Gespräch mit Khaledin aus Afghanistan PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Khaledin aus Afghanistan

und Dieter Havlicek

„Meinen Landsleuten in Österreich möchte ich ein Beispiel geben, dass es sich trotz der großen Schwierigkeiten, mit denen Asylbewerber zu kämpfen haben, lohnt positiv zu denken und die Chancen wahrzunehmen, die sich bieten. Für mich ist das die Möglichkeit, beim AC Wals zu trainieren.“

Khaledin, wie hast du Herrn Havlicek kennengelernt?

Khaledin: Ich habe Herrn Havlicek im ABZ kennengelernt. Früher bin ich bei Minerva in die Schule gegangen und habe Nachhilfe für das Deutschlernen gesucht. Mein Freund Ferhad Haidari hat mich auf den Deutschkurs im ABZ hingewiesen. Dort habe ich Herrn Havlicek kennengelernt.

Wie wichtig ist für dich die Freundschaft mit ihm?

Für mich ist die Freundschaft mit Herrn Havlicek sehr wichtig. Früher habe ich Caritas Flüchtlingshaus gewohnt, da hatte ich nur wenige Möglichkeiten, mit jemandem Deutsch zu sprechen. Danach habe ich zusammen mit afghanischen Landsleuten in einer Wohnung gewohnt, da haben wir untereinander natürlich auch immer nur in unserer Sprache gesprochen und Musik aus unserer Heimat gehört. Mir ist es aber sehr wichtig, gut Deutsch zu lernen und mehr über Österreich zu erfahren. Weil ich den Sport so liebe, habe ich darunter gelitten, keine Möglichkeit zu haben, Sport zu treiben. Ich musste jeden Monat mit 290 Euro Grundversorgung von der Caritas auskommen. Nach Bezahlung von Miete, Strom, Heizung und Kleidung blieb nicht mehr viel für das Essen übrig. Herr Havlicek hat mich unterstützt, indem er mir in seinem Haus eine günstigere Wohnung vermietet hat, so dass mir jetzt mehr Geld übrig bleibt und ich Sport betreiben und besseres Essen kaufen kann. Außerdem habe ich die Möglichkeit, jeden Tag Deutsch zu reden. Mein Leben ist dadurch viel besser geworden.

Wie alt warst du, als du nach Österreich gekommen bist?

Khaledin: Als ich im November 2008 als Flüchtling nach Österreich gekommen bin, war ich 16 Jahre alt. Mein erster Asylantrag wurde abgelehnt, jetzt warte ich auf das zweite Interview.

Dieter Havlicek: Die Behörde wollte ihm nicht glauben, dass er erst 16 Jahre alt ist. Sie sagten er sei schon 18, damit er als Erwachsener behandelt wird. Er wurde zum Arzt geschickt, damit dieser sein Alter feststellen sollte.

Khaledin: Der Arzt hat bestätigt, dass ich jünger als 18 Jahre bin. Dann fragte mich die Polizei, ob ich eine afghanische Geburtsurkunde hätte. Ich habe meinen Onkel in Afghanistan angerufen, der mir dann das Dokument geschickt hat. Obwohl die Polizei die Richtigkeit bestätigt hat, sagte man beim Bundesasylamt nur, in Afghanistan könne man solche Dokumente kaufen. Das Dokument werde nicht anerkannt. Auch die Bestätigung vom Arzt haben sie nicht akzeptiert. Das Bundesasylamt hat sich natürlich nicht die Mühe gemacht, vor Ort in Afghanistan die Echtheit der Geburtsurkunde zu überprüfen.

In welcher Sportart bist du aktiv?

Khaledin: Ich bin Ringer. Zuerst habe ich im Fitnessstudio trainiert, aber dafür musste ich jeden Monat 20 Euro bezahlen, was ich nicht schaffte. Deshalb durfte ich dort nicht mehr weiter trainieren. Wenn man aber mit dem Training aufhört, baut man schnell ab. Deshalb habe ich dann mit dem Boxen angefangen, aber das hat mir nicht gefallen. Dann habe ich es mit dem Laufen probiert und für den Marathon trainiert. Da waren die afrikanischen Läufer aber immer schneller als ich. Dann hat mir Herr Havlicek das Ringen empfohlen und auch einen Verein für mich gefunden. Er hat mit dem Trainer von AC Wals gesprochen und ich durfte dort anfangen. Jetzt bin ich seit vier Monaten dabei. Ich habe drei Mal in der dritten Liga gekämpft, morgen darf ich das erste Mal mit der ersten Mannschaft zum Kampf nach Vorarlberg fahren.

