1+1=100 oder Die Schule des Lebens PDF Drucken E-Mail

1 + 1 = 100 oder Die Schule des Lebens

„Das ist das schönste Geschenk, das eine Schülerin einer Lehrerin
schenken kann: dass sie gerne in die Schule geht.“

(Susanne Panholzer Hehenberger, Lehrerin)

Warum sollte ein Kind in die Schule gehen? Die sechsjährige Safiya weiß die Antwort: „Sonst glaubt man 1 + 1 = 100 oder man weiß gar nicht, was Hundert ist.“

Gemeinsam einkaufen, kochen und essen gehört genau so zum Schulalltag wie spielen, tanzen und sich bewegen. Lernen ist hier eine körperliche Sinneserfahrung, dass man stillsitzen muss und zuhören, was der Lehrer „da vorne quasselt“ ist für die Schüler und Schülerinnen der Mehrstufenintegrationsklasse der Wiener Volksschule Brioschigasse schwer vorstellbar. Doch nur im ersten Moment sieht es wie Spielen aus, wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass es sich um ein selbstständiges Erarbeiten von Dingen handelt. Kinder unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Begabungen lernen selbständig miteinander und voneinander: Sie schreiben Geschichten und wenn ein Kind noch nicht schreiben kann, diktiert es seine Geschichte einem älteren Kind. „Kinder freuen sich sehr auf die Schule, und wir wollen ihnen die Freude so lang als möglich erhalten“, sagt die Klassenlehrerin. Ein wichtiges Anliegen der Schule ist es auch, Demokratie praktisch zu erlernen. Die Kinder machen Vorschläge, diskutieren darüber, was sie stört, und lernen dabei, den eigenen Standpunkt zu vertreten und den anderen oder die andere anzunehmen und seine oder ihre Meinung zu respektieren. Am Ende des Filmes, als einige Schüler und Schülerinnen die Klasse verlassen müssen, um in eine weiterführende Schule zu wechseln, ist man fast zu Tränen gerührt.

Doris Kittler hat die Klasse über mehrere Jahre mit der Kamera begleitet. Die Idee dazu kam ihr, als sie mit ihrer Nichte den Tag der offenen Türe besuchte. Doris war fasziniert von dem, was dort vor sich ging. „Die Kinder machen Dinge selbständig und ohne Anleitung der Lehrerin, jeder etwas anderes und ganz konzentriert, sie ließen sich von den Besuchern nicht irritieren.“ Ein Langfilm war vorerst nicht geplant, der Film ist allmählich gewachsen. Zuerst hat sie privat gefilmt, danach entstanden ein paar Kurzprojekte, schließlich hat sie die verschiedenen Projekte zusammengefügt und gefilmt, was noch gefehlt hat. Das leidenschaftliche Engagement der Lehrerinnen habe sie beeindruckt, erzählt Doris. „Mein Gedanke war: Warum habe ich nicht in so einer Klasse sein können? Das hat mich traurig gemacht.“

Nach 13 Jahren immer noch ein Schulversuch

Bemerkenswert ist, dass es sich hier um keine Privatschule, sondern eine öffentliche Volksschule handelt. Der Schulversuch läuft schon seit 13 Jahren erfolgreich und in Wien gibt es über hundert solcher Schulversuche. Doris versteht nicht, dass ein Modell, das gut funktioniert und sich längst etabliert hat, noch nicht in die Regelschule übernommen wurde. „Jedes Jahr muss erneut um Genehmigung angesucht werden, theoretisch könnte die Antwort kommen, dass es nicht weitergeführt wird.“ Alternative Lehrmethoden werden heute bereits an Schulen in ganz Österreich eingesetzt und die Lernerfolge können sich sehen lassen. Trotzdem ist die Nachfrage viel größer als das Angebot. „Wahrscheinlich ist das Thema nicht wichtig genug für die Wahlen“, meint Doris. Die Initiative dazu kommt durchwegs von engagierten Lehrern und Lehrerinnen und nicht vom Ministerium. Meist ist es aber nach vier Jahren Volksschule zu Ende. Skeptiker meinen, dass die Schule vom Leben entfernt sei und sich die Kinder sich nicht umstellen könnten, wenn sie in eine andere Schule oder in den Beruf wechseln. Doch die Erfahrungen zeigen, dass sie es können, in den meisten Fällen sogar sehr gut. Doris ist überzeugt, dass solche Konzepte, weiter geführt werden sollten bis in die Oberstufe und die Universität.

