Gespräch mit Marissa und Khan von der Flüchtlingsbewegung in Wien PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Marissa und Khan,

von der Flüchtlingsbewegung in Wien

Transnationaler MigrantInnenstreik, vor der Votivkirche, 1.3.2013, Fotos: Daniel Weber

TT: Was hat sich seit Beginn des Protests verändert?

Marissa: Es hat schon im Oktober mit der großen Demo der somalischen Community ein erstes Signal gegeben, dass sich Asylwerber und Asylwerberinnen sichtbar gemacht haben. Das ist ein großer Schritt. Leute von der somalischen Community waren auch dabei, als die Proteste, die im November organisiert wurden. Im November ist es mit dem Marsch von Traiskirchen losgegangen. Es hat aber nie den Plan gegeben, in die Votivkirche zu kommen, das war eine Strategie, die sich aus der Situation heraus entwickelt hat. Ich war auch beim Marsch dabei. Wir sind sieben Stunden lang marschiert und es war für mich ein historischer Moment, als wir in Wien von 200-300 Leuten empfangen wurden, die auf uns gewartet hatten. Wir haben das Camp errichtet und die Leute haben viel Solidarität gezeigt, sind jeden Tag gekommen, haben Essen gebracht und auch Geld. Das Camp war in der Öffentlichkeit sehr präsent, es war für die Menschen möglich, mit den Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen. Das hat einen Monat lang gedauert und war ein großer Unterschied zur Situation in der Votivkirche jetzt, wo die Leute isoliert sind. Dass wir es aber geschafft haben, nun schon über zwei Monate hier zu sein, ist eine große Geschichte.

TT: Was sagt ihr zu den Vorwürden in den Medien, dass die Flüchtlinge instrumentalisiert werden?

Marissa: Man muss immer fragen, wer die AktivistInnen sind. Ich selbst definiere mich als Aktivistin, weil ich auch schon in Brasilien Erfahrungen in der Schwarzen- und der Landlosenbewegung gemacht habe. Ich selbst bin auch Migrantin und lebe seit acht Jahren hier. Ich habe mich mit dieser Bewegung, mit diesen Menschen, die in der Gesellschaft unsichtbar waren und jetzt aufgestanden sind, um für ihre Existenz und ihre Lebensbedingungen zu kämpfen, sofort identifiziert.

Den Vorwurf der Instrumentalisierung finde ich wirklich sehr schwerwiegend, weil man damit aussagt, dass man den Flüchtlingsaktivistinnen nicht zutraut, sich selbst zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. Das ist eine Lüge. Natürlich gibt es in jeder Bewegung auch Leute, die sich selbst darstellen wollen. Aber welches Interesse sollten wir daran haben, dass die Leute einen Hungerstreik machen und vielleicht sterben? Aktivismus hat sehr viel mit Verantwortung zu tun. Es ist eine große Verantwortung, hinter 130 Menschen zu stehen, die als illegal angesehen werden. Welches Interesse sollte ich haben, mich so zu disponieren? Ich selbst bin zwar nicht in der gleichen Situation, weil ich einen Daueraufenthaltstitel habe, aber auch ich kann kriminalisiert werden.

Die Leute, die hier mitmachen, haben keine eigenen politischen Interessen, man sieht hier auch keine Namen von Parteien, NGOs oder Vereinen. Es war unser Prinzip, keinen Verein zu haben, der hinter dieser Bewegung steht, weil es sich um eine selbstorganisierte Bewegung handelt. Ich selbst bin Mitglied der Migrantinnen-Selbstorganisation MAIZ, aber ich bin hier als Marissa und habe nie im Namen meiner Organisation gesprochen. Die Protagonisten der Bewegung sind die Flüchtlinge selber. Man hält die Leute nicht für fähig, für sich selbst aufzustehen und zu sagen: Wir wollen ein besseres Leben, wir wollen nicht länger Opfer sein. Doch sobald sie aufhören, Opfer zu sein, werden sie als Täter und als Problem für die Gesellschaft gesehen. Die Flüchtlinge fragen oft: Sind wir kriminell, weil wir für unsere Rechte kämpfen? Die Medien versuchen eine Geschichte aufzubauen, dass es eine Frechheit sei, dass die Flüchtlingsaktivistinnen die Kirche besetzt haben, obwohl sie immer betonen, dass sie die Kirche nicht besetzt haben, sondern nur Schutz gesucht haben. Doch niemand nimmt das wahr.

TT: Es wird auch gesagt, dass die Aktivisten Entscheidungen treffen, ohne die Flüchtlinge zu fragen.

