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Entfremdung

von Seerwan Faraj

Die Wörter und die Dinge

Ein wichtiger Input, den uns die Frankfurter Schule gegeben hat, war die Kritik an den Gedanken. Das Problem ist, dass die Gedanken das Gehirn zu einer Maschine formen k√∂nnen, die abstrakt ist und nur roboterhafte Zuordnungen zul√§sst ‚Äď in diesem solcherma√üen geformten Gehirn werden ‚Äěmenschliche Gedanken‚Äú immer weniger, der Mensch ist nur eine Nummer. In der Dialektik der Aufkl√§rung wird dieser Prozess beschrieben und Kritik daran ge√§u√üert. Heute hat sich eine andere Entfremdung entwickelt, die Ursache f√ľr viele religi√∂se und kulturelle (also Identit√§ts-) Probleme ist und auf der Verwendung von W√∂rtern basiert. Die Benutzung von W√∂rtern kann ein Gef√ľhl der Entfremdung mit sich bringen, wie z.B. das Wort ‚ÄěMuttersprache‚Äú, worauf nachfolgend noch weiter eingegangen wird.

Die Benutzung von Wörtern

Kommunikation ist in unserem Alltagsleben ein wichtiges Element. Wenn wir miteinander reden, schicken wir unsere Meinung zu einem/einer Anderen oder zu mehreren Leuten. Dieses ‚Äěmiteinander reden‚Äú hat eine bestimmte Struktur, die wir erlernt haben. Wenn also ein Kind sprechen lernt und sich in seinen ersten Worten versucht, so hat es die W√∂rter/Sprache der Eltern, Geschwister oder vergleichbarer Bezugspersonen zum Vorbild. Das Kind lernt durch Wiederholung und Nachahmung. Im Kindergarten setzt sich dieser Lernprozess fort, erg√§nzt durch immer neue Bezugsgruppen, wie z.B. die der anderen gleichaltrigen Kinder im Kindergarten. Durch die Art, wie und wor√ľber wir Sprechen, wird der Einfluss der Bezugspersonen sichtbar. In der Schule und auf immer weiteren Gesellschaftsebenen setzt sich dieser Lernprozess immer weiter fort, wodurch wir eigene ‚ÄěSysteme des Redens‚Äú herausbilden.

Dabei gibt es zwei wichtige Punkte, die die Haupteinflussfaktoren auf das Miteinander-Reden sind: Erstens die grammatikalische Struktur einer Sprache, die in dem jeweiligen Land vorherrscht. Zweitens die kulturellen Codes und Umgangsformen, die die Sprache mittransportiert, zum Beispiel, ob man sich in einer bestimmten Situation duzt oder siezt. Diese zwei Ursachen ‚Äď ich m√∂chte im Folgenden vor allem die zweite in den Vordergrund stellen ‚Äď werden vom Kindesalter an unbewusst mitgelernt. Somit ist die Sprachentwicklung stark abh√§ngig vom sozialen Kontext, in dem man aufw√§chst.

Die Alltagskommunikation ist gepr√§gt von der Benutzung dieser sozialen und kulturellen Codes. Wir sammeln auf diese Weise viele W√∂rter und Wortbedeutungen in einem internen Sprachspeicher, aus dem wir anschlie√üend sch√∂pfen k√∂nnen. W√∂rter k√∂nnen, so passend sie in manchen sozialen Kontexten sind, in anderen Situationen ein Gef√ľhl der Entfremdung ausl√∂sen. W√∂rter k√∂nnen also zus√§tzlich zu den unterschiedlichen Bedeutungsebenen auch Entfremdung transportieren. Wenn jemand zum Beispiel die Frage, ob er oder sie arbeitet, bejaht, so ist damit durchwegs eine positive Emotion verbunden. Es kann aber sein, dass diese Person eigentlich zu viel arbeitet und ihre sozialen Kontakte verk√ľmmern l√§sst ‚Äď die positive Bedeutungszuschreibung w√§re also zu hinterfragen.

Da alle Menschen entfremdet sind, bemerken sie diesen Prozess, der im Hintergrund unbewusst abl√§uft, meist nicht mehr. Dabei hat doch diese Entfremdung gro√üen Einfluss auf die Gesellschaft und auf die Mitglieder dieser Gesellschaft, die ja zum Teil aus anderen Herkunftsl√§ndern kommen. Ich m√∂chte das an einem Beispiel aus meiner Herkunftsregion, dem Nahen Osten, verdeutlichen. Es gibt in ein paar L√§ndern des Nahen Ostens ein Wort f√ľr Gehorsam, f√ľr Unterw√ľrfigkeit, besonders in der kurdischen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin. Dieses Wort wendet man auf Personen an, die kritiklos sind und das patriarchalische System verinnerlicht haben, anstatt von Werten der Aufkl√§rung (wie Freiheit) gepr√§gt zu sein. Der Grundwert des Gehorsams hat in dieser Gesellschaft einen hohen Stellenwert und eine positive Bedeutung. Die Person, die diese positive Bedeutung angenommen hat, wurde dadurch ‚Äěentfremdet‚Äú: die negative Bedeutung (Verlust von Freiheit etc.) wird ausgeklammert und vergessen. Durch die Entfremdung/die √úbernahme der gesellschaftlichen Bedeutungszuschreibungen werden andere Pers√∂nlichkeitsmerkmale vernachl√§ssigt (z.B. Kritik zu √§u√üern). Es kommt zu einer Akzeptanz dieses dogmatischen Systems und die betroffene Person kann dies nicht mehr durchschauen. Diese unbewusste √úbernahme ist eine Ursache f√ľr Barbarei, im Sinne von traditionellen, altmodischen, reaktion√§ren und konservativen Einstellungen (vor allem im Erziehungssystem, Kommunikationssystem, usw.) der ‚ÄěVor-Moderne‚Äú. Dies ist eine der Ursachen f√ľr die vielen Probleme, die wir heutzutage im Nahen Osten sehen.

