Religionen – Wort Gottes oder Machtinstrument? PDF Drucken E-Mail

Kriege im Namen Gottes:

Wiederholt sich die Geschichte?

von Warsame Amalle

Ali und sein Kollege Alfred diskutieren gerne über Religion, Demokratie und Gerechtigkeit. Die beiden Männer können offen über alles reden, ohne dass einer von ihnen aggressiv wird. An diesen Freitagnachmittag treffen sie sich wieder im Café Talk Together und philosophieren wie an allen anderen Tagen.

Alfred: Ich verstehe nicht, warum Muslime immer im Namen Gottes töten?

Ali: Dort, wo ich her bin, sagt man nicht, die Christen haben uns kolonialisiert und versklavt. Man sagt auch nicht, die Muslime haben uns versklavt. Sondern man sagt, die Europäer und die Araber haben grausame Gewalttaten in vielen Teilen der Erde verübt. Nicht nur dass die Kolonialisten und Sklavenhändler die Menschen ausgebeutet, unterdrückt und ihre Sprachen und Kulturen zerstört haben. Sie haben auch wirtschaftliche und politische Schäden angerichtet und tun das heute noch. Dort, wo ich herkomme, werden das Gotteswort und die Taten der Menschen getrennt, man glaubt, dass weder die Schriften der Bibel noch die des Korans Versklavung, Ausbeutung oder Kolonialisierung erlauben. Es handelt sich meiner Meinung nach um die Hab- und Machtgier der Menschen. Um deine Frage zu beantworten: Ich verstehe es auch nicht, warum „Muslime“ im Namen Gottes töten. Aber die „Christen“ taten es auch, oder?

Alfred: Was meinst du, die Kreuzzüge?

Ali: Ja, genau, die meine ich.

Alfred: Aber das ist doch schon so lange her. Aber schau einmal heute, überall in der islamischen Welt gibt es Krieg, während in der christlichen Welt Demokratie herrscht und das Kapitel Krieg abgeschlossen worden ist. Ist es nicht beschämend, so etwas wie geköpfte Menschen in der heutigen Zeit zu erleben und im Fernseher sehen zu müssen?

Ali: Stimmt, es ist beschämend, und es ist auch richtig, dass es in vielen islamischen Ländern Kriege gibt. Aber profitieren davon nicht wieder die sogenannten demokratischen Länder, vor allem deren Waffenindustrie? Sie verkaufen „legal“ Waffen an diktatorische Regime, und die gleichen Waffen werden über dunkle Wege geschmuggelt und landen bei Terroristen und Verbrecherbanden. Dann sagen sie, bei uns ist der Krieg verbannt und es herrschen Frieden und Demokratie. Glaubst du wirklich, dass die westlichen Länder mit den Kriegen, die in Afrika, Asien und woanders stattfinden, nichts zu tun haben?

Alfred: Dass die Waffenindustrie von den Kriegen profitiert, stimmt. Aber was können wir Europäer dafür, wenn die Nachfrage da ist? Die Waffen werden wie alle anderen Waren produziert, um Gewinne zu machen. Wenn andere unsere Produkte kaufen und Geld dafür ausgeben, ist das unsere Schuld? Diese Industrien schaffen in unseren Ländern Arbeitsplätze. Wenn wir keine Industrie hätten, wären wir genauso arm wie die anderen. Und diese Produkte müssen auch – wie alle anderen – verkauft werden, so oder so. Was den Weltfrieden angeht: Wir versuchen ja, zu vermitteln, aber keiner hört auf uns.

