Für die Rechte der Sexarbeiterinnen, Gespräch mit Christine Nagl PDF Drucken E-Mail

Interview mit Christine Nagl,

Projekt PiA, Information & Beratung für Sexarbeiterinnen

TT: Kannst du mir etwas über das Projekt PiA erzählen? Wie sieht deine Arbeit aus?

Christine: Das Projekt besteht seit vier Jahren, war vorher bei der Aidshilfe und ist seit zwei Jahren von Frau und Arbeit angesiedelt. Es wird von der Stadt und dem Land Salzburg und auch vom BKA unterstützt. Ich mache Streetwork, gehe in die Bordelle, besuche die Gesundheitsämter, soweit das möglich und erlaubt ist, nehme Kontakt zu den Frauen auf und treffe mich mit ihnen bei mir im Büro oder in einem Café, wenn es akute Probleme gibt. Außerdem arbeite ich auch momentan in beratender Funktion beim Projekt IBUS in Innsbruck (Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen), wo ein Beratungsangebot aufgebaut wird. Der Anlass war, dass Frauen zu mir kamen, die in Innsbruck Probleme hatten, die ich in Salzburg lösen sollte. Das tue ich zwar gern, aber ich bin der Meinung, dass es eine eigene Beratungseinrichtung in Innsbruck geben sollte. Ich habe mit dem AEP (AEP – Autonomer Arbeitskreis für Emanzipation und Partnerschaft in Innsbruck) Kontakt aufgenommen und es hat sich so entwickelt, dass ich dort jetzt Mitarbeiterin geworden bin.

TT: Bist du jetzt Beraterin in Salzburg und Innsbruck?

Christine: Nein, das nicht, in Innsbruck bilde ich Leute aus, erkläre ihnen, was Streetwork bedeutet, was dabei zu beachten ist und was man unbedingt vermeiden sollte. Ich habe auch Frauen, die ich aus Salzburg kenne, nach Innsbruck geschickt, weil es in einer so sensiblen Angelegenheit sehr wichtig ist, jemanden dabei zu haben, der einen Bezug zur Zielgruppe hat. Sonst kann es passieren, dass man am Anfang mehr kaputt macht als gewinnt. Das Projekt hat sich in Innsbruck recht gut entwickelt, doch die Mitarbeiterinnen dort haben gesehen, was für eine „Hardcore“-Sozialarbeit das ist, vor allem, wenn die Rahmenbedingungen so eng sind wie in Salzburg und Innsbruck, was es schwieriger macht, die Zielgruppe zu erreichen.

TT: Unterscheiden sich die Bedingungen in den verschiedenen Bundesländern?

Christine: Das Prostitutionsgesetz ist über Landesgesetze geregelt, und die unterscheiden sich inhaltlich von Bundesland zu Bundesland. In einem Bundesland ist die Untersuchung am Gesundheitsamt vorgeschrieben und kostenpflichtig, in anderen Bundesländern kann man zu praktizierenden Ärzten gehen. In einem Bundesland sind Straßenstrich oder Wohnungsprostitution erlaubt, im anderen nicht. Da ist es selbst für Fachleute manchmal schwierig, einen Überblick zu bewahren, und umso mehr für die Sexarbeiterinnen selbst, vor allem dann, wenn sie aus einem anderen Land gekommen sind. Oberösterreich beispielsweise hat das Prostitutionsgesetz, das jetzt „oberösterreichisches Sexualdienstleistungsgesetz“ heißt, neu überarbeitet, während die Gesetze sowohl in Salzburg als auch in Innsbruck sehr restriktiv sind.

TT: Inwiefern sind die Salzburger Gesetze restriktiv?

Christine: Das Salzburger Gesetz gibt den Betreibern und Betreiberinnen viele Rechte, verweigert diese aber den Frauen. So ist die Anbahnung und Ausübung der Prostitution, ich zitiere das Gesetz, „nur in konzessionierten Betrieben erlaubt“, von denen wir zurzeit 15 haben. Wenn nun Frauen in Salzburg auf die Idee kämen, Sexualdienstleistungen für Behinderte anzubieten, oder sich eine Wohnung zu mieten und sich selbständig zu machen, und dabei im legalen Rahmen bleiben wollen – d.h. selbst einen Mietvertrag abschließen und selbst ihre Steuern zahlen –, wird das in Salzburg nicht genehmigt werden. Das führt dazu, dass die Frauen von den Betreibern abhängig sind und diese den Frauen vorschreiben können, wie sie zu arbeiten haben und welche Sexpraktiken (safe oder unsafe) sie ausüben müssen. Zudem sind die Betreiber verpflichtet, die Steuergelder von den Frauen entgegenzunehmen.

TT: Das heißt, die Frauen sind den Betreibern ausgeliefert?

