Fluchtgrund Liebe PDF Drucken E-Mail

Ich bin die Tochter eines Kriegtreibers

von Warsame A. Amalle

Als ich das erste Mal den Schuhmacher sah, in den ich mich dann verliebte, spielte er und lachte mit seinen Kindern, obwohl ihre Armut nicht zu verbergen war. Ich saß im Auto und der Fahrer fuhr mich in die Schule. Ich wollte den Fahrer bitten, stehenzubleiben, doch ich bemerkte, dass mein Vater mit seiner Kolonne hinter uns fuhr, und schluckte meine Worte hinunter. Vielleicht würde ich auf dem Weg nach Hause die Möglichkeit bekommen, den Schuhmacher und seine Kinder genauer zu beobachten, sie vielleicht sogar kennenzulernen.

Auf dem Nachhauseweg bat ich den Fahrer, beim Schuster stehenzubleiben. Er war überrascht über meinen Wunsch. Ich sagte, mein Schuh sei kaputt und ich wolle ihn beim ihm reparieren lassen. „Fragen Sie nicht so viel“, sagte ich, „bringen Sie mich einfach hin.“ Doch er erwiderte: „Nein, heute ist kein passender Tag. Der Krieg ist schlimmer geworden. Unsere Gegner haben viele Mitglieder unseres Stammes getötet, weil sie Unterstützung aus dem Ausland bekommen haben. Daher bin ich froh, wenn ich dich ohne Zwischenfälle nach Hause bringe. Du hast keine Ahnung, wie gefährlich unser Land heutzutage geworden ist. Du weißt nicht, wie viele deiner Altergenossen jeden Tag im Krieg fallen, an Hunger sterben oder ihre Eltern verlieren.“

Er hatte recht. Mir war nicht bewusst, dass ich privilegierte war. Wenn ich meinen Vater fragte, ob ich eine Schulfreundin besuchen dürfe, antwortete mein Vater: „Hodan, sei froh, dass du in einem Haus aufwächst, in dem du alles haben kannst, was du dir wünschst. Bleib bitte zu Hause.“ Ist es ein Privileg, in einem Bunker zu wohnen? Meine Geschwister haben das Glück gehabt, ohne Begleitung von Leibwächtern und Waffen in die Schule gehen oder mit anderen Kindern spielen zu können. Sie hatten viele Freunde. Obwohl der Altersunterschied zwischen meinen Geschwistern und mir nicht sehr groß war, sah es so aus, als ob der Krieg in meinem Land schon seit vielen Jahren tobte.

Diiriye gehörte unserem Stamm an und war der Vertraute meines Vaters. Seine Arbeit war nicht nur die eines Chauffeurs. Er war auch mein Leibwächter. Deshalb war er immer bewaffnet. Dein Vater will das nicht. Er wiederholte immer die Worte meines Vaters: „Du sollst nicht mit den Jungen sprechen, sonst redet man über deinen Vater schlecht. Weißt du, wie wichtig dein Vater für unseren Stamm ist?“ Sein unterwürfiges Verhalten ging mir auf die Nerven. Hätte ich die Chance dazu gehabt, wäre ich aus dem Auto gesprungen und zu Fuß in die Schule gegangen. Wie an den anderen Tagen waren überall Schüsse zu hören, die Stadt war unruhig. Diiriye fuhr schnell nach Hause und vermied jeden Umwege und Zeitverlust. Er war glücklich als wir zu Hause ankamen. Ich auch.

Wie immer wartete meine Mutter mit dem Essen auf mich. Seit meine älteren Geschwister ausgezogen oder nach Europa ausgewandert waren, lebte ich allein mit meinen Eltern in diesem Haus. Doch ich brachten keinen Bissen hinunter. Die Frage, wie jemand so arm und trotzdem so glücklich sein konnte, ging mir nicht aus dem Kopf. Mein Vater war viel reicher und einflussreicher als er, aber er hatte mich nie umarmt, hatte nie mit uns Kindern gespielt. Ihm war es wichtiger, andere Kriegtreiber zu empfangen. Ich ging in mein Zimmer und blickte aus dem Fenster. In unserem Haus waren immer Kriegsfahrzeuge und bewaffnete Männer zu sehen. Mein Vater gehörte zu jenen Männern, die hinter dem Bürgerkrieg in Somalia standen. Man könnte sagen, dass ich mit meinen Eltern eher in einer Frontzentrale als in einem Familienhaus wohnte.

