Gespräch mit Mecbure Yozgat, Akasya Frauenverein PDF Drucken E-Mail


Gespräch mit Mecbure Yozgat,

Akasya Frauenverein

TT: Seit wann gibt es den Verein? Welche Angebote habt ihr und wer sind eure Zielgruppen?

Mecbure: Unseren Verein gibt es seit 2006 und er wurde ursprünglich in Hallein von türkischstämmigen Frauen gegründet. Mittlerweile besteht unser Vorstand aber aus Angehörigen unterschiedlicher Nationen. Das widerspiegelt auch die Entwicklung unseres Vereins, weil unsere Zielgruppe nicht mehr nur türkische oder muslimische Frauen sind, sondern wir offen für alle sind. Die Aktivitäten erstreckten sich am Anfang hauptsächlich auf Frauen- und Mädchenarbeit, aber auch das hat sich dann mit der Zeit geändert. Ja nach Bedarf werden heute auch Kinder und Männer, also die ganze Familie, betreut.

TT: Welche Art von Betreuung bietet ihr an?

Mecbure: Wir beraten Migrantinnen bei Alltagsproblemen – sei es in Schulangelegenheiten, bei sozialen Problemen oder familiären Konflikten – oder informieren sie, welche Möglichkeiten der Weiterbildung es in Salzburg gibt. Wir sind keine Sozialarbeiterinnen sondern sehen uns mehr als Clearingstelle. Wir haben in ganz Salzburg Netzwerke aufgebaut. Wenn eine ratsuchende Person mit Problemen zu uns kommt und Unterstützung sucht, vermitteln wir sie weiter und begleiten sie auch, wenn es sprachliche Schwierigkeiten gibt. Wir sind auch gut vertraut mit dem Bildungssystem und können Beratung über geeignete Schultypen und Kinderbetreuungseinrichtungen anbieten. Außerdem bieten wir Lerncoaching für Schüler und Schülerinnen an, von der Volksschule an bis manchmal zur Matura, je nachdem wo Bedarf besteht.

TT: Wie werden eure Angebote von den Schulen und Behörden angenommen?

Mecbure: Wir haben bis jetzt nie gravierende Probleme bei der Kontaktaufnahme gehabt. Wenn es einen Fall gibt, wo wir mit den Lehrern und Lehrerinnen Kontakt aufnehmen müssen und wollen, rufen wir einfach an, aber die Eltern geben immer vorher Bescheid, dass ihr Kind bei uns Lernunterstützung bekommt und dass wir uns in Verbindung setzen wollten. Dabei geht es aber nicht immer nur um Probleme, wir setzen uns auch mit Eltern und LehrerInnen zusammen und besprechen, was wir gemeinsam machen können, damit das Kind einen guten Start ins Leben hat. Unser Verein leistet hier eine Brückenfunktion. Es gibt auch Eltern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und auf diese Vermittlung angewiesen sind. Es hat auch Vorteile, wenn wir an die Schulen gehen, weil die LehrerInnen sehen, dass sich die Eltern bemühen, ihr Kind zu unterstützen.

TT: Wer sind eure Zielgruppe?

Mecbure: Unsere Hauptzielgruppe sind MigrantInnen, weil diese unerfahrener sind und oft nicht wissen, wo sie Unterstützung bekommen können. Für uns macht es aber keinen Unterschied, woher die Familien – hauptsächlich sind es Frauen – kommen, grundsätzlich alle sind willkommen. Vor allem Leute, die der Sprache nicht so mächtig sind, haben Probleme, aber es gibt auch Leute meiner Generation, die zwar die Sprache können, aber sich verschlossen haben und sich nach außen nicht öffnen können.

TT: Ihr bietet aber auch Freizeitaktivitäten an?

Mecbure: Seit zwei, drei Jahren gibt es bei uns eine Volleyballgruppe für Frauen. Manche der Frauen tragen Kopftuch und wollen es während des Sports ablegen, andere wollen einfach nur gemeinsam mit anderen Frauen Sport betreiben. In der Gruppe wird Deutsch gesprochen, weil es eine gemischte Gruppe ist. So wird auf der einen Seite Sport betrieben und auf der anderen Deutsch Konversation. Sport und Spracherwerb wurde hier kombiniert. Das läuft hervorragend. Freizeitaktivitäten bieten wir auch für Kinder und Jugendliche an. Für SchülerInnen haben wir in den Weihnachtsferien ein Wintercamp organisiert, wo sie intensiv gelernt und Sport betrieben haben. Wir organisieren immer wieder auch Ausflüge in andere Bundesländer und Länder und haben spezielle Angebote für Frauen und Familien. Wir waren in Wien und in München und haben dort einen Stadtrundgang gemacht. Wir machen auch Wanderungen, wo die Kinder mitgenommen werden können. In türkischen Communities ist das Wandern nicht so bekannt und beliebt wie bei ÖsterreicherInnen. Hier versuchen wir eine Brücke zwischen den Kulturen zu sein.

