Afrika in den Augen der Europäer_innen PDF Drucken E-Mail

Europäisch-afrikanische Begegnungen

und das europäische Afrikabild

„Die Vorstellung vom barbarischen Neger ist eine europäische Erfindung“ (Leo Frobenius)

Das Bild von Afrika und seinen Bewohner_innen hat sich im Verlauf der Geschichte immer wieder gewandelt und die Europäer konstruierten sich das jeweils zu ihren Bedürfnissen passende Afrika. Die Widersprüchlichkeit der Projektionen stand oft im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen in Europa. Der Afrikaner wurde als Verkörperung jener Eigenschaften gesehen, welche dem eigenen Ideal oder seinem Gegenteil entsprachen. Afrika diente den Europäer_innen als Ventil, um Ängste, Wünsche oder Seiten, die man in sich selbst verachtete, zu übertragen.

Im Mittelalter, als in Europa und dem Nahen Osten der Glaubenskrieg zwischen Christentum und Islam tobte, spielten Afrikaner in der Vorstellung Europas entweder die Rolle als Teufel oder als Heilige: Sie waren erschreckend und gefährlich, wenn sie auf Seiten der muslimischen Feinde kämpften. Auf der anderen Seite gab es die Legende vom mächtigen Priesterkönig Johannes und seinem geheimnisvollen Reich schwarzer Christen in Äthiopien, den man sich als Verbündeten im Kampf gegen die Muslime wünschte.

Vor dem Aufkommen des Rassismus: Der heilige Mauritius von Matthias Grünewald, 1520-1524

In der Renaissancezeit mit dem Aufstieg der Handelshäuser und dem fortschreitenden Luxus an den Fürstenhöfen verbreitete sich die Mode, sich mit Kostbarkeiten und Dienern aus fernen Ländern zu versorgen. Es galt als Zeichen von Erfolg, feiner Lebensart und weitreichenden Beziehungen, einen „Mohren“ am Hof zu haben. Diese Menschen wurden oft als Sklavenkinder verschenkt und auf Adelshöfen erzogen. Als Erwachsene waren sie hoch gebildet und in der vornehmen Gesellschaft verankert. Hier nur ein paar berühmte Beispiele:

Anton Wilhelm Amo wurde um 1703 in einem Dorf in der Nähe von Axim (heute Ghana) geboren. Als Kind wurde er versklavt und an Anton Ulrich von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel „verschenkt“, der ihn an seinen Sohn „weitervererbte“. Amo erhielt seine Bildung am Hof, lernte Französisch, Griechisch, Hebräisch, Holländisch und Latein. Ab 1727 studierte er an der Universität Halle Philosophie und Rechtswissenschaften. 1729 verfasste er seine erste Disputation unter dem Titel De iure Maurorum in Europa in lateinischer Sprache, in der er die Rechtsstellung der Schwarzen im damaligen Europa untersuchte. Außerdem erwarb der den Magistertitel der Philosophie und der Freien Künste und schrieb 1734 seine Doktorarbeit über Das Leib-Seele-Problem. Er unterrichtete er an den Philosophischen Fakultäten der Universitäten Halle und Wittenberg und an der Universität Jena.

Angelo Soliman (1721-1796), ein Zeitgenosse Mozarts, stammte vermutlich aus dem Norden des heutigen Nigeria, wurde als Kind an ein Adelshaus verkauft, weiter verschenkt und landete schließlich am Kaiserhof in Wien. Er sprach mehrere Sprachen, war Mitglied einer Freimaurerloge, ein brillanter Schachspieler und mit zahlreichen einflussreichen Persönlichkeiten der vornehmen Wiener Gesellschaft befreundet. Doch weder sein Ansehens noch die Proteste seiner Tochter konnten verhindern, dass seine Leiche nach seinem Tod ausgestopft wurde und von 1796 bis 1806 mit Federrock und Federkrone im kaiserlichen Naturalienkabinett von Wien stand, umgeben von exotischen Tierpräparaten.

