100 Jahre Jura Soyfer PDF Drucken E-Mail

 

"Auf uns kommt’s an!"


Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,

Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,

In Armut und in Reichtum grenzenlos.

Gesegnet und verdammt ist diese Erde,

Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,

Und ihre Zukunft ist herrlich und groĂź.

Er lernte erst mit 9 Jahren Deutsch, als er mit seinen Eltern als Flüchtling aus der Ukraine nach Wien kam. Seine Werke wurden in 30 Sprachen übersetzt. Er verfasste Theaterstücke, Gedichte, Liedtexte, Satiren und einen unvollendeten Roman, aber auch Artikel für die Arbeiter-Zeitung und Losungen für Demonstrationen, weil sein Engagement nie nur ein theoretisch künstlerisches war. Er führte die Tradition von Nestroys Volkstheater weiter und seine Stücke behandeln die Probleme und Angelegenheiten des einfachen Volkes. Mit 26 Jahren starb er im Konzentrationslager. Trotz seines viel zu kurzen Lebens zählt Jura Soyfer zu den bedeutendsten politischen Literaten Österreichs.

1937 wurde Soyfer vom austrofaschistischen Regime verhaftet, aufgrund einer Amnestie jedoch wieder entlassen. In Freiheit befand er sich aber nur 25 Tage. Nach Hitlers Einmarsch im März 1938 versuchte er, per Schi in die Schweiz flüchten, wurde jedoch an der Grenze verhaftet und ins KZ Dachau deportiert. Dort entstand sein berühmtes „Dachau-Lied“. Ende September 1938 wurde Jura Soyfer ins KZ Buchenwald gebracht, wo er bald darauf an Typhus starb.

Sein Werk wäre ausgelöscht worden, wenn nicht Menschen, die es nach 1938 in alle Länder verstreut hatte, seine Aufzeichnungen nach dem Krieg zusammen gesammelt hätten. „In den Koffern einiger Menschen lag, zwischen Hemden oder ein paar Büchern verborgen, ein handgeschriebenes Gedicht oder eine Szene, ein ausgeschnittener Zeitungsartikel oder ein fast vollständiges Theaterstück“, erzählte der Schauspieler Otto Tausig, der 1947 das erste Buch mit Soyfers Texten unter dem Titel „Vom Paradies zum Weltuntergang“ in Wien veröffentlichte. Popularität erlangten Soyfers Werke erst in den 1970er-Jahren, als sich Künstler und Künstlerinnen wie Helmut Qualtinger und die Schmetterlinge mit seinen Texten auseinandersetzten.

Am 8. Dezember 2012 wäre Jura Soyfers 100 Jahre alt geworden. Aus Anlass dieses Gedenkjahres gab es Hörspiele, Ausstellungen, Radiosendungen, Vorlesungen und Theatervorstellungen, einige seiner heute noch hochaktuellen Stücke wurden auf öffentlichen Plätzen und in Gemeindebauten aufgeführt.

Der Weltuntergang: „Gehn ma halt a bisserl unter, gar so arg kann’s ja net sein.“ Weil das Verhalten der Menschen auf der Erde die Harmonie im Kosmos stört, beschließen die Sonne und die Planeten, die Erde durch einen Kometen von der Menschheit zu befreien. Als einziger entdeckt Professor Guck die drohende Gefahr und warnt die Menschen, doch diese reagieren mit Ignoranz. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs beschreibt Soyfer die Scheinaktivitäten der Mächtigen, die Geschäftemacherei mit der Bedrohung, aber auch die Verdrängungen, den Egoismus und die Autoritätsgläubigkeit der Menschen. Am Ende verschont der Komet die Erde, weil er sich in sie und ihre Bewohner verliebt hat und überzeugt ist, dass das Leid und die Grausamkeiten eines Tages überwunden werden können.

Der Lechner-Edi schaut ins Paradies: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit – wer ist daran schuld? 1929/30 führte der Börsenkrach in New York zu Massenarbeitslosigkeit. Der arbeitslose Edi Lechner und seine Freundin Fritzi suchen einen Schuldigen für die Krise. Edi macht die eingesetzten Maschinen in den Betrieben verantwortlich. Doch dann trifft er auf den Elektromotor Pepi, wegen dem Edi seinerzeit entlassen wurde. Weil es keine Käufer mehr für die Schuhe gibt, die er erzeugt, wurde dieser nun auch selbst ausrangiert. Edi, Fritzi und Pepi machen sich auf die Suche nach den Verantwortlichen und unternehmen eine Reise in die Vergangenheit, um die Erfindungen der Geschichte und schließlich die Entstehung des Menschen selbst als Ursache alles Übels zu verhindern. Schließlich kommen sie aber zum Schluss: Wir sind nicht Schuld am Elend, aber „auf uns kommt’s an“, die Verhältnisse zu verändern.

Astoria: „Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.“ Der Landstreicher Hupka, der schon versucht hat, seine Ähnlichkeit mit einem Verbrecher auszunutzen, um den Winter im Gefängnis zu überstehen, begegnet einer feinen Dame, die ihrem Vater einen Staat zum Geburtstag schenken möchte. Hupka erfindet schnell den Staat Astoria und treibt dafür auch Geldgeber und Aktionäre auf. In Astoria ist alles besser, es gibt keine Arbeitslosigkeit und keine Kriminalität – bald drängen sich die Menschen vor der astorischen Botschaft, um ein Visum zu erhalten. Dort werden jedoch laufend die Einreisebestimmungen verschärft. Schließlich will Hupka die Welt überzeugen, dass Astoria gar nicht existiert, muss jedoch erkennen, dass seine Erfindung ein nicht mehr zu stoppendes Eigenleben entwickelt hat.

In seinem Romanfragment „So starb eine Partei“ beschäftigt sich Soyfer mit dem Untergang der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Er beschreibt die unterschiedlichen Perspektiven der Parteimitglieder – Bezirkskassiere, Arbeitslose, Betriebsräte, Schutzbündler, Arbeiter, Nationalräte, Falkenführer, Intellektuelle, Funktionäre – und ihre Reaktionen auf das Aufkommen des Faschismus, der immer mehr an Boden gewinnt. Es handelt von den Widersprüchen zwischen Worten und Taten, von der Verzweiflung des einfachen Arbeiters, der Ohnmacht des Parlamentariers, dem Taktieren der Parteiführung und der Flucht in den Bürokratismus enttäuschter Funktionäre. Es handelt von der Ratlosigkeit, den Ängsten und Schwächen, den verfehlten Hoffnungen und Träumen ihrer Mitglieder, aber auch von versäumten Gelegenheiten, vertanen Chancen und davon, wie mit den Ängsten der Menschen Politik gemacht wird.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 43/2013

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