Ali: Darf ich dich einmal unterbrechen: Waffen verkaufen und Frieden stiften, das passt leider nicht zusammen. Trotzdem, du bist der Einzige, der die Wahrheit offen ausspricht. Es stimmt, dass die Rüstungsindustrie Arbeit schafft und keiner auf diese Arbeitsplätze verzichten will. Hauptsache Profit, ohne Rücksicht auf den Schaden und die menschlichen Verluste, die damit anrichtet werden. Du hast auch recht, wenn du sagst, dass die Nachfrage aus Kriegsgebieten kommt und die Länder der EU und der USA bei einem Geschäft, das sich anbietet, zuschlagen müssen. Und wenn sie die Waffen kaufen und sich damit gegenseitig umbringen, ist das ein Problem der Käufer, aber nicht ein Problem der Verkäufer. Denn sie wissen, dass sie kein Kinderspielzeug, sondern gefährliche Kriegswerkzeuge gekauft haben. Zumindest sollten sie die Gebrauchsanweisung lesen können. Da muss ich dir recht geben. Trotzdem, die Heuchelei in der Politik geht mir auf die Nerven.

Alfred: Richtig. Die Politikerinnen und Politiker können und wollen nicht zugeben, dass es um Geschäfte geht. Ich frage mich auch, was passieren würde, wenn sie es offen aussprechen würden: Wir verkaufen unsere Waffen, denn unsere Regierungen und unsere Leute brauchen Geld. Die Scheichs verkaufen ihr Öl, die Afrikaner ihre Ressourcen und wir unsere Industrieprodukte, darunter eben auch Waffen.

Ali: Und was sollte passieren, wenn du zugibst, dass die Industrieländer von den Kriegen auf anderen Kontinenten profitieren und sich daran beteiligen? Warum willst du nicht zugeben, dass die NATO ein Kriegsverein ist, der kein Interesse daran hat, Kriege zu beenden, weil die beteiligten Länder auf keinen Fall auf ihre Ressourcenquellen und Machtansprüche verzichten und die Arbeitsplätze in ihren Ländern nicht gefährden wollen?

Alfred: Wenn ich es zugebe, bringt es ja auch nichts. Es ist genau so, wie ich es dir gesagt habe: Die Länder der Dritten sollten aufhören, unsere Waffen zu kaufen. Oder sollen wir draufschreiben: „Achtung, Bomben können tödlich sein!“, wie auf die Zigarettenpackungen? Sie werden die Bomben und Drohnen trotzdem kaufen.

Ali: Das ist richtig. Aber am Anfang jedes Konflikts gibt es gleich sogenannte Hilfsangebote durch Waffenlieferungen. Statt die Diktatoren selbst zu entmachten, geben sie den Rebellen Waffen. Somit wird der Krieg entfacht, und wenn er einmal im Gang ist, können ihn weder die Käufer noch die Verkäufer stoppen. Ich möchte noch ergänzen: Drohnen sind heute in den Händen der Nato, und die dritte Welt kann sich solche Hightech-Waffen noch nicht leisten. Ferngesteuerte Waffen sind Waffen für diejenigen, die töten, während sie selber in Sicherheit in ihren Büros sitzen. Was für eine Feigheit und welch hinterhältiger Gedanke steckt dahinter. Ich töte, will mir aber nicht die Hände schmutzig machen?

Aber zurück zu den Religionen: Hast du gewusst, dass im Namen Gottes auch in der christlichen Variante viele Menschen umgekommen sind? Warum tut man so, als ob das erste Mal Kriege im Name Gottes geführt werden? Kriege im Namen der Religion sind nicht neu, die Geschichte wiederholt sich nur. Seit 1099 wurden Kriege im Namen Gottes geführt, und bis heute hat sich das nicht geändert. Richard Löwenherz wird heute noch als Held dargestellt, obwohl er ein Massenmörder im Namen Gottes war.

Meine Frage an alle Menschen ist: Wenn eine Religion wirklich wahrer oder besser wäre als die andere, warum zwingen die Menschen andere dazu, ihre Religion anzunehmen? Gute Dinge behält man doch für sich, genauso, wie man die Euros und Dollars lieber für sich behält. Warum behalten sie ihre richtige und gute Religion nicht für sich? Die reichen Industrieländer sind eingezäunt, weil sie ihr Geld, ihre Sicherheit und ihren Wohlstand nicht mit anderen teilen wollen. In den arabischen Ölländern werden Menschen aus armen Ländern abgeschoben. Trotzdem sind die Missionare in diesen armen Ländern unterwegs. Warum wollen sie sie zwar an ihrer Religion teilhaben lassen, aber nicht an ihrer Sicherheit, ihrem Frieden und ihrem Wohlstand?

