Wenn Leihfirmen Unterschriften fälschen - Erlebnisse eines Arbeiters PDF Drucken E-Mail

Wenn Leihfirmen Unterschriften fälschen.

Erlebnisse eines Arbeiters

TT: Wie lange hast du bei dieser Leihfirma gearbeitet?

A: Drei Jahre lang, ohne Unterbrechung.

TT: Wo und zu welchen Arbeiten haben sie dich eingesetzt?

A: Ich musste das Essen von aus der Küche des Oberndorfer Krankenhaus abholen und in ein Altersheim bringen. Während die Menschen aßen, musste ich die Stiege putzen. Danach holte ich das Geschirr wieder ab und brachte es zurück. Dann hatte ich zwei Stunden Pause. Am Abend war es wieder dasselbe, ich lieferte das Essen ins Altersheim, musste eine Stunde lang einen Kindergarten im Gebäude putzen und dann das Geschirr wieder zurückbringen. Ich war fünf Stunden pro Tag und sechs Tage in der Woche beschäftigt. An den Sonn- und Feiertagen, wo das Reinigungspersonal im Altersheim frei hatte, musste ich dort putzen, den Müll wegräumen, die Toiletten reinigen usw.

TT: Wie war dein Verhältnis zu den Bewohner und Bewohnerinnen des Heimes?

A: Sie waren sehr nett zu mir und haben mich „unser fleißiger Saubermann“ genannt. Sie waren zufrieden mit meiner Arbeit.

TT: Warum wollte die Firma dich plötzlich kündigen?

A: Die anderen waren nur geringfügig angestellt, meist Pensionisten. Doch dann wollten sie statt mir jemanden einstellen, der in Oberndorf wohnt, und dem sie keine Fahrtkosten bezahlen müssen. Da haben sie angefangen, mich unter Druck zu setzen und immer mehr Arbeit von mir zu fordern.

TT: Was genau haben sie von dir verlangt?

A: Zuerst haben sie mir das Dienstauto weggenommen, mit dem ich auch in die Arbeit und nach Hause fahren konnte. Ich musste mit meinem Privatauto in die Arbeit fahren, dafür haben sie mir 50 Euro im Monat Fahrtkosten gegeben. Dann haben sie von mir verlangt, öffentliche Toiletten zu putzen. Doch dazu war die Zeit viel zu knapp, sie wollten mir aber nicht mehr Stunden zahlen. Weil ich Angst davor hatte, arbeitslos zu werden, habe ich trotzdem versucht, die geforderte Arbeit an den Sonn- und Feiertagen zu machen. Kurz danach hat man zu mir gesagt, dass ich auch die Toiletten auf dem Friedhof putzen sollte. Dafür hatte ich mittags und abends 30 Minuten Zeit. Das ist nicht zu schaffen.

TT: Hattest du Probleme an deinem Arbeitsplatz?

A: Nein. Das Altersheim will jemanden, der pünktlich und zuverlässig das Essen liefert, und das habe ich immer getan. Sie waren immer zufrieden mit mir. Das Problem ist nur die Leihfirma, die unbedingt 50 Euro sparen möchte.

TT: Wie ist die Kündigung abgelaufen?

A: Sie haben mir nur gesagt, ich solle ins Büro kommen. Dort haben sie mir einen Zettel gegeben und gesagt, ich solle unterschreiben. Ich fragte: Was ist das? Dann sah ich, es war die Kündigung. Ich fragte, ob ich das Schreiben nach Hause nehmen und in Ruhe durchlesen und morgen wieder mitbringen könne. Da hat mir die Sekretärin die Papiere weggenommen, ist zum Kopierer gegangen und hat mir dann ein bereits unterschriebenes Kündigungsschreiben in die Hand gedrückt. Sie haben meine Unterschrift einfach gefälscht. Damit bin ich zur Polizei gegangen. Dort habe ich erfahren, dass ich zur Arbeiterkammer muss. Bei der Arbeiterkammer haben sie mir eine Bestätigung für die Firma gegeben und gesagt, dass die Bearbeitung ein bisschen dauern wird. Nach zwei Tagen hat mich die Firma endgültig nach Hause geschickt. Danach habe ich mich beim AMS arbeitslos gemeldet.

TT: Und das AMS schickt dich wieder zu Leihfirmen?

A: Ja, meistens schon.

TT: Denkst du, sie haben dich so behandelt, weil du Ausländer bist?

A: Bei einem Österreicher würden sie sich wohl nicht trauen, vor seinen Augen seine Unterschrift zu fälschen. Es gibt aber auch viele Österreicher, die in Leihfirmen beschäftigt sind, und alle, die für Leihfirmen arbeiten, haben meistens ähnliche Probleme.

TT: Seit wann lebst du in Österreich und wie lange arbeitest du schon hier?

A: Ich lebe seit 9 Jahren in Österreich. Nach 8 Monaten habe ich Asyl bekommen und seitdem arbeite ich.

TT: Und immer über Leihfirmen?

A: Ja, immer. Ich habe in verschiedenen Betrieben über verschiedenen Leihfirmen gearbeitet, als Lagerarbeiter, als Verpacker, als Ausfahrer usw. Bei der Post habe ich sogar über unterschiedliche Leihfirmen gearbeitet. Einmal habe ich mich dort für eine fixe Stelle beworben. Sie sagten, ich solle meine jetzige Stelle kündigen und mich bei der Leihfirma bewerben, mit der sie zusammen arbeiten, vielleicht würden sie mich dann irgendwann fix anstellen. Darauf wollte ich mich aber nicht verlassen.

TT: Hat dir das AMS nie eine Ausbildung angeboten?

A: Ich habe schon einmal einen Kurs gemacht, doch dort haben sie gesagt, dass ich für eine Berufsausbildung besser Deutsch können müsse, doch wegen meinen Arbeitszeiten hatte ich nie die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen. Das AMS hat mir den Staplerschein bezahlt, den C-Führerschein habe ich selbst bezahlt.

TT: Was denkst du über die Leihfirmen?

A: Ich habe schon mit den verschiedensten Leihfirmen gearbeitet und es ist überall das Gleiche. Solange sie durch dich profitieren, sind sie freundlich zu dir, sobald sie dich nicht mehr brauchen, schicken sie dich nach Hause, von einer Stunde auf die andere. Ich denke, die Leihfirmen müssen kontrolliert werden. Sie versuchen, mit den Leuten zu spielen. Ich habe einmal in einem Betrieb im Lager gearbeitet, wo der Chef sehr zufrieden mit mir war. Trotzdem hat mich die Leihfirma plötzlich woanders hin geschickt. Da rufen sie dich einfach am Abend an oder schicken ein SMS und teilen dir mit, wo du am nächsten Tag hin musst. Nach ein paar Tagen, als ich wieder im Betrieb zurück war, hat mich der Chef gefragt, warum ich nicht gekommen sei. Für mich einsetzten wollte er sich aber nicht, weil er auf die Leihfirma angewiesen ist. Er sagte, manchmal brauche er ganz kurzfristig 30 Leute nur für ein paar Tage, die schicken sie ihm dann. Darum geht es. Eine Einzelperson zählt da nicht. Ich kann nur jedem raten, sich zu wehren und bei Problemen sofort zur Arbeiterkammer zu gehen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 44/2013