Was ist uns unsere Zukunft wert?

Durch die Globalisierung leiden viele Menschen unter Identitätsverslust, meint Doris, wobei es zu Neid kommt, wenn es andere gibt, die ihre Identität stark verteidigen, ihre Religion, ihre Kleidung, ihre Lebensweisen. Das führe ihrer Meinung nach zu Angst, „von Ausländern überschwemmt zu werden“. Gerade deshalb sei die Entwicklung zu einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit heute so wichtig. „Wenn alle so aufwachsen würden wie in dieser Schule, wäre das Denken anders“, ist Doris überzeugt. „Die ganze Gesellschaft könnte verändert werden, die Menschen hätten mehr Selbstbewusstsein und es gäbe mehr Gleichberechtigung unter den Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts, oder welcher Begabung. Sie würden wahrscheinlich gar nicht verstehen, was Rassismus oder Sexismus ist.“

Das Schulthema findet Doris auch deshalb so wichtig, weil sie davon überzeugt ist, dass damit ein Teufelskreislauf durchbrochen und viel verändert werden könnte: „Ich glaube, dass der Film deshalb so viele Leute interessiert. Es geht nicht nur um Schule und Lernen sondern um das Leben. Haben diese Kinder eine bessere Chance? Die Welt hat eine bessere Chance!“ Die positiven Auswirkungen dieser Erziehung erkennt Doris an ihrer älteren Nichte: Sie hat einen Literaturpreis gewonnen, interessiert sich für Physik, ist Klassensprecherin und hat eine Arbeit über verbotene Literatur im Nationalsozialismus geschrieben. Doris stellt sich die Frage: „Will man solche Menschen oder nur Menschen, die funktionieren? Will man Menschen, die selbständig denken können oder Roboter, die die Politik in ihrem Agieren nicht stören? Es geht ja nicht um viel Geld, eine halbe Lehrkraft mehr, man braucht Räume, ein paar Materialien, ist uns unsere Zukunft das nicht wert?“

Ein häufiges Argument für Alternative Schulmodelle, das auch von den Lehrerinnen im Film angesprochen wird, ist, dass die Wirtschaft heute Menschen braucht, die kreativ sind und fähig, selbständig zu handeln. Aber sollte man die Menschen so erziehen, wie die Wirtschaft es will? „Heute erleben wir eine Diktatur der wirtschaftlichen Erfordernisse und ein Regime der ökonomischen Zwänge“, erwidert Doris, „und die Konzerne zwingen Politiker zu höchstproblematischen Entscheidungen. Wir müssen neue ökonomische und ökologische Wege finden. Es werden im Kleinen – wie in dieser Schule – unglaublich viele intelligente Konzepte entwickelt und erprobt, das Potenzial ist da, die Ideen sind da. Wir brauchen Leute, die kreativ mit den Herausforderungen der Zukunft umgehen können, die neue Wege finden. Wenn etwas gerettet werden soll, muss sich schnell etwas ändern. Es brodelt schon, die Leute stehen in den Startlöchern und die Situation könnte auch in Europa schnell explodieren.“

Die Filmemacherin Doris Kittler

1 + 1 = 100 ist der zweite Kinolangfilm, den Doris Kittler gemacht hat, der dritte ist bereits in Arbeit: „Auf den Barockaden“, eine Dokumentation eines Bürgerprotests gegen den Bau einer Konzerthalle im Augarten und seiner Aktivisten und Aktivistinnen, ungewöhnliche Figuren, die sich zwischen lustvollem Aktionismus und dem knallharten Alltag eines Bürgerprotestes bewegen.

