Gespräch mit Hanna und Marko Feingold PDF Drucken E-Mail

9. November – Internationaler Tag gegen Faschismus und Antisemitismus

Gespräch mit Hanna und Marko Feingold

Bald kommt der 9. November, der zum Internationalen Tag gegen Faschismus und Antisemitismus erklärt wurde. Was verbindet Sie mit diesem Datum?

H.F.: Dieses Datum markiert den Beginn der Morde. Der Antisemitismus begann ja nicht in Auschwitz, sondern mit kleinen Sticheleien „Naja, die Juden…“ bis hin zur Ausgrenzung „kauft nicht bei Juden“ und Berufsverboten für jüdische Menschen. Zum Zeitpunkt des 9. November 1938 war die Phase der wirtschaftlichen und sozialen Ausgrenzungen bereits abgeschlossen. Der 9. November war dann der Auftakt zu dem, was danach folgte. Es war für die Nazis ein Test, um auszuprobieren, wie weit sie gehen konnten. Und es haben alle mitgespielt, es gab ja kaum einen Aufschrei in der Bevölkerung, der Großteil war entweder mit der Gewalt einverstanden oder blieb passiv. Es gab in dieser Nacht viele Selbstmorde von jüdischen Menschen, die keinen Ausweg mehr aus dieser Situation sahen.

Was genau passierte in dieser Nacht?

H.F.: Dazu muss man auch das Vorspiel kennen. Die polnische Regierung hatte ein Gesetz erlassen, nach dem polnische Staatsbürger, die längere Zeit außer Landes gelebt hatten, ihre Staatsbürgerschaft verloren. Viele polnische Juden hatten damals in Deutschland gelebt. In Berlin herrschte große Wohnungsnot. Hitler ordnete an, dass alle ehemaligen polnischen Staatsbürger aus Berlin weg müssten, und schickte sie an die polnische Grenze. Die polnischen Behörden verweigerten diesen Menschen aber die Einreise. Unter ihnen war auch die Familie Grynszpan. Davon hat Herschel Grynszpan, der in Paris lebte, durch einen Brief seiner Schwester erfahren. Bekanntlich hat er dann die deutsche Botschaft aufgesucht und den Botschaftssekretär vom Rath angeschossen. Wir können ihn heute leider nicht mehr fragen, ob er möglicherweise auch zu dieser Tat provoziert worden ist. Wir wissen nur, dass er durch den Brief aufgeregt war und vom Rath angeschossen hat. Man kann jedoch davon ausgehen, dass der Pogrom, die darauf folgte, bereits geplant und vorprogrammiert war.

M.F.: Es hat ja drei Tage gedauert, bis vom Rath gestorben ist. In diesen drei Tagen hat man den Vorfall publiziert und versucht, das Volk aufzuwühlen.

H.F.: Während vom Rath langsam gestorben ist – vielleicht hat man ihm ja auch nicht die nötige Hilfe zukommen lassen –, wurden die Aktionen arrangiert. Eine so groß angelegte Aktion in ganz Deutschland und Österreich kann man nicht in nur drei Tagen organisieren. Die Pläne dazu lagen schon in der Schublade und man hat auf einen günstigen Zeitpunkt gewartet. Auf österreichischem Gebiet hatte man sich sechs Monate darauf vorbereitet und Listen angefertigt, welche jüdischen Geschäfte geplündert werden sollten.

M.F.: Vom März bis November 1938 waren die meisten Geschäfte schon arisiert worden, weshalb man viele Geschäfte gar nicht zerstört hat. In Österreich war man wesentlich schneller mit den Arisierungen als in Deutschland. In Deutschland hat man zuerst Gesetze dafür geschaffen, nach denen man handeln konnte, während man in Österreich nicht darauf gewartet hat und außergesetzliche Aktionen überhand genommen haben. Deshalb wurden im November 1938 in Österreich hauptsächlich Synagogen und andere jüdische Einrichtungen angezündet.

Der Glasschaden der in ganz Deutschland zerstörten Schaufenster war immens hoch. Die Geschäfte waren aber versichert. Die Versicherungen mussten bezahlen und der deutsche Staat hat das ganze Geld eingesteckt. Dann wurden die Juden auch zu einer Strafe von einer Milliarde Reichsmark als Ausgleich verurteilt. Weil das Geld zu schnell aufgebracht worden ist, hat man die Strafe dann einfach noch um 500.000 Reichsmark erhöht.

