Depressionen. Zwei Monate lang wollte ich nur in meinem Zimmer in der Dunkelheit sitzen. Doch ich habe mich entschlossen, dagegen anzukämpfen und langsam geht es mir wieder besser. Ich versuche, mich mit neuen künstlerischen Projekten zu beschäftigen und mich damit, so gut es geht, von der Depression abzulenken.

TT: Gibt es etwas, das man als Asylwerber dazu beitragen kann, die Chancen auf Asyl zu verbessern?

Mohammed: Ich weiß, dass es hilfreich ist, erstens gut Deutsch zu lernen, zweitens gemeinnützige Arbeit zu leisten, und drittens beweisen zu können, gut in die Gesellschaft integriert zu sein. Ich habe versucht, alle drei Anforderungen zu erfüllen. Drei Mal habe ich das Magistrat gearbeitet, zwei mal in einem Seniorenheim und einmal im Nationalpark in Mittersill. Im Nationalpark haben wir die Wanderwege repariert und auch neue Wege angelegt, Bäume geschnitten usw. Für die Arbeit habe ich fünf Euro pro Stunde bekommen. Doch dann wurde mir die Grundversorgung von der Caritas gestrichen, so dass mir nur zwei Euro übrig blieben. Trotzdem habe ich sehr gern mit den alten Menschen gearbeitet und würde diese Arbeit auch weiterhin gerne ehrenamtlich leisten. Ich beschäftige mit aber auch mit vielen anderen Dingen, zum Beispiel mit künstlerischer Fotografie. Außerdem besuche ich Deutschkurse an der Universität und habe bereits die B1-Prüfung absolviert. Ich engagiere mich auch für Integration und Kulturaustausch, ich arbeite zum Beispiel im ABZ und mit dem Verein Talktogether.

TT: Hast du von Flüchtlingen gehört, die wieder nach Afghanistan zurück mussten? Wie ist es ihnen ergangen?

Mohammed: Ich persönlich habe zwar nicht viel Kontakt mit Afghanistan, habe aber von zwei afghanischen Flüchtlinge erfahren, die aus Schweden abgeschoben wurden. Sie wurden gleich am Flughafen von der Polizei verhaftet wurden und sind seitdem im Gefängnis. Oft kommt es auch vor, dass Flüchtlinge, die nach Afghanistan zurückgekehrt sind, von den Taliban ermordet werden, wie es gerade vor Kurzem mit einem Mann passiert ist, der aus Australien abgeschoben wurde. Sie haben ihn zuerst gefoltert und dann getötet. Die Taliban glauben nämlich, dass die Leute, die in ein westliches Land geflüchtet sind, ihre Religion aufgegeben hätten und deshalb Murtad, also Abtrünnige seien. Ich habe wirklich große Angst, dass das auch mit mir passieren könnte, wenn ich wieder nach Afghanistan zurück müsste. Manchmal habe ich das Gefühl, dass morgen die Polizei vor meiner Tür steht um mich abzuholen und nach Afghanistan zurückzuschicken. Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder hier zu bleiben oder zu sterben. Ich habe aber nicht die Macht, darüber zu entscheiden.


Cactus-Aktion auf dem Alten Markt zu den Wahlen in Afghanistan

TT: Du hast auch den Verein Cactus gegründet. Wie bist du auf diesen Namen gekommen?

Mohammed: Cactus ist der Name einer Pflanze, die sehr lange Wurzeln hat und deshalb sehr lange im Trockenen überleben kann. Wenn ein Mensch Durst hat, kann er den Kaktus aufbrechen, das Wasser trinken und überleben. Um sich wehren zu können hat der Kaktus Stacheln, die nicht so schön aussehen, aber er hat auch wunderbare Blüten. Ich denke, die Flüchtlinge haben viel mit einem Kaktus gemeinsam. Auch sie haben die Fähigkeit zu überleben, auch wenn es ihnen schlecht geht. Auch erkennen die Menschen auf den ersten Blick nicht, was in ihnen steckt, denn leider gibt es sowohl Österreich und auch in anderen Ländern Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. Auch unsere Wurzeln sind sehr weit weg. Deshalb dachte ich, dass dies ein schöner und passender Name für unseren Verein ist.

TT: Was sind eure Aktivitäten und Ziele?

Mohammed: Unser Hauptziel ist, durch Kunst Einheimische und Menschen, die aus anderen Ländern gekommen sind, zusammen zu bringen.

TT: Cactus hat aber auch politische Aktionen gemacht…

Mohammed: Als wir angefangen haben, uns mit Kunst zu beschäftigen, erkannten wir, dass wir die Kunst von der Politik nicht trennen können. Wir können unsere Augen nicht davor verschließen, was jetzt in Kobanê passiert, was in Afrika, in Europa oder sonst irgendwo auf der Welt geschieht. Wenn Menschen leiden, kann uns das nicht unberührt lassen, wir wollen dazu nicht schweigen. Für mich gibt es keine Trennung zwischen Kunst und Politik. Auch die Abgrenzungen zwischen politischen Ideologien oder Religionen haben für mich keine Bedeutung. Damit will ich sagen, dass unsere Gruppe unabhängig von politischen Ideologien oder religiösen Überzeugungen arbeitet, aber offen für alle ist, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen und sich für Menschenrechte einsetzen wollen.

TT: Du hast Rechtswissenschaften studiert. Hast du auch als Anwalt gearbeitet?