Ich erinnerte mich auch, dass unsere Nachbarn seit Kriegbeginn nicht mehr mit uns sprachen und sich uns gegenüber sehr vorsichtig verhielten. So eine Macht und so ein Reichtum waren nichts für mich. Lieber glücklich und arm als unglücklich und reich, sagte ich mir: „Wir haben alles, was man mit Geld kaufen kann. Aber der Schuhmacher hat, was man mit Geld nicht kaufen kann, nämlich Zufriedenheit. Kann ich daran teilhaben?“ Mich überkam ein seltsames Gefühl. Ohne nachzudenken, so wie der Regen vom Himmel fällt, kam der Entschluss: „Ich verzichte dieses schöne Haus und das schöne Bett. Ich teile mit ihm sein Glück, ich möchte mit ihm glücklich sein.“ Aber wollte er das auch?

Beschneidung und Zwangsheirat gehören zu den Problemen, unter denen somalischen Mädchen leiden. Als meine Eltern zu der Frau brachten, die in meinen Körper mit einem Rasiermesser schnitt, war ich noch ein Kind und konnte nicht entkommen. Aber bei der Zwangsheirat, war ich in der Lage zu fliehen.

Die Hütte des Schusters lag auf dem Weg zwischen unserem Haus und meiner Schule. Jeden Tag beobachtete ich beim Vorbeifahren, wie er mit einem kleinen Hammer auf die Schuhe klopfte. Meistens spielten seine Kinder neben ihm. Wenn sie nicht in die Koranschule gingen, denn eine andere Schule konnten sich Menschen wie er nicht leisten. Je länger und öfter ich ihn sah, umso dringender wurde mein Wunsch, ihn näher kennenzulernen. Das Risiko ignorierte ich. Doch immer wenn ich eine Ausrede erfand, um zu ihm gehen zu können, stellte sich es ein Hindernis ein. „Nein, das macht Maryam, nein das bringt Diiriye beim vorbei. Du hast besseres zu tun als einen Schuh zum Schuster zu bringen“, meinten meine Eltern. Eines Tages wollte ich heimlich das Haus verlassen und nahm einen Schuh als Vorwand mit. Doch meine Mutter begegnete mir am Haustor. Als sie den Schuh sah, stellte sie fest, dass er gar nicht beschädigt war. Da kam ihr der Verdacht, dass es nicht um Schuh ging. Sie ahnte aber nicht, dass ich tatsächlich zum Schumacher gehen wollte. Sie sagte: „Du kannst nicht einfach allein in die Stadt marschieren, wie andere Jugendliche. Dein Vater gehört zu den mächtigsten Männer des Landes und hat viele Feinde, daher müssen wir auf uns aufpassen.“ Da tauchte plötzlich mein Vater auf und fragte, warum wir mit dem Schuh vor der Haustüre standen. Geistesgegenwärtig nahm meine Mutter den Schuh in die Hand und sagte: „Er ist repariert worden.“ Darauf fragte er: „Was willst du von diesem Schuster?“ „Nichts, was soll ich von ihm wollen? Gar nichts!“ erwiderte ich und verschwand. Ich war geschockt. Konnte er meine Gedanken lesen?

Ich trug einen Schuh im Sack, den ich absichtlich beschädigt hatte, als ich seine Hütte erreichte. Drei ältere Frauen waren vor mir an der Reihe. Als er die Arbeit beendet hatte, ging die eine einfach weg, ohne zu bezahlen. Er rief ihr nach: „Geben Sie mir mein Geld geben, es sind nur 20 Schilling!“ Doch sie antwortete nur: „Wenn du mir noch einmal nach mir schreist, hole ich unsere Männer und sie werden dich umbringen.“ Er schwieg und das machte mich wütend. Dann fragte er die nächste Frau, ob sie auch ihren Schuh beim reparieren lassen wolle ohne zu bezahlen. „Nein, ich zahle sofort“, antwortete diese, und er streckte die Hand aus: „20 Schilling macht das bitte“. Sie gab ihm 50 Schilling und deutete an, dass sie auch für andere Frau bezahlen wolle.