Die reichen Industrieländer sind eingezäunt, weil sie ihr Geld, ihre Sicherheit und ihren Wohlstand nicht mit anderen teilen wollen. In den arabischen Ölländern werden Menschen aus armen Ländern abgeschoben. Warum wollen sie sie zwar an ihrer Religion teilhaben lassen, aber nicht an ihrer Sicherheit, ihrem Frieden und ihrem Wohlstand?

Alfred: „Wohlstand und Frieden“ sind nur für heute und nicht so wichtig, sagen die Missionare, der Glaube ist für morgen und daher wichtiger. Deshalb tun sie alles, um die Religion zu verbreiten. Übrigens sind in der Missionierung die Muslime und die Christen am aktivsten, weil sie der Meinung sind: Je mehr „Brüder und Schwestern“ wir haben, umso mächtiger und einflussreicher sind wir.

Ali: Warum sagen sie nicht, dass es ihnen um Macht und Einfluss geht, während wir ums Überleben kämpfen? Warum reden sie über die Rettung der Menschen vor der Dunkelheit? Warum warnen sie die Menschen vor einer Hölle, die sie ihnen doch selbst hier auf der Erde bereiten?

Alfred: Sogar innerhalb der Religionen gibt es Machtkämpfe: Sunniten töten Schiiten, und beide jagen Christen, Jesiden und andere Minderheiten, warum?

Ali: Das ist ein Problem, aber leider kann ich darauf keine richtige Antwort geben. Jedoch solltest du wissen, dass es auch zwischen Katholiken und Protestanten Verfolgung und Vernichtung gegeben hat. Auch in neuerer Zeit, zum Beispiel im Jugoslawienkrieg, wurde die Religion für den Machtkampf zwischen den Völkern missbraucht. Jesiden, Juden, Christen, Muslime und andere haben im Nahen Osten bisher immer friedlich zusammengelebt. Es gab zwar Konflikte, doch die waren nicht so schlimm wie heute. Du solltest wirklich wissen, wem du die Frage stellst, warum die Nachbarn und Freunde von gestern in den letzten Jahren zu Feinden geworden sind.

Dazu muss ich unbedingt noch etwas sagen: Das erwähne ich nicht, weil ich Freude an den Kriegen der Völker habe. Ich muss es immer wieder erwähnen, weil ich damit aufzeigen möchte, dass sich die Menschen gar nicht darum kümmern, was in der Bibel oder im Koran steht, sondern dass es ihnen nur darum geht, mit welchen Mitteln sie ihre Macht durchsetzen können. Und die Religionen sind eben leider dafür geeignete Mobilisierungsmittel. Mir geht es nicht darum, die Religionen zu vergleichen, denn dafür müsste ich mehr Wissen haben. Mir geht es darum, die Dummheit der Menschen zu vergleichen. Die Dummheit und die Feindseligkeit der Menschen der damaligen Zeit und der heutigen Zeit. Ich kann sowohl mit der Botschaft Jesu als auch mit der Botschaft Mohammeds leben, aber nicht mit der Hinterhältigkeit und Heuchelei der Politik.

Alfred: Was sagst du über das neue Islamgesetz in Österreich?

Ali: Der Islam ist die zweitgrößte Religion in Österreich und wurde schon 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt. Damals kam man nicht auf die Idee, den Koran zu verdünnen oder einzudeutschen, sondern hat ihn so akzeptiert, wie er war und heute noch ist. Heute will man aber wegen einer Terrororganisation, die meiner Meinung nach in Wahrheit ein Gegner des Islam ist, den Koran übersetzen, was auch immer man darunter versteht. Wozu brauchen wir ein Gesetz, das nur für die Muslime gilt? Das finde ich merkwürdig und kontraproduktiv.

