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Gestern Kolonialist - heute Retter?

Militärische Intervention bringt keinen Frieden!

von Warsame A. Amalle

„Frankreich hat immer den Afrikanern geholfen und versucht, sie zu unterstützen, damit sie politisch und wirtschaftlich auf die eigenen Beine kommen. Nur deshalb schickt unsere Regierung Truppen nach Mali, an die Elfenbeinküste und heute in die zentralafrikanische Republik. Die Bürger dieser Länder können froh über die Großzügigkeit unserer Regierung sein!“

So beendet der ehemalige franzosische Soldat und heutige Journalist M. Parisien seine Antwort auf die Frage, warum Frankreich seine Soldaten nach Afrika schickt. Parisien sitzt in einem kleinen Kaffeehaus im Bamako. Manche Kaffeehausbesucher scheinen mit seinen Argumenten einverstanden zu sein, während andere schweigen. Ein klarer Widerspruch kommt auf Bambara von einem alten, grauhaarigen Mann, der vor 60 Jahren für die Unabhängigkeit Malis gekämpft hatte, den Parisien aber nicht versteht. Plötzlich wenden sich alle Zuhörer diesem alten Mann zu, und ihre Minen zeugen von Zustimmung und Begeisterung.

Parisien ist unsicher geworden und fragt nach, was der alte Mann gesagt hat. Dieser antwortet selbst in akzentfreiem Französisch: „Ich habe in meiner Muttersprache gesagt: Ob man es positiv beurteilt, dass die französische Regierung Soldaten nach Mali und an die Elfenbeinküste oder in die Zentralafrikanische Republik schickt, hängt davon ab, auf welcher Seite man steht. Ob man für eine neue Kolonialisierung oder gegen sie ist. Und was die Hilfe angeht: Wer hilft hier wirklich wem? In Europa wurden Maschinen erfunden, Fabriken gebaut und viele Arbeitsplätze geschaffen, nachdem Afrika und Asien kolonialisiert und die Ressourcen geplündert waren. Diese Maschinen würden im Schrott landen und die Fabriken zugesperrt, wenn diese Völker selbst in der Lage wären, ihre Ernte und Ressourcen selbst richtig zu verarbeiten und zu vermarkten.

Die Kolonien haben nie vorgehabt, ihre „Teile und Herrsche“ Politik in Afrika zu verändern oder Afrika zu verlassen. Als sie damals gingen, wussten sie bereits, dass sie nach über 50 Jahren der „Unabhängigkeit“ wieder in einer neuen Maske kommen werden. Sie sagen, wir wollen euch helfen, aber sie erwähnten nie, dass sie mit leeren Schiffen nach Afrika kommen und diese Schiffe mit Gold, Kupfer, Kaffee und Kakao beladen zurückkehren. Darum werden sie immer reicher und wir immer ärmer. Der Kakaobauer in Côte d’Ivoire oder Ghana kann von seinem kargen Einkommen kaum überleben, während der Arbeiter in der Schweizer Schokoladefabrik mit seinem Verdienst gut leben und sich sogar einen Urlaub leisten kann.

Das Drehbuch des heutigen TheaterstĂĽcks, in dem Frankreich als Feuerwehrmann und Retter die Hauptrolle spielt, wurde geschrieben, bevor Sie auf die Welt gekommen sind und ich noch jung war, und heute erleben wir die VorfĂĽhrung dieses Theaters.

Parisien wartet die Argumentation des alten Mannes ungeduldig ab und stellt sofort die Gegenfrage: “Sind euch die Islamisten etwa lieber als unsere Soldaten, die euch vor Gewalt und Terror schützen? Hier können wir Franzosen von euch Dankbarkeit und Respekt erwarten, statt uns einen Vortrag über die Vergangenheit anzuhören. Es muss auch erwähnt werden, dass die damalige Kolonialzeit eine Vorbereitung und ein Baustein für eure jetzige Zivilisation waren. Wo hättet ihr sonst Französisch gelernt oder Strom und fließendes Wasser bekommen. Ihr hattet weder Straßen noch Autos. Wir brachten euch Fortschritt und Demokratie.“

