Geschichte einer Flucht: Ahmed aus Somalia PDF Drucken E-Mail

Geschichte einer Flucht:

Ahmed aus Somalia

Ahmed wurde in Mogadischo geboren und hat dort die Schule besucht. Sein Vater hatte Ende der 1960er Jahre in Russland die MilitĂ€rakademie absolviert und war General in der somalischen Armee, wo er fĂŒr die Waffenlieferungen, deren Wartung und die Ausbildung der Soldaten zustĂ€ndig war. Ahmed hat eine unbeschwerte Jugend genossen. Als einziges Kind seiner Eltern wurde er jeden Tag mit dem Auto in die Schule gebracht und abgeholt. „Dass ich eines Tages FlĂŒchtling sein wĂŒrde, hĂ€tte ich mir damals nie vorstellen können“, erzĂ€hlt Ahmed.

Doch dann ist der BĂŒrgerkrieg ausgebrochen und alles war anders. Nach dem Putsch von Siad Barre gab es keine Regierung mehr. Die meisten GenerĂ€le gingen zu ihren StĂ€mmen, doch Ahmeds Vater nicht. Angehörige seines Stammes kamen zu ihm und bedrĂ€ngten ihn, sie mit seinen Kenntnissen zu unterstĂŒtzen: „Wir sind ein kleiner Stamm. Wir mĂŒssen uns verteidigen, sonst bringen sie uns alle um, vergewaltigen unsere Frauen und nehmen uns unseren Besitz weg.“ Doch das hat Ahmeds Vater mit der BegrĂŒndung abgelehnt: „Mein Aufgabe war es, die somalische Bevölkerung und das Land zu schĂŒtzen, deshalb werde nicht fĂŒr einen Stamm kĂ€mpfen.“

Damit hat er sich Feinde gemacht und die Probleme haben begonnen. Die StammfĂŒhrer sagten zu ihm: „Wir werden dich nicht töten aber wir werden dich auch nicht schĂŒtzen, und das gilt auch fĂŒr deinen Sohn.“ Ahmeds Vater wurde damit aus dem Stamm ausgeschlossen, so dass ihm keine andere Wahl blieb, als sich zu verstecken. Zum GlĂŒck war Ahmed nicht so bekannt wie sein Vater und konnte sich deshalb einigermaßen frei in der Stadt bewegen.

Leben im BĂŒrgerkrieg

Weil Ahmed, der gerade frisch verheiratet war, nun auf sich allein gestellt war, musste er auf eigenen Beinen stehen. Zusammen mit einem Partner eröffnete ein GeschĂ€ft auf einem Markt, wo sie mit Lebensmitteln und andere Waren handelten. Ohne RĂŒckhalt des Stammes ist man in einer Situation, in der es keine Regierung gibt, schutzlos und stĂ€ndiger Gefahr ausgesetzt. Weil aber sein GeschĂ€ftspartner einem mĂ€chtigen Stamm angehörte und Ahmed als seinen Sohn ausgab, blieb er unbehelligt. Nur wenn zufĂ€llig ein Verwandter vorbei kam, der ihn erkannte, musste er sich verstecken. Obwohl er in stĂ€ndiger Angst lebte, dachte er nie an Flucht, weil es immer noch Hoffnung gab. So konnte er trotz Krieg ein halbwegs ruhiges Leben in Somalia fĂŒhren, doch nur so lange bis Alshabaab auftauchte.

Begegnung mit Alshabaab

Es war ein ganz normaler Tag. Kurz vor dem Nachmittagsgebet verließ Ahmed zusammen mit dem Sohn seines Partners das GeschĂ€ft und machte sich voll bepackt mit EinkĂ€ufen auf den Weg nach Hause, als ihnen plötzlich bewaffnete Jugendliche entgegen kamen. Er hatte schon von Alshabaab gehört, sie aber noch nie in der Öffentlichkeit gesehen. „Habt ihr nicht den Gebetsruf gehört? Warum geht ihr nicht in die Moschee?“ fragten sie und begannen sogleich, auf die beiden MĂ€nner mit Stöcken einzuschlagen. Sie zwangen sie, mit ihnen in die Moschee zu gehen. Nach dem Gebet hoffte Ahmed, freigelassen zu werden. Doch sie nahmen die Beiden mit in ihre Zentrale. Dort erkannte Ahmed einige bekannte Gesichter. Ein paar der jungen MĂ€nner waren mit ihm in die Schule gegangen. Einer von ihnen sagte: „Gut, dass du endlich hier bist, wir haben schon auf dich gewartet.“

Schließlich konnten Ahmed und sein Freund die Gruppe ĂŒberreden, sie nach Hause gehen zu lassen. Doch einer, der Ahmed kannte, warnte ihn: „Du kannst zu deiner Familie gehen und deine Lebensmittel nach Hause bringen. Aber wenn du morgen nicht spĂ€testens zu Mittag wieder hier bei uns bist, bekommst du große Probleme mit uns, und du weißt, vor uns kannst du dich nicht verstecken.“

