Die Arbeit – notwendiges Übel oder Menschenrecht? PDF Drucken E-Mail

Die Arbeit –

notwendiges Übel oder Menschenrecht?

Der Erste Mai hat seine historischen Wurzeln in der blutigen Niederschlagung des Streiks der Arbeiter auf dem Chicagoer Haymarket, die im Jahr 1886 für den 8-Stunden-Arbeitstag kämpften. Heute ist der Erste Mai DER Feiertag der Arbeiterklasse und wird auf der ganzen Welt gefeiert. Dieser Tag erinnert daran, dass wir uns nur durch internationale Solidarität gegen unterdrückerische und ausbeuterische Verhältnisse zur Wehr setzen können. Der Erste Mai bietet aber auch Anlass, sich mit dem Wesen der Arbeit auseinanderzusetzen.


Die Arbeit und die Moral

Üblicherweise wird der Arbeit ein hoher moralischer Wert zugemessen und ein arbeitender Mensch als gut angesehen. In der Antike jedoch war die Arbeit sehr schlecht angesehen und nur für Sklaven bestimmt. Das griechische Wort pónos bedeutet Mühsal und Plage. Die Römer sprachen von labor, was zugleich Leid bedeutet. Arbeit wurde als Strapaze und Schinderei gesehen, die man zu vermeiden versuchte.

Auch die Religionen haben ihre Philosophie zum Thema Arbeit. Im Christentum galt die Arbeit lange Zeit als Strafe Gottes, als er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb. „Im Schweiße seines Angesichts“ soll der Mensch seinen Lebensunterhalt verdienen. Im Islam ist es die Pflicht eines jeden, sich seinen Unterhalt durch ehrliche Arbeit zu sichern. Die protestantische Arbeitsethik sieht die Arbeit als Pflicht an, die man nicht in Frage stellen darf.

In der französischen Revolution wurden die unproduktiven Klassen Adel und Klerus, die man als nutzlose Parasiten ansah, welche die arbeitende Bevölkerung um die Früchte ihrer Tätigkeit bringen, entmachtet. Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, entlarvte die Arbeitsethik des Bürgertums als Mittel, die Bedürfnisse der ProduzentInnen auf ein Minimum zu drücken, ihre Leidenschaften zu ersticken und sie in die Rolle einer Maschine zu zwängen, aus der man gnadenlos Arbeit herauspressen kann. Gleichzeitig kritisierte er die Arbeitssucht der Arbeiterklasse. Ein gesteigertes produktives Wachstum sei keine Lösung für die Probleme der Menschheit, so Lafargue, sondern führe nur zur Verelendung der arbeitenden Menschen.

Arbeit als Grundelement menschlicher Identität

In der heutigen Gesellschaft wird Arbeit meist mit Erwerbarbeit gleichgesetzt, also mit Arbeit, die man zu verrichten hat, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, und nicht etwa zur Freude oder als Hobby. Trotzdem trägt die Arbeit auch zur Selbstverwirklichung und sozialen Integration bei. Weil viele Menschen sich durch Arbeit definieren, führt erzwungene Arbeitslosigkeit bei ihnen zu Depression und dem Gefühl, überflüssig zu sein. In der Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“

Durch die Arbeit erhält das Individuum einen Platz in der Gesellschaft. Indem er etwas Nützliches für andere und die Gesellschaft produziert, fühlt er sich gebraucht und erfährt Anerkennung. Arbeit ist nicht nur ein wesentlicher Aspekt von Identität und Selbstrespekt, sondern auch ein Ausdruck menschlicher Begegnung: „In Deinem Genuss und Deinem Gebrauch meines Produkts hätte ich unmittelbar den Genuss, sowie des Bewusstseins, in meiner Arbeit ein menschliches Bedürfnis befriedigt zu haben“ (MEW 40, 462). Selbstbestimmte Arbeit und das Gefühl, mit seiner Arbeit etwas Sinnvolles für die Gesellschaft und sich selbst zu leisten, bleiben unter den heute herrschenden Produktions- und Gesellschaftsverhältnissen für viele ein unerfüllbarer Traum. Entfremdete und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse bieten nur wenige Möglichkeiten zur Selbstbegegnung, Selbstbestätigung, gegenseitiger Empathie und Erfahrung des Gebrauchtwerdens, schreibt der Psychologe Klaus Ottomeyer[1].

Arbeit als Stoffwechsel mit der Natur

Unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen beschreibt Marx die Arbeit als einen „Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ Indem er auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur (MEW 23, 192). Der Baum wächst ohne das Zutun des Menschen. Indem er ihn fällt und das Holz zersägt, um daraus einen Tisch herzustellen, wandelt er den natürlichen Rohstoff in ein Produkt um, das für ihn nützlich ist. Der Tisch ist für ihn nützlich, weil ich auf ihm essen und arbeiten kann. Im Gebrauchswert jedes Produkts steckt also nützliche Arbeit. Arbeit ist demnach eine Naturnotwendigkeit und als Bildnerin von Gebrauchswerten eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen.

Arbeit als Erzeugerin von Werten

Produktive Arbeit erschafft neue Werte. In einer Gesellschaft, die auf den Austausch von Waren beruht, tritt der Wert einer Ware immer in doppelter Weise in Erscheinung: als Gebrauchswert und als Tauschwert. Der Tauschwert ist das Verhältnis zwischen den Gebrauchswerten verschiedener Warenarten, und dieser wird nach Marx durch die durchschnittliche Arbeitszeit bestimmt, die zu ihrer Produktion – je nach gesellschaftlichem Entwicklungsstand – notwendig ist, also durch abstrakte Arbeit.

