Genug ist genug! PDF Drucken E-Mail


Genug ist genug!

von Juan de Dios RamĂ­rez-Heredia,
Barcelona 19.6.2012


Es gibt Menschen, die sich in wilde Tiere verwandeln. Wobei ich die Tiere entschuldigen möchte, weil diese nicht bewusst handeln, also nicht fĂ€hig dazu sind, mit einer so grenzenlosen Bosheit zu handeln, wie es einige Menschen vor Kurzem getan haben. Es wird notwendig sein, Filme ĂŒber den Holocaust wieder ins Programm zu nehmen, um unser Bewusstsein zu erwecken und einen Schrei des Zorns auszustoßen, der unsere Kehlen erstickt, zu rufen: „Genug, verdammte Rassisten, genug!“

Selbst wenn Sie diese Geschichte zwei Mal gelesen haben, werden sie Ihre Verwunderung nicht ĂŒberwinden können. Lesen Sie langsam und werden Sie von Angst ergriffen:
Bologna, 13. Juni 2012. Unmenschliche und brutale Gewalt gegen einen jungen Mann im Stadtzentrum. Seine schwangere Frau wurde von sechs EU-BĂŒrgern vor ihrem Ehemann geschlagen und vergewaltigt. Beide wurden ins St. Orsola-Spital gebracht. Ein paar Stunden spĂ€ter schob die Polizei, anstatt die TĂ€ter zu verfolgen, die beiden ab, weil sie keine gĂŒltige Aufenthaltsgenehmigung hatten. Eine abschreckende Geschichte, die die Unmenschlichkeit und den Rassismus im heutigen Italien veranschaulicht.

Was denken Sie darĂŒber?

Es geschah vor drei Tagen, frĂŒh am Morgen. Ljubo Halilovic, ein 20-jĂ€hriger Roma, schlief neben seiner Frau Brenda Salcanovic in einem öffentlichen Garten. Sie hatten keinen anderen Platz, um Zuflucht zu suchen, aufgrund der rassistischen Politik, die viele italienische StĂ€dte durchdringt. Sechs teuflische Bestien nĂ€herten sich ihnen heimlich und fragten nach ihrer NationalitĂ€t. Ljubo konnte beweisen, dass er als Roma in Italien geboren wurde, aber seine Frau nicht.

Von diesem Moment an begannen sie, sie zu schlagen und zu stoßen und stahlen ihnen auch ihre bescheidenen Habseligkeiten. Dem jungen Mann wurde das Nasenbein gebrochen, wĂ€hrend zwei der Angreifer die junge, offensichtlich schwangere Frau vor den Augen ihres Ehemanns vergewaltigten. Der junge Mann, der im Spital behandelt wurde, sollte sich von seinen schweren Verletzungen mindestens 60 Tage lang erholen. GlĂŒcklicherweise ist nach der ersten Diagnose der gynĂ€kologischen Abteilung das ungeborene Kind nicht in Gefahr.

Aber damit war der Albtraum noch nicht zu Ende. Am nĂ€chsten Tag wurden der junge Roma und seine Frau aus dem Spital in die Polizeidirektion der Stadt Bologna ĂŒberstellt. Die Polizei nahm die Aussage des Mannes auf, und nachdem er die Anzeige unterschrieben hatte, wurde er in eine Sicherheitszelle gebracht, wĂ€hrend die Einwanderungsbehörde seine Abschiebung vorbereitete. Dass der junge Mann, der in Italien geboren wurde, keine Aufenthaltsgenehmigung hatte, war die BegrĂŒndung der Behörden fĂŒr seine Ausweisung aus Italien. Innerhalb von sieben Tagen mĂŒsse er das italienische Staatsgebiet verlassen und in ein Land „zurĂŒckkehren“, in dem er niemals zuvor gewesen war: Bosnien-Herzegowina, die Heimat seiner Eltern. In der Zwischenzeit laufen die kriminellen TĂ€ter unbehelligt auf Bolognas Straßen herum.

Ist nicht Ähnliches wĂ€hrend des Nazi-Holocausts geschehen?