Der Koran hat sich nicht verändert, sondern die Menschen, sie sind gewalttätiger, macht- und habgieriger geworden. Und das gilt nicht nur für eine bestimmte Religion oder Gesellschaft. Auch andere Religionen sind nicht so gewaltfrei, wie manche glauben, wie man am Beispiel eines buddhistischen Mönchs in Burma sieht, der die Religion als Mittel einsetzt, um Gewalt zu schüren und gegen Minderheiten zu hetzen. Auf die IS soll ganz einfach das Wiederbetätigungsgesetz angewendet werden, so wie auf die Nazis. Denn die Ideologien sind sich ja sehr ähnlich, zum Beispiel darin, dass sie sich das Recht anmaßen, sich über andere Menschen zu erheben und über deren Leben und Tod zu entscheiden. Dann müsste man nicht die Muslime und Musliminnen verunsichern, und der Staat würde dabei sogar noch Geld sparen.

Wenn die Politik wirklich etwas gegen den Terrorismus tun will, dann sollte sie die Ursachen der Gewalt nicht in den heiligen Büchern suchen, sondern sie sollte bei der Ungerechtigkeit, beim Raub an den Ressourcen und bei der Arroganz der Mächtigen genauer hinschauen. Und hierzulande müssen für die Jugendlichen Perspektiven geschaffen und zukunftsorientierte Pläne vorgelegt werden. Den Jugendlichen muss das Gefühl vermittelt werden, hier zu Hause zu sein, zur Gesellschaft dazuzugehören und sich eine Zukunft aufbauen zu können. Man redet über Jugendliche mit Migrationshintergrund, auch wenn sie hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Man konzentriert sich auf ihre Herkunft und vergisst ihre Zukunft. Wie sich ein Jugendlicher entwickelt, ist nicht seiner Herkunft zuzuschreiben, sondern steht im Zusammenhang mit den Verhältnissen in der Gesellschaft und den Chancen, die er bekommt.

Alfred: Du redest lange. Daher muss ich dich unterbrechen und fragen: Was meinst du mit dem Ressourcenraub und der Arroganz der Mächtigen, das klingt doch nach Provokation? Die westlichen Länder kaufen ja die Ressourcen und das Öl. Was hat das mit den Kriegen zu tun?

Ali: Deine Frage klingt nach Provokation. Zum Beispiel: Saddam Hussein und Gaddafi wurden schnell entmachtet, weil ihre Länder Öl haben. Was ist nach ihnen gekommen? Nun können die USA von ihren Ölgeschäften profitieren, während im Irak und Libyen tagtäglich viele Menschen an Hunger, durch Bombenattentate und aufgrund bewaffneter Kämpfe sterben. Baschar al-Assad wurde geduldet, weil sich ein Krieg gegen ihn nicht auszahlt. Ich erinnere mich an die Worte des russischen Außenministers Sergej Lawrow, der meinte, die Ukraine sei ein Opfer der arroganten Politik der EU und der USA geworden. Ich bin davon überzeugt, dass diese Aussage ebenso für den Irak, für Libyen, für Afghanistan und viele andere Länder gilt.

Alfred: Putin und seine Regierung würde ich aber nicht verharmlosen!

Ali: Das tue ich auch nicht. Trotzdem hat der Außenminister in diesem Zusammenhang vielen Menschen, auch mir, aus dem Herzen gesprochen. Selbst wenn man mich jetzt als Putinfreund beurteilen könnte, was ich aber nicht bin.

Alfred: Wieder zurück zur Religion. Der Islam an sich stört mich nicht, weil es im Islam so vieles gibt, was mir als Christ bekannt ist. Aber was ist mit den Hasspredigern und Gewalttätern? Solche Menschen können wir hier doch wirklich nicht brauchen. Ich finde es sehr wichtig, dass die Hassparolen dieser Leute gestoppt und klare Gesetze erlassen werden, zum Beispiel gegen die Scharia-Polizei in Deutschland.