Aber nur ein Teil dieses Wertes wird in Form von Lohn an die ArbeiterInnen bezahlt. Jener Teil der Arbeit, der über den Ersatz des Wertes ihrer Arbeitskraft (d.h. was sie benötigen, um in einer bestimmten Gesellschaft zu überleben und neue Generationen von LohnarbeiterInnen aufzuziehen) und der eingesetzten Produktionsmittel (Material, Maschinen, Energie…) hinausgeht, wird als Mehrwert bezeichnet.

Die Ware Arbeitskraft

Die Produktion von Mehrwert zur Erzielung von Profiten ist Zweck der kapitalistischen Produktion. Mehrwert kann aber nur geschaffen werden, wenn der Kapitalist eine Ware vorfindet, die einen besonderen Gebrauchswert aufweist, nämlich selbst eine Wertsteigerung schaffen zu könnten. Diese besondere Ware ist die Arbeitskraft, die selbst als Ware auf dem Markt vorzufinden sein muss, um ihre Rolle erfüllen zu können: „Zur Verwandlung von Geld in Kapital muss der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ (MEW 23, 183)

Weil der Arbeiter die einzige Ware, die er zu verkaufen hat, nämlich seine Arbeitskraft, auf dem Markt bringen muss, unterliegt auch diese den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Deshalb stehen die LohnarbeiterInnen auf dem Arbeitsmarkt in gegenseitiger in Konkurrenz zueinander. Je mehr Arbeitslose es gibt, desto mehr drücken diese auf die Löhne der Beschäftigten, gleichzeitig bilden sie eine so genannte „industrielle Reservearmee“, auf die das Kapital zugreifen kann, wenn es sie benötigt. Somit ist der Mensch selbst zur Ware geworden.

Der Kampf um die Arbeitszeit

Da die Kosten der Produktionsmittel für alle gleich sind, kann der Kapitalist nur bei den Kosten der Arbeit sparen, sei es durch Niedrighaltung der Löhne oder durch Ausdehnung der Arbeitszeit. Im 19. Jahrhundert, als die tägliche Arbeitszeit in den Fabriken 12, 14 und sogar 16 Stunden betrug, war die Verkürzung der Arbeitszeit eine der zentralen Forderungen der Arbeiterbewegung, die zum ersten Mal im April 1856 bei einer Demonstration von Steinmetzern in Australien gestellt und auch zugestanden wurde. „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Freizeit und Erholung“ lautete die Parole, die vom walisischen Unternehmer und Sozialreformer formuliert wurde. Im Mai 1886 war der Kampf für den Achtstundentag Auslöser für einen Generalstreik in den USA, der von 350.000 Arbeitern – davon 40.000 allein in Chicago – befolgt wurde, jedoch von der Polizei und angeheuerten Söldnertruppen brutal niedergeschlagen wurde.

In Erinnerung an dieses Ereignis proklamierte die Zweite Internationale der sozialistischen Arbeiterbewegung 1889 auf ihrem Gründungskongress in Paris den Erste Mai als internationalen Kampftag zur Durchsetzung des 8-Stunden-Arbeitstags. Jahr darauf machten Arbeiter zum ersten Mal mit weltweiten Massendemonstrationen unter dem Motto "Heraus zum 1. Mai" auf ihre Forderungen aufmerksam. Die Forderung nach einem Achtstundentag war also von Anfang an eng mit der Geschichte des 1. Mai verbunden.

Neue Herausforderungen

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Achtstundentag in den meisten westlichen Industrieländern erkämpft. Bleibt dem Kapitalisten die Verlängerung des Arbeitstages durch Gesetze verschlossen, versucht er den Mehrwert durch Steigerung der Arbeitsintensität und Produktivität zu sichern. Durch den Einsatz neuer Technologien kann ein Arbeiter in der gleichen Zeit ein Vielfaches an Wert erzeugen. Je größer der gesellschaftliche Reichtum, je zahlreicher das Proletariat und je größer die Produktivität der ArbeiterInnen sind, desto mehr Menschen werden durch erzwungene Arbeitslosigkeit von der Produktion ausgeschlossen. Während die kapitalistische Produktionsweise jeden Unternehmer zu Rationalisierung und Effizienz zwingt, erzeugt das System der gnadenlosen Konkurrenz aber gleichzeitig die maßlose Verschwendung von natürlichen Ressourcen, gesellschaftlichen Produktionsmitteln und Arbeitkraft.

Die weltweiten Verflechtungen ermöglichen es dem Kapital, regionale Unterschiede in der Entwicklung und im Lebensstandard auszunützen. Bei den streikenden Arbeitern auf dem Chicagoer Haymarket handelte es sich zum größten Teil um Einwanderer aus Europa, die vor Hunger und Not geflohen waren und sich in Amerika bessere Lebensbedingen erhofft hatten. Heute profitieren Unternehmen nicht nur durch die globale Arbeitsmigration, sondern auch durch die Auslagerung arbeitsintensiver Produktionen in Länder mit niedrigeren Löhnen. Der Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kann deshalb auf längere Frist nur durch grenzübergreifende Zusammenarbeit und die internationale Solidarität der Lohnabhängigen erfolgreich sein.



[1] J. Berghold/E. Menasse/K. Ottomeyer (Hg.) 2000: Trennlinien: Imagination des Fremden und Konstruktion des Eigenen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 44/2013