Gespräch mit Mir Jahangir Awan, Refugee Protest Camp Wien PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Mir Jahangir Awan

Sprecher Refugee Protest Camp Wien

TT: Wie sind deiner Meinung nach die Aussichten, durch den Protest Änderungen in der österreichischen Asylpolitik zu erreichen?

Mir Jahangir: Vor den Wahlen wird sich wahrscheinlich nichts verändern, weil die Parteien davor Angst haben, Stimmen an die FPÖ zu verlieren.

TT: Wie lange bist du schon in Österreich?

Mir Jahangir: Seit 16 Monaten.

TT: Du bist erst seit 16 Monaten hier und kennst dich schon so gut mit der österreichischen Politik aus? Wie ist das möglich?

Mir Jahangir: Ich habe mich vor fünf Monaten den Protesten angeschlossen. Vorher hatte ich keine Ahnung, welche Parteien es hier gibt. Aber seit ich einer der Sprecher der Flüchtlingsbewegung bin, habe ich jeden Tag Kontakt mit VerteterInnen politischer Parteien, JournalistInnen usw., gebe Interviews und nehme an Konferenzen teil. Dadurch habe ich viel erfahren, so dass ich jetzt über die Gesetze und Regelungen in Österreich sehr gut Bescheid weiß.

TT: Du kommst wie viele der anderen Refugee-Aktivisten aus Pakistan?

Mir Jahangir: Ich komme aus Kaschmir. Das Land ist geteilt, ein Teil gehört heute zu Pakistan, der andere zu Indien.

TT: Warst du auch in deiner Heimat politisch aktiv?

Mir Jahangir: Ich war in der Jammu Kashmir National Students Federation (JKNSF) engagiert.

TT: Was hast du studiert?

Mir Jahangir: Ich habe den Master im Business Management (MBA) absolviert.

TT: Was waren die Ziele der Organisation?

Mir Jahangir: Unsere Organisation tritt für die Unabhängigkeit von Kaschmir und die Wiedervereinigung des Landes ein. 80 Prozent der Bevölkerung wünschen sich ein freies und unabhängiges Kaschmir. Wir wollen weder Teil von Pakistan noch von Indien sein. Wir wollen uns selbst regieren und haben auch selbst ausgebildete Leute, die das Land regieren könnten. Doch das ist nicht möglich, weil Leute aus anderen Teilen Pakistans hier als Politiker eingesetzt werden. Nach der Unabhängigkeit von den Briten war Kaschmir zunächst ein eigener Staat, wurde dann aber von Indien und Pakistan besetzt und geteilt. Ein Teil unserer Verwandten lebt heute auf pakistanischem Staatsgebiet, ein anderer auf indischem. Wir können uns aber nicht besuchen, denn in Pakistan werfen sie dir vor, ein Spion für Indien zu sein, in Indien sagen sie, du würdest für Pakistan spionieren. Unsere Organisation hat Demonstrationen gegen die Praktiken organisiert, durch die die Menschen unterdrückt werden.

TT: Wogegen habt ihr protestiert?

Mir Jahangir: Wir treten ein für das Recht, unsere eigene Sprache zu pflegen und in der Schule über unsere Geschichte und Kultur zu lernen. Wir protestieren, wenn sie Geschäfte und Gebäude zerstören, die unserem Volk gehören.

Wir haben große Probleme mit dem pakistanischen Geheimdienst und der Armee. Zahlreiche politische Aktivisten wurden entführt und verschleppt, niemand weiß, ob sie an versteckten Orten gefangen gehalten werden oder ob man sie getötet hat. Dagegen demonstrieren wir.

In unserem Land herrscht Korruption, wenn du irgendein Dokument brauchst, musst du Schmiergeld bezahlen. Wir werden wirtschaftlich an den Rand gedrängt. 70 Prozent der Menschen in Kaschmir leben unter der Armutsgrenze, obwohl unsere Region sehr reich an Ressourcen ist. Pakistan und Indien verwenden unser Wasser zur Stromerzeugung, doch unsere Stromversorgung ist katastrophal. In Kaschmir gibt es große Wälder. Sie verkaufen unser wertvolles Holz und bringen es in andere Teile Pakistans, aber wir bekommen nichts dafür.

Pakistan hat vier Provinzen, auf die die Regierung ihr Budget aufteilt, für Kaschmir bleibt nichts übrig. Sie bauen keine Straßen, die Gebäude der Universität und der Schulen sind alt und verfallen. Wenn sie Kaschmir als Teil von Pakistan betrachten, warum geben sie uns dann nicht den Status als eigene Provinz? 2005 gab es in Kaschmir ein großes Erdbeben. Es kam viel internationale Hilfe für den Wiederaufbau nach Pakistan, doch von den Geldern ist kaum etwas in Kaschmir gelandet. Gegen diese Ungerechtigkeit protestieren wir.