Die zwei Frauen vor mir sagten: „Bitte lassen sie die Schülerin vor. Vielleicht muss sie zur Schule.“ „Nein“, sagte ich, „ich habe Zeit.“ Die Frauen wollten mich unbedingt vorlassen, obwohl ich wünschte, sie würden es ablehnen. Er lächelte mich freundlich an, nahm den Schuh, reparierte ihn und sagte mir auf Wiedersehen, ohne Geld zu fordern. Ich gab es ihm trotzdem und bedankte sich herzlich. Beim Weggehen hörte ich eine der Frauen flüstern: „Lieber geht ich weg, denn solange sie da ist, können wir Probleme bekommen.“ „Wer war das denn?“ fragte die andere. „Das ist Tochter vom Dirir. Wie sie es wagen kann, alleine aus dem Haus zu gehen?“

Ich nutzte jede Möglichkeit, um zu ihm zu kommen. Doch jedes Mal war er mit anderen Leuten beschäftigt und ich kam nicht dazu, ein Wort mit ihm allein zu wechseln. Deshalb entschloss ich mich, einen Brief zu schreiben, den ich seiner jüngsten Tochter Siraad übergab. Siraad kam zu mir zurück um mir zu sagen, dass ihr Vater mich bat, sie in Ruhe zu lassen. Ich verstand es und nahm mir vor, es zu versuchen. „Ich will dich heiraten“, hatte ich geschrieben, „ weil ich dich mag. Verstehst du mich auch?“ Seine Antwort war: „Ich verstehe dich, aber ich kann dich weder lieben noch heiraten. Was für dich Liebe heißt, kann für mich den Tod bedeuten.“

Die Verlobung mit Hareed war mein Todesurteil.

Ich hatte große Angst davor, von meinem eigenen Vater getötet zu werden. Weil ich seinen Stolz und seinen guten Ruf verletzt und sein Wort missachtet hatte. „Haji Ali war heute bei mir mit anderen Männern und er hat mich gefragt, ob er Hodan heiraten könne“, hörte ich, als ich das Gespräch meiner Eltern heimlich belauschte. „Will er sie für seinen Sohn oder für sich?“ hörte ich meine Mutter fragen. Mein Vater ärgert sich über die Frage. „Was für eine Frage stellst du da? Seine Söhne sind doch schon verheiratet. Selbstverständlich will er für sich.“ „Er hat doch bereits drei Frauen. So ein alter Mann wird nicht meine Tochter heiraten. Sie könnte seine Enkelin sein. Das werde ich nicht zulassen“, beendete meine Mutter das Gespräch.

„Wenn sie einen alten Mann heiraten will“, fuhr mein Vater unbeirrt fort, „kann sie auch Haji Ali heiraten. Er hat Geld und einen Namen und kann sie beschützen. Was aber kann der Schuster? Er kann weder sie ernähren und beschützen, noch sich selbst. Ihr Tod wäre es mir lieber, als eine Heirat mit ihm. Ich weiß, dass sie jede freie Minuten zu ihm läuft. Das will ich nicht und du kannst das auch nicht wollen!“ „Du willst ja gar nicht wissen, was ich oder deine Kinder wollen. Dein Stolz und dein Ruf ist wichtiger als deine eigene Familie, darüber haben wir mehrer Mal geredet.“ Was kann ein Mädchen in so einer Situation tun? Fliehen? Und wohin?