Wenige wissen, dass der russische Nationaldichter Alexander Puschkin (1799-1837), der als Begründer der modernen russischen Literatur gilt, afrikanische Wurzeln hatte. Sein Urgroßvater Abraham Petrowitsch Hannibal war ursprünglich ein afrikanischer Sklave, der dem Zaren Peter dem Großen geschenkt worden war, dessen Patenkind wurde und später bis zum Generalmajor und Gouverneur von Reval aufstieg.

Das Aufkommen des Rassismus

Im Zuge der Kolonialisierung und des transatlantischen Sklavenhandels setzte ein Wandel des Afrikabildes zum Negativen ein. Der Rassismus als Rechtfertigungsideologie wurde erfunden und zur scheinbaren Legitimierung der Ausbeutung und Unterwerfung des afrikanischen Kontinents und seiner Bewohner_innen eingesetzt. Dabei wurde Afrika zur Negation dessen konstruiert, was sich West-Europa zu sein vorstellte oder wünschte. In diesem Mythos wurden aus Afrika und seinen Bewohner_innen das unterlegene und unterentwickelte „Andere“, das von den Europäern „zivilisiert“ werden müsse.

Auch die Sprache machte den Wandel deutlich: An die Stelle der Bezeichnung „Mohr“, das von den nordafrikanischen Mauren entlehnt war, trat das Wort „Neger“. Der Sklavenhändler John Barbot beschrieb im Jahre 1670 die Schwarzen als „unverschämt, lügnerisch, impertinent, gefräßig und zügellos.“ Hatte er etwa erwartet, dass ihm die Menschen, denen er die Freiheit raubte und die er wie Tiere verkaufte, mit Höflichkeit und Dankbarkeit begegnen?

Auch die Aufklärung, auf die Europa heute so stolz ist, trug zum „Abstieg“ der Afrikaner bei. Im Kontrast zu Afrika als „Natur“ wurde Europa als „Kultur“ konstruiert. In der Zeit der frühen Industrialisierungsprozesse und des Übergangs von der höfischen Feudalgesellschaft zur kapitalistischen Bürgergesellschaft sollte der Mensch diszipliniert und abgerichtet werden. Alles Natürliche und Ursprüngliche erschien dem zivilisierten Bürger schmutzig, gewalttätig und lüstern, und das betraf nicht nur außereuropäische Gesellschaften, sondern auch das eigene Volk. Parallel dazu entstand eine romantische Sehnsucht nach dem Natürlichen, und so wurde das Bild des unschuldigen Wilden konstruiert.

Immanuel Kant, der als bedeutender Philosoph der Aufklärung gilt, behauptete sogar: „Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege“, und sprach den afrikanischen Menschen jegliche Talente und Begabungen ab. Wie viele schwarze Menschen hatte Kant, der nachweislich nie den Umkreis seiner Heimatstadt Königsberg verlassen hat, kennen gelernt? Womit konnte er diese Behauptungen begründen? Und warum hatte er niemals von seinem Zeitgenossen Amo gehört hatte, obwohl dieser in akademischen Kreisen anerkannt war und an deutschen Universitäten lehrte?

Menschen im Zoo

Mit der Erforschung des afrikanischen Kontinents durch zahlreiche Expeditionen in das Innere des Kontinents sowie dessen Erschließung durch Missionierung und Handel nahm das allgemeine Interesse an merkwürdigen und exotischen Völkern immer mehr zu. Im Rahmen von Völkerschauen wurden die „Wilden“ einem sensationslüsternen Publikum auf Jahrmärkten, Kolonial- und Wanderausstellungen und in Zoos neben den Käfigen von Tieren präsentiert.

Viele der „Darsteller“ waren gut ausgebildete Menschen, die im „Eingeborenenkostüm“ auftreten sollten. Das wurde nicht von allen ohne Widerspruch hingenommen. Der Herero Friedrich Maharero etwa protestierte dagegen, indem er im eleganten Anzug auftrat, während der Kameruner Bismarck Bell die Ausstellungsbesucher_innen mit einem Opernglas musterte. Auf der Seite der Besucher überwog dagegen die Neugier auf das Exotische. Vermutlich sahen sie in den Fremden nicht nur unzivilisierte Bewohner und Bewohnerinnen europäischer Kolonien, vielleicht verkörperten sie in ihrer Phantasie auch eine Freiheit, die sie selbst eingebüßt hatten und nach der sie sich insgeheim sehnten.