Wie fühlst du dich beim Ringkampf? Was sind deine Ziele?

Khaledin: Wenn mir die Leute beim Kampf zusehen, fühle mich glücklich. Ich bin jetzt 20 Jahre alt, ich trinke nicht und rauche nicht. Ich möchte auch für meine Altersgenossen ein Beispiel geben, dass es sich lohnt, Sport zu treiben, sich ein Ziel zu setzen und daran zu arbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Meinen Landsleuten in Österreich möchte ich ein Beispiel geben, dass es sich trotz der großen Schwierigkeiten, mit denen Asylbewerber zu kämpfen haben, lohnt positiv zu denken und die Chancen wahrzunehmen, die sich bieten. Für mich ist das die Möglichkeit, beim AC Wals zu trainieren.


Fotos: Khaledin mit
Olympiateilnehmer Amir Hrustanovich und Max Ausserleitner, Sportdirektor des AC Wals

Hast du in Afghanistan auch schon Sport betrieben?

Khaledin: Nein. Aber ich bin aber in einer bergigen Gegend aufgewachsen und war als Kind daran gewöhnt, in die Berge zu gehen. Im Iran habe ich zwei Jahre Karate trainiert. Aber früher war mein Leben sehr schlecht. Seitdem ich bei Herrn Havlicek lebe und beim AC Wals trainiere, geht es mir zum ersten Mal in meinem Leben gut. Ich fühle mich wie der Sohn eines Präsidenten. Ich denke nicht mehr an meine Probleme, sondern nur an meinen Sport. Was soll ich denn tun? Ich muss nach vorne schauen. Ich möchte einmal Weltmeister im Ringen sein. Mein Ziel ist es, mich 2016 für Olympia zu qualifizieren.

Dieter Havlicek: Man muss dazu sagen, dass der AC Wals österreichischer Meister ist und einer seiner Vereinskollegen, Amer Hrustanović, an den olympischen Spielen teilgenommen hat. Leider hat er keine Medaille gewonnen, aber es ist schon eine Auszeichnung, überhaupt teilnehmen zu können, weil das bedeutet, unter den besten der Welt zu sein. In diesem Zusammenhang möchte ich auch dem AC Wals meinen Dank aussprechen, dass sie Khaledin in ihren Verein aufgenommen haben.

Khaledin: Es hat mich sehr traurig gemacht, dass Österreich dieses Jahr keine einzige Medaille bekommen hat. Es ist mein größter Traum, für Österreich eine Medaille zu gewinnen.

Khaledin, war es schwer für dich, mit Österreichern in Kontakt zu kommen?

Khaledin: Die erste Woche beim AC Wals war ein bisschen schwierig, weil ich neu war und wir uns erst einmal kennen lernen mussten. Aber das hat sich schnell geändert, jetzt reden alle gern mit mir und wir haben zusammen Spaß. Ich wollte immer mit österreichischen Leuten in Kontakt kommen. Früher habe ich mich geschämt, weil ich die Sprache nicht gut konnte. Als ich noch mit meinen Landsleuten zusammenwohnte, hatte ich kaum Gelegenheit, mit Österreichern in Kontakt zu kommen. Deshalb bin ich einmal auf die Universität gegangen und habe dort einfach Leute angesprochen und sie gefragt, ob sie sich mit mir unterhalten und mir helfen wollen, Deutsch zu lernen.

Welche Probleme hattest du in Afghanistan?