Ihr erster Langfilm „Leichte Winter“ entstand in Sibirien und zeigt die Sichtweise einer Mitteleuropäerin, die es in den „Wilden Osten“ verschlagen hat, und wie man sich selber erlebt und das Land sieht, wenn man dort länger lebt. Zwei Jahre lang hat Doris in Sibirien verbracht. Der Film beschreibt ihre Annäherung an die fremde Umgebung, die ihre Qualität vor allem einem Zugang verdankt, der den Blick von außen zum integrativen Bestandteil macht. „Ich konnte die Sprache nicht, war das erste Mal in Russland und noch dazu in Sibirien, im Winter, wo es dunkel und kalt ist, und war mit einer mir fremden Mentalität konfrontiert“, erzählt Doris, die als Deutschlehrerin an der Universität Tomsk für die Robert-Bosch-Stiftung tätig war, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs Projekte zur Friedensarbeit, für den Kulturaustausches und die Völkerverständigung fördert.

In ihrem zweiten Film „Gemma Gürtelkäfig“ portraitierte sie jugendliche Wienerinnen und Wiener, deren Eltern aus andern Ländern, vor allem aus der Türkei und EX-Jugoslawien stammen. Gürtelkäfig nennen sie die eingezäunten Sportplätze auf dem Gürtel, die wie Käfige aussehen, in denen Kinder und Jugendliche in der Großstadt ihre Freizeit verbringen. Diese Jugendliche halten die meiste Zeit auf der Straße, im Jugendzentrum, in Internet-Cafés oder im Park auf, weil sie aus verschiedenen Gründen nicht gerne zu Hause sind. Doris begleitete die jungen Frauen und Männer an die Orte, wo sie ihre Zeit verbringen, dokumentiert, was sie tun und welche Träume sie haben. Sie hat diese Jugendlichen als lebendige, intelligente und interessante Menschen kennengelernt, mit Problemen, wie die meisten in diesem Alter. Jeder und jede möchte etwas tun, hat Träume und ist auf der Suche, weiß aber nicht wohin, denn es werden ihnen wenige Möglichkeiten geboten, ihre Begabungen zu entfalten. Doris hatte während der Dreharbeiten viel Spaß mit ihnen, hat ihr Vertrauen gewonnen und war wie eine von ihnen. Die sie keine Filmförderung erhalten hat, konnte sie keinen Langfilm produzieren.

Doris, die eigentlich Bühnenbild und Kostümgestaltung studiert hat, hat am Theater keine guten Erfahrungen gemacht. Sie litt darunter, immer nur die Wünsche von anderen erfüllen zu müssen und dass ihr die starren Hierarchien und patriarchalischen Strukturen wenig Möglichkeit ließen, frei und künstlerisch zu arbeiten. Danach war sie als Journalistin und Fotografin tätig, bis sie in Sibirien autodidaktisch mit dem Filmen angefangen hat. Bisher hat sie immer alles ganz allein gemacht: Regie, Schnitt und Kamera sowie die gesamte Produktion inklusive Finanzierung, PR und Verleih. Wie die meisten Künstler und Künstlerinnen lebt und arbeitet sie unter prekären Verhältnissen. Existenzielle Ängste gehören zum Beruf, auch wenn alle davon reden, wie berühmt und erfolgreich der österreichische Dokumentarfilm ist. Doch nur wenige schaffen den Durchbruch. Doch Doris möchte nicht nur dokumentieren, ihr Ziel ist es, abstrakter zu werden und neue ästhetische Mittel zu finden, nach Art des Essayfilms, einer experimentellen Form zwischen Dokumentation und Spielfilm, die der subjektiven Betrachtung mehr Raum lässt.

Der Film läuft ab der zweiten Märzwoche im „Das Kino“, Salzburg, die CD ist hier erhältlich: http://shop.cronos.at/

Filme von Doris Kittler:

Auf den Barockaden, in Arbeit
1+1=100, 2012
Gemma Gürtelkäfig, 2006
Leichte Winter, 2004
Mischa, 2001

http://www.dokit.at/film/einspluseins/