Marissa: Das stimmt überhaupt nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall: Obwohl viele nicht mit dem Hungerstreik einverstanden waren, haben wir die Entscheidung der Flüchtlinge respektiert. Die Flüchtlinge haben diese Strategie gewählt, sie sind sehr aktiv in diesen Entscheidungen. Wir machen Vorschläge, treffen aber keine Entscheidung ohne die Flüchtlingsaktivisten – sie sind in erster Linie Aktivisten, mehr als wir, weil sie betroffen sind. Es gab nie eine Entscheidung ohne sie selber, das kann ich beweisen, weil ich immer dabei war. Ich möchte aber nicht sagen, dass wir demokratisch entscheiden. Ich mag das Wort Demokratie nicht, weil es ein eurozentrischer Begriff ist, der von denen stammt, die die Macht haben. wurde. Ich habe in diesen zwei Monaten sehr viel gelernt und auch verlernt, es war ein Prozess von Lernen und Verlernen.

TT: Was bringt eine Frau wie dich dazu, in der Votivkirche zu übernachten?

Marissa: Dort zu schlafen, ist ein Zeichen dafür, den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie nicht isoliert sind. Allerdings gibt es jetzt ein System des Pfarrers, dass nur fünf Personen die Erlaubnis haben, in der Kirche zu sein. Bevor der Hungerstreik begonnen hat, haben wir Essen organisiert, wir sehen mit nach, ob es den Leuten gut geht und reden mit ihnen. Das ist sehr wichtig, denn es gibt Leute, die den ganzen Tag allein in der Kirche sind. Dort auch zu schlafen, ist extrem wichtig. Wir sind in der privilegierten Situation, weil wir eine warme Wohnung haben. Wenn wir den Flüchtlingen vermitteln wollen, dass wir mit ihnen sind und sie nicht allein lassen, können wir dann einfach nach Hause in unser warmes Bett gehen? Wir haben das nicht zum Spaß gemacht.

TT: Woher nimmst du die Kraft dazu?

Marissa: Ich glaube an die Veränderung. Und wenn ich die Entscheidung getroffen habe, dabei zu sein, dann reicht es nicht, nur in einem Plenum zu reden, sondern ich muss wirklich Solidarität zeigen, selbst wenn ich mit einer Strategie nicht einverstanden bin. Aktiv zu sein, heißt für mich zu 100 Prozent und nicht nur teilweise dabei sein. Viele haben mich gefragt: Hast du keine andere Arbeit, dass du hier so viel Zeit verbringen kannst? Wie kannst du es dir leisten, jeden Tag hier zu sein? Ich habe eine Anstellung, aber hier zu sein, ist für mich eine Frage der Priorität. Viele von uns UnterstützerInnen hier leben auch selbst prekär.

TT: Was sagst du zu dem Vorwurf, dass die Flüchtlinge durch ihren Hungerstreik den Staat erpressen wollen?

Marissa: Hungerstreik ist eine Form von Widerstand, in dem der eigene Körper eingesetzt wird. Es ist eine extrem radikale Form des Widerstands, die hier im Westen nicht so bekannt ist. Aber es ist nicht das erste Mal, das die Menschen in den Hungerstreik treten, Hungerstreiks finden jeden Tag in der Schubhaft statt. Doch dort sind sie versteckt, aber dieser Hungerstreik ist sichtbar und findet in der Öffentlichkeit statt. So eine Entscheidung trifft jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Es geht hier auch um die Definition von Leben und Tod. Diese Menschen wollen nicht sterben, sie wollen leben, doch sie haben hier kein Recht als Mensch zu leben, sie werden nicht als Menschen angesehen. Wie viel Wert hat ein Menschenleben? Diese Frage wird hier gestellt.

TT: Die Reaktion der Politik ist ja weg zu schauen und nichts zu tun. Wie kann man noch mehr Menschen für die Sache der Flüchtlinge gewinnen?

Marissa: Es fehlt noch die Mobilisierung durch die Zivilgesellschaft. Die katholische Kirche hat einen großen Einfluss und viele Menschen haben nicht die Möglichkeit zu sehen, was wirklich vor sich geht. Wir tun alles, was wir können, organisieren Demos, aber wir fragen uns auch, ob Demonstrationen die richtige Form der Mobilisierung ist. Es ist wichtig, auf der Straße sichtbar sein, aber es fehlt noch die Sensibilisierung der Zivilgesellschaft. Aber das ist ein Prozess. Ich frage mich jeden Tag: Was wird am nächsten Tag passieren, was sind realistische Lösungen? Aber ich sehe, dass es 13 Jahre nach Omofuma und Seibane wieder eine Aktivierung gibt, und das ist ein historischer Moment, auch wenn man die Veränderung noch nicht real sieht. Wir wissen, dass wir das System nicht in zwei oder drei Monaten verändern können, das ist unmöglich. Strukturelle Veränderungen zu erreichen, ist ein langfristiger Prozess. Aber wir müssen Zeit gewinnen, wir müssen aufpassen, dass nichts passiert, damit die Leute da bleiben und eine Veränderung erleben können. Aber es ist manchmal schwierig, diese Geduld zu haben.