Angesichts dieser Geschichte ist es kein Wunder, dass der Werbeslogan des Schönbrunner Tiergartens „Treffen Sie Afrikas königliche Familien, die in Wien leben“ oder die Ausstellung „African Village“ im Augsburger Zoo heftige Kritik und Empörung hervorrufen. Schade nur, dass es den dafür Verantwortlichen auch heute noch an Einsicht und Selbstkritik fehlt.

Afrikaner im Nationalsozialismus

Ein wenig beachtetes Kapitel ist das Schicksal schwarzer Menschen im Nationalsozialismus. Der Ausbau der deutschen Kolonien war mit einem steigenden Bedarf an einheimischen Fachkräften für die Kolonialverwaltung einhergegangen. So waren viele junge Afrikaner zur Ausbildung nach Deutschland gekommen. Häufig wurden auch Afrikaner als Sprachgehilfen für afrikanische Sprachen bei deutschen Afrikaforschern eingesetzt oder kamen als ehemalige Angehörige der deutschen Schutztruppen, den Askari, nach Deutschland. Viele von ihnen, die meist als junge Männer nach Deutschland gekommen waren, blieben für den Rest ihres Lebens in Deutschland, gründeten Familien und arbeiteten hier. Einige von ihnen brachten sich auch auf politischer Ebene in die deutsche Gesellschaft ein. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele von ihnen und ihren Nachfahren Opfer des Rassenwahns und landeten im KZ. Dort wurden sie aber aufgrund ihrer geringen Zahl jedoch nicht als eigene Gruppe, sondern meist als „asozial“ aufgeführt, was die Recherche erschwerte.

(Wie) hat sich das Afrika-Bild bis heute verändert?

Das verzerrte Afrikabild der Europäer sowie die Herabsetzung und Bevormundung hatten auch Auswirkungen auf die Psyche der Menschen in Afrika. Leider ist es den Kolonisatoren – vor allem auch mithilfe der Missionierung – gelungen, den Mythos der angeblichen Überlegenheit der europäischen Kultur sogar in das Bewusstsein mancher Afrikaner_innen einzupflanzen. Die Verinnerlichung des Gefühls der Unterlegenheit führen aber zur Zerstörung des Selbstwertgefühls und zu Entfremdung, diagnostizierte der aus Martinique stammende Psychiater und Unabhängigkeitskämpfer Frantz Fanon, der das Bewusstwerden der Entfremdung als Voraussetzung für eine Befreiung ansah.

Das in Europa vorherrschende einseitige Bild von Afrika kritisierte der deutsche Ethnologe Leo Frobenius (1873-1938), der die afrikanische Kultur als der europäischen gleichwertig betrachtete, was für seine Zeit ungewöhnlich war. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete auch der senegalesische Forscher Cheikh Anta Diop (1923-86), der das ägyptische Pharaonenreich als authentische afrikanische Zivilisation ansah und seine These verteidigte, dass Afrika eine Reihe von Hochkulturen hervorgebracht hat: Auf dem Kontinent seien schon früh die Techniken der Metallgewinnung und -verarbeitung beherrscht und eine fortschrittliche Urbanisierung und Verwaltung entwickelt, die afrikanischen Kulturen aber durch Sklavenhandel, Kolonialismus und Rassismus unsichtbar gemacht und ihre Weiterentwicklung gewaltsam verhindert worden.

Obwohl sich Afrika ständig im Wandel befindet, hat sich ein aus der Kolonialzeit stammendes Afrikabild in den Köpfen vieler Mensche festgesetzt. Dazu tragen sowohl die Darstellungen von Afrika als „Krisen- und Katastrophenkontinent“ in den Massenmedien als auch die Werbekampagnen von Hilfsorganisationen bei, die Spenden für notleidende Afrikaner und Afrikanerinnen sammeln. Dieses einseitige Bild erweist sich als hilfreich, um die die neokoloniale Ausbeutung und Dominierung zu rechtfertigen.

Inspiration und Quelle: Olaf Krems, 2002: Projektion und Reproduktion eurozentrischer Afrika- und Afrikanerbilder

veröffentlicht in Talktogether Nr. 45/2013