Erinnerung an Thomas Sankara PDF Drucken E-Mail

Erinnerung an Thomas Sankara

„Nehmen sie meinen Fall: Von 1000 Kindern, die im gleichen Jahr wie ich geboren wurden, ist die Hälfte in den ersten drei Lebensmonaten gestorben. Ich hatte das unverschämte Glück davonzukommen. Ich hatte auch das Glück, in der Folge nicht Opfer einer jener Krankheiten zu werden, die wir hier in Afrika kennen und die die Menschen aus meinem Jahrgang weiter dezimiert hat. Ich gehöre zu jenen 16 Kindern von 100, die zur Schule gehen konnten. Das war eine weitere unerhörte Chance. Ich gehörte zu jenen 18 von 100 Eingeschulten, die bis Reifeprüfung kamen, und zu jenen 300 Jugendlichen im ganzen Land, die ins Ausland gehen und ihre Ausbildung vervollständigen und bei der Rückkehr sicher sein konnten, einen Arbeitsplatz zu finden. Ich gehörte zu den zwei auf 100 Soldaten, die in sozialer Hinsicht einen stabilen und gut bezahlten Platz haben.

„Wir sind es, die in der Stadt leben, die den Ton angeben, die der Weltöffentlichkeit erklären, was hier geht, was nicht geht und wie man die Situation hier einzuschätzen hat. Wir sind es, die von Menschenrechten sprechen, von der sinkenden Kaufkraft, vom Klima des Terrors. Wir vergessen dabei, dass wir Tausende von Kindern zum Tode verurteilt haben, weil wir nicht akzeptierten, dass unsere Gehälter auch nur ein kleines bisschen gesenkt werden sollten, um so eine kleine Gesundheitsstation zu finanzieren. Und wir haben die Weltöffentlichkeit nicht aufgerüttelt angesichts des Skandals, den diese Toten darstellen. Wir tragen unsern Teil bei zur internationalen Komplizenschaft des guten Gewissens. ’Ich vergebe dir deine Fehler, du vergibst mir die meinen. Ich schweige zu deinen schmutzigen Geschäften, du schweigst zu meinen Untaten, und wir beide gehören zu den sauberen Leuten“

Er war Fallschirmspringer, Oberst der obervoltaischen Luftwaffe, Gitarrist der Band „Tout-a-Coup Jazz“, Informationsminister und danach Premierminister unter Präsident Ouédraogo, bevor er im Mai 1983 nach einem Konflikt mit der Regierung inhaftiert wurde. Am 4. August 1983 befreite Blaise Campaoré den 36-Jährigen aus dem Gefängnis. Schon zu Mittag hatte die Revolution gesiegt und Thomas Sankara wurde Präsident der ehemaligen französischen Kolonie Obervolta. Am 4. August 1984, am ersten Jahrestag der Revolution, wurde das Land in Burkina Faso umbenannt, was soviel wie „Land der Aufrichten“ oder „Unbestechlichen“ bedeutet.

Unbestechlich war Thomas Sankara. Zum Zeitpunkt seines Todes erhielt er ein Gehalt von 450 Dollar im Monat, und man sagt, sein einziger Besitz waren ein Auto, vier Fahrräder, drei Gitarren und ein Kühlschrank. Sankara wusste, wie wichtig es war, mit gutem Beispiel voranzugehen. Auch die Minister mussten sich mit einem Renault 5, begnügen und bei Staatsbesuchen im Ausland in billigen Unterkünften übernachten. Aber wie könnten von der Bevölkerung Einschränkungen verlangt werden, während die Regierungsmitglieder im Luxus leben?

Das rigide Sparprogramm war notwendig, da das Land von keiner Macht der Welt Unterstützung bekam, weder vom Westen noch von der Sowjetunion. Burkina Faso war ein armes Land, hatte kaum Industrie, weder einen Zugang zum Meer noch viele Bodenschätze. Opfer mussten viele bringen, denn der Druck von außen war groß: Kredite wurden verweigert, wichtiges Material nicht geliefert und die wenigen Exportprodukte – zum Beispiel die grüne Bohnen, die für den französischen Markt produziert wurden – verfaulten auf dem Flughafen, weil sich die Fluglinien weigerten, sie mitzunehmen. Die konservativen westafrikanischen Staaten versuchten Burkina Faso zu isolieren, es gab Sabotageakte, Bombenattentate und schließlich einen Angriff des Nachbarlands Mali 1985. Damit wollte man das Land in die Knie und Sankara zur Aufgabe zwingen.

