Frauentag: Lieber beim Streik als bei der Arbeit hungern! PDF Drucken E-Mail

 

Lieber beim Streik als bei der Arbeit hungern!

Mut, Entschlossenheit und SolidaritÀt der Frauen beim Aufstand der Textilarbeiterinnen 1909

Die Textilindustrie boomte. SerienmĂ€ĂŸig hergestellte Massenware hatte den Markt erobert. Besonders begehrt waren die „Shirtwaists“, modische Blusen, die billig genug waren, dass sie sich auch arbeitende Frauen leisten konnten. Auf der anderen Seite lieferten sich die Firmen, die diese Blusen herstellten, einen erbitterten Konkurrenzkampf und versuchten die Löhne der Arbeiterinnen auf ein Minimum zu drĂŒcken. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken Nordamerikas waren unmenschlich: Die NĂ€herinnen schufteten 65 Stunden und mehr in der Woche, mussten Nadeln, Zwirn und Scheren selbst kaufen, Miete fĂŒr die ArbeitsgerĂ€te bezahlen und StrafgebĂŒhren, wenn sie ein KleidungsstĂŒck beschĂ€digten.

Die Arbeiterin Pauline Newman erinnert sich: „Trotz der unmenschlichen Arbeitsbedingungen blieben wir weiter in dieser Firma. Was hĂ€tten wir auch davon, wenn wir uns eine andere Arbeit suchen, wo doch in allen Textilfabriken die gleichen Bedingungen herrschten? Es gab auch noch andere GrĂŒnde, warum wir unsere Arbeit nicht aufgaben, man könnte sie psychologische nennen. Man gewöhnt sich an einen Ort, auch wenn er nur ein Arbeitsplatz ist. Man lernt die Leute kennen, die mit dir arbeiten. Du bist nicht mehr fremd und allein. Du hast das GefĂŒhl, dazuzugehören, und das hilft dir, das Leben in der Fabrik ein bisschen leichter zu ertragen. Freundschaften bilden sich und ein gemeinsames Verstehen entwickelt sich.“

Die meisten NĂ€herinnen in den Textilfabriken waren Einwanderinnen aus Europa, die auf ein besseres Leben in Amerika gehofft hatten, auch einige Afro-Amerikanerinnen waren dabei. Die meisten waren junge MĂ€dchen, von denen viele die Hoffnung hatten, durch eine Heirat dem Fabrikalltag entfliehen zu können. Manche der jĂŒdischen Einwanderinnen aus Polen und Russland waren bereits in ihrer Heimat im „JĂŒdischen Arbeiterbund“ gewerkschaftlich organisiert gewesen.

Im November 1909 organisierte die WTUL (Women’s Trade Union League) eine Massenversammlung in der Cooper Union Hall in New York. Einige prominente GewerkschaftsfĂŒhrer hielten ihre Reden und drĂ€ngten die Frauen, der Gewerkschaft beizutreten. Da stand plötzlich eine junge Arbeiterin namens Clara Lemlich auf und schrie: „Herr Vorsitzender! Ich bin ein ArbeitermĂ€dchen, eine von denen, die gegen die unzumutbaren Bedingungen streiken. Ich habe genug davon, den Reden zuzuhören. Wir sind hier, um zu entscheiden, ob wir in den Generalstreik treten!“ Die anderen Arbeiterinnen stimmten ihr zu: „Wir hungern, wĂ€hrend wir arbeiten, da können wir auch hungern, wĂ€hrend wir streiken!“ Schnell verbreitete sich die Nachricht auch zu den Frauen, die draußen standen, weil sie in der Halle keinen Platz gefunden hatten. Sie sagten: „Wir haben doch nichts zu verlieren, aber wir können etwas gewinnen.“

Es war der 22. November, als der Streik ausgerufen wurde. Der Himmel war grau und ein frostiger Wind pfiff durch die Straßen. Doch weder der kalte Wind noch die unzureichende Kleidung konnten die Streikenden davon abhalten, von Fabrik zu Fabrik zu marschieren und den Kolleginnen mit Parolen Mut zuzurufen, als diese ihre ArbeitsplĂ€tze verließen, um sich den Arbeiterinnen auf den Straßen anzuschließen.

Mehr als 20.000 Frauen folgten dem Aufruf zum Streik. WĂ€hrend der Wochen des Streiks litten die Frauen unter Hunger und manche verloren das Dach ĂŒber ihrem Kopf. Doch ihr Zusammenhalt, ihr Mut und ihre Disziplin gaben ihnen die Kraft und Ausdauer, um durchzuhalten.

Die Unternehmer mobilisierten alle, die ihnen zur VerfĂŒgung standen, dazu zĂ€hlten sowohl angeheuerte SchlĂ€gertrupps als auch die Polizei. 723 Frauen wurden verhaftet und 19 von ihnen wegen Aufwiegelung ins Zuchthaus verbannt. Der Richter schrie sie an: „Ihr streikt gegen Gott! Es ist Gottes Gesetz, dass der Mensch sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen muss.“ Doch nicht alle respektablen BĂŒrgerInnen sahen die Dinge auf diese Weise. Viele hegten Sympathie mit den armen ImmigrantenmĂ€dchen, die sich so tapfer gegen die Polizei und die SchlĂ€ger wehrten. Manche Priester und Rabbis machten den Streik zum Thema ihrer Predigten. Bekannte Suffragetten (Aktivistinnen fĂŒr das Frauenwahlrecht) organisierten SolidaritĂ€tskundgebungen fĂŒr die Streikenden, und wohlhabende Frauen sammelten Geld, um die Kaution fĂŒr die verhafteten Frauen zu bezahlen.

Anfang 1910 war den Fabrikbesitzern klar, dass die öffentliche Meinung gegen sie war. Offenbar waren die Streikenden entschlossen, ihren Kampf die ganze Modesaison lang fortzusetzen. Nach zwei Wochen intensiver Verhandlungen wurde eine Vereinbarung getroffen. Die Arbeitszeit wurde auf 52 Stunden pro Woche gekĂŒrzt, den Arbeiterinnen wurden vier bezahlte arbeitsfreie Tage zugebilligt und die Unternehmer mussten fortan fĂŒr die ArbeitsgerĂ€te aufkommen. Dieser Streik war aber nur ein Anfang. Die Streikbewegung breitete sich auch auf andere Branchen der Textilindustrie aus, Streiks folgten u. a. in Chicago (1910), Philadelphia (1910), Cleveland (1911) und in Lawrence, Massachusetts (1912).

FĂŒr große Empörung und erneute Proteste in New York sorgte die Feuerkatastrophe in der Triangle Shirtwaist Fabrik, die am 25. MĂ€rz 1911 ausbrach und 146 Menschen, vor allem junge MĂ€dchen, das Leben kostete. Sie konnten nicht flĂŒchten, weil die Fabrikleitung die Eingangstore versperrt hatte. Die Angst vor den Streiks fĂŒhrte aber letztlich dazu, dass sich Unternehmer in ganz Amerika gezwungen sahen, den Arbei­terInnen ZugestĂ€ndnisse zu machen. Diese jungen, unerfahrenen Arbeiterinnen aus New York, denen viele einen Streik nicht zugetraut hatten, wurden durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit zum Vorbild nicht nur fĂŒr die gesamte amerikanische Arbeiterklasse, sondern fĂŒr Frauen auf der ganzen Welt.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 47/2014