Muse: „Um Strom, fließendes Wasser, Straßen und Autos zu haben, braucht man keine Kolonialherrscher. Die Europäer sind auch nicht mit Autos und Strom auf die Welt gekommen. Aber ich höre, Sie sind ja von Kolonialbüchern unterrichtet worden und Sie haben im Unterricht gut aufgepasst. Sie haben sich von den Gedanken des Imperialismus kritiklos beeinflussen lassen. Ich versuche aber, Sie zu verstehen, weil Sie keine Möglichkeit gehabt haben, die andere Seite der Geschichte zu betrachten und die Vorgehensweise ihrer Regierung zu hinterfragen. Ich werde ihre Frage wie folgt beantworten: Die Terroristen, mit denen Sie uns Angst machen, sind nichts anderes als ein Produkt der Hab- und Machtgier der Imperialisten. Daher habe ich weder mit den Produkten noch mit Produzenten Sympathie. Wenn ich könnte, würde ich beide gleichzeitig entwaffnen und sie aufs Feld zur Arbeit schicken. Denn die Menschen haben Hunger nach Nahrung, Wasser, Wissen und Frieden. Doch stattdessen bekommen sie Krieg. Sie sind mein Zeuge, dass die Völker der Welt kein Interesse am Krieg haben. Sie wissen auch bestimmt, dass die Leute hier lieber arbeiten würden, als herumzusitzen. Aber wenn sie ihre hart geerntete Baumwolle oder ihre Tomaten nicht verkaufen können, weil ein französischer Bauer seine Überschüsse auf dem Markt in Bamako billiger anbieten kann, dann sind sie gezwungen, zu warten, bis sie eine Chance bekommen, nach Europa zu fliehen, weil es in Europa „Wohlstand und Frieden“ gibt. Hier gibt es Mangel, den Überfluss von Europa bekommen wir in Form von Schrott und Abfällen: alte Autos, alte Computer, Hühnerteile, Milchpulver...

Die Industrieländer produzieren Waffen und verkaufen sie an Terroristen und andere Kriegstreiber, auch dadurch haben Menschen in den Industrieländern Arbeit. Sie wissen auch, dass viele Firmen in der EU in Konkurs gehen. Aber haben Sie mal gehört, dass die Schusswaffenhersteller, Panzer- und andere Kriegwerkzeugbauer in Konkurs gehen? Wer sind die Abnehmer für all diese Waffen? Das Angebot kommt aus den Ländern, die immer von Demokratie und Frieden reden, doch die Nachfrage danach von der sogenannten „Dritten Welt“. Während die Nachfrage nach billigen Rohstoffen in den Industrieländern wächst, wächst in den zur Abhängigkeit gezwungenen Ländern die Nachfrage nach Kriegswerkzeugen, und diese landen fabrikneu auf den Märkten. Wenn sich die Diktatoren dieser Länder die Waffen nicht leisten können, dann schicken sie Truppen, sozusagen als Vorschuss, den sie dann später abbezahlen müssen. Daher hat Ihre Regierung kein Interesse an einem friedlichen Afrika. Es stellt sich die Frage, Wer hat Frankreich beauftragt, die Rolle als Polizist in Afrika zu spielen? Will man mit den USA konkurrieren? Geht es darum, den Waffenabsatz zu fördern, oder um Wohltätigkeit? Was steckt dahinter? Sollen wir die Kolonialmacht als Erzieherin akzeptieren oder ihr Dankbarkeit zeigen? Das können Sie von uns nicht erwarten! Denn wir haben unsere Sprachen und Kulturen gehabt, bevor die Kolonialtruppen in unseren Dörfern auftauchten. Es war den Kolonialmächten ein Dorn im Auge, dass wir mit unseren Kulturen und Sprachen zufrieden lebten. Aber damit sie ihren Kindern heute erzählen können, wie großzügige sie waren, vernichteten sie unsere Kulturen und verboten uns, unsere Sprachen zu sprechen. Nun unterrichten sie ihre Kinder, dass die Afrikaner europäische Sprachen sprechen müssen, weil sie keine eigenen Sprachen und Kulturen hatten, und Sie, Monsieur Parisien, sind eins von diesen Kindern.