Christine: Richtig. Ich kenne einen konkreten Betreiber, der hat von einer Frau viereinhalb Jahre Steuern einkassiert. Wir haben dann nachgeforscht und herausgefunden, dass er aber nur für sechs Monate Steuern abgeführt hat und den Rest des Geldes behalten hat. Prostituierte sind "Neue Selbständige", also keine Angestellten, trotzdem haben die Betreuer das Recht oder sogar die Pflicht, das Geld für sie abzuführen. Wo sonst gibt es Selbständige, die ihre Steuern nicht selber bezahlen dürfen? Das hat auch zur Folge, dass die Frauen zur Unselbständigkeit erzogen werden. Sie müssen sich um nichts kümmern und bekommen alles erledigt, müssen natürlich auch dafür bezahlen, aber wenn sie sich später beruflich umorientieren wollen, ist die Umstellung oft schwierig für sie. Wenn ich für eine Frau etwas erledigt habe und dann zu ihr sage, „das nächste Mal machst du das bitte selber“, erlebe ich oft, dass ich die Antwort bekomme: „Aber wenn ich dir Geld gebe, machst du es?“ Ich sehe aber die Hilfe zur Selbsthilfe, die Hilfe zum Finden des eigenen Weges als absoluten Schwerpunkt meiner Arbeit und nicht, jemanden Probleme abzunehmen.

TT: Wer sind deine KlientInnen?

Christine: Ich traue mir fast zu sagen, über 90 Prozent der Sexarbeiterinnen sind Migrantinnen. Ich habe sehr viele Klientinnen aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Slowakei…Und, es sind nicht nur Klientinnen, sondern es werden auch immer mehr Klienten hier, junge Männer, die sich als Transsexuelle verdingen. In Paris hat man festgestellt, dass, je härter die Prostitutionsszene dort wurde, umso weniger Frauen und umso mehr Männer gekommen sind. Mit harten Verhältnissen meine ich schwierige Arbeitsbedingungen, und ich erkenne auch in Salzburg den Trend zu Transsexuellen. Das liegt zum Teil aber wohl auch daran, dass die Kunden etwas Neues ausprobieren wollen.

TT: Wie sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen?

Christine: Ich berate Menschen, die in der legalen und in der illegalen Szene arbeiten. In der illegalen Szene haben wir in Salzburg Frauen oder auch Männer im Begleitservice, es gibt Wohnungen und Hotels, wo sie sich einmieten, und es gibt auch einen Straßenstrich. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind sehr unterschiedlich. Es gibt durchaus auch Frauen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie selbstbestimmt leben und sich mit ihrem Beruf arrangiert haben. Diese haben ganz klare Ziele, meist ist es die Familie zu Hause, die sie unterstützen. Eine Sexarbeiterin wollte einmal den Beruf wechseln und begann mit einer Arbeit in der Reinigungsfirma. Doch kurz danach traf ich sie wieder im Bordell an. Die Arbeit in der Reinigungsfirma mache sie körperlich mehr kaputt, erzählte sie, der Chef habe sie angebaggert und sei untergriffiger als ihr Bordellchef gewesen, und verdient habe sie natürlich auch bedeutend weniger. Sie sagte: „Solange ich im Bordell arbeite, kann ich wenigstens einmal im Jahr einen Urlaub in meiner Heimat (der Dominikanischen Republik) machen und meinen Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen.“ Und das ist den Frauen immer besonders wichtig, nämlich die Schulbildung der Kinder. Sie schicken ihre Kinder oft in Privatschulen, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

TT: Wie sind die Beziehungen der Kunden zu den Sexarbeiterinnen?

Christine: Manche Kunden wollen Sexarbeiterinnnen helfen, zum Teil vielleicht, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, aber es entwickeln sich natürlich auch Freundschaften und Liebesbeziehungen. Ich hatte eine Praktikantin, die mit einem Kunden ein Kind hat jetzt mit ihm zusammenlebt. Aber auf „Pretty Women“ zu hoffen ist eine gefährliche Sache, weil die Erwartungen meist nicht erfüllt werden.

TT: Weil sich daraus ein Abhängigkeitsverhältnis entwickelt, zum Beispiel wegen der Aufenthaltsgenehmigung?

Christine: Ja, oder weil der Mann sich dann selbst als Zuhälter entpuppt und dann sagt: „So, Schatzilein…“

TT: Woher, denkst du, kommt die starke Ablehnung und Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen?

Christine: Ich denke, die Menschen interpretieren ihre eigenen Gefühle zum Sex, die ja sehr persönliche sind, da hinein. Oft haben gerade jene Männer Vorurteile, die selbst solche Wünsche haben, diese aber verdrängen. Oder bei deren Frauen – ich hatte einmal ein langes Gespräch mit so einer Frau, bei dem schließlich zu Tage gekommen ist, dass ihr Partner ins Puff gegangen ist.

TT: Was sind die Motive der Frauen für die Sexarbeit?