Khaledin: Als ich ein Jahr alt war, ist mein Vater erschossen worden. Ich musste auf dem Bauernhof meines Onkels arbeiten und konnte nicht zur Schule gehen. Ein anderer Onkel ist dann mit seiner Familie in den Iran gegangen und hat mich mitgenommen, damit ich ein besseres Leben haben und in die Schule gehen kann. Doch als er mich in der Schule anmelden wollte, wurde gesagt, dass afghanische Kinder nicht in die Schule gehen dürften, weil sie Ausländer seien. Sechs Jahre habe ich im Iran gelebt. Obwohl ich noch ein Kind war, wollte mein Onkel, dass ich Arbeit suche, um Geld zu verdienen. Deshalb wollte ich wieder zurück nach Afghanistan. Dann habe ich von Bekannten aus Kunduz erfahren, dass auch mein älterer Bruder ermordet wurde. Darauf hin habe ich mich alleine auf den Weg nach Kunduz gemacht, weil ich unbedingt wissen wollte, ob die Nachricht vom Tod meines Bruders stimmte.
Als ich in Kunduz angekommen war, musste ich mich den ganzen Tag verstecken und konnte nicht aus dem Haus gehen. Dann bin ich nach Kabul geflüchtet und in den Iran zurückgegangen. Doch mein Onkel sagte mir, dass ich nicht im Iran bleiben könne. Mir wurde gesagt, dass ich in Gefahr sei, erschossen zu werden, weil ich jetzt der älteste in der Familie war. Ein Schlepper hat mich in die Türkei gebracht. Es war sehr hart, wir mussten die ganze Nacht zu Fuß über die Berge gehen und in verfallenen Häusern übernachten. Ich hatte kaum Essen und Kleidung. Von der Türkei bin ich auf einem kleinen Boot nach Griechenland gekommen. Es war ein winziges Boot. Wir waren 27 Leute, einer saß ganz eng neben dem anderen.

Hast du in Afghanistan auch schöne Tage erlebt?

Khaledin: Ich kann mich nicht an einen einzigen glücklichen Tag erinnern. Mein Vater war gestorben und ich musste bei einem Onkel leben, der mich oft geschlagen hat. Ich durfte nicht in die Schule gehen. Als ich nach Österreich gekommen bin, konnte ich nicht einmal meinen Namen schreiben, egal in welcher Sprache. Jetzt habe ich schon ein bisschen Deutsch und Lesen und Schreiben gelernt und kann mich besser in Deutsch unterhalten. Deshalb fühle ich mich nicht mehr so isoliert.

Gehst du jetzt in die Schule?

Khaledin: Leider gehe ich jetzt nur noch einmal in der Woche zum Deutschkurs im ABZ. Für mich ist das die einzige Möglichkeit, weil ich die Deutschkurse in der Volkshochschule nicht bezahlen kann. Deshalb habe ich bei Minerva gefragt, ob ich dort weiter lernen darf, weil dort der Unterricht gratis ist und man jeden Tag Unterricht hat. Doch sie haben gesagt, sie haben keinen Platz mehr für mich, weil ich schon gut genug Deutsch könne. An der Volkshochschule hat man mir gesagt, ich könne nicht genug Deutsch für die A2 Prüfung. Aber wie soll ich besser Deutsch lernen, wenn ich nicht regelmäßig zur Schule gehen kann?

Herr Havlicek, wie lange kennen Sie Khaledin?

Dieter Havlicek: Wir kennen uns jetzt seit ca. zwei Jahren. Als ich Khaledin kennenlernte, hat er kaum Deutsch gesprochen. In den vier Monaten, seitdem er bei mir lebt, hat er sich enorm verbessert. Aber es wäre trotzdem angebracht, wenn er regelmäßig zur Schule gehen könnte und außer Deutsch auch noch andere Hauptschulfächer lernen könnte, wie das z.B. bei Minerva der Fall ist.

Was sagen Sie zu dem Vorurteil, dass Flüchtlinge nicht die Sprache lernen und nur das Sozialsystem ausnützen wollen?