Parisien: „Sie sind sehr alt und haben nicht mehr viel vor sich. Aber die Jungend ist anderer Meinungen und ihre 85 Jahre alten Ansichten sind heute nicht mehr so interessant für sie. Ich habe in vielen afrikanischen Ländern gearbeitet und erfahren, dass damals viele gegen die europäische Präsenz in Afrika waren. Heute sehen es viele Leute anders. Sie haben begriffen, dass die Verbindung von europäischem Know-How und afrikanischen Ressourcen die beiden Kontinente und Gesellschaften näher zueinander gebracht hat und die Zeit alle Wunden heilt. Aber Sie leben noch in der Vergangenheit. Sie wissen auch selbst, dass Ihr damaliger Kampf erfolglos war. Sagen Sie mir, was habt Ihr mit eurem Kampf gegen Frankreich erreicht?“

Muse: „Darauf möchte ich folgendes sagen: Ich bin 85 Jahre alt, aber keiner von uns weiß, wer von uns beiden als Erster gehen wird. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, welche Ungerechtigkeit die Kolonialisierung unserem Land und dem ganzen Kontinent zugefügt hat. Ich gebe zu, dass die afrikanischen Politiker eine wichtige Rolle spielten und mitverantwortlich sind, dass es in Afrika immer noch Kriege und Hungersnöte gibt. Ich bin der Meinung, dass vom Reichtum der Natur alle Menschen gleichermaßen ohne Ausbeutung profitieren könnten und sollten.

Aber können Sie erklären, warum heute ein Europäer mühelos in die ganze Welt reisen kann, während es für einen Afrikaner oder Asiaten so schwierig ist? Können Sie mir sagen, warum europäische Produkte teurer sind als die Ressourcen des Südens? Ich habe nie erwartet, dass Frankreich unseren Kampf gut heißen würde. Ich habe schon damals erkannt, wie tief die Zähne der Kolonialmacht in unsere Köpfe und unsere Kultur eingedrungen waren. Trotzdem bereue ich nicht, gegen die Kolonialisierung gekämpft zu haben. Aber mit dem Ergebnis bin ich nicht zufrieden, das gebe ich zu. Nach über 50 Jahren „Unabhängigkeit“ sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Probleme zu lösen. Noch schlimmer, wir gehen zu den ehemaligen Kolonialherren und betteln um Schutz vor unseren eigenen Leuten. Das macht mich sehr traurig.“

Jedoch gibt es einen Widerspruch: Ihr sagt, wir schützen euch vor den Terroristen. Die Terroristen sind bewaffnet, aber die Soldaten auch. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass es sich fast um die gleichen Modelle von Waffen handelt und sie gleich gefährlich sind. Wem soll ich nun vertrauen: dem bewaffneten Soldaten oder dem Terroristen? Wie ich schon erwähnt habe, die Waffenproduzenten sind ebenso wie die -verkäufer und -verbraucher in meinen Augen Feinde der Menschheit.“

Parisien wollte das Wort ergreifen, aber Muse spricht weiter: „Sie haben gemeint, dass viele Menschen in Afrika die Lage heute anders beurteilen würden. Darauf sage ich: Die Leute, die heute die neokoloniale Politik verteidigen, sind die gleichen, die sich damals durch die Kolonialherrschaft bereichert haben. Ich werde sie nicht anders beurteilen, und alle, die damals gegen die Kolonialherrschaft gekämpft haben, auch nicht. Denn der Krieg hat in Afrika, in unserem Land, stattgefunden. Denken Sie, dass die Vergewaltigungen, die Massaker und die Unterwerfung, die Ihr Staat und Ihre Regierung verübt haben, richtig waren und unsere Kämpfe falsch? Worauf sind Sie stolz, Monsieur Parisien, dass die Kolonialisierung die Saat für die heutigen Konflikte war, sind Sie darauf stolz?

Manche Regierungen investieren in die Banken, um das System am Laufen zu halten. Es gibt aber auch Regierungen, die durch Krieg die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen wollen, indem sie Soldaten ins Ausland – nach Afrika oder Afghanistan – schicken, und die Waffenfabriken laufen in Schichtarbeit, rund um die Uhr.“

Parisien: „Stolz sind wir darauf, dass wir euch an unserer Sprache, unserer Kultur und Zivilisation teilhaben lassen. Sie sprechen Französisch, genau wie ich, obwohl Sie Malier sind. Hätten wir damals die Kämpfe verloren, dann wärt ihr bestimmt in den Dschungel und die Wälder zurückgegangen. Monsieur Muse, seien Sie doch dankbar und genießen Sie die Demokratie, die wir euch gebracht haben. Erkennen Sie auch, dass der Kampf gegen uns nichts gebracht hat. Wir hatten schon damals erkannt, dass ihr alleine nicht zurechtkommt. Weil wir Vordenker sind, wussten wir genau, dass wir verpflichtet sind, für eure Entwicklung und Sicherheit zu sorgen, so sieht die Wahrheit aus!“

