Österreich von außen betrachtet PDF Drucken E-Mail

Österreich von außen betrachtet

Einer, der hier lebt

„Wir Bauern haben nichts gegen die Juden gehabt. Im Gegenteil, wir haben sie versteckt und dabei viel riskiert“, beendet der Bauer seine kurze historische Erzählung. Er nimmt den mit Futter gefüllten Kübel und geht in den Stall zu seinen Kühen. Unerwartet kommt er mit einem Kaffeehäferl in der Hand wieder heraus und erzählt weiter: “Diesen Bauernhof habe ich von meinen Eltern geerbt und sie von ihren Eltern. Weder meine Eltern noch meine Großeltern waren Freunde des Nazi-Regimes. Aber das kann heute jede oder jeder behaupten“, fügt er hinzu, „es gibt auch genug, die auf ihre Verbrechen immer noch stolz sind.“

Wenn man Österreich von außen betrachtet, erfährt man viel über die negativen Seiten, die auch der Wahrheit entsprechen. Trotzdem gibt es auch positive Seiten, doch um die zu entdecken, muss man wissbegierig sein und unter die Oberfläche gehen. Es werden meistens die Täter gezählt und ihre Verbrechen dokumentiert, was richtig und notwendig ist. Jedoch werden die positiven Taten oft vergessen, obwohl sie meiner Meinung nach viel mehr an die Öffentlichkeit gehören.

Angefangen hat unser Gespräch mit seiner Frage, warum und wie ich nach Österreich gekommen sei. Als ich ihm erzähle, dass nicht freiwillig nach Österreich gekommen bin sondern flüchten musste, sagte er: „Hier wohnen nicht viele Flüchtlinge, aber was ich über sie erfahren habe, erinnert mich an die Geschichten, die von meinen Eltern und Großeltern gehört habe“.

Auf die Frage, was ihm seine Eltern erzählt haben, meinte er. „Um diese Menschen zu vertreiben und ihr Eigentum zu plündern, haben die Nazis immer wieder neue Vorwände erfunden. Am Anfang haben wir nicht verstanden, warum sie ungestraft Geschäfte überfallen konnten. Leute, von denen man Schutz erwartet hätte, sind gekommen um Menschen zu überfallen und Geschäfte zu plündern“.

Viele Bauern nahmen Kredite bei jüdischen Geschäftsleuten und zahlten das Geld in der Erntezeit zurück. Man hat sich gegenseitig gebraucht und das Geschäft hat reibungslos funktioniert. Deshalb waren viele Bauern eher bereit, ihren jüdischen MitbürgerInnen zu helfen, als die Menschen in der Stadt, wo Konkurrenz zwischen Geschäftsleuten und Berufskollegen herrschte.

„Wie damals höre oder lese ich heute Vorwürfe gegenüber Menschen, die Schutz suchen: Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg und sind Drogendealer. Das ist nur ein Vorwand, um die Flüchtlinge schlecht zu machen, und das erinnert mich an die Zeit damals.“

Er nimmt sich einen kräftigen Schluck Kaffee und fragt mich zum zweiten Mal, ob ich gut geschlafen habe, mit dem Frühstück zufrieden sei und ob ich wieder Urlaub bei ihm machen würde. Ich bejahe und frage ich ihn, ob er mit seiner Erzählung andeuten wolle, dass es den Juden, die während des Krieges hier auf dem Land wohnten, gut gegangen sei und sie keine Probleme gehabt hätten.

Da erinnert sich Sepp daran, dass er mir erst die Hälfte der Geschichte erzählt hat und setzt seine Erzählung fort. “Nein, das war nicht alles, was ich dir sagen wollte: Später kamen die Probleme auch hierher. Als die Gestapo erfuhr, dass viele Bauern in diesem Gebiet keine Sympathie mit ihnen hatten und Juden halfen, begann sie die Bauern unter Druck zu setzen und sie gegen die Juden aufzuhetzen. Sie fragten: Schuldet ihr den Juden etwa kein Geld? Die Antwort kam aber nicht von den Bauern, sondern von den Gestapoleuten „Wenn ihr die Juden versteckt, müsst ihr die Schulden früher oder später zurück zahlen, aber wenn sie nicht mehr da sind, braucht ihr nichts zu zahlen.“

Die Bauern schuldeten den Geschäftsleuten Geld, aber in unterschiedliche Mengen. Die Kleinbauern hatten weniger Schulden als die Großbauern. Manche hatten sogar Maschinen auf Kredit angeschafft. Somit hatten die Nazis die Gier entfacht und auch Bauern begannen die jüdischen Menschen zu jagen, denen sie er etwas schuldeten.

Wo immer es Täter gibt, gibt es auch Menschen, die selbst um den Preis ihres eigenen Lebens andere Menschen retten, von denen viele nicht viel wissen, aber wissen sollten. Wenige Menschen kennen österreichische Retter und Retterinnen wie Anton Schmid, noch weniger wissen, dass es auch albanische, arabische, persische und bosnische Menschen gab, die jüdische Menschen gerettet haben.

Es gibt uns Mut zu erfahren, dass es in der damaligen grausamen Zeit auch Menschen gab, die sich für andere Menschen eingesetzt haben. Obwohl es auch heute noch strafbar sein kann, Flüchtlingen zu helfen, ist die Gefahr nicht mit damals vergleichbar, wo man wegen Unterstützung von Verfolgten ins KZ kommen konnte. Es stimmt mich aber nachdenklich, warum mehr über die Verbrecher zu lesen oder zu hören ist als über die Retter und Kriegsverweigerer.

Bevor ich nach Österreich kam, habe ich über die Verbrechen des Hitler- Regimes und die Vernichtung des jüdischen Volkes gewusst. Dass aber auch viele Nicht-jüdische Menschen wie Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehova und andere zu Opfern wurden, war mir nicht bekannt. Deshalb ist meines Erachtens, wenn Österreich von außen betrachtet wird, die Vergangenheit dieser Republik nicht in vollständig an die Öffentlichkeit gebracht worden.

Während einige der Retter und Retterinnen Ehre Anerkennung erfahren haben wie Oskar Schindler, sind andere in Vergessenheit geraten. Paradox ist aber, dass die Menschen, für die heute Statuen errichtet wurden oder nach denen heute Straßen benannt sind, weil sie Menschen gerettet und zur Flucht verholfen haben, in der jetzigen Situation als Schlepper angeklagt werden könnten. Ich hoffe aber, dass die Zeit kommt, in der auch die Retter und Retterinnen von heute geehrt werden, wie die Fischer von Lampedusa.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 46/2013