Ali: Ich empfinde eine Scharia-Polizei in Deutschland als Provokation. Aber ich erinnere mich an die US-Panzer in Bagdad. Ich erinnere mich an die Soldaten aus Deutschland und anderen NATO-Staaten in Afghanistan und vor der somalischen Küste. Wenn wir Frieden wollen, sollten wir uns nicht nur auf einen Teil der Probleme konzentrieren. Wir sollten unsere Augen weiter aufmachen und so gut wie möglich fair handeln. Nicht Muskeln zeigen, sondern Vernunft und Verstand einsetzen.

Was die Hassprediger angeht: Ich stimme dir zu! Sowohl religiöse als auch politische Hassprediger müssen gestoppt werden! Die Gesetze sollen für alle gelten, die Hassparolen verbreiten. Auch diejenigen müssen gestoppt werden, die rufen: Abendland in Christenhand! Das macht mir zwar nicht so viel Angst, aber es stimmt mich schon nachdenklich und ich frage mich: Wenn diese Partei heute solche Plakate in der Stadt aufhängen darf, was macht sie, wenn sie an die Macht kommt?

Sowohl religiöse als auch politische Hassprediger müssen gestoppt werden! Auch diejenigen müssen gestoppt werden, die rufen: Abendland in Christenhand!

Alfred: Deine Sorge verstehe ich, und mir gefallen solche Parolen auch nicht. Ich hoffe aber, du kannst verstehen, dass ich und viele andere verunsichert sind, wenn wir die IS oder ähnliche gewalttätige Gruppen sehen, die dazu aufrufen, Ungläubige zu töten. Diese Partei darf zumindest hier in Österreich nicht auf der Straße „töten, töten!“ schreien, das ist der Unterschied.

Ali: Im Keller schreien sie vielleicht „töten, töten!“, und draußen sagen sie laut: „abschieben, abschieben!“. Aber trotzdem hast du recht, und ich bin froh, dass es hier Gesetze gibt, die man nicht missachten darf. Du solltest auch wissen, dass ich in den Augen der IS-Anhänger genauso ungläubig bin wie du, auch wenn ich Muslim bin. Denn sie töten alle, die sich nicht wie sie kleiden und die nicht wie sie denken.

Alfred: Die Nazis haben auch Priester und Kommunisten getötet, die Deutsche oder Österreicher waren. Ich bin aber auch sicher, dass man von den Religionen gute Dinge lernen kann, doch die Menschen lenken und interpretieren sie je nachdem, wie sie sie haben wollen. Gott sagt: Du darfst den Menschen nicht versklaven. Der Mensch sucht jedoch eine Rechtfertigung, um Sklaven zu halten, und findet sie auch.

Ali: Da bin ich deiner Meinung, außer du sagst wieder, dass nur Muslime so etwas tun. (Er lacht.) In Al Mina in Ghana habe ich gesehen, wie die Sklavenhändler eine Kirche direkt über dem Keller gebaut haben, in dem sie die Sklaven gefangen hielten. Dasselbe haben arabische Sklavenhändler in Sansibar gemacht. Trotz allem bin ich davon überzeugt, dass es auch Menschen gibt, die im Namen Gottes Gutes tun, auch wenn es mir lieber wäre, wenn sie es im Namen der Menschlichkeit tun würden.

Ich möchte dir zwei Geschichten erzählen, die ich von einem Freund gehört habe. Dieser Freund hat in Libyen gearbeitet, und eines Tages haben er und seine Kollegen von einem Libyer den Auftrag bekommen, ein Wasserbecken auszugraben. Die Sonne brannte heiß und die Arbeit war hart, doch sie hatten keine andere Wahl, weil sie das Geld brauchten.

Der Graben sollte sieben Meter lang, vier Meter breit und drei Meter 70 tief sein. Die Arbeitswerkzeuge waren schlecht, die Erde war steinhart, und das Becken sollte innerhalb von 24 Arbeitsstunden fertig sein. Während sie in der Hitze gearbeitet haben, ist der Auftraggeber mehrere Male von seinem Haus zur Moschee gegangen und danach wieder zurück. Jedes Mal, wenn er bei den Arbeitenden vorbeigegangen ist, hat er ihnen Frieden und die Gnade Allahs gewünscht, hat kurz in das gegrabene Loch hinuntergeschaut und ist weitergegangen. Er hat sie aber nicht einmal gefragt, ob sie Wasser und eine Jause brauchen.