TT: Nehmen auch österreichische Leute an diesen Aktivitäten teil?

Mecbure: Es sind meist MitarbeiterInnen von unseren Netzwerkpartnern, die bei uns mitmachen. Aber wir arbeiten bedarfsorientiert und wenn jemand zu uns kommt und uns vorschlägt, etwas gemeinsam zu machen, sind wir offen dafür und nehmen das Angebot gerne an. Es gibt auch keine sprachlichen Barrieren, denn wir bieten Zweisprachigkeit und Übersetzungen auf Deutsch und Türkisch an.

TT: Oft herrscht das Bild vor, dass islamische Frauen unterdrückt und unterwürfig sind. Wie begegnet ihr einer solchen einseitigen Sichtweise?

Mecbure: Als wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit angefangen haben, sind wir diesem Vorurteil oft begegnet. Man fragte uns: Stimmt das, was ihr da sagt? Seid ihr wirklich nicht unterdrückt? Oder seht ihr das Ganze nicht scheinheilig? Natürlich gibt es Fälle, wo Frauen unterdrückt werden. Da muss man sich aber die Ursachen genauer ansehen. Ist diese Unterdrückung religiös oder kulturell bedingt? In der Religion ist es verboten, jemanden zu unterdrücken oder jemandem etwas aufzuzwingen. Der Islam verbietet das. Wenn es Unterdrückung gibt, hat das meist mit mangelnder Bildung zu tun. Die Leute haben oft nicht viel Ahnung von der Religion und nehmen sie als Vorwand. Das finde ich schade. Ich selbst bin eine offene Frau. Das Kopftuch gehört einfach zu mir dazu und ist für mich kein Hindernis – für gar nichts. Vor allem kein Hindernis für Integration. Man sollte lieber schauen, was im Kopf einer Frau steckt. Jemand kann kein Kopftuch tragen und trotzdem verschlossen und nicht für Neues empfänglich sein.

Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen. Ich selbst wurde nie unterdrückt. Ich habe einen Handelsschulabschluss und habe mich weiter gebildet, als ich verheiratet war und bereits Kinder hatte. Da war für mich niemand ein Hindernis. Auch nicht vor meiner Heirat, weder mein Vater noch mein Bruder, keiner hat mich behindert.

TT: Haben junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, Schwierigkeiten eine Lehrstelle zu finden?

Mecbure: Ja, aber ich sehe das nicht als das Problem der Mädchen an, die das Kopftuch tragen, sondern als Problem der Gesellschaft, die so geschlossen ist. Obwohl seit vielen Jahren über Integration geredet wird, sind die Klischees immer noch die gleichen wie vor 20 Jahren. Es gibt viele selbstbewusste Mädchen, die ein Kopftuch tragen und die das freiwillig tun. Wenn es jemand nicht freiwillig tut, wird das Kopftuch meist auch schnell wieder abgelegt.

TT: Was würdet ihr einem Mädchen raten, das sich beworben hat, die Stelle aber nur unter der Bedingung bekommt, das Kopftuch abzulegen?

Mecbure: Ich würde keinem Mädchen raten, diese Stelle nicht anzunehmen. Ich würde aber auch nicht dazu raten, das Kopftuch abzulegen. Es ist natürlich die Entscheidung des Mädchens. Ich persönlich würde es aber nicht machen. Ich habe oft gesehen, dass junge Frauen, die das Kopftuch unter Zwang ablegen, ein Identitätsproblem bekommen. Das Kopftuch gehört zu ihrer Identität. Warum können sie nicht anerkannt werden, so wie sie sind? Bei uns arbeitet eine junge Frau, die unbedingt eine Ausbildung als Bürokauffrau machen wollte, aber wegen ihres Kopftuches keine Lehrstelle bekommen hat. Sie war sehr glücklich, als sie bei uns anfangen konnte. Von ihr habe ich gehört, dass es in der Berufsschule keine MigrantInnen gibt und sie dort die einzige Frau mit Kopftuch ist.

