27.11.2014: Frauengeschichten: Gewalt - Flucht - Hoffnung PDF Drucken E-Mail

Frauengeschichten:

Gewalt - Flucht - Hoffnung

Gesprächsrunde am 27.11.2014, Afro-Asiatisches-Institut Salzburg


Frauen und Mädchen fliehen vor körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt. Sie kommen in der Hoffnung nach Österreich, ein neues Leben in Sicherheit beginnen zu können. Doch auch hier in Österreich sind sie mit struktureller und psychischer Gewalt konfrontiert. Asylsuchende müssen oft jahrelang in Unsicherheit leben, immer mit dem Risiko, in das Land, das sie unter großen Gefahren verlassen haben, zurück geschickt zu werden, selbst wenn es dort keine Sicherheit für sie gibt. Ihr Leben und ihre Zukunft sind abhängig von Entscheidungen, die für sie oft nicht nachvollziehbar sind und die sie selbst kaum beeinflußen können. Am Donnerstag, 27. November, sprachen Flüchtlingsfrauen am AAI Salzburg bei der Veranstaltung zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen über ihre Geschichten.

Dalender Kaur musste mit aus ihrem Heimatland Afghanistan fliehen, denn sie gehört zur Minderheit der Sikh, die dort unterdrückt und verfolgt wird. Ihre Heimatstadt Jalalabad in der Nähe der pakistanischen Grenze ist eine Hochburg der Taliban und zählt zu den gefährlichsten Orten der Welt. Ihre zwei Töchter durften die Schule nicht besuchen. Sie selbst verließ jahrelang das Haus nicht aus Angst vor den Taliban. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, zurückgehen kommt für sie aber nicht in Frage: „Als Frau darfst du in Afghanistan nichts. Hier können wir wenigstens ohne Angst aus dem Haus gehen.“ Die jahrelange Ungewissheit ist am schlimmsten, sagt sie: „Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt für uns oder unsere Kinder. Planen können wir nicht. Das ist sehr schwer.“

Burul Bostoeva ist aus politischen Gründen mit ihrer Familie aus Kirgistan geflohen. Die Flucht war keine leichte Entscheidung, sagt sie. „Wir mussten unsere Eltern in unserem Land zurück lassen. Wir hatten ein Haus, ein gutes Leben.“ Das Heimweh und die Isolation waren am Anfang groß. Heute spricht Burul genau wie Dalender gut Deutsch, ihre Kinder gehen in die Schule und die Familie ist gut integriert, auch Arbeitsangebote haben sie bekommen. Doch die Familie hat einen negativen Asylbescheid erhalten. Trotzdem hoffen sie weiter. Denn Burul weiß nicht, was ihr und ihrer Familie geschieht, wenn sie zurückgehen müssten. „Wir denken jetzt an unsere Kinder. Mein Mann und ich, wir haben unser Leben schon gelebt. Wir wollen für sie hier bleiben, in Kirgistan ist es zu gefährlich.“

Aynur Dalga Sahin aus Kurdistan hat bereits vor einigen Jahren Asyl bekommen. Heute arbeitet sie im Frauenzentrum Olympe der Volkshilfe Oberösterreich und kritisiert, dass die Flüchtlinge oft jahrelang zur Untätigkeit verdammt sind. Burul ergänzt: „Warum darf ich nicht arbeiten, wenn ich schon drei Jahre hier bin und gut Deutsch spreche? Den ganzen Tag zuhause, das macht kaputt.“ Lina Cenic ist Flüchtlingsberaterin der Diakonie Salzburg, die auch kostenlose Rechtsberatung anbietet. Sie bestätigt, dass das Arbeitsverbot ein großes Problem für Flüchtlinge ist. Außerdem müssten sie sich selbst im Behördendschungel zurecht finden. Die Anwaltkosten sind hoch, ein Einspruch im Asylverfahren ist für viele eine fast unüberwindbare finanzielle Herausforderung. Doch gäbe es immer wieder Fehlurteile: „Wenn dann das Geld fehlt, um weiter zu machen, werden die Flüchtlinge zurück geschoben, obwohl sie ein Recht auf Asyl hätten.“

Auch einige Flüchtlinge im Publikum meldeten sich zu Wort. Jijo Jamil aus dem Irak wartet schon seit vier Jahren auf eine Entscheidung in seinem Asylverfahren. Der Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden ist von seiner Familie getrennt, die seit den Angriffen von ISIS im August dieses Jahres als Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen im irakischen Kurdistan lebt. „Meine Frau und meine Kinder leben auf der Straße und haben nicht genug zu essen. Meine Tochter ist krank. Dass ich ihnen nicht helfen kann, ist unerträglich.“ Das Publikum diskutierte die Frage, wie AsylbewerberInnen während ihrer langen Verfahren sinnvolle Tätigkeiten ausführen könnten und wie man helfen kann. „Miteinander reden, Orte, wo Flüchtlinge ÖsterreicherInnen treffen und von ihrer Situation erzählen können, sind wichtig“, so Abdullahi Osman, Obmann des Vereins Talk Together. Aber auch die Erlaubnis zu arbeiten, mehr kostenlose Rechtsberatung und Deutschkurse für Flüchtlinge wären notwendig, um ihren Weg durch den Behördendschungel und zu Sicherheit in Österreich erleichtern können. (Andrea Thuma, AAI Salzburg / Beate Wernegger, Talktogether)