TT: Wie sehen diese Proteste aus?

Mir Jahangir: Die Studenten haben eine gewisse Macht, weil sie viele Unterstützer haben. Sie machen beispielsweise Straßenblockaden. Die Aktivisten werden nicht während der Demonstration verhaftet, sondern man wartet, bis sie allein sind und verschleppt sie. Viele politische Leute Menschen, wurden auf diese Weise ohne Gerichtsverfahren gefangen genommen. Da ich sehr aktiv in der Bewegung war, bin auch ich in ihr Blickfeld geraten und wurde verfolgt. 2011 sind Männer mitten in der Nacht in mein Haus gekommen um mich zu suchen. Zum Glück war ich nicht zu Hause, weil ich bei meinem Großvater im Dorf war. Mir war klar, dass sie mich mitgenommen hätten, wenn ich zu Hause gewesen wäre. Das Problem ist, dass niemand etwas gegen die Armee und den Geheimdienst ausrichten kann und will, nicht einmal die Regierung.

Ich verstehe nicht, warum Europa, Australien und die USA solche Politiker schützen und unterstützen. Sie behaupten, dass sie gegen die Terroristen kämpfen und erhalten dafür Geld, doch in Wahrheit unterstützen sie den Terrorismus. Ich habe selbst gesehen, wie sie terroristische Gruppen mit Waffen und anderen Dingen versorgen. Sie kennen ihre Trainingslager in den Bergen und schützen sie. Niemand wird als Terrorist geboren. Kennt ihr die Geschichte des Terrorismus? Wer hat den Terrorismus erschaffen? Die USA und ihre Verbündeten haben Paschtunen ausgebildet und mit Waffen versorgt, damit sie in Afghanistan gegen die Russen kämpfen. Damals nannte man sie Freiheitskämpfer, heute Terroristen. Dieselben Gesichter, dieselben Namen, nur die Etiketten wurde ausgetauscht.

TT: Wenn es in Kaschmir Gerechtigkeit und Frieden gäbe, würdest du dort gerne leben?

Mir Jahangir: Natürlich. Glaubt mir, es ist dort wirklich unglaublich schön, die Himalaya Region, Laddakh, Srinagar… das Land ist wunderschön!

TT: Bevor du geflüchtet bist, welche Meinung hattest du von Europa?

Mir Jahangir: 2005, nach dem großen Erdbeben, habe ich Mitglieder des österreichischen Bundesheeres kennengelernt, die in Kaschmir ein Projekt zur Wasserversorgung und ein medizinisches Projekt hatten. Viele Europäische Organisationen waren da, um die Menschen zu unterstützen. Ich habe die Menschen kennengelernt und war sehr beeindruckt von ihrer Hilfsbereitschaft. Ich hatte damals die Idee, nach Österreich zu fahren, um über die Situation in meinem Land zu berichten und meine Stimme für ein unabhängiges Kaschmir zu erheben.

Doch als ich hier in Europa angekommen bin, hat sich mein Bild geändert. Seitdem wir diesen Protest begonnen haben, haben zahlreiche Medien über die Umstände berichtet, unter denen Flüchtlinge hier leben müssen, mit welchen Problemen wir konfrontiert sind, und welche Anliegen wir haben. Doch die Politik hat einfach weggesehen. Wir haben diesen Kampf angefangen, und ich denke, dass er sich mit der Zeit zu einer Revolution weiterentwickeln könnte. Wir haben aber nicht die Illusion, dass wir plötzlich wie mit einem Zauberstab das Asylsystem in Europa verändern können, dafür wird es wohl noch viel Zeit brauchen. Aber wir haben dennoch einiges erreicht: Früher wurde im österreichischen Parlament nicht über die Anliegen der Flüchtlinge diskutiert, doch durch unsere Proteste wurde eine Debatte in Gang gesetzt, ob Flüchtlinge nach einer Frist von sechs Monaten arbeiten dürfen. Man sieht, dass hier doch etwas in Bewegung gekommen ist.

Diese Art von Flüchtlingsprotesten gibt es in ganz Europa, in Berlin, Kopenhagen, Amsterdam, Frankreich, Schweden und Ungarn. In manchen Ländern wie Polen und Ungarn werden Flüchtlinge sehr schlecht behandelt und es gibt viele Missstände, die nur auf EU-Ebene gelöst werden können.