Meine Mutter ist eine furchtlose Frau. Ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Ich wollte keinen Konflikt zwischen meine Eltern entfachen, aber das ließ sich nicht vermeiden. „Wenn sie schon einen älteren Mann heiraten muss, dann einen, den sie liebt. Ich werde sie unterstützen, damit sie glücklich wird, auch wenn sie Hareed heiraten muss. Ich bin immer hinter dir gestanden, aber jetzt hast du mich gezwungen, gegen dich zu sein. Ich musste dich heiraten, weil es mein Vater und dein Vater es wollten. Meine Tochter soll aber nicht gleiche Erfahrung machen wie ich. Ich wünsche mir, dass sie einen Mann heiratet, den sie liebt. Und der sie auch liebt.“

In so einer Situation ist der letzte Ausweg für eine Frau, eine Ehe zu vermeiden, bereits verheiratet zu sein. Also musste ich Hareed fragen, ob mich heiraten will. Würde er das tun? Ich schrieb einen Brief und gab ihn heimlich seiner Tochter für ihn mit. Ich bat ihn, als Frau verkleidet zur Moschee zu kommen. Ich würde einen Schleier und ein rotes Tuch auf dem Kopf tragen. Auf seine Antwort musste ich mehr als zwei Tage warten. Zu Hause wurde immer häufiger über meine Heirat mit Haji Ali gesprochen. Meine Mutter redet nicht viel mit mir. Ich befand mich in einer Sackgasse. Auf dem Weg von der Schule sagte ich zu Diiriye, dass ich morgen früher als üblich in die Schule müsse, um ein Gespräch mit meinem Vater zu vermeiden. Nur, wenn dein Vater oder deine Mutter zustimmen, dürfe ich das machen, sagte er. Ich sprach mit meiner Mutter und sie war einverstanden.

Als ich von der Schule nach Hause kam, wollte ich mich beeilen, Hareed zu fragen, warum er nicht gekommen war. Doch als ich im Begriff war, das Haus verlassen, versperrte mir unser Hausmädchen den Weg und sagte, dass mein Vater mir verboten hatte, das Haus zu verlassen. „Wo ist meine Mutter?“ „Deine Mutter ist zu Tante Dahabo gegangen.“ „Und warum darf ich nicht das Haus verlassen?“ „Bitte Hodan, frag mich nicht viel. Ich will mich nicht in Familienangelegenheiten einmischen.“

Ich wusste, dass die Zeit knapp wurde. Das Haus war mir zu klein geworden und die Angst größer. Ich setzte mich ans Fenster um zu sehen, wer zu erst kommen würde, meine Mutter oder mein Vater. Wenn es mein Vater war, hieß das, es war alles vorbei. Wenn die Mutter kam, hatte noch eine Chance.

Der Beginn der Flucht

Zum Glück kam meine Mutter mit einem unbekannten Auto und einem unbekannten Fahrer. Sie fordert mich ins einzusteigen. Wir fuhren durch die Stadt, wechselten in einen anderen Wagen und fuhren weiter, bis wir beim Haus meiner Tante Dahabo ankamen. Neben ihr saßen zwei bewaffnete Männer im Zimmer. „Wie kannst du deinem Vater und unserem Stamm so etwas antun?“ fragte einer der Männer. „Einer von euch muss sterben. Du bist ein kleines unschuldiges Mädchen, daher soll er es sein.“ Ich erschrak: „Warum er? Wenn ihr unbedingt jemanden töten wollt, bringt mich um, ich bin die Schuldige. Ich bin zu ihm gegangen und habe ihn überredet, uns zu verloben.“

„Verloben? Wann und warum?“ fragte meine Tante wütend. Die zwei Männer waren plötzlich außer sich und einer fragte: „Weiß das dein Vater?“ „Nein. Wie hätte ich ihm das sagen können, wenn er mich mit dem Tod oder einer Zwangsheirat mit einem alten Kriegtreiber bedroht? Ich hätte es ihm gesagt, wenn er ein friedlicher Vater wäre. Ich weiß, wie sehr ich ihn verletze, aber ich bin ein Mensch mit Wünschen, er kann mein Leben zu Ende bringen, aber meine Wünsche kann er mir nicht wegnehmen.“

Meine Tante beruhigte sich wieder und sagte: „Eine Verlobung macht die Lage noch schwieriger.“ „Tante, du weißt, ich habe das nicht nur deshalb getan, weil ich Hareed liebe. Ich hatte doch gar keine andere Chance, um einer Ehe mit Haji Ali zu entkommen. Jetzt kann er mich töten, dafür bin ich bereit, aber die Ehe mit diesem Verbrecher kann nicht stattfinden.“

veröffentlicht in Talktogether Nr. 48/2014