H.F.: Der deutsche Staat hat also zweieinhalb Mal kassiert, zuerst von der Versicherung, dann von den Juden und dann auch 50 Prozent Zuschlag.

M.F.: Bei den Restitutionsforderungen scheinen diese die eineinhalb Milliarden überhaupt nie auf, sie sind nie zurückverlangt worden, obwohl es gestohlenes Geld war. Wenn man alles einberechnet, was von den Juden geraubt wurde, und da gehört dieses Geld natürlich dazu, sind bis heute keine fünf Prozent zurückgegeben worden.

Welche Bedeutung hat dieser Gedenktag?

H.F.: Wie gesagt, der 9. November markiert den Beginn des systematischen Mordens. Nicht nur in den zehn Geboten steht „du sollst nicht töten“, auch in den Gesetzen jedes Landes der Welt ist Mord verboten und wird bestraft. Deshalb müssen solche Tage Gedenktage sein, um immer wieder auf das Unrecht hinzuweisen, und dass so etwas nie wieder passieren darf. Der Tag ist nicht nur ein Gedenktag für Juden, sondern für alle, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Jedes Jahr gibt es an diesem Tag in Salzburg eine Gedenkveranstaltung am Alten Markt, die von der Rudolf-Steiner Schule organisiert wird. Wir sind immer dort. Leider muss ich sagen, dass sich im Laufe dieser zehn Jahre nur selten ein Politiker oder eine Politikerin dorthin verirrt hat, und wenn, dann nur welche aus der dritten oder vierten Reihe. Eigentlich sollte sich hier jemand aus der ersten Reihe blicken lassen, um als Vorbild zu wirken, weil ja sie es sind, die den Ton angeben. Es muss ja nicht jedes Mal die Landeshauptfrau da sein, aber ich wünschte mir, dass die Politik hier mehr Präsenz zeigen würde.

Das heißt, dieser Tag wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig beachtet?

H.F.: Viel zu wenig. Es genügt nicht, am 50. oder am 60. Jahrestag etwas zu tun, jedes Jahr muss daran erinnert werden. Nicht wegen der Vergangenheit, sondern als Mahnung für die Zukunft. Es gibt heute fast keine Juden mehr in Österreich, heute sind Türken oder Muslime die Zielscheibe, in zwei Jahren können es wiederum andere sein. Jeder Fremde und jede Minderheit kann zum Opfer werden.

M.F.: Man sagt, eine Geschichte muss aufgearbeitet werden, sonst muss man sie wieder erleben. In Österreich fängt man jetzt damit an, jetzt, wo fast keiner der Zeitzeugen mehr lebt. 67 Jahre lang hat man nicht viel getan. Nach dem Krieg hat man für die Nazis mehr Sympathien aufgebracht, als für ihre Opfer. Karl Renner zum Beispiel hat den ersten 124 KZ-Häftlingen aus Buchenwald nicht erlaubt, nach Wien zu kommen. Darunter war Edi Goldmann, der Frau und Kind in Wien gehabt hat. Wie kann man österreichischen Staatsbürgern verbieten, nach Wien zu kommen? Als man nach dem Krieg Ärzte brauchte, gab es den Vorschlag, geflüchtete jüdische Ärzte aus Shanghai zurück zu holen. Doch stattdessen hat man lieber die Nazi-Ärzte amnestiert. Den großen Kriegsverbrechern hatte man rechtzeitig zur Flucht nach Argentinien verholfen, wobei die Kirche maßgeblich beteiligt war. Durch die Amnestie 1950 war dann ohnehin alles erledigt.

Wird dieser Tag auch von den Medien zu wenig wahrgenommen?

H.F.: Leider viel zu wenig. Aber ich kann nicht zu den Zeitungen gehen und sagen, „heute ist der Gedenktag an die Kristallnacht, berichtet darüber!“ Institutionen, die von Subventionen abhängig sind und Leute, die diese Arbeit ehrenamtlich leisten, stoßen hier an ihre Grenzen. Von gut ausgebildeten Journalisten, die im Computer ihr Kalendarium haben, könnte ich jedoch erwarten, dass sie von sich aus aktiv werden.