"Die Nahrungsmittellieferungen lähmen uns, sie verfestigen in unseren Köpfen das Bild, dass wir Bittsteller sind.“

Doch Sankara ließ sich dadurch nicht entmutigen und vertraute in die Kräfte des eigenen Volkes. Sein oberstes Ziel war, sein Land unabhängig von Nahrungsmittellieferungen und Transferzahlungen zu machen, keine einfache Aufgabe in einem Land, das periodisch an Hunger und Trockenheit leidet. Doch Sankara gelang es, die Bevölkerung zu mobilisieren: Dämme und Rückhaltebecken wurden angelegt, um den Regen aufzufangen und zu speichern, und die Verteilung der Grundnahrungsmittel neu organisiert. „Manche fragen, wo ist der Imperialismus?“, sagte er, „Seht auf eure Teller! Die Hirse, der Mais…“ Jeden Samstag verfolgten auch in den Nachbarstaaten junge Menschen mit Spannung seine Ansprachen im Radio.

Ein weiteres Projekt war die Eindämmung der Abholzung und die Aufforstung, um die Ausbreitung der Wüste aufzuhalten. Weil aber Holz die wichtigste Energiequelle ist, bedarf es dazu kreativer Mittel. Schüler und Schülerinnen fertigten eigenhändig Kochherde an und schenkten sie ihren Müttern. Wer um eine Sozialwohnung ansuchte, wurde verpflichtet, eine bestimmte Zahl an Bäumen anzupflanzen. Das Schlagen und Vermarkten von Brennholz wurde stark reglementiert. Nicht alle Maßnahmen stießen auf Zustimmung. So war es beispielsweise nicht leicht, die Bauern davon zu überzeugen, ihr Vieh einzupferchen, statt es frei weiden zu lassen.

Jean Ziegler nannte ihn einen „visionären Pragmatiker“. Er brach mit der Dominanz der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und verstaatlichte die Goldminen im Norden des Landes. Er brachte Freiwillige dazu, hunderte Kilometer Eisenbahnschienen zu verlegen, bekämpfte die Korruption und den Analphabetismus. Seine Regierung war die erste afrikanische Regierung, die AIDS als eine Bedrohung anerkannte. Sankara zeichnete die Verwaltungskarte des Landes neu, um sie mit den Grenzen der verschiedenen ethnischen Gebiete zusammentreffen lassen, um jeder Provinz ein Maximum an sozialem Zusammenhalt und kultureller Identität zu geben.

„Für den Imperialismus ist es wichtiger, uns kulturell zu dominieren als militärisch. Die kulturelle Vorherrschaft ist die geschmeidigste, wirkungsvollste und kostengünstigste.“

Die Gleichberechtigung der Frau war für ihn entscheidend, um feudale Traditionen aufzubrechen: Er verbot die Genitalverstümmelung der Frauen und verurteilte die Polygamie. Er sagte: „Wenn ein Mädchen schwanger ist, fliegt es von der Schule. Niemand fragt danach, ob der Junge, die sie geschwängert hat, in der gleichen Klasse sitzt.“ Er versuchte, Frauen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und in seiner Regierung waren so viele Frauen beteiligt, wie nie zuvor in einem afrikanischen Staat. Am 8. März, dem internationalen Frauentag, wurde ein „Tag der Solidarität“ ausgerufen, an dem Männer auf den Markt gehen, kochen, putzen und waschen sollten.

Im Juli 1987 verkündete er vor der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), dass sich sein Land weigere, die Staatsschulden zurück zu zahlen, und rief die anderen afrikanischen Staaten zur Solidarität auf. War das sein Todesurteil? Am 14. Oktober 1987 schlichen sich bei Sonnenuntergang mit Maschinengewehren bewaffnete Männer in sein Arbeitszimmer, wo er mit sechs seiner Gefährten saß und töteten ihn in wenigen Minuten. Danach übernahm sein ehemaliger Weggefährte Blaise Campaoré die Macht, der bis heute Präsident des Landes geblieben ist. Die ganze Welt sah stillschweigend zu, es gab keinen Aufschrei oder Protest. Bis heute sind die Umstände seiner Ermordung nicht aufgeklärt und seine Mörder wurden nie zur Verantwortung gezogen. Man sagt jedoch, dass Campaoré und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich seine Hände im Spiel gehabt haben.