Dieter Havlicek: Wahrscheinlich gibt es auch solche Fälle. Aber mehr noch möchte nach meiner Erfahrung eine sehr große Anzahl von Flüchtlingen in ihrem Leben vorwärts kommen und sich in die Gesellschaft integrieren, aber da werden ihnen vom Staat sehr viele Hindernisse in den Weg gestellt. Viele verlieren dadurch den Mut. Khaledin ist auch in einer solchen Situation, wo er noch nicht anerkannt ist und seit vier Jahren auf einen Entscheid wartet, ob er nun hier bleiben darf oder nicht. Das ist eine sehr lange Zeit. Wenn er jetzt einen zweiten negativen Bescheid bekommen würde, wären vier Jahre seines Lebens vergeudet. Darüber machen sich die Entscheidungsträger in Österreich keine Gedanken. Es gibt auch Leute die seit sechs, acht oder noch mehr Jahren in dieser Situation sind. Dass jemand dann die Motivation verliert, Deutsch zu lernen, ist verständlich, weil man ja nicht weiß, ob man am Ende akzeptiert oder vielleicht abgeschoben wird. Dazu kommt die materielle Situation, die enorm schwierig ist. Leute, die da nicht aufgeben, müssen schon einen ganz starken Willen haben.
Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht die Motivation der Behörden. Der Anteil der jungen Leute an der Gesamtbevölkerung schrumpft und es ist abzusehen, dass es bald zu wenig Junge gibt, die arbeiten, um die Renten der Alten mitfinanzieren zu können. Wie soll das möglich sein, wenn Migration so restriktiv gehandhabt wird wie jetzt? Meines Erachtens muss die Migrationspolitik der Regierung grundsätzlich geändert werden. Österreich muss sich von der Illusion verabschieden, dass es in Zukunft keine Einwanderung braucht. Ohne Einwanderung wird der Lebensstandard in Österreich unweigerlich sinken. Das gilt übrigens auch für andere Länder in Europa, wie Deutschland, deren Bevölkerung schrumpft. Man muss sich endlich von dem Klischee lösen, dass Migranten eine Bedrohung sind. Das Gegenteil ist der Fall. Die Verantwortlichen in der Regierung leisten hier viel zu wenig Aufklärung in der Bevölkerung.

Herr Havlicek, wie lange geben Sie schon Flüchtlingen Deutschunterricht?

Das mache ich schon seit viereinhalb Jahren. Ich habe vorher im Clearinghouse SchülerInnen unterrichtet, das ist organisiert worden von der Kinder- und Jugendanwaltschaft. Dann ist der Verein Synbiose gegründet worden und ich bin aus Neugier hingegangen und dabei geblieben. Dort habe ich Ferhad kennengelernt, der mir dann eines Tages Khaledin ans Herz gelegt hat. Ich habe auch beruflich in meiner Tätigkeit bei den Vereinten Nationen mit Entwicklungsländern zu tun gehabt. Das Interesse an Menschen aus anderen Teilen der Erde war schon seit meiner Studentenzeit da.

Khaledin, Möchtest du etwas über deine Situation sagen?

Khaledin: Ich bin seit vier Jahren in Österreich, habe Deutsch gelernt und wünsche mir nur einen positiven Bescheid, damit ich ruhig und ohne Sorge weiter trainieren kann. Wenn ich jetzt zum Sport gehe, mache ich mir oft Sorgen, was ich tun sollte, wenn sie mir einen negativen Bescheid schicken. Alles, was ich mir aufgebaut habe, wäre dann weg. Ich kann auch nicht in andere Länder reisen um an Wettkämpfen teilzunehmen. Nächsten Monat fahren die erste und die zweite Mannschaft des AC Wals nach Thailand. Ich kann aber nicht mitfahren. Ich möchte nur ein ruhiges Leben führen, arbeiten dürfen und meinen Sport ausüben können. Es ist sehr schwierig mit 290 Euro im Monat zu leben. Ich brauche Sportkleidung und muss mich gut ernähren, denn ich trainiere jeden Tag, damit ich ein guter Sportler werde.

Was kann passieren, wenn du nach Afghanistan zurück musst?

Khaledin: Wenn die Leute hören, Khaledin ist zurückgekommen, werden mich die Mörder meines Vaters und Bruders mit Sicherheit überall suchen und finden. So ist das bei der Blutrache. Zuerst haben sie meinen Vater getötet und meinen Bruder, als der alt genug war, jetzt bin ich an der Reihe. Deshalb kann ich aber auch nicht in irgendeiner anderen Stadt leben, wo ich niemanden kenne und keine Verwandten habe. Ich müsste mich ständig aus Angst vor den Mördern meiner Familie verstecken, könnte nicht arbeiten und müsste auf der Straße leben.

Herr Havlicek, hat Khaledin eine Chance verdient?

Dieter Havlicek: Unbedingt. Ich bin überzeugt, dass er sich in Österreich gut einleben wird. Er möchte seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen, weil es ihm peinlich ist, von den Almosen des Staates zu leben. Aber als Asylbewerber ist es ihm verboten zu arbeiten. Er ist sehr talentiert und hat sehr viel Potential. Er wird auf sportlichem Gebiet sicher gute Leistungen bringen, was sich für Österreich nur positiv auswirken würde.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 42/2012