TT: Was hat sich seit dem Umzug der Refugees von der Votivkirche in das Servitenkloster verändert?

Mir Jahangir: Wir bereuen inzwischen, die Votivkirche verlassen zu haben. Wir sind nicht glücklich über die Situation im Kloster, weil wir durch den Umzug nichts gewonnen haben. Unsere Gruppe besteht aus 63 Personen, bei 30 Leuten wurde das Asylverfahren beendet und sie haben negative Bescheide bekommen. Sie haben unsere Fälle sehr schnell entschieden. Wir sind hierher gekommen, weil uns der Kardinal und UnterstützerInnen dazu geraten haben, wegen unserer Gesundheit und weil es in der Kirche so kalt war. Seit wir hier sind, sind wir aus dem Blickfeld der Medien und haben die öffentliche Aufmerksamkeit verloren. Wir sind aber nicht hierher gekommen, um in einem warmen Raum zu schlafen. Wir haben auch mit der Caritas Probleme, weil wir den Eindruck haben, dass sie die Rolle des Innenministeriums einnimmt. Sie haben uns viel versprochen, aber nicht eingehalten. Leute, die vorher jeden Tag gekommen sind, um uns zu überreden, die Kirche zu verlassen, haben wir nicht mehr gesehen, seitdem wir im Kloster sind. Es ging ihnen nur darum, uns aus der Kirche weg zu haben.

Aber wir sind stark, weil wir wissen, dass das Recht auf unserer Seite ist. Wir sind keine Verbrecher, sondern fordern nur unsere grundlegendsten Menschenrechte. Doch die Personen, die die Macht hätten, etwas zu verändern, verstecken sich in ihren Büros. Wir sind jederzeit dazu bereit, uns mit ihnen an einen Tisch zu setzen und in den Dialog zu treten. Warum haben sie vor uns Angst?

TT: Warum bekommen kaum Flüchtlinge aus Pakistan Asyl?

Mir Jahangir: Das Problem ist, dass nicht nach der Problemlage eines Flüchtlings entschieden wird, sondern danach, wie die Situation eines Landes gesehen wird. Die Richter haben keine richtigen Informationen über Pakistan und glauben unseren Schilderungen nicht. Der Weg nach Europa ist sehr gefährlich, die Chance, lebendig anzukommen, liegt bei 50 Prozent. Wir sind doch keine Verrückten! Warum sollten wir so ein großes Risiko auf uns nehmen, wenn wir keine Probleme haben?

TT: Was würde passieren, wenn sie die Leute, die jetzt im Servitenkloster wohnen, nach Pakistan abschieben?

Mir Jahangir: Viele von ihnen stammen aus Stammesgebieten an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan und haben keine Papiere. Diese Leute können sie gar nicht abschieben. Doch wenn sie Leute wie mich nach Pakistan schicken, glaubt mir, sie würden mich sofort am Flughafen verhaften und niemand wird mehr etwas von mir hören. Zudem wissen sie auch in Pakistan, dass ich hier bei den Flüchtlingsprotesten aktiv bin, denn auch dort wird in den Medien darüber berichtet.

TT: Kennst du Fälle, in denen das passiert ist?

Mir Jahangir: Ja, natürlich. Sogar Menschen, die nie politisch aktiv waren, werden nach ihrer Rückkehr aus einem anderen Land drei bis sechs Monate lang ins Gefängnis gesperrt und ausgefragt, was sie dort gemacht haben.

TT: Wären deine Probleme mit einem Asylbescheid gelöst?

Mir Jahangir: Ich habe anonyme Drohbriefe bekommen, in denen sie mich u.a. als muslimischen Eindringling beschimpfen. Nach dem Vorfall mit Nelly in der U-Bahn denke ich schon manchmal, dass so etwas auch mit mir passieren könnte, da mein Gesicht überall in den Medien präsent ist. Davor könnte mich auch ein positiver Asylbescheid nicht beschützen.

TT: Wie können wir die Flüchtlingsbewegung unterstützen?

Mir Jahangir: Es ist sehr wichtig, möglichst viele Leute zu mobilisieren und Demonstrationen zu organisieren, damit die Verantwortlichen sehen, dass wir nicht allein sind und viele Menschen unsere Anliegen unterstützen. Zum Glück haben wir sehr gute UnterstützerInnen, die uns wie Familienmitglieder behandeln. Ohne ihre Hilfe wären wir heute nicht hier. Ich möchte mich deshalb bei dieser Gelegenheit bei allen unseren Unterstützern und Unterstützerinnen für ihre Solidarität und ihren Einsatz bedanken.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 44/2013