Vielleicht ist alles viel zu schnell gegangen. Viele von Sankaras Maßnahmen entsprangen der puren Not und waren nicht bei allen Teilen der Bevölkerung populär. Es war nicht immer einfach, die Menschen von der Notwendigkeit der Maßnahmen zu überzeugen. Die Patriarchen und Stammesführer sahen sich in ihrer traditionellen Privilegien eingeschränkt, die Lehrer und Lehrerinnen streikten. Hätten Sankara und seine Freunde mehr Kompromisse eingehen sollen? Waren sie zu ungeduldig, zu wenig realistisch? Doch wahrscheinlich hatten Sankara und sein kleines Land bei der Übermacht der Widersacher gar nie eine Chance gehabt.

Die historische Bedeutung Thomas Sankaras liegt darin, dass er bewiesen hat, dass eine eigenständige und unabhängige Entwicklung in Afrika möglich ist. Das hat er mit dem Leben bezahlt. Es ist anstrengender und gefährlicher gegen den Strom zu schwimmen, als sich treiben zu lassen. Der Versuch, einen Fluss in eine andere Richtung umzuleiten, birgt viele Risiken. Den Status Quo zu akzeptieren und mitzumachen, ist der einfachere Weg. Doch können wir uns das leisten? Seine Bescheidenheit, seine Geradlinigkeit, sein Mut, seine Visionen und sein Humor haben Thomas Sankara für viele Afrikaner und Afrikanerinnen zum Vorbild gemacht. Bis heute besuchen jedes Jahr Menschen aus ganz Afrika in der Nacht von 14. auf 15. November sein Grab. Seine Ideen leben auch in den „Clubs Sankara“ weiter, zu denen sich junge Menschen in Mali, Senegal, Benin, Guinea und Côte d’Ivoire zusammengeschlossen haben.

"Gewiss, man führt nicht grundlegende Veränderungen durch ohne ein Minimum an Wahnsinn. In diesem Fall wird dies zu Nonkonformismus, zum Mut, den bekannten Formeln den Rücken zu kehren, die Zukunft neu zu erfinden. Vor allem brauchte es die Verrückten von gestern, damit wir uns heute so außerordentlich klarsichtig verhalten können. Ich möchte zu dieser Sorte von Verrückten gehören."

GroĂźe Hoffnungen fĂĽr eine bessere Zukunft

Heute jubeln viele über die durch hohe Rohstoffpreise ausgelösten atemberaubenden Wachstumsraten in vielen afrikanischen Ländern. „Weltbank erwartet überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum in Afrika“, „Afrika am Sprung vom verlorenen Kontinent zu einem wirtschaftlichen Löwen“, „Aufschwung wie in Asien vor 20 Jahren“ oder „Arbeitslose Portugiesen suchen Jobs in Angola und Mozambique“ lauten die Schlagzeilen. Tatsächlich gehören die Wachstumsraten mancher afrikanischer Länder zu den höchsten der Welt und das erweckt bei den Menschen in Afrika große Hoffnungen, endlich einen Anteil am globalen Reichtum zu bekommen.

Nun stellt sich die Frage, wie sich der Wachstum auf die Lebenssituation der Menschen auf dem Kontinent auswirkt. Doch der Maßstab Wirtschaftswachstum unterscheidet weder zwischen Nützlichem und Schädlichen, noch sagt er viel darüber aus, ob sich die Lebensqualität der Menschen verbessert. Eine Studie der OECD hat ergeben, dass das Wachstum nicht mit einem spürbaren Rückgang der Armut verbunden ist, die Arbeitslosigkeit hoch bleibt und die Einkommensunterschiede zunehmen. In manchen Ländern sinken sogar die Gesundheits- und Bildungsstandards, warnen die Autoren des Berichts. Grund dafür sei, dass das Wachstum abhängig von Rohstoffexporten abhängig geblieben ist. Der Abbau von Bodenschätzen oder der Verkauf von Ackerland bieten nur wenigen Menschen Arbeitsplätze und die damit erzielten Profite werden von den Investoren ins Ausland abgezogen. Wenn die Vorräte erschöpft sind, bleiben eine zerstörte Umwelt und landlose Bauern zurück.

Angesichts der von Wirtschaftswachstum ausgelösten Euphorie erscheint ein Entwicklungsmodell, das von den Menschen Einschränkungen und Opfer verlangt, nicht sehr attraktiv. Doch wir sollten nicht vergessen, dass es die kommenden Generationen sein werden, die den Preis für die hemmungslose Rohstoffausbeutung und den Raubbau an der Natur bezahlen werden, aber das gilt natürlich nicht nur für Afrika, sondern für die ganze Welt.


Quelle: Jean Ziegler, Jean-Philippe Rapp: Burkina Faso – eine Hoffnung für Afrika. Gespräch mit Thomas Sankara. Zürich 1987

 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 45/2013