Muse: „Ja, ich spreche Franzosisch, weil Sie nicht Bambara sprechen. Ich habe eine Kultur, die so gut ist wie Ihre. Das Problem ist der Zwang und die Arroganz. Falls wir in die Wälder zurückkehrten, wäre es nicht problematisch, meine ich. In den Wäldern waren die Menschen schlanker und gesünder als heute und kannten keine Hungersnot.

Ich möchte Ihnen ein Ereignis aus meiner Kindheit erzählen: Ich bin auf den Straßen dieser Stadt aufgewachsen und habe damals als Gepäcksträger mein Brot verdient. Am Abend ging ich zur Schule, wo ich Lesen und Schreiben lernte. Eines Tages stand ich genau dort (er deutet auf ein Gebäude). Wo jetzt das Geschäft steht, war damals der Gemüsemarkt und dort wartete ich auf Arbeit. Da kam ein Franzose, er hieß Bardot, parkte sein Auto, stieg aus und ging auf den Markt. Ich freute mich, weil ich immer seinen Einkauf trug, und ich ging ihm nach. Bevor ich einen Schritt machte, sah ich plötzlich zwei Franzosen (sie waren weiß, und alle, die nicht schwarz waren, waren für uns Franzosen), die neben seinem Auto standen. Ich sah genauer hin und bemerkte, dass einer von der beiden die Türe des Autos öffnete und etwas ins Auto warf – ich sah nur seine Handbewegung, was es war, konnte ich nicht erkennen. Der Mann schloss die Tür wieder und die beiden verschwanden. Ich lief in die Richtung, in die Bardot gegangen war, fand ihn aber nicht. Ich suchte überall, wo ich ihn vermutete, aber nirgends war er zu finden. Nach ca. 20 Minuten ging ich zu seinem Auto zurück und traute meinen Augen nicht: Gerade legten zwei Polizisten Monsieur Bardot Handschellen an und holten aus seinem Auto einen Gegenstand. Ich sah auch, wie sie ihn schlugen. Ich wollte ihm helfen und von den zwei Männern erzählen, die ich vor 20 Minuten gesehen hatte. Als ich mich den Polizisten näherte, fragte mich ein Polizist, was ich wolle. Bevor ich ihm irgendetwas erwidern konnte, kamen die zwei Männer, die ich vorhin bei Bardots Auto gesehen hatte. Die Polizisten zeigten den Männern, was sie in seinem Auto gefunden hatten und falteten ein weißes Hemd aus, auf dem Blut zu sehen war. Dann ging ich zurück, aber die zwei Männer verfolgten mich.

Ich aber kannte jede Ecke der Stadt. Ich lief in den Markt und versteckte ich mich bei dem Schmied Seifer, ein gefürchteter Mann. Gerade hatte er Eisen geschmolzen, es war noch flüssig und hatte die Farbe der Sonne. Weil ich ahnungslos und neugierig war, fasste ich heimlich das flüssige Metall mit der Fingerspitze an. In diesem Moment lernte ich etwas, was ich nie vergessen würde. Ich schämte mich wegen meiner Unvorsichtigkeit, und verbarg meinen Schmerz. Ich erzählte dem Schmied über Bardots Schicksal. Er war mit dem Ablauf der Kolonialverwaltung sehr vertraut und warnte mich, auf keinen Fall diesen Vorfall weiter zu erzählen, da ich sonst die Polizei am Hals haben würde. Es handelte sich um Intrige, so Seifer. Auch die Bedeutung des Wortes Intrige habe ich an diesem Tag gelernt.

Seifer erzählte ich, dass ich keine Arbeit gefunden und deshalb kein Geld verdient hatte, um ein Schulheft zu kaufen. In diesen Tagen kauften die Leute nicht viel, und wer etwas kaufte, trug es selber. Er gab mir das Geld, ich kaufte mir das Heft und ging in die Schule. Einige Zeit später erfuhr ich von Seifer, dass Bardot einer französischen Gruppe angehörte, die die Widerstandskämpfer gegen die Kolonialisierung unterstützte. Nun will ich nicht respektlos sein, aber bin alt und müde…“ Er stand auf.