Auch im Bereich des grammatikalischen Systems wird die Entfremdung sichtbar. Wenn wir beispielsweise einen formalen Brief schreiben, so werden wir uns an die Regel des Siezens halten, sofern wir mit der/dem Empf√§ngerIn nicht befreundet sind. Tun wir dies nicht, so kann der oder die AdressatIn des Briefes befremdet sein und unsere Wortwahl f√ľr unangebracht, unh√∂flich oder respektlos befinden. Die Tatsache, dass das ‚ÄěDu‚Äú unter den Menschen situationsbedingt nicht ‚Äěnormal‚Äú ist, ist ein Indiz f√ľr die Entfremdung. Auch in der Moderne also, beinhalten die W√∂rter, grammatikalischen Regeln und gesellschaftlichen Umgangsformen diesen Entfremdungsmoment, der die Menschen spaltet.

Diese Entfremdung bereitet gro√üe Probleme, wenn viele verschiedene Leute mit unterschiedlichen Identit√§ten in einer Gesellschaft zusammenleben. Betrachten wir zum Beispiel das Wort Muttersprache: Wir wissen, dass wir damit eine eigene Sprache bestimmter Personen in einem Land meinen. Dieses Verst√§ndnis ist nicht im Wort selbst angelegt ‚Äď es erlangt diese Bedeutung erst durch die Zusammenf√ľhrung des grammatikalischen Wortsinnes mit der vorherrschenden sprachlichen √úbereinkunft dar√ľber, was mit diesem Wort gemeint ist. Daraus entsteht ein neues Problem: die grunds√§tzliche sprachliche Entfremdung der Leute wird noch verst√§rkt, wenn sie in Kommunikationssituationen auf Menschen anderer sprachlicher Herkunft und Nationalidentit√§t treffen. Da es viele Fluchtbewegungen in und nach Europa gibt, steht die gesellschaftliche Kommunikation vor einer wesentlichen Herausforderung.

Wenn wir das Wort ‚ÄěMuttersprache‚Äú verwenden, geht damit eine Trennung, eine Teilung zwischen Menschen verschiedener Muttersprachen einher. Beide Seiten erleben dadurch ein doppeltes Entfremdungsgef√ľhl, spezifisch f√ľr die Moderne ‚Äď es handelt sich also um eine Entfremdung Mensch gegen Mensch. Dieses Gef√ľhl ist eine der Ursachen daf√ľr, dass die Betroffenen nach L√∂sungen f√ľr die Entfremdung suchen und beispielsweise wieder verst√§rkt ihrer Herkunftsidentit√§t entsprechend handeln. Dadurch wird die Kluft zwischen der Identit√§t des Migrationslandes und der der Herkunftsidentit√§t immer gr√∂√üer und es entstehen Probleme aus der Unterschiedlichkeit anstatt deren positives Potential zu nutzen.

Heutzutage sehen wir, dass es manche Probleme aufgrund bestimmter W√∂rter gibt, denen man nunmehr neue Bedeutungen geben m√ľsste. Am Beispiel ‚ÄěMuttersprache‚Äú verdeutlicht: Muttersprache hei√üt ‚ÄěSprache‚Äú und ‚ÄěMutter‚Äú. Wenn wir also die kulturellen Bedeutungen ausblenden, erkennen wir diese Verk√ľrzung, diese Simplifizierung der Worte an sich. Die Verbindung von Mutter und Sprache ist an sich nicht perfekt und man sollte daf√ľr ein anderes Wort finden, um denselben Bedeutungsinhalt zu transportieren. Statt der Entfremdungsgef√ľhle, sollte das neue Wort andere Gef√ľhle hervorrufen, n√§mlich Verst√§ndnis und Akzeptanz der Unterschiedlichkeit. Dies w√ľrde kulturelle Konflikte reduzieren.

W√∂rter wie ‚ÄěMuttersprache‚Äú l√∂sen bewusste und unbewusste Gef√ľhle aus, die miteinander vermischt werden. Diese Entfremdung wirkt sich auf unterschiedlichen Ebenen aus, zum Beispiel so, dass jemand zwar kein Schweinefleisch ist, weil er/sie dies kulturell und religi√∂s so gew√∂hnt ist, aber, anders als in der Herkunftskultur, alkoholische Getr√§nke trinkt. Die Person befindet sich somit im besten Fall auf Identit√§tssuche, im schlechtesten Fall in einer Identit√§tskrise. Meiner Meinung nach tr√§gt die Entfremdung auf diese Art dazu bei, dass die heutige Welt so komplex geworden ist.

Ich hoffe, dass wir in Zukunft mehr W√∂rter erfinden und benutzen, die kein Entfremdungsgef√ľhl transportieren und ausl√∂sen, sondern die die (positive) Unterschiedlichkeit mit sich tragen.


Seerwan Faraj stammt aus dem nordirakischen Kurdistan und ist seit 2010 anerkannter Fl√ľchtling in √Ėsterreich.
√úbersetzung: Lis Zechenter

veröffentlicht in Talktogether Nr. 42/2012