Christine: Während die Motive der Männer vielfältig sind – der Reiz des Verbotenen, die Anonymität und Unverbindlichkeit – gibt es bei den Frauen meistens nur ein einziges Motiv: Geld und keine andere Option. Ich möchte gern wissen, welchen Anteil Prostitutionsgelder an den Geldtransfers von Western Union ausmachen, die zu den Familien der Frauen ins Heimatland fließen.

TT: Wie können Frauen sich aus der Rolle der unmoralischen Verbrecherin einerseits und des hilflosen Opfers andererseits befreien?

Christine: Sehr schwierig. Wenn sich Sexarbeiterinnen outen und der Gesellschaft zeigen, dass sie nicht vertrottelt sind, will man sie nicht sehen, weil sie unserer Gesellschaft einen Spiegel vors Gesicht halten. Es gibt ja Frauen, die sich in der Ehe auch nach diesem Muster benehmen und ihre Sexualität als Machtmittel ausspielen, um zum Beispiel einen Pelzmantel zu bekommen. Die Gesellschaft schaut gerne auf die Sexarbeiterinnen herab, weil die das offen und nicht versteckt machen. Ich habe einmal junge Mädchen in der Disko gefragt, worauf sie bei Männern achten, und sie gaben zu, auf den Autoschlüssel zu schauen. So lange diese Muster nicht aufgebrochen sind, brauchen wir gar nicht darüber zu diskutieren, ob Prostitution verboten oder erlaubt werden sollte. Es darf aber nicht sein, dass der Staat Sexarbeiterinnen bestraft, der Staat sollte diese Menschen beschützen, weil sie dann keine anderen Beschützer, sprich Zuhälter, brauchen.

TT: Wie sind die Chancen für die Frauen, auszusteigen und in einem anderen Beruf Fuß zu fassen?

Christine: Das ist leider sehr schwierig. Wie kann ich da über berufliche Umorientierung nachdenken, wenn mir keine Möglichkeiten geboten werden? So lange wir eine Gesellschaft haben, in der Frauen ungerecht entlohnt werden? Noch dazu, wenn sie aus anderen Ländern kommen und eine Ausbildung haben, die hier nicht anerkannt wird, oder auch wenn sie keine Möglichkeit auf Bildung gehabt haben.

TT: Gibt es so etwas wie eine Gewerkschaft für Sexarbeiterinnen, die sich für ihre Rechte einsetzt?

Christine: Es gibt das Sexworker-Forum (www.sexworker.at) im Internet. Wir sind mitten in der Wirtschaftskrise, die Betreiber wälzen das auf die Frauen ab, und die Belastungen für die Frauen werden immer größer. Die Frauen haben so immer weniger Zeit, sich zu organisieren. Es gibt eine Gruppe von österreichischen Frauen, die Interesse daran hätte, sich für eine Verbesserung ihrer Situation einzusetzen, aber viele von ihnen denken, dass ihre Situation wegen der Konkurrenz durch die Migrantinnen so schlecht sei. Leider durchschauen sie nicht, dass das nicht die Schuld der Migrantinnen ist, sondern unser System daran schuld ist. Die Migrantinnen wiederum sehen ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin als zeitlich begrenzt an. Sie sagen sich, ich spare etwas Geld und gehe dann nach Hause, oder hoffen, einen Mann kennenzulernen. Die Uneinigkeit in dieser Gruppe stellt hier eine Schwierigkeit dar. Ich hatte einmal vor, eine Art „Hurenstammtisch“ einzurichten, aber momentan fehlen mir einfach die zeitlichen Ressourcen dafür, dieses Projekt weiter zu verfolgen.

TT: Bist du alleine für alle Sexarbeiterinnen in Salzburg zuständig? Ist das nicht ein bisschen ein Alibiprojekt?

Christine: Ja natürlich. Ich bin allein für das ganze Bundesland zuständig. Ich habe zwar jetzt eine Praktikantin, deren Vertrag aber ausläuft. Als ich letzten Sommer Urlaub hatte, wollte ich nicht ins Ausland fahren, um erreichbar zu sein, und das war auch wichtig, denn in den zwei Wochen gab es vier Notfälle. Zum Glück habe ich aber große Freiheit bei meiner Arbeit und niemand mischt sich ein, vielleicht weil man froh ist, dass ich mich um dieses Problem kümmere und man sich nicht damit auseinandersetzen muss. Aber natürlich würde es viel mehr Mitarbeiterinnen brauchen.

TT: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Christine: Wir arbeiten gerade daran, einen Projektantrag zu stellen im Bereich Gesundheit. Ich würde nämlich gerne Sexarbeiterinnen als Mentorinnen ausbilden. Mein Traum wäre ein eigenes Lokal mit einem Büro als Anlaufstelle, aber auch mit einem Café und einem kulturellen Zentrum, wo sich die Frauen treffen können.

TT: Danke für das aufschlussreiche Gespräch!


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veröffentlicht in Talktogether Nr. 43/2013