Vor ein paar Tagen gingen BĂŒrgerInnen der sĂŒdmĂ€hrischen Stadt Breclav in der Tschechischen Republik auf die Straße, weil ein Kind behauptet hatte, dass es von ein paar Roma-MĂ€nnern geschlagen und verletzt worden sei. SpĂ€ter stellte sich heraus, dass es eine LĂŒge war. Im Spital gab der Junge namens Petr Zhyvachivski der Polizei gegenĂŒber zu, dass er die Geschichte aus Angst vor seiner Mutter erfunden hatte, nachdem er vom ersten Stock gefallen war, als er auf dem TreppengelĂ€nder turnte. Aufgrund seiner Verletzungen wurde er in die Intensivstation verlegt, und es musste ihm eine Niere entfernt werden. Doch die Breclaver zögerten nicht einen Moment, dem Jungen zu glauben und auf die Straße zu gehen, um die Vertreibung aller Roma zu fordern.

Ich stelle mir die Frage, was gerade in Europa passiert. Was passierte damals im Nazi-Deutschland, dass Millionen Deutsche, die zweifellos brave Leute waren, einem Verbrechen gegenĂŒber blind waren, das gegen Millionen unschuldiger Menschen verĂŒbt wurde, die ihres Besitzes beraubt, in Ghettos gesperrt und schließlich in die Gaskammern geschickt wurden?

In RumĂ€nien schaffte es der BĂŒrgermeister von Baia Mare, Catalin Chereches, bei der Wahl letzten Sonntag mit 83 Prozent wiedergewĂ€hlt zu werden. Was hat diesem BĂŒrgermeister so große PopularitĂ€t verschafft? Sie ahnen es schon: Die lokalen Behörden haben Dutzende Roma-Familien in eine aufgelassene Kupfermine zwangsumgesiedelt. Dort, isoliert von der Stadt, ohne Strom und Trinkwasser, ordnete der BĂŒrgermeister an, eine Betonmauer zu bauen, um sie von dem Rest der Bevölkerung von Baia Mare zu separieren. Mit großem Zynismus sagte er, dass die Umsiedlung vorĂŒbergehend sei und keine Diskriminierung darstelle.

Ich schĂ€tze die Erinnerung an die zwei Perioden, als ich Mitglied des Parlaments von AlmerĂ­a war und viele BĂŒrgermeister dank der Stimmen der Roma gewĂ€hlt wurden. Doch heutzutage haben sich vergiftete Winde gegen uns gerichtet, gegen Minderheiten, gegen ImmigrantInnen. Es sind dieselben Winde, die in Deutschland nach dem Zusammenbruch 1929 aufgekommen waren. Armut, Arbeitslosigkeit und eine ultranationalistische Demagogie brachten viele Arbei­terInnen dazu, fĂŒr die Nazi-Partei zu stimmen, wĂ€hrend die oberen Klassen im Faschismus die beste Garantie sahen, dass ihre Interessen verteidigt und garantiert wĂŒrden.

Ich bin besorgt darĂŒber, dass es nicht mehr Stimmen gibt, die sich gegen die PolitikerInnen erheben, welche rassistisches Verhalten fördern oder tolerieren. Sie haben sich schuldig gemacht, die Gewalt auszulösen, die von Skinheads und paramilitĂ€rischen KrĂ€ften ausgeĂŒbt wird. Aber noch mehr Sorgen bereitet mir das Schweigen der braven Leute, wie Martin Luther King richtig gesagt hatte. Heute ist es die Pflicht aller DemokratInnen, ob sie nun rechts, in der Mitte oder links stehen, eine gemeinsame Front gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bilden. Wir können nicht ignorieren, was in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern geschieht, weil, wie Dante Alighieri sagte:

„Der heißeste Platz der Hölle ist fĂŒr jene bestimmt, die in Zeiten der Krise neutral bleiben.“


Der Beitrag erreichte uns per eMail und wurde von der Redaktion vom Englischen ins Deutsche ĂŒbersetzt. Der Rechtsanwalt und Journalist Juan de Dios RamĂ­rez-Heredia ist Mitglied der UniĂłn RomanĂ­, einer Organisation, die sich fĂŒr die Rechte der Roma einsetzt: www.unionromani.org

 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 41/2012