Parisien: „Einen Moment bitte! Was möchten Sie nun mit dieser Geschichte andeuten?“

Muse: „Ich möchte damit andeuten: Frankreich sucht in Afrika nach einem Hemd, das es selbst versteckt hat. Für heute ist es genug. Salut, Monsieur Parisien!“

Parisien steht auf, legt Muse die Hand auf die Schulter Muses und bittet voll Überzeugung: „Nein, bitte gehen Sie noch nicht. Ich habe noch etwas zu sagen!“

Muse: „Sprechen Sie schnell, mein Maisbrei wird kalt.“

Parisien: „Ich bin vielleicht naiv und habe eine einseitige Sicht. Aber haben Sie das nicht auch, Monsieur Muse? Ich werde objektiv die Vergangenheit erforschen und die Gegenwart kritisch verfolgen. Wissen Sie, ich habe meinen Neffen im Krieg an der Elfenbeinküste verloren. Nach seinem Tod wurde er vom Verteidigungsministerium als Held gefeiert, aber in unserer Familie gab es große Trauer. Er war erst 22 Jahre alt und hatte sein ganzes Leben vor sich. Nun ist er tot. Daher haben Sie mich zum Zweifeln gebracht. Doch auch Sie tragen eine Brille, nämlich die eines ehemaligen Freiheitskämpfers und sehen nur Schwarz und Weiß. Daher sind Sie nicht objektiv. Nun meine Frage an Sie: Was sollte Frankreich in Afrika besser machen? Was sollt man tun, um gegen den Terror zu kämpfen? Wie kann die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik beendet werden?“

Muse: „Zuerst möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen. Bestimmt ist der Mann weder der erste noch der einzige, der für Frankreich irgendwo im Ausland gestorben ist. Franreich und andere EU-Länder sollten aufhören, Diktatoren zu unterstützen. Und wenn die Bevölkerung gegen diese Diktatoren auftritt, sollen sie es einfach akzeptieren und sich nicht einmischen. Mein Wunsch ist, kein Waffenhandel und gleichberechtigte Handelsbedingungen mit allen Ländern.

Nicht jeder Widerstand gegen den Westen soll als Terrorismus verurteilt werden. Gaddafi ist ein gutes Beispiel: Zuerst war er ein guter Freund einiger europäischer Staatsmänner, doch als er für seine Freundschaft Bedingungen stellte, wurde er zum ersten Feind erklärt. Ich bin kein Freund von Gaddafi, aber was für eine Art von Freundschaft ist das, wenn die Bedingungen nur von einer Seite gestellt werden? Oder war er nur ein Arbeitsvieh, das geschlachtet wird, sobald es nicht mehr nützlich ist?

Bei den Terroristen handelt es sich wie bei den Neo-Nazis in Deutschland oder Frankreich um frustrierte Menschen. Daher sollte man die Wurzeln und Ursachen dafür suchen und sie dort bekämpfen, wo sie zu finden sind. In der Zentralafrikanischen Republik war der Krieg ein ganz normaler Machtkampf. Damit die rivalisierenden Parteien schnell Hilfe von draußen bekommen können, färben sie ihre Machtgier mit dem Namen Gottes. Wenn sich die EU militärisch einmischt, werden wir auch dort bald Terroristen sehen. Somit bekommt der Krieg ein ganz anderes Gesicht als ursprünglich. Jede Waffe, die man ins Land bringt – und es ist wirklich egal, wer sie trägt – verschlechtert die Lage. Wer für Demokratie und Frieden interveniert, sollte das ohne Waffengewalt tun, denn Waffen bringen nur noch mehr Gewalt und erhöhen die Zahl der Toten.

Ich habe auch eine Brille, wie Sie gesagt haben, und ich werde sie freiwillig ablegen, denn ins Grab werde ich sie nicht mitnehmen. Ich habe aber nie jemanden gehasst und habe immer die Hoffnung gehabt, dass wir Menschen eines Tage zusammen finden durch gewaltlose Konfrontation, Fairness, Respekt und Menschlichkeit. Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme habe ich nie aufgehört, daran zu glauben, dass wir Menschen fähig sind, uns weiterzuentwickeln und daran zu arbeiten, dass wir alle in Frieden in dieser Welt leben können.“

veröffentlicht in Talktogether Nr. 47/2014