Als er wieder zum Nachmittagsgebet auf dem Weg in die Moschee war, begrüßte er die Arbeiter mit den gleichen Worten wie immer und schaute vorsichtig in das Becken, das inzwischen sehr tief war. Ohne ein Wort zu sagen. ist er weitergegangen. Diiriye, der mit ihm verhandelt hatte, teilte ihm mit, dass sie mit der Arbeit fertig seien, und forderte das vereinbarte Geld. Doch darauf reagierte er nicht. Sein Sohn brachte den Arbeitern etwas zu Essen und Wasser und folgte seinem Vater in die Moschee. Nach dem Gebet kamen beide wieder. Es war nicht zu übersehen, dass der Vater zornig war und ihnen ihr hart verdientes Geld nicht leicht geben wollte. Als Diiriye auf dem vereinbarten Lohn bestand, erwiderte der Auftraggeber: „La! Nein! Die Arbeit ist noch nicht fertig. So leicht verdient man unsere Dinare nicht.“ Er ging um das Becken herum, um einen Fehler zu suchen. Diiriye nahm ein Maßband, um zu beweisen, dass sie den Auftrag den Anweisungen entsprechend erfüllt hatten. Der Auftraggeber schrie: „Ihr seid faul und wollt mir nur das Geld aus der Tasche ziehen!“

Sein Sohn, der neben ihm gestanden ist, nahm das Maßband, sah sich den Plan an und kontrollierte die Maße nach. Danach sagte er zu seinem Vater: „Diese Männer haben ihre Arbeit gemacht, daher musst du ihnen geben, was ihnen zusteht.“ Der Vater erwiderte: „Auf welcher Seite stehst du?“ Doch der Sohn ließ sich nicht einschüchtern und versuchte seinen Vater zu erinnern: „Du kennst doch den Hadith[1], der lautet: ‚Gebt dem Arbeiter seinen Lohn, noch ehe der Schweiß auf seiner Stirn getrocknet ist.‘ Du hast ihnen einen Auftrag gegeben und sie haben die Arbeit gemacht, also fürchte Allah und gib ihnen ihr Geld.“ Als der Vater den Vorschlag seines Sohnes ablehnte, hat der Sohn ihnen das Geld selbst gegeben.

Der gleiche Mann hat mir eine Geschichte erzählt, die er erlebt hat, als er Asylwerber war und in einem Flüchtlingsheim in einem kleinen Dorf in der Steiermark gewohnt hat. Er wollte einen Freund in Graz besuchen. Doch der hat ihn nicht wie ausgemacht vom Bahnhof abgeholt. Es war kalt, nass, und er hatte kein Geld für die Rückfahrt. Als er bei einer Kirche vorbeikam, ist er hineingegangen und erzählte dem Mann, dem er dort begegnet ist, über sein Problem. Der sagte zu ihm: „Du bist Muslim, du solltest in die Moschee gehen.“ Darauf hat er geantwortet, dass die Kirche ein Haus Gottes sei und er zu müde sei, um weiter herumzulaufen. In dem Moment ist eine geistliche Schwester hereingekommen, die die Diskussion mitgehört hatte. Sie sagte: „Wenn er daran glaubt, dass hier ein Gotteshaus ist, soll er auch bleiben. Zeige ihm das Gästezimmer, gib ihm etwas zum Essen und morgen Geld für die Rückfahrt.“ Solche Geschichten beruhigen mich, und ich bin sicher, dass es Menschen gibt, die im Namen Gottes Hilfsbedürftige unterstützen und Leben retten.



[1] Ausspruch des Propheten.

Veröffentlicht in Talktogether Nr. 50/2014