Mohammed: Ich habe im Iran Jura an der Jondi Shapur Universitä in Ahvaz, der ältesten Universität (sie hat ihren Urprung bereits im 5. Jahrhundert, heute heißt sie Shahid Chamran) studiert. Als Anwalt habe ich aber nie gearbeitet. Im Iran dürfen Afghanen nur auf Baustellen arbeiten und in Afghanistan funktioniert das Rechtssystem wegen der Korruption nicht. Alle Richter sind bestechlich, wenn du ihnen kein Geld gibst, hast du keine Chance. Ich habe in Afghanistan zwar die Prüfung gemacht, um als Anwalt zugelassen zu werden, aber wenn du als Rechtsanwalt in Afghanistan arbeitest, musst du bei diesem System mitmachen. Das wollte ich nicht. Deshalb habe ich mir eine andere Arbeit gesucht. Zuerst habe ich als Vertragsmanager in einer Baufirma angefangen und dann als Rechtsberater in einem privaten Security Unternehmen gearbeitet. Danach habe ich zusammen mit einem Freund eine Arbeitsvermittlungsfirma gegründet – das erste Unternehmen dieser Art in Afghanistan. Die Firmen haben uns mitgeteilt, welches Personal sie benötigen und wir haben ein Magazin herausgegeben, in dem wir die offenen Stellen veröffentlicht haben. Wir haben auch mit vielen ausländischen Unternehmen zusammengearbeitet, von denen es in Kabul viele gibt. Die Leute, die sich bewerben wollten, sind dann zu uns gekommen und haben ein Formular ausgefüllt. Das ist recht gut gelaufen, bis wir Probleme bekommen haben.

TT: Was waren das für Probleme?

Mohammed: Unsere Firma war im Westen von Afghanistan. Dort leben viele Hazara, eine Volksgruppe, der auch ich angehöre. Die Angehörigen der Hazara sind nicht sehr streng religiös. Im Gegensatz zu den Frauen anderer Volksgruppen dürfen Hazara-Frauen arbeiten. Unsere Firma hat sehr viele Frauen vermittelt, weil die Unternehmen meistens weibliche Arbeitskräfte bevorzugten, weil diese weniger Lohn verlangen und auch als fleißiger und zuverlässiger als Männer angesehen werden. In unserem Büro haben sechs Frauen in der Marketing-Abteilung gearbeitet. Doch in Afghanistan gibt es viele konservative Männer, die es ablehnen, dass Frauen außer Haus arbeiten. Man hat uns verleumdet und behauptet, dass wir die Frauen als Prostituierte vermitteln. Wir wurden am Telefon und mit Briefen bedroht, einmal sind sie auch in unser Büro gekommen und haben die ganze Büroeinrichtung und die Computer zerstört. Danach habe ich mit ein Monat lang in Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans versteckt. Doch das hat auch nichts genützt.

TT: Du hast gesagt, ihr habt mehr Frauen vermittelt, weil sie billigere Arbeitskräfte sind. Warum ist das so?

Mohammed: Unsere Firma hat Frauen und Männer vermittelt. Es war aber so, dass die Auftraggeber meist lieber Frauen einstellen. Wohlhabende Privatleute suchen außerdem Hausangestellte zum Kochen, Putzen und für die Kinderbetreuung, und dafür würden sei keinen Mann einstellen. Abgesehen davon, dass die Männer solche Arbeiten gar nicht machen wollen.

TT: Wir haben festgestellt, das Frauenrechte immer ein wichtiges Thema in deiner Kunst sind. Warum?

Mohammed: In der afghanischen Gesellschaft haben Frauen eine sehr schwache Position. Ein Symbol dafür ist für mich die Burka. Es ist für mich unverständlich, warum Frauen nur durch ein so kleines Loch in die Welt schauen dürfen. Die meisten Frauen müssen tun, was die Männer wollen. Viele Männer sehen ihre Frauen nicht als Menschen, sondern als Sklavinnen. Sie erlauben ihnen nicht, ihre Familie oder Freundinnen zu besuchen. Manchmal wird ein neunjähriges Mädchen gezwungen, einen alten Mann zu heiraten. Es gibt auch viel Gewalt gegen Frauen und die Frauen haben wenig Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Die Polizei unternimmt nicht viel, wenn etwas passiert, außer wenn die Medien darüber schreiben und es Demonstrationen gibt. Warum dürfen Männer in Afghanistan und anderen Ländern solche Dinge tun? Eine Familie sollte doch Liebe und Geborgenheit bedeuten. Manchmal schäme ich mich sogar dafür, ein Mann zu sein. Wir müssen auch mit Männern hier in Österreich arbeiten, besonders mit Männern aus Afghanistan, denn sie bringen diese Einstellung gegenüber Frauen auch hier nach Österreich mit.

TT: Welche Bedeutung hat die Kunst für dich?

Mohammed: Wenn ich fotografiere, male oder ein Gedicht schreibe, kann ich mich für einige Stunden in die Arbeit vertiefen. Durch die Kunst kann ich mich verlieren und meine seelischen Schmerzen vergessen. Das gibt mir Kraft und Ruhe. Deshalb muss ich fotografieren, ich muss malen und schreiben. Es ist für mich überlebenswichtig.

TT: Aber deine Gedicht sind oft sehr traurig …

Mohammed: Ja, das stimmt. Es gibt ein Wortspiel in unserer Sprache. Bei uns gibt es eine Suppe mit verschiedenen Zutaten, die man Ash nennt. Wir sagen: Nur was im Topf ist, kann auf den Teller kommen. Mein Kopf ist wie dieser Suppentopf. Was sich in meinem Kopf befindet, kommt auf das Papier. Und wenn meine Gedanken und Gefühle voller Trauer sind, kommt ein trauriges Gedicht auf das Papier.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 50/2014