TT: Wie seht ihr das, wenn die Innenministerin sagt, wir werden das Asylsystem nicht ändern?

Marissa: Ich glaube, das müssen sie wohl sagen. Die Flüchtlinge werden aber nicht einfach aufgeben, und das können sie nicht ignorieren. Ich finde, dass die Flüchtlinge sehr stark sind. Sie provozieren eine Debatte, so dass die Regierung sich mit diesem Thema beschäftigen muss. Ich bin immer noch optimistisch, dass wir zu einem positiven Ergebnis kommen können, auch wenn es im Moment wirklich nicht danach aussieht. Die Politik gibt zwar vor, nicht interessiert zu sein, aber sie wissen ganz genau, was die Forderungen sind, sie kennen die Aussagen der Flüchtlinge, sie verfolgen die ganze Geschichte, sie können es nicht ignorieren und das ist ein großer Gewinn, den die Flüchtlinge mit ihrem Protest erreicht haben.

TT: Khan, was ist dir dein Leben heute wert?

Khan: Manchmal denke ich, mein Leben ist vorbei. Aber ich möchte etwas verändern, nicht nur für mich. Doch ich muss auch an meine Familie denken. Nun bin ich in den Medien sehr präsent. Ich habe diese Entscheidung getroffen, im Vordergrund zu stehen, aber manchmal frage ich mich, ob das meiner Familie schaden könnte. Ich frage mich, ob meine Kinder in Sicherheit sind. Das Leben in Pakistan ist sehr gefährlich. Sie sind schon fünf oder sechs Mal in eine andere Region gezogen, haben Schule und Universität gewechselt, und ich möchte nicht, dass sie ihre Ausbildung abbrechen.

Ich denke aber nicht nur an mich und meine Familie, sondern auch an die Menschen in meiner Region. Das Swat-Tal liegt in der Nähe der afghanischen Grenze und seit Ausbruch des Krieges in Afghanistan ist die Situation dort sehr instabil. Seit 1979 herrscht Gewalt und es ist nicht mehr möglich, ein normales Leben zu führen. Auf der einen Seite stehen fanatische religiöse Gruppen, die Geld und Waffen haben, sie benützen die Menschen und wollen die Bildung abschaffen. Auf der anderen Seite stehen korrupte Politiker und die pakistanische Armee.

Die meisten Menschen in meiner Region wollen ein normales Leben führen, sie wünschen sich Bildung und Entwicklung. Ich habe in einer politischen Partei gearbeitet. Wir glauben nicht an Gewalt, wir glauben an Dialog und Überzeugung. Wir glauben an Frieden und Entwicklung, wir wollen Bildung und ein gutes Leben für alle Menschen, egal welcher Nationalität, welcher Hautfarbe oder Religion. Wir glauben an die Menschlichkeit. Wir haben immer versucht, die Gewalt zu stoppen, indem wir mit den Menschen reden und versuchen, sie vom religiösen Fanatismus und der Gehirnwäsche in den Koranschulen abzubringen, und sie zu überzeugen, ein normales Leben zu führen. Das ist auch nicht schwer, wenn man an den Dialog glaubt. Doch dann hat die Regierung angefangen, den politischen Leuten Probleme zu bereiten und sie zu verfolgen. Deshalb hatte ich keine Möglichkeit mehr, ein Visum zu beantragen und legal auszureisen und musste fliehen.

TT: Welche Erwartungen hattest du von Europa?

Khan: Ich habe mir auch keine Illusionen über Europa gemacht, weil ich die Geschichte des Kolonialismus in meinem Land kenne. Ich bin jetzt seit acht Jahren in der Europäischen Union, zuerst in Griechenland und seit zehn Monaten in Österreich. Nach Österreich zu kommen, habe ich mir nicht ausgesucht, vielmehr wurde ich hier her getrieben.

Ich möchte nur ein ganz normales Leben führen. Ich habe Verwandte, die in der ganzen Welt verstreut leben, durch deren Unterstützung meine Kinder eine Ausbildung machen können. Sie könnten mir auch helfen, etwas aufzubauen. Ich habe versucht, in Griechenland ein kleines Geschäft aufzumachen, aber wie kann ich das, ohne legalen Aufenthaltsstatus? Ich bin 47 Jahre als und lebe nun seit acht Jahren als Flüchtling. Wie kann ich so weiter leben?

veröffentlicht in Talktogether Nr. 43/2013