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Als Demokratie und Hoffnungen zerstört wurden

Erinnerung an die blutigen Kämpfe im Februar vor 80 Jahren

Nach dem Februar 1934 war alles anders. Schluss war damit, schöne und billige Wohnungen für Arbeiterfamilien zu bauen. Schluss war mit Schulreform, Sozialfürsorge, Gewerkschaften und Arbeitervereinen. Die Demokratie war ausgelöscht, politische Parteien und Organisationen waren verboten und ein diktatorisches Regime errichtet.

Zur bewaffneten Auseinandersetzung konnte es nur kommen, weil der österreichischen Arbeiterschaft etwas in der Geschichte sehr Ungewöhnliches zur Verfügung stand: eine bewaffnete Organisation – der Republikanische Schutzbund. Hervorgegangen war er aus den Volkswehren, die sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gebildet hatten. Die Sozialdemokratie hatte sich zwar für einen friedlichen Weg zum Sozialismus entschieden, die Waffen aber nicht abgegeben, sondern an geheimen Orten gebunkert. Aber auch die Gegenseite hatte sich bewaffnet. In mehreren Bundesländern hatten sich paramilitärische Formationen gebildet, die bald zur „Heimwehr“ zusammengefasst wurden. Sie standen der Christlichsozialen Partei und der Kirche nahe, wurden von Großindustriellen und vom faschistischen Italien finanziert und aufgerüstet.

Als Dollfuß 1933 das Parlament auflöste, setzte die sozialdemokratische Parteiführung auf Abwarten und Verhandlungen. Als diese jedoch ergebnislos blieben, beschlossen die Arbeiter im Februar 1934, ohne Rückendeckung durch die Parteiführung, zu den Waffen zu greifen und sich zu verteidigen. Ohne zentrale Organisation und ausreichende Kommunikation stand ihr Kampf unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen. Die Arbeiter standen einer Übermacht aus Polizei, Gendarmerie, Militär und Heimwehren, die mit Panzern, Kanonen und Minenwerfern bewaffnet waren, gegenüber. Nachdem die Geschütze ihr Werk getan hatten, wurden die Gemeindehäuser gestürmt. Die Arbeiter wehrten sich verzweifelt mit selbstgebastelten Handgranaten, die Frauen gingen mit Küchenmessern und Bügeleisen auf die Eindringlinge los.

Vier Tage lang leisteten die Arbeiter erbitterten Widerstand, bevor der Aufstand mit blutiger Gewalt niedergeschlagen wurde. 21 Arbeiterführer wurden hingerichtet, andere verhaftet, viele flohen, und einige gingen nach Spanien, um dort im Bürgerkrieg gegen den Faschismus zu kämpfen. Manche waren sogar über die Unentschlossenheit ihrer Parteiführung so enttäuscht, dass sie sich den damals noch illegalen Nationalsozialisten anschlossen. Als Hitler vier Jahre später einmarschierte, war der Widerstand geschwächt und demoralisiert …

Die Wiener Gemeindebauten: Steinerne Zeugnisse eines einzigartigen gesellschaftspolitischen Experiments

Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben durch ihre Niederlage viel verloren: Das erste Mal in der Geschichte waren sie als Menschen und nicht nur als Arbeitsmaschinen angesehen worden. Obwohl sich Österreich nach dem Krieg in einer permanenten Wirtschaftskrise befand, hatte die sozialdemokratische Wiener Gemeindepolitik in den 1920er und frühen 1930er Jahren die Bedürfnisse der arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Dabei handelte es sich um ein einzigartiges gesellschaftspolitisches Experiment, das alle Lebensbereiche der Menschen erfasste – von der Sozial- und Gesundheitspolitik über das Bildungswesen bis hin zum Wohnbau.

„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen“, sagte Karl Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofs am 12. Oktober 1930. Heute können wir uns das Stadtbild Wiens nicht ohne die zahlreichen Gemeindebauten vorstellen. Wer aber heute ein FPÖ-Plakat an der Wand des Goethehofs sieht, stellt sich die Frage, wie viele der BewohnerInnen über die Geschichte ihres Wohnhauses Bescheid wissen.

Das Wohnbauprogramm des „Roten Wien“ von 1919 bis 1934 war in Europa einzigartig. Der soziale Wohnbau war zentraler Bestandteil der sozialdemokratischen Politik zur Verbesserung der Lebenssituation der Arbeiterklasse, denn die Wohnungssituation nach dem Ersten Weltkrieg war katastrophal. Viele Ar­bei­­terfamilien wohnten in engen, dunklen Kellerräumen, wo das Wasser von der Decke tropfte, oft gab es nicht einmal Toiletten.

Weil die Mieterschutzgesetzgebung und die Wertzuwachssteuer eine gewinnbringende Bodenspekulation erschwerten, konnte die Gemeinde günstig wertvolle Baugründe im Stadtgebiet erwerben. Finanziert wurden die Bauten nicht durch Kredite, sondern durch eine zweckgebundene Wohnbausteuer, deren Erträge allein dem Wohnbau zuflossen. Bei dieser sog. „Breitner-Steuer“ (nach Finanzstadtrat Hugo Breitner) handelte es sich um die Kombination einer stark progressiven Massensteuer mit einer Luxussteuer. Das sah so aus, dass beispielsweise ein Bankdirektor 100 Schilling, ein Beamter 3,50 Schilling und ein Arbeiter 90 Groschen zahlen musste.

In nur wenigen Jahren wurden so 61.175 Wohnungen erbaut und ein Achtel der Wiener Bevölkerung mit neuen, gesunden Wohnungen versorgt. Die Wohnungen waren hell, gut belüftet, hatten Strom, Wasseranschlüsse und WCs. Auf heute selbstverständliche Standards wie Lifte, Zentralheizungen und eigene Badezimmer (deren nachträglicher Einbau sich oft schwierig gestaltete) wurde aus Kostengründen verzichtet, denn das vorrangige Ziel war, die Wohnungsnot so rasch wie möglich einzudämmen. Die Vergabe erfolgte nach sozialer Bedürftigkeit, die Wohnungen wurden gratis zur Verfügung gestellt, der Zins zur Deckung der Instandhaltungs- und Betriebskosten betrug nur fünf Prozent des Arbeiterlohns und konnte bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit gestundet werden.

Unverwechselbar ist der architektonische Stil der Wohnbauten, hinter dem nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Motive stehen. Er spiegelt das neue Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse wider und unterscheidet sich sowohl vom bürgerlich-indi­vidualistischen Ideal der Siedlerbewegung als auch vom rein funktionalen Massenwohnbau, wie er in der Sowjetunion der 1920er Jahre und bis heute im sozialen Wohnbau vorherrscht.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 47/2014

mehr dazu: Hans Hautmann: Wohnbau und Wohnungspolitik im „Roten Wien“ 1919–1934