M.F.: Meine Frau hat am 5. Oktober im Kalendarium der Salzburger Nachrichten einen Satz gelesen, in dem darauf hingewiesen wurde, dass der Reichsführer Himmler am 5. Oktober 1942 verkündet hatte, dass alle Juden aus den KZs auf deutschem Boden nach Auschwitz verbracht werden müssen.

H.F.: Es war eine Spalte von 3 Zentimetern und der Hinweis war gerade einmal zweieinhalb Zeilen lang.

Sie haben es bereits angesprochen: Sehen Sie Ähnlichkeiten zu damals, wenn heute gegen Ausländer, gegen Asylwerber oder Muslime gehetzt wird?

M.F.: Damals ging es ja auch nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Sinti und Roma, gegen Homosexuelle und gegen Bibelforscher, aber auch gegen die slawischen Völker. Deshalb sind die Nazis auch in Polen und Russland so rabiat vorgegangen. Wenn es damals in Europa mehr dunkelhäutige Menschen gegeben hätte, wären die Nazis sicher auch gegen sie vorgegangen. Wir wissen ja von den Olympischen Spielen, dass sich Hitler geweigert hatte, Menschen mit anderer Hautfarbe eine Auszeichnung zu überreichen.

H.F.: Wie ich schon gesagt habe, vielleicht geht es heute nicht mehr gegen Juden, aber das ist vollkommen austauschbar. Gestern waren es Jugoslawen, heute Muslime, wer sind die nächsten, die Eisenbahner, die Lehrer? Heute ist die Hetze gegen die Bettler aktuell. Gerade gestern habe ich in der Zeitung eine Geschichte über einen Bettler gelesen, der angeblich beim Betteln ein Fußleiden vortäuscht, sich aber nachher umzieht und ganz normal wegläuft. Ich kann nicht überprüfen, ob die Geschichte der Wahrheit entspricht. Aber wenn die Leute herkommen müssen, um zu betteln, hat das eine Ursache. Wir leben doch heute in der europäischen Union. Die Regierungen dieser Länder müssten dazu verpflichtet werden, diesen Menschen Bildung und Chancen zukommen zu lassen. Ich kenne den Rudi Sarközy vom Kulturverein der Roma sehr gut. Er leistet eine ganz wichtige Arbeit, weil er auch über den Tellerrand blickt, auf das, was zum Beispiel in der Slowakei, Rumänien, Bulgarien oder in Ungarn mit den Roma passiert.

Was kann man tun gegen diesen Rechtsruck, den man nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa feststellen kann?

H.F.: Es ist zu beobachten, dass solche Tendenzen immer dann auftreten, wenn die wirtschaftliche Lage unsicher ist. Es geht uns ja eigentlich gut, vielleicht nicht sehr gut, aber die meisten in diesem Land leiden keine Not. Wenn es wirtschaftlich bergab geht, sollte man eigentlich mehr zusammenrücken. Die Politik müsste etwas tun, um zu verhindern, dass Rechtsparteien so einen Zulauf bekommen.

Anlässlich des Nationalfeiertags werden Schriftsteller und Künstler Reden zur Situation im Land halten. In Salzburg wird Josef Winkler über Haider reden. Haider ist ein gutes Beispiel für die Realitätsverweigerung vieler Menschen, die einem Phantombild nachlaufen. Hier wird ein Mann hoch gehalten, der nicht nur als Betrunkener verantwortungslos in den Tod gerast ist, sondern auch das Land in den finanziellen Ruin getrieben hat. An der Unglückstelle, der sogenannten Haiderkurve – obwohl diese Kurve eigentlich eine Gerade ist – wurde eine Kultstätte eingerichtet, wohin Tausende hinpilgern, um Kerzen anzuzünden. Das war bei Hitler auch ähnlich, da haben die Leute auch gesagt: „Nein, das haben wir nicht gewusst.“ Wenn man etwas nicht wissen will, blendet man es einfach aus. Aber das passiert uns allen, und ich will uns hier heute auch nicht ausnehmen, wenn uns etwas nicht ins Konzept passt, nehmen wir es oft einfach nicht zur Kenntnis.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 42/2012