Artikel von Sandra Bernhofer, Rupertusblatt, 4.12.2014

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Zur Einleitung gab es eine eindrucksvolle Performance von Nina Vasiltshenko und Mohammad Sadeqi, die selbst Asylwerber sind. Danach wurde von Beate Wernegger ein Brief von Fadumo A. vorgelesen, die in Somalia nur knapp dem Tod entkam. Hier ist ihre Geschichte:

„Ich habe in Somalia als Händlerin gelebt. Damit habe ich mich und meine Kinder gut ernähren können. Doch eines Tages haben die Alshabab Terroristen meinen Sohn nach der Schule mitgenommen. Sie haben ihm ein Handy versprochen, und dass er ins Paradies kommt, wenn er sterben würde. Durch die Vermittlung eines Verwandten, der bei Alshahbab ist, ist es mir gelungen, ihn zu finden. Weil er sich für mich verbürgte, konnte ich sie überreden, ihn zwei Tage mit nach Hause nehmen zu dürfen. Am nächsten Tag habe ich einer Familie, die nach Äthiopien fahren wollte, Geld gegeben, damit sie ihn mitnimmt. Doch ein paar Tage später standen die Terroristen vor meiner Tür. Sie haben mich mitgenommen und in ein Gefängnis gesperrt. Dort haben sie mich gequält und gedroht, dass sie mir am nächsten Tag den Kopf abzuschneiden würden. Schließlich haben sie mich unter der Bedingung freigelassen, dass ich meinen Sohn zu ihnen zurück bringe.

Ich versuchte mich zu verstecken. Ich habe mein Handy weggeworfen, bin in einen anderen Stadtteil gezogen und habe mein Gesicht verschleiert. Trotzdem haben sie mich gefunden. Auf der StraĂźe haben sie vor meinen Augen meine Schwester erschossen, weil sie sie mit mir verwechselt haben. Doch sie erkannten ihren Irrtum. Da wusste ich, dass ich nur dann eine Chance zu ĂĽberleben hatte, wenn ich meine anderen Kinder bei meiner Mutter zurĂĽcklasse und aus dem Land fliehe.

Nach einer langen Reise kam ich in Griechenland an. Um von dort nach Österreich zu kommen, musste ich zwei Tage eingezwängt im Dach eines Buses liegen. In Österreich nahm man mir die Fingerabdrücke ab, doch ich durfte nicht bleiben. Sie haben gesagt, dass ich aus Ungarn gekommen sei und mich dorthin geschickt. Dort war ich zuerst in einem Gefängnis eingesperrt und danach verbrachte ich zwei Monate in einem Flüchtlingslager. Die Zustände dort waren unerträglich: Die Zimmer waren sehr schmutzig und das Bett stank nach Alkohol und Urin. Doch die anderen somalischen Leute haben gesagt: Etwas Besseres gibt es hier nicht. Also musste ich es aushalten.

In Ungarn habe ich ein Interview gehabt und sie haben mir Asyl gegeben. Sobald ich jedoch meinen Pass in der Hand hielt, sagten sie: Du bist musst dir selbst Arbeit und eine Wohnung suchen. Aber wohin sollte ich gehen? Ich verstand weder die Sprache noch kannte einen einzigen Menschen. Ich wollte nach Budapest fahren, doch leider bin ich in den falschen Bus gestiegen. Ich bin in einer kleinen Stadt gelandet, wo ich keinen einzigen Menschen fand, mit dem ich mich verständigen konnte. Ich habe mich auf den Bahnhof auf eine Bank gesetzt und gewartet. Als es dunkel geworden war, versuchte ich ein bisschen zu schlafen. Doch dann kamen zwei betrunkene Männer und versuchten, mich zu vergewaltigen … Ich wünschte mir tot zu sein.

Danach hat mir meine Schwester, die in Norwegen lebt, etwas Geld geschickt, damit ich zu ihr fahren kann. Doch dort hat man gesagt: Nach Ungarn würden wir dich nicht schicken. Doch weil meine Fingerabdrücke in Österreich registriert sind und Österreich ein sicheres Land für Flüchtlinge ist, haben sie gesagt, ich müsse nach Österreich. Doch die österreichischen Behörden wollen wieder nach Ungarn zurück schicken. Doch lieber möchte ich sterben, als in das Land zurück, wo mir so etwas Schreckliches passiert ist. Ich wollte in Frieden leben, doch Frieden gibt es für mich nicht. Oft frage ich mich: Warum haben sie damals in Mogadischu nicht mich getötet?"