Ein Arbeitgeber darf eigentlich gar nicht sagen: Ich nehme dich nur, wenn du das Kopftuch ablegst, weil das Diskriminierung wäre und klagbar ist. Ich würde die junge Frau dabei unterstützen, sich zu wehren und um ihr Recht zu kämpfen. Vom AMS wird immer gesagt, dass es an Fachkräften mangelt. Dann müssen die Firmen die Leute aber auch so annehmen wie sie sind. Wenn hier nicht entgegengesteuert wird, haben wir in den nächsten Jahren ein Problem, das nicht mehr nur die Firmen oder Salzburg, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.

TT: Werden wir dann nicht immer mehr Frauen sehen, die Kopftücher tragen und keine Ausbildung haben? Eine Ausbildung macht die Frauen doch unabhängig.

Mecbure: Ich bin Mecbure, mit meinen Qualifikationen und meinem Kopftuch. Wenn du mich nicht so annimmst, wie ich bin, kannst du nicht erwarten, dass ich jemand anderen anerkenne. So entstehen dann Vorurteile auch gegenüber den österreichischen Menschen. Wie weit sollte das gehen? Manche haben wegen ihrer Hautfarbe Probleme, eine Arbeit zu finden, was sollten diese jungen Menschen tun? Wenn sich ein 15-jähriges Mädchen entscheidet, ein Kopftuch zu tragen, trifft sie diese Entscheidung nicht von heute auf morgen. Das erfordert schon einiges. Sie muss stark genug sein, sich zu verteidigen, weil sie damit rechnen muss, mit Anfeindungen konfrontiert zu sein. Dann sollte man ihr die Möglichkeit geben, eine Ausbildung anzustreben, die sie so angehen kann, wie sie ist. Ich weiß schon, manche haben ja Angst, dass sie Probleme mit den Kunden bekommen. Hier gibt es noch viel zu tun, man kann mit den Firmen darüber sprechen und sie sensibilisieren.

TT: Seid ihr in euer Arbeit auch mit der Problematik konfrontiert, dass Migrantenkinder in die Sonderschule abgeschoben werden?

Mecbure: Heute kann kein Kind mehr wegen mangelnder Sprachkenntnisse in die Sonderschule gesteckt werden. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass die Selektion bereits in der Volksschule beginnt. Wir hatten ein Mädchen, sie war in der zweiten Klasse der Neuen Mittelschule, und hatte in Deutsch und Mathematik Förderbedarf. Dazu ist es gekommen, weil es in der Volksschule einen Vorfall gegeben hat, auf den man nicht entsprechend reagiert hat. Mit Unterstützung hat sie es jedoch geschafft, die Lernprobleme zu überwinden, und ist jetzt in der vertiefenden Klasse. Aber nicht jedes Kind hat die Möglichkeit, Einzelnachhilfe in Anspruch zu nehmen, weil das Geld kostet. Und wie wir wissen, gerade MigrantInnen haben oft finanzielle Probleme.

Das Problem ist, dass man meist nur die Schwächen der Kinder sieht und nicht an ihren Stärken arbeitet und sie motiviert. Migrantenkinder wachsen zweisprachig auf, das ist ein riesengroßer Vorteil. Die Selbstfindung dieser Kinder ist natürlich schwieriger. Sie sind gescheite Kinder, wenn man sie unterstützt, wenn man sie nicht unterstützt, sind sie verlorene Kinder. Dann kann es passieren, dass sie weder ihre Muttersprache noch die deutsche Sprache richtig beherrschen und keinen Schulabschluss haben. Auch die Elternarbeit ist deshalb sehr wichtig. Doch es gibt auch Eltern, die diese Unterstützung nicht leisten können, weil sie berufstätig sind oder selbst keine Möglichkeit der Bildung hatten. Ihre Kinder benötigen mehr Unterstützung durch die Schule und auch schon im Kindergarten.

TT: Fühlst du dich eher als Österreicherin oder als Türkin?

Mecbure: Wenn du in zwei Kulturen aufgewachsen bist, dann passt halt du nicht richtig zu beiden Seiten. Aber ich habe mir von den Kulturen das genommen, was zu mir passt, und dadurch hat sich meine Persönlichkeit entwickelt. Ich mische oft, zum Beispiel beim Kochen oder auch in der Kindererziehung, da bin ich sehr flexibel. Wir haben von beiden Seiten etwas und haben uns hier unsere eigene Welt aufgebaut. Mittlerweile können wir hier im Verein gut miteinander arbeiten und unsere Erfahrungen austauschen. Aber warum reden wir von Verschiedenheiten, wenn wir so viel gemeinsam haben? Gerade wir Frauen haben doch immer unsere Gesprächsthemen, egal woher wir kommen.

TT: Wir bedanken uns für das Gespräch!

veröffentlicht in Talktogether Nr. 47/2014