Ahmed ging nach Hause. Am nĂ€chsten Tag ging er wie gewohnt zur Arbeit in sein GeschĂ€ft. Doch in der Zwischenzeit waren MĂ€nner bei seiner Frau aufgetaucht und hatten gedroht, dass sie Ahmed umbringen wĂŒrde, sollte er sich weigern, sich ihnen anzuschließen. Es gelang seiner Frau, ihn zu warnen, und bei seinem Freund passierte das Gleiche. Daraufhin brachte der Vater seines Freundes die beiden jungen MĂ€nner in ein Haus in einem anderen Stadtteil. Doch Alshabaab ĂŒbte Druck auf seinen Partner und seine Familie aus. Alshabaab-KĂ€mpfer tauchten wiederum bei ihren Familien auf, um nach ihnen zu suchen. Sie drohten Ahmeds Frau: „Er hat sein Versprechen nicht gehalten. Daher ist er ein Murtid (AbtrĂŒnniger und Feind des Islam) und du darfst nicht mehr mit ihm verheiratet sein. Wenn wir ihn finden, wirst du nur mehr seine Leiche sehen.“ Nach ein paar Tagen kam der Vater des Freundes zu ihnen um ihnen mitzuteilen, dass die Gefahr immer grĂ¶ĂŸer werde, und er sie nicht mehr lĂ€nger verstecken könne. Er riet ihnen, zu wegzugehen, bevor es zu spĂ€t sei.

Entscheidung zur Flucht

Doch Ahmed wollte seine Familie nicht im Stich lassen. Er nahm Kontakt auf zu seiner Frau, um sich mit ihr zu beraten. Seiner Frau war jedoch klar, dass mit diesen selbsternannten Religionskriegern nicht zu spaßen war, schließlich gab es in den Medien stĂ€ndig Meldungen darĂŒber, wie Alshabaab Menschen tötete oder ihnen die HĂ€nde abhackte. Sie sagte: „Es ist besser, wenn du mich aus einem anderen Land anrufst, wo du in Sicherheit bist, als wenn ich dich hier beerdigen muss.“ Auch seine Mutter bat ihn eindringlich, das Land zu verlassen. Da traf Ahmed die schwierigste Entscheidung, seines Lebens, nĂ€mlich Somalia zu verlassen. Ähnlich war es auch bei seinem Freund Said Ali.

Als Ahmed auf der Flucht war, wusste er nicht, dass sein Vater von Alshabaab-Milizen entfĂŒhrt und ermordet worden war. Seine Mutter hatte es ihm ĂŒber ein Jahr lang verheimlicht, um ihn nicht noch mehr zu belasten. Erst in Österreich hat er erfahren, dass sein Vater tot war. Seine Leiche war von Regierungssoldaten nach einem Angriff auf ein Alshabaab-Lager gefunden und zu seiner Mutter gebracht worden. Weil seine Einschusswunden darauf schließen ließen, dass er aus nĂ€chster NĂ€he erschossen wurde, geht die Mutter davon aus, dass die Alshabaab-Milizen ihn getötet hatten, weil er sich geweitert hatte, mit ihnen oder fĂŒr sie zu kĂ€mpfen.

Der Weg nach Europa

Der Fluchtweg fĂŒhrt Ahmed zuerst nach Syrien, von wo aus er mit einer Gruppe von FlĂŒchtlingen in einem tagelangen Marsch ĂŒber die Berge die Grenze zur TĂŒrkei ĂŒberquerte. Ahmed war wie weder auf diesen anstrengenden Marsch vorbereitet, noch hatte er geeignete Schuhe. Als er in der TĂŒrkei ankam, waren seine FĂŒĂŸe blutig und wund, so dass er kaum noch auftreten konnte.

Das schlimmste Erlebnis seiner Flucht war jedoch, als Ahmed zusammen mit 12 anderen FlĂŒchtlingen in einem winzigen Schlauchboot den Grenzfluss zwischen der TĂŒrkei und Griechenland ĂŒberqueren musste. „Es hat geregnet und das Wasser war aufgewĂŒhlt. Es war eine Frau dabei, die hat vor Angst geweint und wollte nicht in das Boot einsteigen. Doch der Schlepper hat uns gezwungen, in das Boot einzusteigen, wĂ€hrend er selbst zurĂŒckblieb. Es gab nur ein Ruder, so dass wir auf der anderen Seite mit unseren HĂ€nden rudern mussten. Als wir in der Mitte des Flusses waren, wurde das Boot leck. Zum GlĂŒck schafften wir es bis zu einer seichten Stelle, so dass wir nicht ertrunken sind. Die griechischen Soldaten wollten uns wieder zurĂŒck treiben, doch die Soldaten auf der tĂŒrkischen Seite haben geschossen“, erzĂ€hlt Ahmed. Die Wege von Ahmed und seinem Freund trennten sich in Griechenland, als sich Said Ali die Möglichkeit bot, nach Italien zu gehen. Kurz danach gelang es Ahmed nach Österreich weiter zu fliehen.

Wenn es in seinem Land Frieden gĂ€be, wĂŒrde er gerne dorthin zurĂŒck kehren, sagt Ahmed. Aber sein Vertrauen in die Sicherheit Somalias ist sehr gering, vor allem fĂŒr jemanden, der mit Alshabaab im Konflikt war. Ahmed hat alle Phasen des Krieges in Somalia erlebt. Als sich die Warlords gegenseitig bekĂ€mpften, war es immerhin möglich, zu ĂŒberleben, wenn man sich aus den Auseinandersetzungen heraushielt, außer jemand hatte es auf dich abgesehen. Aber seitdem Alshabaab auf der BildflĂ€che erschienen war, gab es keine Möglichkeit mehr, sich zu verstecken. Entweder du machst mit ihnen mit, oder du bist fĂŒr sie ein Feind des Islams. „Wenn du Alshabaab in die Quere kommst, dann bist du dauernd in Gefahr, denn du kennst deinen Feind nicht.“

Somalias ungewisse Zukunft

Ahmed glaubt nicht, dass es möglich sein wird, Somalia bald von Alshabaab zu befreien: „Sie sind nicht mehr so mĂ€chtig wie frĂŒher. TagsĂŒber hat die Regierung die Macht, doch in der Nacht regiert immer noch Alshabaab. Sie vergessen dich nie. Wenn du einmal gegen sie warst, dann bist du zum Tode verurteilt. Vor Kurzem haben sie den Liederschreiber Warsame Shire Cawaale ermordet, der sich gegen sie ausgesprochen hatte. Wenn die Regierung die Macht dazu hĂ€tte, hĂ€tte sie Alshabaab lĂ€ngst vertrieben. Aber diese Leute sind schwer zu bekĂ€mpfen, denn sie kĂ€mpfen nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern morden aus dem Hinterhalt. Niemand traut sich, etwas gegen sie zu sagen oder zu tun, weil jeder Angst um sein Leben hat.“ Ahmed denkt, dass sie von Al Qaida unterstĂŒtzt werden, weil in Somalia zahlreiche Krieger aus Pakistan, Afghanistan, Europa, den USA und arabischen LĂ€ndern kĂ€mpfen, die zudem noch stĂ€ndig mit Nachschub an Geld und Waffen aus dem Ausland versorgt werden.

Ahmed meint: „Die Menschen in Somalia wollen keinen Krieg mehr und sehnen sich danach, in Frieden zu leben, aber Alshabaab und andere Kriegtreiber wollen einen Frieden verhindern.“ Maximal 15-20 Prozent der jungen MĂ€nner, die bei Alshabaab mitmachen, könnte man vielleicht von der Gewalt abbringen, wenn man ihnen eine andere Perspektive bieten wĂŒrde, vermutet Ahmed, doch fĂŒr die meisten sei es schon zu spĂ€t, weil sie schon als Kinder und Jugendliche durch Drogen und GehirnwĂ€sche beeinflusst worden seien. „Sie haben keine Angst, sondern sind völlig ĂŒberzeugt davon, dass sie diesen Krieg gegen die Murtid fĂŒhren mĂŒssen und dafĂŒr mit dem Paradies belohnt werden, wenn sie sterben.“

Das Leben als FlĂŒchtling

Nach der harten und gefĂ€hrlichen Flucht ist Ahmed schließlich in Salzburg gelandet und lebt jetzt im Caritas FlĂŒchtlingsheim. StĂ€ndig muss er an seine Familie und seine Mutter denken und wie es ihnen in Somalia ergeht. Das Nichtstun ist eine Belastung fĂŒr ihn – wie fĂŒr viele FlĂŒchtlinge, die sich in der gleichen Lage befinden. Ahmed versucht, so gut wie möglich Deutsch zu lernen, Freunde und Aufnahme in die österreichische Gesellschaft zu finden. Es ist aber nicht leicht, Kontakte zu knĂŒpfen, wenn man isoliert im FlĂŒchtlingsheim lebt. Nicht arbeiten zu können und zum Nichtstun verurteilt zu sein, ist fĂŒr ihn eine große psychische Belastung: „Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme, die ich in Somalia hatte, bin ich jeden Tag in die Arbeit gegangen und habe mein eigenes Geld verdient. Aber wenn man im Heim sitzen und warten muss, bis einem jemand etwas gibt, hat man keine Ablenkung und denkt den ganzen Tag nur an seine Probleme.“

Ahmed glaubt zwar nicht, dass Österreich das schlechteste Land fĂŒr Asylsuchende ist, trotzdem befinden sich die Menschen ein einer unertrĂ€glichen Situation. Wegen der Ungewissheit und weil sie keine BeschĂ€ftigung haben und nicht arbeiten dĂŒrfen: „Du musst immer nur warten, warten
 aber niemand weiß, wie lange es dauern wird. Du hast wenig Motivation, die Sprache zu lernen, weil du nicht weißt, ob du hier bleiben kannst. Du weißt nicht, wie es morgen sein wird. Und wenn dir jemand vorschreibt, wann du hinaus gehen darfst und wann du zu Hause sein musst, fĂŒhlst du dich als erwachsener Mensch in deiner Freiheit sehr eingeschrĂ€nkt. Zu Hause wartet die Familie, dass du Geld schickst, und du kannst nichts tun.“

veröffentlicht in Talktogether Nr. 44/2013